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Benzodiazepine, Abhängigkeit und Medizinalcannabis

Leafly: Alexandra Latour Autor:
Alexandra Latour

Benzodiazepine machen schnell abhängig. In Deutschland sind etwa 1,1 Millionen Menschen betroffen. Zwei Pilotstudien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit Medizinalcannabis den Suchtdruck verringern und das Absetzen der Medikamente erleichtern kann.

Benzodiazepine, Abhängigkeit und Medizinalcannabis

Benzodiazepine: Was ist das?

Benzodiazepine (umgangssprachlich „Benzos“) sind verschiedene Arzneimittelwirkstoffe, die als Hypnotika (Schlafmittel) oder als Tranquilizer (Beruhigungsmittel) verordnet werden. Einige dieser Arzneimittelwirkstoffe haben zudem krampflösende Eigenschaften, weshalb sie als Antiepileptika eingesetzt werden. Ein langfristiger Gebrauch dieser Medikamente kann zu einer psychischen und physischen Abhängigkeit führen.

Geschichte und Herkunft

Benzodiazepine kamen in den 1960er Jahren auf den Markt. Im Jahr 1957 gelang es das erste Mal, ein benzodiazepinhaltiges Arzneimittel zu synthetisieren. Der US-amerikanische Chemiker und Pharmazeut Leo Sternbach entwickelte für das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche Chlordiazepoxid (Handelsname: Librium), das im Jahr 1960 auf den Markt kam.

Drei Jahre später entwickelte er zudem die Benzodiazepinstoffklasse Valium (Diazepam). Im Jahr 2005 war Valium das Benzodiazepinpräparat, das am häufigsten verordnet wurde.
Übrigens: Die Nutzpflanze Kartoffelkraut produziert in geringen Mengen Diazepam (Valium). Allerdings sind die Mengen so gering, dass sie pharmakologisch nicht von Bedeutung sind.

Wie wirken Benzodiazepine?

Benzodiazepinpräparate sind Psychopharmaka, die vereinfacht gesagt im Gehirn wirken und dort an Rezeptoren andocken. Damit bewirken die Substanzen eine Dämpfung der Reizweiterleitung. Insbesondere geschieht dies durch die Bindung des hemmenden Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Infolge dessen auch die nachgeschalteten Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin entsprechend beeinflusst, sodass eine beruhigende, entspannende, angstlösende und schlafanstoßende Wirkung eintritt.

Die Wirkung hängt auch stark davon ab, wie schnell der Körper die Substanzen aufnimmt, wie stark sie an die Rezeptoren binden, wie schnell sie umgebaut und letztendlich wieder ausgeschieden werden. Je nach Alter kann die Wirkung also unterschiedlich ausfallen. Bei älteren Menschen können die sedierenden Medikamente wie Diazepam drei- bis viermal länger wirken als bei jüngeren Menschen. Deshalb bekommen ältere Patienten niedrigere Dosen.

Biologischer Wirkungsmechanismus

Der genaue biologische Wirkungsmechanismus beruht darauf, dass Benzodiazepinpräparate die durch die γ-Aminobuttersäure vermittelte synaptische Hemmung fördert. Dabei liegt die Bindungsstelle der Benzodiazepinpräparate auf der α-Untereinheit des GABAA-Rezeptors. Hierbei handelt es sich um einen Liganden-gesteuerten Kanal für Chlorid-Ionen (Chlorid-Kanal).

Demnach erhöhen die Wirkstoffe die Frequenz der Öffnung des Chlorid-Kanals, nachdem die Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) den GABAA-Rezeptor stimuliert hat. Wenn die Gamma-Aminobuttersäure nicht anwesend ist, können die Wirkstoffe den GABA-Rezeptor auch nicht aktivieren.

Wirkungsspektrum im zentralen Nervensystem

Durch die verstärkte GABA-Wirkung werden bestimmte Areale im zentralen Nervensystem gedämpft. Die unterschiedlichen Benzodiazepinpräparate unterscheiden sich in ihrer Pharmakokinetik (Effekte des Arzneimittels im Organismus), jedoch nicht in ihrer Pharmakodynamik (Einfluss des Arzneimittels auf den Organismus).

Dabei wird die Pharmakodynamik durch die Dosierung bestimmt:

  • angstlösende Wirkung im limbischen System, geringe Dosis
  • Wirkung Muskelrelaxation im Rückenmark, geringe Dosis
  • entkrampfende Wirkung im Cortex cerebri und Basalganglien, mittlere Dosis
  • sedierende und schlaffördernde Wirkung im Hirnstamm, hohe Dosis
  • Wirkung Amnesie im Hippocampus, sehr hohe Dosis

Wirkungsspektrum von Z-Substanzen

Zu den Z-Substanzen gehören die Schlafmittel Zolpidem, Zoplicon und Zaleplon, die ebenfalls mit der γ- und α-Untereinheit des Rezeptors interagieren, jedoch vorzugsweise bei GABA-Rezeptoren, die eine α1-Isoform enthalten. Zwar binden benzodiazepinhaltige Arzneimittel an die Isoformen 2, 3 und 5, nicht jedoch an die α1-Isoform, weshalb die Z-Substanzen kaum angst- und krampflösend wirken.

