Antidepressiva werden immer häufiger verordnet

Autor: Alexandra Latour

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Den neuesten Statistiken zufolge werden in Deutschland immer häufiger Antidepressiva verordnet. Doch woran liegt das eigentlich? Und könnte Cannabis als Medizin eine Alternative sein?

Antidepressiva werden immer häufiger verordnet

Die Depression ist eine Volkskrankheit, denn immer mehr Menschen leiden unter dieser ernsten psychischen Erkrankung. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) litten bereits im Jahr 2015 weltweit mehr als 320 Millionen Menschen an einer Depression. Tendenz steigend. Auch in Deutschland erhalten immer mehr Mensche die Diagnose „seelische Erkrankungen“. Den Krankenkassen zufolge sind sie für rund ein Fünftel der Fehltage verantwortlich. Viel zu schnell greifen Fachärzte, aber auch Hausärzte, zum Rezeptblock und verschreiben Antidepressiva. Doch Antidepressiva sind keine harmlosen „Glückspillen“.

Dem Statistik-Portal zufolge werden in Deutschland immer mehr Antidepressiva verordnet. So stiegen die Verordnungen von Antidepressiva zur Behandlung von Depressionen in den Jahren 2008 bis 2017 um 50 Prozent.

Infografik: Immer mehr Medikamente gegen Depressionen | Statista

(Information zur Grafik: Die Anzahl der Verordnungen wird in Tagesdosen (DDD) genannt. Jedoch stellen diese lediglich eine rechnerische Größe für die Arzneimittel-Verbrauchsforschung dar und entsprechen nicht einer ärztlich verordneten Dosis.)

Weiter heißt es, dass es für diese Entwicklung von vielen Seiten Kritik gebe, unter anderem auch vom Deutschen Ärzteblatt. Zudem heißt es, dass die medikamentöse Versorgung der Patienten nur einseitig sei. Eine ambulante Psychotherapie fände zu selten Anwendung, was nicht den ärztlichen Leitlinien entspreche.

Warum werden keine Psychotherapien in Anspruch genommen?

Es verwundert doch sehr, dass die Gesundheitsexperten darauf hinweisen, dass eine ambulante Psychotherapie zu selten Anwendung findet, denn das wohl größte Problem ist doch, dass es einfach zu wenige freie Therapieplätze bei Kassen-Therapeuten gibt. Patienten, die dringend einer Therapie bedürfen, müssen meist Wochen, wenn nicht sogar Monate auf einen freien Platz warten. Viele Patienten werden während dieses Wartens so krank, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Auch die neue Richtlinie aus dem Jahr 2017 konnte den Zugang zur Psychotherapie nicht beschleunigen. Mit dieser neuen Reform wurden die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Ärzteorganisationen dazu verpflichtet, Termine bei Kassen-Therapeuten anzubieten. Die maximale Wartezeit soll vier Wochen betragen. Ein Jahr nach der Einführung gehören die Fragen nach einem Psychotherapeuten an den Termin-Servicestellen zu den wichtigsten Anfragen.

„Von diesen 190.000 sind rund 50.000 Nachfragen nach Psychotherapeuten-Terminen gewesen. Die haben sich also vom Stand weg auf Platz Eins der Nachfrage gehievt. Vor dem Hintergrund von einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten ist das wenig, aber immerhin: Die Nachfrage nach psychotherapeutischen Terminen ist hier bei den Terminservicestellen am stärksten ausgeprägt gewesen“, erklärte Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, in einem Medienbericht.

Servicestellen zur Terminvereinbarung sind den meisten unbekannt

Viele gesetzlich versicherte Patienten kennen diese Servicestellen zur Terminvermittlung gar nicht, heißt es weiter. Problematisch ist zudem, dass in der Regel nur ein Erstgespräch vermittelt wird, das seit dem April 2018 Pflicht ist. Nur so bekommen Patienten eine Kurz- oder Langzeittherapie.

