ALS (amyotrophe Lateralsklerose) und Medizinalhanf

Autor: Alexandra Latour

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ALS (amyotrophe Lateralsklerose) ist eine seltene Nervenerkrankung, an der auch die bekannte Physiker Stephen Hawking litt. Medizinalhanf kann einige Symptome lindern, die im Rahmen der Erkrankung auftreten. Auch die neuroprotektive Wirkung von Cannabis könnte Studien zufolge nützlich sein.

ALS (amyotrophe Lateralsklerose) und Medizinalhanf

In Deutschland erkranken jedes Jahr ungefähr 2 000 Menschen an der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Es handelt sich hierbei um eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zur Schädigung und im weiteren Krankheitsverlauf zum Verlust von Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark führt. Den meisten dürfte die ALS-Krankheit von dem bekannten Physiker Stephen Hawking kennen, der im März 2018 verstorben ist. Hawking erkrankte schon in jungen Jahren an ALS und verbrachte den größten Teil seines Lebens im Rollstuhl. Er konnte weder laufen noch sprechen aufgrund der Krankheit.

In den letzten Jahren gab es ein wachsendes Interesse an der Erforschung neuer innovativer und sicherer Therapieansätze in der ALS-Behandlung. In diesem Zusammenhang haben die Cannabinoide aus der Cannabispflanze in präklinischen Modellen für Erkrankungen des zentralen Nervensystems antioxidative, entzündungshemmende und neuroprotektive Wirkungen gezeigt. Die meisten Studien zum Nachweis der Wirksamkeit, das Fortschreiten der Erkrankung zu verzögern und das Überleben der Patienten zu verlängern, wurden jedoch im Tiermodell durchgeführt. Die wenigen klinischen Studien, zielten darauf ab, mithilfe von cannabinoidbasierenden Arzneimitteln die ALS-Symptome zu lindern. So haben wir Ende November bereits darüber berichtet, dass der kanadische Cannabishersteller CannTrust seine CBD-Öl-Kapseln den Gold Coast University Hospital in Australien für eine Studie zur Verfügung stellt. Die Forscher wollen untersuchen, wie sich CBD auf die Symptome von ALS-Patienten auswirkt.

Bevor wir weiter auf die Studienlage zu Cannabis und ALS eingehen, möchten wir zunächst einen Überblick über die seltene Nervenerkrankung ALS bieten.

ALS: Was sind die Ursachen?

Im Rahmen der ALS-Erkrankung sterben bestimmte Nervenzellen, die sogenannten Motoneuronen, im Gehirn und Rückenmark ab. Dies führt zu den typischen Beschwerden wie Lähmungen, Muskelschwund und Muskelzuckungen.

Mediziner unterscheiden dabei zwischen den folgenden Motoneuronen:

  • Oberes Motoneuron: Diese Nervenzellen kommunizieren nicht direkt mit der Muskulatur. Vielmehr übertragen sie die Impulse auf die Nerven, die sich in der grauen Substanz im Rückenmark befinden.
  • Unteres Motoneuron: Diese Nervenzellen sind über einen Fortsatz mit den Muskeln verbunden und sie leiten die Impulse vom oberen Motoneuron zu den Muskeln weiter.

Sowohl das obere als auch das untere Motoneuron sind bei der ALS-Krankheit entweder in einer oder auch mehreren Körperregionen geschädigt. Dabei konnte noch nicht vollständig geklärt warum, warum die Nervenzellen absterben. Man weiß jedoch, sich körpereigene Eiweiße in den betroffenen Nervenzellen ablagern, die für die Zellen schädlich sind. Warum diese Eiweißablagerungen entstehen, ist nicht bekannt.

Nur selten ist ALS genetisch bedingt. Bei über 90 von 100 Krankheitsfällen sind die Gene nicht für die Entstehung der Erkrankung verantwortlich. Es wird vermutet, dass verschiedene Faktoren wie Risikogene und Umweltfaktoren am Krankheitsausbruch beteiligt sind.

ALS – diese Symptome treten auf

Die ersten Anzeichen, die auf eine ALS hinweisen, sind nicht bei allen Betroffenen gleich. Mögliche Anfangssymptome können sein:

  • Muskelschwäche und/oder Muskelkrämpfe
  • schnelle Ermüdbarkeit der Muskulatur
  • Gefühl der Kraftlosigkeit
  • Gefühl der Steifheit in den Beinen
  • Muskelzucken
  • verminderte Feinmotorik
  • Verlust an Ausdauer
  • Sprechschwierigkeiten
  • Heiserkeit und/oder näselnde Stimme
  • Schluck- und Kaubeschwerden

Bei den meisten Betroffenen macht sich die Krankheit zuerst an den Händen und Füßen oder aber an den Beinen und Füßen bemerkbar. Nur selten treten zu Beginn der ALS-Erkrankung Störungen der Schluck-, Kau- und Sprechmuskulatur auf. Meist treten diese Symptome erst im späteren Krankheitsverlauf auf.

