Autismus und Cannabis als Medizin

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 14. Mai 2018

Geändert am: 15. Mai 2018

Der Autismus hat verschiedene Ausprägungen. Zwar ist die Erkrankung nicht heilbar, Cannabis als Medizin könnte aber vermutlich eine Option sein, um begleitende Symptome wie beispielsweise Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionen und Ängste zu lindern.

Autismus und Cannabis als Medizin

Cannabis als Medizin hat ein breites Wirkungsspektrum und kann bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt werden. So leiden beispielsweise viele Autismus-Patienten unter epileptischen Anfällen, die nachweislich mithilfe von Medizinalhanf reduziert werden können. Leafly hat hierüber bereits berichtet. Darüber hinaus deuten die Ergebnisse aus einigen Studien daraufhin, dass auch weitere Symptome des Autismus mit Medizinalhanf behandelbar sind. Bevor hierauf näher eingegangen wird, soll zunächst das Krankheitsbild Autismus erklärt werden.

Autismus: Welche Formen gibt es?

Beim Autismus wird zwischen verschiedenen Formen unterschieden.

Zu diesen Autismusspektrumstörungen gehören:

  • Kanner-Syndrom (frühkindlicher Autismus): Das Kanner-Syndrom ist die bekannteste Autismus-Form. Als „frühkindlich“ wird diese Autismus-Form bezeichnet, da sich die Störung vor dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Ungefähr 2 bis 5 von 10.000 Kindern leiden hierunter. Dabei sind Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen.
  • Asperger-Syndrom: Diese Autismus-Form tritt meist im Schulalter auf und ist milder ausgeprägt. Ungefähr 3 von 10.000 Kindern leiden unter der Asperger-Krankheit. Betroffen sind überwiegend Jungen.
  • Atypischer Autismus: Diese Autismus-Form ähnelt dem frühkindlichen Autismus. Dabei unterschiedet sich der atypische Autismus vom frühkindlichen Autismus dadurch, dass betroffene Kinder nach dem 3. Lebensjahr ein autistisches Verhalten (atypisches Erkrankungsalter) oder aber nicht alle Symptome aufweisen (atypische Symptomatik).
  • Rett-Syndrom: Von dieser Autismusspektrumstörung sind fast nur Mädchen betroffen. Die ersten Autismus-Symptome treten zwischen dem 6. Monat und dem 4. Lebensjahr auf. Dabei kommt die normale Kindesentwicklung zunächst zum Stillstand. Danach bilden sich einige Fähigkeiten wieder zurück. Betroffen ist ungefähr ein von bis zu 15.000 Mädchen.

Zu den genannten Zahlen, was die Häufigkeit angeht, muss ausgeführt werden, dass Forscher seit Jahren versuchen herauszufinden, wie hoch die Prävalenz von Autismus ist. So wurde die Häufigkeit von Autismus in Studien der 60er und 80er Jahre auf 2 bis 5 Autisten auf 10.000 Personen geschätzt. Nachdem die Definition von Autismus Ende der 80er Jahre in das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus unterteilt wurde, erhielten mehrere Menschen Diagnosen aus dem Autismusspektrum.

Im Jahr 1988 wurde dann in zwei Studien die Prävalenz auf 10 bis 13 pro 10.000 Personen geschätzt und im Jahr 1993 wurde dann die Häufigkeit von Autismus und dem Asperger-Syndrom auf 30 von 10.000 geschätzt. In den 90ern Jahren wurden vereinzelt Studien durchgeführt, die dann eine geringere Häufigkeit von 4 bis 6 von 10.000 Personen angegeben hatten. Tendenziell stieg aber die Häufigkeitsrate. Mehrere Studien nennen dann ab dem Jahr 2000 eine Prävalenz von ungefähr 60 pro 10.000 Personen und 2006 hieß es in einer Studie, dass 116 von 10.000 Personen von einer Autismusspektrumstörung betroffen sind.