Welche Benzodiazepine gibt es?

Es gibt viele Benzodiazepinpräparate, die sich in ihren Wirkstoffen und der Wirkdauer unterscheiden.

Die bekanntesten Medikamente sind neben Diazepam und Lorazepam die Präparate Oxazepam, Alprazolam, Triazolam, Tetrazepam, Flunitrazepam, Flurazepam, Bromazepam und Chlordiazepoxid. Für die Auswahl eines Präparates sind der Wirkeintritt und die Wirkdauer von Bedeutung. So wirkt beispielsweise Triazolam sehr schnell, aber nur kurz. Aus diesem Grund wird Triazolam oft als Einschlafhilfe verordnet. Oxazepam hat hingegen einen mittleren Wirkeintritt und Wirkdauer, sodass die Verordnung bei Durchschlafproblemen erfolgen kann.

Eine lange Wirkdauer hat Diazepam. Eingesetzt wird das Medikament bei Muskelverspannungen, Angststörungen oder epileptischen Anfällen.

Übersicht der bekanntesten Präparate

WirkdauerWirkstoff
kurzMidazolam
Triazolam
mittellangLormetazepam
Flunitrazepam
Temazepam
Oxazepam
langDiazepam
Lorazepam
Clonazepam
Bromazepam
Chlordiazepoxid
Clobazam

Wofür werden Benzodiazepine verschrieben?

Benzodiazepinpräparate werden aufgrund ihrer therapeutischen Breite bei unterschiedlichen Beschwerden und Krankheiten eingesetzt. Oft erhalten Patienten auch vor diagnostischen oder chirurgischen Eingriffen diese Medikamente als Beruhigungsmittel.

Mögliche Einsatzgebiete der Arzneimittel sind:

  • Prämedikation zur Narkoseeinleitung sowie Aufrechterhaltung der Narkose (z. B. Midazolam)
  • Angstzustände, Spannungszustände, Erregungszustände (Tranquilizer wie z. B. Diazepam)
  • Angstzustände und Depressionen (z. B. Alprazolam)
  • akute paranoide Episoden (z. B. Clonazepam)
  • Muskelrelaxierung (z. B. Bromazepam)
  • Epilepsie (z. B. Clobazam)
  • Ein- und Durchschlafstörungen (Hypnotika wie z. B. Flunitrazepam)

Benzodiazepine können Nebenwirkungen haben

Bei allen Medikamenten können unerwünschte Wirkungen auftreten. Zu diesen möglichen Nebenwirkungen gehören unter anderem Mundtrockenheit, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Benommenheit, beeinträchtigte Reaktionsfähigkeit, Gedächtnisstörungen sowie Kopfschmerzen und Schwindel.

Außerdem können sich Nebenwirkungen in Form von Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) sowie Herz-Kreislauf-Störungen äußern. Weitere mögliche Nebenwirkungen können Sehstörungen sowie eine langsame oder verwaschene Sprache sein.

Zu beachten ist außerdem, dass die Substanzen in den Benzodiazepinpräparaten bei einer Überempfindlichkeit, dem Schlafapnoesyndrom sowie bei der neurologischen Erkrankung Myasthenia gravis kontraindiziert sind. Das Gleiche gilt bei einer Abhängigkeit von Alkohol, Drogen und Medikamenten. Auch in der Schwangerschaft oder in der Stillzeit sollten diesen Substanzen nicht eingenommen werden.

Wer darf Benzodiazepine verschreiben?

Im Grunde dürfen sowohl Hausärzte als auch Neurologen und Psychiater ein benzodiazepinhaltiges Arzneimittel auf einem normalen Rezept verordnen. Allerdings nur bis zu bestimmten Höchstmengen, die für jedes Arzneimittel einzeln festgelegt wurden. Für Diazepam beträgt die Höchstmenge zum Beispiel 10 Milligramm pro abgeteilter Tabletteneinheit. Mengen, die über diese Höchstmengen hinausgehen, erfordern ein Betäubungsmittelrezept.

Warum machen Benzodiazepine abhängig?

Benzodiazepinpräparate sind Suchtstoffe, bei denen schnell eine Toleranz gebildet wird- egal, ob in niedrigen oder hohen Dosen. Werden die Medikamente länger als sechs oder acht Wochen täglich eingenommen, besteht unabhängig von der Dosierung die Gefahr einer psychischen und körperlichen Abhängigkeit. Selbst in therapeutischen Dosierungen kann es beim abrupten Absetzen des Arzneimittels zu Entzugserscheinungen kommen.