Die Muskeln verlieren auch an Masse, was sich besonders an den Muskeln zwischen Daumen und Zeigefinger zeigt. Außerdem treten Schmerzen infolge des Muskelschwundes auf, da der Körper bzw. der knöcherne Stützapparat eine höhere Belastung erfährt.

Im weiteren Krankheitsverlauf kann es auch zu einer Schwächung der Atemmuskulatur kommen. Diese zeigt sich dann in Form von Atemproblemen oder Reizhusten. Des Weiteren kann es infolge dessen zu Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen sowie Atemwegsinfekte kommen. Zu den typischen Symptomen gehört auch ein lang anhaltendes Lachen, Gähnen oder Weinen, das von den Betroffenen nicht kontrolliert werden kann.

In der Regel bleiben die intellektuellen Fähigkeiten der Betroffenen erhalten. Nur wenige Betroffene entwickeln Demenz-Symptome.

Wie wird ALS diagnostiziert?

Ein Arzt muss sich zunächst ein genaues Bild über die Beschwerden machen. In der Regel werden dann elektrodiagnostische Tests durchgeführt. Hiermit kann festgestellt werden, ob die Nerven und Muskeln normal funktionieren. Zu diesen Tests gehört beispielsweise die Elektromyographie (EMG), bei der eine Nadelelektrode durch die Haut direkt in den Muskel eingeführt wird. Die Elektrode misst dann die elektrischen Signale im Muskel bei der Muskelkontraktion. Bei ALS-Patienten sind diese Signale anders als bei gesunden Menschen. So können bei Patienten meist auch dann elektrische Single gemessen werden, wenn der Muskel ruht.

Darüber hinaus kann es der Arzt für sinnvoll erachten, eine Probe aus einem Muskel zu entnehmen (Biopsie). Bei der Untersuchung der Probe zeigt sich dann, ob ein Schwund der Muskelfasern besteht. Zudem kann mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) festgestellt werden, ob ein Schwund der Hirnrinde vorliegt. Ebenso kann eine Gehirnwasseruntersuchung (Liquorpunktion) sowie eine Blutuntersuchung Bestandteile der Diagnosestellung sei.

Um eine ALS-Diagnose sicher stellen zu können, müssen die einzelnen Untersuchungsergebnisse herangezogen werden. Außerdem müssen andere Nervenerkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche ALS-Symptome verursachen können.

ALS: Behandlung und Therapie

Eine Heilung der amyotrophen Lateralsklerose ist nicht möglich. Um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen, kommt der Wirkstoff Riluzol zum Einsatz. Dieser kann den Schädigungen der Nervenzellen entgegenwirken, sodass die Lebenserwartung von Patienten um einige Monate verlängert werden kann. Allerdings ist das Medikament nicht nebenwirkungsfrei und kann die Leber schädigen. Deshalb ist es notwendig, die Leberwerte regelmäßig zu kontrollieren sowie auf Anzeichen einer Lebererkrankung in besonderem Maße zu achten.

Um die Symptome der ALS-Erkrankung zu lindern, stehen verschiedene Therapieoption zur Verfügung. Wichtig ist vor allem, dass die Beweglichkeit des Patienten lange erhalten bleibt. Dies kann mithilfe von Ergotherapie und Krankengymnastik erreicht werden. Auch eine Atemhilfe (z. B. Beatmungsgerät) kommt meist zum Einsatz.

Darüber hinaus ist es wichtig, einer Lungenentzündung vorzubeugen. Im späteren Krankheitsverlauf führt die Erkrankung oftmals zu einer Schwächung der Atemmuskulatur. Infolge dessen kann der Schleim nicht mehr richtig abgehustet werden und das Sekret sammelt sich in den Atemwegen an. Dies kann keine Lungenentzündung begünstigen, weshalb einer Verschleimung frühzeitig entgegengewirkt werden muss. Hierbei helfen unter anderem Klopfmassagen und Atemgymnastik. Kommt es dennoch zu einem Atemwegsinfekt, muss dieser direkt mit Antibiotika behandelt werden, damit der Infekt erst gar nicht auf die Lunge übergehen kann.

Im späten Krankheitsstadium kann es zu massiven Schluckbeschwerden kommen bzw. werden die beim Schlucken beteiligten Muskeln gelähmt. In solch einem Fall muss die Ernährung über eine Sonde erfolgen, damit die Nahrung nicht in die Luftwege gelangt und um einen starken Gewichtsverlust zu vermeiden.

Krankheitsverlauf und Lebenserwartung

Die ALS-Krankheit beginnt in der Regel zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Dabei liegt die durchschnittliche Lebenserwartung laut Statistiken zwischen zwei und vier Jahren. Jedoch bleibt jeder zehnte Patient länger am Leben. Aber nur ein geringer Teil der Betroffenen lebt über 20 Jahre mit ALS.

Zu diesen Zahlen muss aber auch gesagt werden, dass diese aus einer Zeit stammen, als es noch keine modernen Therapieoptionen gab. Heute kann die Lebenserwartung eines ALS-Patienten oftmals um Monate oder Jahre verlängern.