Da aktuell keine genauen Zahlen in Bezug auf die Häufigkeit der einzelnen Autismusspektrumstörungen vorliegen, dienen die oben genannten Daten lediglich als Orientierungswert.

Vielfältige Symptome sind möglich

Da im Rahmen der Autismus-Erkrankung zahlreiche unterschiedliche Symptome auftreten können, wird von einer Autismusspektrumstörung gesprochen. Außerdem können die Autismus-Formen auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Möglich sind milde autistische Züge, aber auch schwere Behinderungen. Dabei wirkt sich der Autismus auf unterschiedliche Lebensbereiche aus.

Die meisten Autisten zeigen die folgenden Symptome:

  • Kommunikationsstörungen
  • Sprachstörungen
  • gestörte zwischenmenschliche Beziehungen
  • stereotype Bewegungen und Verhaltensweisen
  • begrenztes Interesse

Gestörte zwischenmenschliche Beziehungen

Ein typisches Autismus-Symptom ist, dass Autisten Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen haben. So neigen Autisten dazu, sich von ihrer Umwelt zurückzuziehen. Deshalb wirken sie häufig unnahbar und seltsam. Außerdem sind Autisten nur beschränkt in der Lage, eine vertrauensvolle und dauerhafte Beziehung zu anderen Menschen einzugehen. Meist reagieren sie auf Kontaktversuche in Form von Blickkontakt oder Körperkontakt abweisend.

Darüber hinaus ist das Nachahmungsverhalten nur schwach ausgeprägt. Beispielsweise winken autistische Kinder beim Verabschieden nicht zurück oder sie haben Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu äußern.

Beim Kanner-Syndrom bzw. dem frühkindlichen Autismus fallen Kommunikationsstörungen meist schon früh auf. Oftmals ist das Sozialverhalten schon im Babyalter sehr auffällig, indem sie beispielsweise andere Menschen nicht ansehen und keinen Körperkontakt zu ihren Eltern suchen. Für Autisten scheinen die Mitmenschen nicht zu existieren.

Hingegen sind die Symptome beim Asperger-Syndrom nicht so stark ausgeprägt. Zwar ist die Beziehung zu anderen Menschen gestört, aber nicht ganz so tiefgreifend. Kinder mit der Asperger-Krankheit nehmen nur begrenzt Kontakt zu Gleichaltrigen auf und wirken eher isoliert. Zudem fällt es ihnen schwer, sich in andere Menschen und ihre Gefühle hineinzuversetzen. Meist fallen die ersten Autismus-Symptome im Kindergarten oder auch in der Grundschule auf.

Kommunikations- und Sprachstörungen

Bei den Autismusspektrumstörungen können Kommunikations- und Sprachstörungen auftreten, die sich wie folgt äußern:

  • Kanner-Syndrom (frühkindlicher Autismus): Autisten zeigen eine gestörte Sprachentwicklung und haben bereits im Kleinkindalter Probleme damit, mit anderen zu kommunizieren. Viele Autisten erwerben im Laufe ihres Lebens nie eine sinnvolle Sprache. Häufig benutzen Autisten bestimmte Wörter immer wieder oder wiederholen diese (Echolalie). Möglich ist auch, dass sie neue Wörter erfinden (Neologismen) oder die Bedeutung von Wörtern verdrehen (pronominale Umkehr).
  • Asperger-Syndrom: Die Sprache von Autisten mit der Asperger-Krankheit entwickelt sich normal. Dennoch weisen sie eine gestörte Kommunikation auf, indem sie die Sprache häufig nicht nutzen. Einige Betroffene weisen eine überdurchschnittliche Intelligenz auf und wirken dann unkindlich und altklug. Wieder andere führen Selbstgespräche oder sprechen mit einer Sprachmelodie. Viele Asperger-Autisten fassen das Gesagte auch wörtlich auf und können Redewendungen, Ironie oder Sprichwörter nicht deuten.