Darüber hinaus können auch Rebound-Phänomene mit Schlaflosigkeit, Muskelzucken, Angst, Bewusstseinstrübungen sowie Übelkeit und Erbrechen auftreten. Deshalb müssen die Substanzen immer ausgeschlichen werden. Das heißt, die Dosis wird kontinuierlich und langsam verringert.
Weitere Informationen finden Sie auf der  Webseite der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DSH)

Vorsicht vor Wechselwirkungen

Benzodiazepinpräparate sollten nicht mit anderen müde machenden und einschläfernden Substanzen, wie zum Beispiel Barbituraten, Opiaten, Alkohol und bestimmten Antidepressiva und Antihistaminika, eingenommen werden, da sie die Wirkung der benzodiazepinhaltigen Arzneimittel erhöhen. Im schlimmsten Fall kann es hier zu einem Atem- und Herzstillstand kommen.

Überdosis Benzodiazepine: Was tun?

Bei einer Benzodiazepin-Intoxikation sollte der Notarzt gerufen oder die Notaufnahme in einem Krankenhaus aufgesucht werden. Hier erfolgt dann in der Regel die intravenöse Gabe des Benzodiazepin-Antagonisten Flumazenil. Dieser kann die Benzodiazepinwirkung vorübergehend aufheben.

Medizinalcannabis gegen BenzodiazepinabhängigkeitMedizinalcannabis in der Suchtmedizin Die Gefahr einer Abhängigkeit ist nicht nur dann gegeben, wenn Benzodiazepine missbräuchlich verwendet werden, sondern auch bei medizinischen Indikationen. Bereits bei niedrigen Dosen können die Arzneimittel bei einer längeren Einnahme zur Abhängigkeit führen. In Deutschland sind Schätzungen zufolge ungefähr 1,1 Millionen Menschen von Benzodiazepinpräparaten abhängig.

In der Suchtmedizin ist medizinisches Cannabis eine relativ neue Therapieoption. Dass hierin Potenzial liegt, haben verschiedenen Studien gezeigt, in denen gezeigt werden konnte, dass Medizinalcannabis einen opioidsparenden Effekt haben kann. Somit besitzt medizinisches Cannabis das Potenzial, therapeutisch bei einer Opioidabhängigkeit eingesetzt zu werden.

Verschiedene Studien legen jetzt nahe, dass Medizinalcannabis in Form von Fertigarzneimitteln, Rezepturarzneimitteln und medizinischen Cannabisblüten auch bei einer Benzodiazepinabhängigkeit helfen könnte.

Medizinalcannabis kann Suchtdruck verringern

Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München haben im Jahr 2018 die Ergebnisse einer Pilotstudie veröffentlicht. Hierin heißt es nach einer Befragung von 129 Patienten, die mit Opioiden behandelt wurden, dass sich der Suchtdruck nach der Cannabistherapie bei 53 Prozent der Teilnehmer verringert habe. Zudem berichteten 61 Prozent der Teilnehmer, dass das Stressempfinden nachlasse.

Hieraus schlossen die Forscher, dass Cannabis als Medizin das Verlangen nach Suchtmitteln wie Opioiden und Benzodiazepinen reduzieren könnte.

Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel:
Pilotstudie: Cannabis kann Verlangen nach Suchtmitteln reduzieren

Abbruch der Benzodiazepineinnahme bei Cannabistherapie
Kanadische Forscher beschäftigten sich Anfang 2019 ebenfalls mit dem Einsatz von Medizinalcannabis in der Suchtmedizin. An der Studie nahmen insgesamt 146 Probanden teil, die Benzodiazepinpräparate aufgrund verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen erhielten.

Nach einer durchschnittlichen zweimonatigen Cannabistherapie setzten 30,1 Prozent der Probanden die Benzodiazepinpräparaten vollständig ab. Bei einem Follow-up nach zwei Verordnungen hatten 44,5 Prozent der Probanden die Benzodiazepineinnahme beendet.

In der letzten Nachbeobachtungsperiode beendeten dann 45,2 Prozent die Einnahme. Dies zeigte eine stabile Abbruchrate über einen Durchschnitt von sechs Monaten.

Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel:
Cannabispatienten brechen Benzodiazepin-Einnahme ab

FAZIT

Dass medizinisches Cannabis unterstützend zur Behandlung einer Opioidabhängigkeit einsetzen lässt, belegen verschiedene Studien. Ob der Einsatz von Cannabis als Medizin auch bei einer Benzodiazepinabhängigkeit therapeutisch nützlich sein kann, haben aktuell zwei Studien gezeigt. Dennoch ist die Studienlage zu dieser Thematik noch dünn und es bedarf weiterer Untersuchungen, um gesicherte Aussagen tätigen zu können.

Opioide und Medizinalcannabis: Hier erfahren Sie mehr.

Quellen:

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