„Erstgespräche gehen klar für die meisten. Und danach kommt man immer auf diese Wartelisten, die dann ab einem halben Jahr anfangen und über ein Jahr gehen. In dieser Zeit fühlt man sich quasi selber aufgegeben. Und dann hat man keine Motivation, weiterzusuchen, weil man weiß: Beim nächsten ist es genauso“, berichtet Maike Klossek.

Kassen-Therapeuten klagen gegen Terminvermittlungsverfahren

Die Servicestellen sollen gemäß der Reform zwei bis fünf Erstgespräche (Kennenlernstunden) vor Beginn der eigentlichen Therapie vermitteln. Gegen diese „zusätzliche“ Aufgabe hat die Kassenärztliche Vereinigung jetzt geklagt.

„Nach einem Beschluss des Bundesschiedsamtes im November des vergangenen Jahres sollen die Terminservicestellen auch die sogenannten probatorischen Sitzungen vermitteln. Aber dagegen haben wir als KBV geklagt und diese Klage hat eine aufschiebende Wirkung. Das haben wir deswegen gemacht, weil es eben vom Gesetzgeber her gesehen nicht der Auftrag der Terminservicestellen gewesen ist jetzt, alle Termine zu vermitteln. Also hier sollten eigentlich die regulären Wege reichen“, so Sprecher Roland Stahl.

Egal, ob mit Reform oder ohne, für die Patienten bedeutet der reguläre Weg lange, lange Wartezeiten. Die Nachfrage ist hoch, das Angebot zu gering. Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung sieht das jedoch anders.

„Wenn ich jetzt hier die bundesweite Brille aufsetze, sind die Versorgungssitze mit Psychotherapeuten besetzt, alle. Es sind in den letzten Jahren 1.300 neue Sitze geschaffen worden. Damit sind die Psychotherapeuten die am stärksten wachsende Gruppe in der ärztlichen Versorgung gewesen“, führte Stahl aus.

Weitere Probleme bei der Therapieplatzsuche

Im 5. Sozialgesetzbuch ist festgelegt, dass Patienten auch zu privaten Therapeuten gehen dürfen, wenn die gesetzlichen Krankenkassen keinen Platz bei einem Kassen-Therapeuten vermitteln können. Hierfür müssen die Patienten nachweisen, dass die Wartezeiten bei den Therapeuten in Wohnnähe unzumutbar sind. Wenn die private Therapie dann den Richtlinien entspricht, muss die Krankenkasse die Kosten übernehmen.

Felicitas Bergmann leitete im März 2018 eine Informationsveranstaltung auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie in Berlin. Sie erklärte, dass die Wartezeiten bei privaten Therapeuten deutlich kürzer seien, doch die Krankenkassen mauern.

„Der hat vielleicht zeitnah einen Platz frei, aber da lehnen die Krankenkassen derzeit flächendeckend die Übernahme der Kosten ab. Das heißt, die Patienten werden wieder in eine Sprechstunde bei einem zugelassenen Therapeuten geschickt, und das Ganze dreht sich momentan im Kreis. Ich habe von Patienten gehört, die zehn oder noch mehr Sprechstunden besuchen mussten. Und stellen Sie sich vor: Zehn Mal einem fremden Menschen seine Geschichte erzählen. Zehn Mal keine Hilfe bekommen. Nicht nur die Patienten sind frustriert, sondern wir Therapeuten auch. Wir würden gerne helfen, müssen die Leute aber weiterschicken“, so Bergmann.

Natürlich streiten die Krankenkassen ab, dass sie die Kostenerstattung pauschal ablehnen. So führte beispielsweise die Barmer-Ersatzkasse aus:

„Das Ziel der Reform ab April 2017, Patientinnen und Patienten besser zu versorgen, erfordert […] einen anderen Umgang mit Anträgen zur Kostenerstattung. Dabei werden natürlich Besonderheiten eines einzelnen Falles nach wie vor in unsere Entscheidung einbezogen. Daher erstatten wir ggf. auch, sofern die maßgeblichen Kriterien erfüllt sind, weiter Kosten für die Behandlung bei einem Nichtvertragsbehandler.“

Da die Therapeuten allerdings andere Erfahrungen machen, planen sie nun die Ablehnungen zu dokumentieren, und zwar unter dem Namen „Kassenwatch“. Danach wollen sie sich beim Bundesversicherungsamt beschweren.