Stereotype Bewegungen und Verhaltensweisen

Viele Autisten neigen dazu, bestimmte Tätigkeiten stets nach dem gleichen Muster auszuführen (Stereotypien). So bewegen Kinder mit frühkindlichem Autismus beispielsweise ihre Hand ständig hin und her oder sie wippen immer wieder vor und zurück. Zudem halten sie an Ritualen fest und fühlen sich bei Veränderungen sofort überfordert.

Des Weiteren beschäftigen sich autistische Kinder meist nicht mit Spielsachen, sondern eher mit den Teilaspekten, wie zum Beispiel mit dem Rad eines Spielautos. Mechanische Gegenstände finden autistische Kinder häufig sehr spannend, sodass sie diese stundenlang beobachten. Oftmals zeigt sich bei Kindern mit frühkindlichem Autismus auch eine geminderte Intelligenz.

Hingegen sind Betroffene mit der Asperger-Krankheit in der Regel durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent. Dennoch leiden sie unter Aufmerksamkeits- und Lernschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass Asperger-Autisten auf Einschränkungen oder Anforderungen meist mit Wutausbrüchen reagieren und dazu neigen, ihren Willen mit allen Mitteln durchzusetzen.

Allgemeine Einschränkungen

Autisten leiden sehr häufig unter Schlafstörungen, Angststörungen und Essstörungen. Bei Betroffenen, die unter der Asperger-Krankheit leiden, ist vor allem die Aufmerksamkeit gestört. Zudem können sie eine Bewegungsunruhe (hyperkinetisches Verhalten) sowie Tic-Störungen zeigen. Außerdem kommt es bei vielen Betroffenen zu epileptischen Anfällen.

Autismus und seine Ursachen

Die Frage, warum der frühkindliche Autismus entsteht, kann bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Es wird davon ausgegangen, dass unterschiedliche Risikofaktoren, wie beispielsweise genetische Faktoren, zur Entstehung beitragen. Zudem wird vermutet, dass verschiedene Einflüsse während einer Schwangerschaft, wie zum Beispiel eine Röteln-Infektion oder aber auch die Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Antiepileptika oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) das Risiko erhöhen. Außerdem kann vermutlich ein höheres Alter der Eltern die Entstehung der Erkrankung begünstigen.

Auch beim Asperger-Syndrom sind die Ursachen nicht abschließend geklärt. Hier wird ebenfalls angenommen, dass verschiedene Faktoren die Asperger-Krankheit begünstigen. Eine genetische Komponente scheint hier ebenso wahrscheinlich wie biochemische und hirnorganische Auffälligkeiten.

Beim Rett-Syndrom kann die genaue Ursache eingegrenzt werden, da bei den Kindern auf dem X-Chromosom das Gen „MeCp2“ verändert ist.

Diagnose und Therapie

Für Mediziner ist es nicht einfach, eine Autismusspektrumstörung zu erkennen, denn nicht jedes Baby, das wenig Interesse an seiner Umwelt zeigt, leidet automatisch an einem Autismus. Ebenso gibt es auch Kinder, die im Kindergarten oder in der Grundschule lieber für sich sind, ohne dass gleich von einem Autismus ausgegangen werden muss. Vielmehr kann es für solche Verhaltensweisen verschiedene Erklärungen geben.

Bis die Diagnose Autismus gesichert ist, vergeht meist sehr viel Zeit. Häufig stellen dann Kinder- und Jugendpsychiater die Diagnose Autismus, nachdem Untersuchungen durchgeführt und das Kind lange Zeit beobachtet wurde.

Darüber hinaus können auch andere Erkrankungen vorliegen, die an einen Autismus erinnern, wie zum Beispiel ADHS, Einschränkungen im Seh- oder Hörvermögen oder eine Angsterkrankung.

Heilbar ist eine Autismusspektrumstörung nicht. Trotz Therapie bleiben Betroffene ihr Leben lang mehr oder weniger in ihrem sozialen Leben eingeschränkt. Trotzdem ist eine Autismus-Therapie natürlich wichtig, um die normale Entwicklung zu fördern.

Welche Therapie infrage kommt, richtet sich vor allem danach, welche Autismus-Form vorliegt. Zudem muss die Therapie auch immer individuell an den Betroffenen angepasst werden.