Medizinalhanf gegen die ALS-Symptome

Bereits im Jahr 2001 schlugen Forscher der University of Washington School of Medicine in Seattle Cannabis als Behandlung für ein breiteres Spektrum an Erkrankungen vor. So sei Cannabis eine Substanz mit vielen Eigenschaften, die für die Behandlung von ALS geeignet sein können. Dazu gehören Analgesie, Muskelentspannung, Bronchodilatation, Speichelreduzierung, Appetitstimulation und Schlafinduktion. Außerdem habe sich gezeigt, dass Cannabis starke antioxidative und neuroprotektive Wirkungen besitzt, die das Überleben neuronaler Zellen verlängern können. In Bereichen, in denen dies gesetzlich zulässig ist, sollte Cannabis bei der pharmakologischen Behandlung von ALS in Betracht gezogen werden, so die Forscher.

Andere Forscher der University of Washington School of Medicine in Seattle berichteten drei Jahre später darüber, dass Cannabis viele Eigenschaften aufweist, die für die Behandlung von amyotropher Lateralsklerose anwendbar sein können. Im Rahmen der Studie wurden anonyme Befragungen von ALS-Patienten zur Verwendung von Cannabis durchgeführt. Es gab 131 Befragte, von denen 13 in den letzten 12 Monaten Cannabis konsumierten. Obwohl die geringe Anzahl von ALS-Patienten, die über Cannabis berichtet haben, die Interpretation der Umfrageergebnisse einschränkt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Cannabis die Symptome wie Appetitverlust, Depressionen, Schmerzen und Spastizität mäßig wirksam reduzieren kann. Den Berichten zufolge konnte Cannabis die Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken sowie sexuelle Funktionsstörungen reduzieren. Die längste Wirkung zeigte sich Depressionen (etwa zwei bis drei Stunden).

(Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie empfiehlt sogar Cannabis bzw. das Sativex-Spray bei schmerzhafter Spastik.)

Kann Cannabis den ALS-Krankheitsverlauf verlangsamen?

Forscher der University of Washington führten im Jahr 2010 im Rahmen ihrer Studie aus, dass bei der ALS-Erkrankung zahlreiche anormale physiologische Prozesse gleichzeitig auftreten. Demzufolge wäre ein Therapieschema erforderlich, das unter anderem Glutamat-Antagonisten, Antioxidantien, Mikrogliazellen-Modulatoren einschließlich Tumornekrosefaktor alpha [TNF-alpha] -Hemmer) enthält. Ebenso wären mehrere neurotrope Wachstumsfaktoren und ein mitochondriales funktionsteigerndes Mittel erforderlich, um die bekannte Pathophysiologie der ALS umfassend zu behandeln.

Weiter führten die Forscher aus, dass Cannabis bemerkenswerterweise in all diesen Bereichen aktiv zu sein scheint. Präklinische Daten weisen darauf hin, dass Cannabis starke antioxidative, entzündungshemmende und neuroprotektive Wirkungen besitzt. Im Mausmodell führte dies zu einem verlängerten Überleben neuronaler Zellen, einem verzögerten Beginn und einem langsameren Fortschreiten der Krankheit. Zudem habe Cannabis Eigenschaften, die für die Behandlung von Symptomen bei ALS anwendbar sind, einschließlich Analgesie, Muskelrelaxation, Bronchodilatation, Speichelreduzierung, Appetitstimulation und Schlafinduktion.

Darüber hinaus führen die Forscher aus, dass in Bezug auf die Behandlung von ALS klinische Studien mit Cannabis sowohl aus der Sicht der Krankheitsmodifizierung als auch des Symptommanagements der nächste logische Schritt seien. Auf der Grundlage der derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Daten kann davon ausgegangen werden, dass Cannabis das Fortschreiten der ALS erheblich verlangsamen kann, wodurch die Lebenserwartung möglicherweise verlängert und die Gesamtbelastung durch die Krankheit erheblich verringert wird, heißt es von den Forschern im Bericht.

Fallbericht eines österreichischen Wissenschaftlers

Besonders interessant ist ein Artikel des österreichischen Wissenschaftlers Gerhard Nahler, der über einen ALS-Patienten berichtet. Dieser Patient litt unter anderem unter einer schmerzlosen Schwäche sowie einer beeinträchtigten Funktion seiner rechten Hand. Die Symptome schritten trotz Riluzol-Behandlung schnell voran. Als Zusatzmedikation nahm der Patient zweimal täglich 200 Milligramm CBD zu sich und erhöhte die Dosis auf zweimal 300 Milligramm. Nahler führte aus, dass sich die Funktionsstörungen in der rechten Hand sowie die gestörte Nahrungsaufnahme (Dysphagie) innerhalb von sechs Wochen nahezu vollständig zurück entwickelten. Zudem hätten die Verbesserungen ungefähr zehn Wochen angehalten, bevor ein langsames Voranschreiten der Krankheit auftrat.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

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