Wie wirksam sind Antidepressiva?

Wie schon zu Beginn ausgeführt, sind Antidepressiva die Mittel der ersten Wahl, wenn Menschen unter depressiven Symptomen leiden. Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Depression vor allem mit einer Psychotherapie behandelt werden sollte, wenn jedoch Betroffene keinen Kassen-Therapeuten finden und sich die Beschwerden verschlimmern, bleibt ihnen meist keine andere Wahl, als eine antidepressive Medikation in Anspruch zu nehmen. Auf der anderen Seite stellt sich das Problem, dass die Ärzte immer häufiger Antidepressiva verordnen. Auch Hausärzte greifen hier schnell zum Rezeptblock. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie wirksam sind diese Medikamente eigentlich?

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder darüber gestritten, ob Antidepressiva wirksam sind oder aber nicht besser als ein wirkstofffreies Placebo wirken. Auch wir haben diese Thematik in einem Artikel schon umfangreich unter die Lupe genommen.

Neue Studie zur Wirksamkeit von Antidepressiva

Britische Forscher hatten im vergangenen Jahr die Ergebnisse ihrer Analyse veröffentlicht. So analysierten die Forscher 522 Studien zu 21 Antidepressiva, in denen die Probanden entweder ein Antidepressivum oder ein Placebo bekamen. Zwar kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Medikamente besser wirkten als Placebos, die meisten Probanden litten jedoch unter Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass die Medikamente nicht jedem helfen.

„Antidepressiva sind wirksame Medikamente. Aber leider spricht etwa ein Drittel der Patienten mit Depression nicht auf die Mittel an“, führte die Hauptautorin der Studie Andrea Cipriani von der University of Oxford aus.

Weiter erklärte sie, dass man die Therapiemöglichkeiten verbessern müsse, da der Effekt „insgesamt klein bis mäßig“ sei. Problematisch ist auch, dass diese Studie einige Fragen nicht beantworten kann, wie zum Beispiel, welches Medikament Patienten mit einer therapieresistenten Depression besser hilft. Auch eine Aufschlüsselung der Patienten nach Geschlecht und Alter fehlt, sodass hieraus auch keine angepassten Empfehlungen abzuleiten wären.

Wie derartige Studien tatsächlich zu bewerten sind, zeigen unter anderem Alicia Baer von der Charité Berlin und Prof. Dr. med. Bschor von der Berliner Schlosspark-Klinik in ihrer Ausarbeitung.

Nebenwirkungen und Absetzerscheinungen

Antidepressiva greifen in den Hirnstoffwechsel ein und können teils erhebliche Nebenwirkungen haben. Hierzu gehören unter anderem:

  • Schlaflosigkeit
  • vermehrtes Schwitzen
  • Zittern
  • Übelkeit
  • Schwindel
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Kopfschmerzen
  • Gewichtszunahme
  • Herzrhythmusstörungen

Bei einigen Patienten verschwinden die Nebenwirkungen nach ein paar Tagen der Einnahme. Wiederum andere müssen das Medikament aufgrund der starken Nebenwirkungen absetzen. Wenn ein Patient das Medikament gut verträgt und dieses längerfristig einnimmt, kann es beim Absetzen zu Schwierigkeiten kommen. Oftmals kommt es dann zu den sogenannten Absetzerscheinungen. Diese reichen von Kopfschmerzen über Taubheit in den Extremitäten bis hin zu grippeähnlichen Beschwerden. Jedoch ist dieser Begriff seit langer Zeit umkämpft. Denn dieser kann die Symptome verharmlosen. Aus diesem Grund plädieren inzwischen viele Mediziner für die Verwendung des Begriffs „Entzugssymptome“. Es treten nämlich ähnliche Beschwerden auf wie beim Absetzen von Suchtstoffen, was beispielsweise auch die McGill University in einer Studie ausführt.