Dabei können folgende Therapien zum Einsatz kommen:

  • Verhaltenstraining
  • Musik- oder Kunsttherapie
  • Reittherapie
  • Krankengymnastik
  • Sprachtraining
  • Ergotherapie

Auch die Elternarbeit spielt eine wichtige Rolle, denn Eltern können ihr Kind nur fördern, wenn sie die Erkrankung akzeptieren und verstehen. Nicht selten ist die Erkrankung ihres Kindes eine enorme psychische Belastung. Jedoch können Eltern im Rahmen einer Therapie lernen, mit der Situation besser umzugehen.

Medikamente bei Autismus

Spezielle Autismus-Medikamente existieren nicht. Bisher gibt es keine Medikamente, die gegen die Hauptsymptome einer Autismusspektrumstörung helfen. Allenfalls kommen Medikamente zum Einsatz, die die Begleiterscheinungen wie beispielsweise starke Spannungszustände oder selbstverletzendes Verhalten lindern können. Hier werden dann Benzodiazepine oder Neuroleptika verordnet.

Wie kann Cannabis als Medizin bei einer Autismus-Erkrankung helfen?

Es existieren einige Studien, die Hinweise darauf geben, dass pharmazeutisches Cannabis das Verhalten und die Kommunikationsfähigkeit von Autismus-Erkrankten verbessern kann. So erstelle beispielsweise der Österreicher René Kurz eine Studie über einen sechs Jahre alten Jungen mit Autismus. Im Bericht heißt es, dass der Patient sechs Monate lang mit THC behandelt wurde und dass sich die Symptome wie Lethargie, unangemessene Sprache und Hyperaktivität verbessert habe.

US-amerikanische Forscher untersuchten zudem Mäuse, die gleiche Verhaltensweisen wie Autismus-Patienten zeigten und behandelten diese mit THC. Im Ergebnis heißt es, dass sich bei den Mäusen, die mit Cannabis behandelt wurden, die Symptome wie Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen verbesserten.

Im Jahr 2017 wurde in dem Online-Magazin „US Today“ über den israelischen Arzt Dr. Adi Aran berichtet, auf den einige Eltern zukamen und erzählten, dass ihre autistischen Kinder mit dem Cannabinoid Cannabidiol (CBD) bemerkenswerte Erfahrungen gemacht hätten. Aran ist dem nachgegangen und hat eine Forschungsstudie initiiert, die der Frage nachgeht, inwieweit CBD tatsächlich bei Autismus hilfreich ist. Leafly.de berichtete.

An der Studie nahmen 60 autistische Kinder teil, die mit oralem CBD und THC im Verhältnis von 20 zu 1 behandelt wurden. Die maximale CBD-Dosis lag bei 10 mg/kg/Tag. Nach der Behandlung mit Cannabis als Medizin waren die Verhaltensausbrüche bei 61 Prozent der Kinder stark zurückgegangen. Die Angstproblematik sowie die Kommunikationsprobleme verbesserten sich bei 47 Prozent. Zu den unerwünschten Nebenwirkungen gehörten Schlafstörungen (14 Prozent), Reizbarkeit (9 Prozent) und Appetitlosigkeit (9 Prozent).

Die Forscher um Aran schlussfolgerten, dass CBD eine vielversprechende Behandlungsoption für Verhaltensprobleme bei autistischen Kindern ist. Basierend auf diesen Ergebnissen startete das Forscherteam jetzt auch eine große, doppelblind, placebokontrollierte Cross-Over-Studie mit 120 Teilnehmern.

Cannabis als Medizin ist kein Wunderheilmittel, jedoch könnte Medizinalhanf bei der Autismus-Behandlung unterstützend eingesetzt werden, um verschiedene Symptome der Erkrankung zu lindern. Wünschenswert ist, dass die Forschung weiter vorangetrieben wird, um Erkrankten eine alternative Behandlungsoption bieten zu können.

Quellen:

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