Zu den Kriterien, ob eine Medikamentenabhängigkeit vorliegt, gehören auch Entzugssymptome. Bereits im Jahr 2003 wies die Weltgesundheitsorganisation in ihrem Report darauf hin, dass Ärzte und Mediziner für Antidepressiva, insbesondere für selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Entzugssymptome an die zuständigen Behörden gemeldet hatte. Ebenso wurden Symptome bzw. Probleme gemeldet, bei denen zahlreiche Kriterien für eine echte Medikamentenabhängigkeit erfüllt waren. Sieht man sich nun aktuelle Studien an, so zeigen diese, welches Ausmaß das „Absetzsyndrom“ ausnehmen kann. Beispielsweise fanden Forscher der University of Auckland in Neuseeland im Rahmen ihrer Studie heraus, dass bei drei Viertel der Patienten, die SSRIs bekamen, Entzugssymptome auftraten.

Resümee: Was ist die Alternative?

Fassen wir zusammen: Die Statistiken zeigen, dass Antidepressiva immer häufiger verordnet werden. Allein im Jahr 2016 war beispielsweise das Antidepressivum Citalopram mit 290 Millionen Tagesdosen das am häufigsten verordnete Psychopharmakon laut dem Arzneiverordnungs-Report. Und das – obwohl eine Psychotherapie das erste Mittel der Wahl sein sollte. Ergänzend, vor allem dann, wenn die Symptome schwerwiegend sind, können Antidepressiva unterstützend verordnet werden. Problematisch ist aber, dass es zu wenige freie Therapieplätze gibt und Patienten mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate, auf einen Platz warten müssen. Und was soll in der Zwischenzeit helfen? Natürlich Antidepressiva.

Über die Wirksamkeit der Antidepressiva wird seit Jahren gestritten. Einige Studien und Analysen belegen eine gute Wirksamkeit, andere zeigen, dass sie nicht besser als ein Placebo wirken. Überschattet wird das Ganze von den möglichen Nebenwirkungen, die im Extremfall gesundheitsgefährdend sind. Und zu guter Letzt können Entzugserscheinungen auftreten, die von Fachmedizinern in den Mantel der Absetzerscheinungen gepackt werden.

Was ist also notwendig, um dieses Dilemma zu beenden? Denn angesichts dessen, dass immer mehr Menschen an einer seelischen Krankheit wie Depressionen oder auch Ängste erkranken, können Medikamente, dessen Wirksamkeit nicht eindeutig bewiesen ist und zudem starke Nebenwirkungen haben können, nicht die endgültige Lösung sein. Selbstverständlich haben auch diese Medikamente ihre Berechtigung und können auch in vielen Fällen hilfreich sein. Betroffene sollten jedoch schnelle psychotherapeutische Hilfe sowie medikamentöse Alternativen erhalten.

Was kann Cannabis als Medizin bei Depressionen leisten?

Medizinalcannabis ist auch hier keine hundertprozentige Lösung, die eine Depression „heilen“ kann. Es stellt lediglich eine Alternative dar – genau wie andere pflanzliche Arzneien, die ergänzend zu einer Therapie in Erwägung gezogen werden kann. Leider befindet sich die Forschung hier noch im Anfangsstadium und es lässt sich nicht sicher sagen, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze die Symptome einer Depression lindern können. Jedoch lässt die aktuelle Studienlage hoffen.

Hier einige interessante Artikel von uns, die sich näher mit den aktuellen Studien beschäftigen:

Cannabinoide bei Depressionen

Medizinisches Cannabis bei Depressionen

Suizid und Depressionen in der dunklen Jahreszeit

Winterblues und Depressionen: Wie Cannabis stimmungsaufhellend wirken kann

 

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