Britische Cannabispatienten haben es schwer

Im letzten Herbst hat die britische Regierung Cannabis als Medizin legalisiert. Praktisch steht diese Therapieoption aber bisher nur sehr wenigen Patientinnen und Patienten zur Verfügung: Die Regelungen sind strikt und die Preise extrem hoch. Dagegen wehrt sich die Schmerzpatientin Carly Barton. Die junge Frau leidet an Fibromyalgie und erhält Cannabis auf Rezept – theoretisch.

Britische Cannabispatienten haben es schwer

Der Artikel über Carly Jayne Barton ist im englischen Original von Chris Roberts geschrieben und auf Leafly.com veröffentlicht worden.

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Carly Jayne Barton ist die erste Cannabispatientin in Großbritannien

Die 32-jährige Carly Jayne Barton leidet unter chronischen Schmerzen aufgrund von Fibromyalgie. Diese Erkrankung hat die Frau aus Brighton zur ersten Britin gemacht, die im Besitz eines staatlich anerkannten Rezepts für medizinisches Cannabis ist. Wenn sie aber ihr neu gewonnenes Recht ausüben möchte, Medizinalhanf legal anzuwenden, müsste sie dafür rund 30 bis 40 Prozent eines Durchschnittseinkommens in Brighton zahlen. Für britische Cannabispatienten ist es also alles andere als leicht, an ihre Medizin zu gelangen.

Cannabis-Verordnungen in Großbritannien seit November möglich

Seit dem 1. November 2018 können Ärzte im Vereinigten Königreich Cannabis für medizinische Zwecke verschreiben. Verordnungsfähig sind Cannabisextrakte, Cannabisblüten sowie einzelne Cannabinoide. Der Konsum von Cannabis zu nicht medizinischen Zwecken bleibt weiterhin verboten. (Leafly.de berichtete.)

Der neuen Regelung vorausgegangen waren mehrere spektakuläre Fälle, die für großes öffentliches Aufsehen gesorgt haben. Beispielsweise die Beschlagnahmung eines nicht-berauschenden Cannabisöls für einen epileptischen Jungen. Nachdem die Mutter in Kanada einen Vorrat an Cannabisöl gekauft hatte – das Medikament hatte dem Jungen bereits geholfen – wurde dieses bei der Einreise nach Großbritannien auf dem Flughafen Heathrow in London beschlagnahmt (Leafly.de berichtete). Nachdem dieser Fall für große Empörung gesorgt hatte, lenkte die britische Regierung ein. Der Zoll übergab der Frau das Cannabisöl und das britische Home Office verkündete, dass britische Drogengesetze angepasst würden.

Bis Anfang Dezember, mehr als einen Monat nach der Legalisierung von medizinischem Cannabis, hatten laut Leafly.com nur zwei britische Cannabispatienten ein Rezept erhalten: Carly Barton und Jorja Emerson, ein zweijähriges Mädchen, das an einer schweren Epilepsie erkrankt ist und bis zu 30 Anfälle pro Tag erleidet.

Bürokratische Hürden verhindern Cannabis-Behandlung

Aufgrund der strikten Richtlinien, die für Cannabis-Verordnungen gelten, mussten beide britische Cannabispatienten ihre Ärzte außerhalb des National Health Service (NHS) – des staatlichen Gesundheitssystems des Landes – konsultieren. In Bartons Fall kostete ein privater Termin mit einem Schmerzspezialisten in Manchester gut 2.100 Euro. Und aufgrund von bürokratischen Hürden bei den Importbehörden hat keiner der beiden Patientinnen etwas von ihrer Cannabis-Medizin erhalten.

Allerdings könnte sich Barton diese Medikamente auch kaum leisten. Ihr wurden täglich zwei Gramm Cannabisblüten verschrieben. Von Bedrocan – einem zugelassenen Cannabislieferanten in den Niederlanden – würde sie zwei verschiedene Sorten benötigen. Diese kosten etwa jeweils 6 Euro, würden sie direkt beim Hersteller gekauft werden. Hinzu kommen jedoch noch Importgebühren und Kosten für spezielle Importlizenzen. So steigt der Preis für eine 12-monatige Cannabis-Therapie auf mehr als 11.000 Euro.

Auch in Deutschland sind die hohen Preise für Cannabis aus der Apotheke ein Dauerthema. Patienten, denen eine Kostenübernahme von ihrer Krankenkasse vorliegt, müssen sich um die Kosten nicht kümmern. Anders sieht es bei Menschen aus, die Cannabis auf Privatrezept erhalten und die Preise aus eigener Tasche zahlen müssen. Das ist auch in Deutschland meist kaum möglich.

Da in Deutschland die Preise für Cannabisblüten aus der Apotheke die Ausgaben der Krankenkassen in die Höhe getrieben haben, plant Gesundheitsminister Jens Spahn eine Gesetzesänderung. Er möchte die Preise – und damit die Kosten der Cannabis-Behandlung – drücken, indem er den Apothekenaufschlag streicht. (Mehr zu dem Thema hier.)

“Das System ist unfair” für britische Cannabispatienten

Die Geschichte der britischen Cannabis-Patientin Barton verdeutlicht die komplizierte Cannabis-Politik im Vereinigten Königreich. Trotz der jüngsten staatlichen Bemühungen, Cannabis als Medizin zuzulassen: Briten, die an chronischen Schmerzen, Krebs, Autoimmunkrankheiten und anderen Krankheiten leiden, bei denen bekannt ist, dass Cannabis eine Linderung bringen kann, haben neben dem illegalen Markt immer noch wenig Zugang zu Cannabis.

Weil die neuen Richtlinien zu Cannabis als Medizin in Großbritannien eine teure private medizinische Versorgung erfordern und zu kostspieligem Cannabis führen, auf das ohnehin niemand zugreifen kann, seien die Regelungen „null und nichtig und sinnlos, nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind“, so die englische Cannabis-Patientin.

„Es funktioniert einfach für niemanden“, meint Barton.

Ärzte nicht offen für Cannabis als Medizin

Um ein Cannabis-Rezept zu erhalten, müssen britische Cannabispatienten erst einmal einen Arzt finden, der bereit ist, diese Behandlung in Betracht zu ziehen. Hier liegt schon ein sehr großes Problem.

Carly Barton engagiert sich in der United Patients Alliance (UPA), einer nicht-gewinnorientierten Organisation von Befürwortern von Cannabis als Medizin. Laut UPA haben Plakate, auf denen Patienten geraten wird, ihren Arzt nicht mit Fragen nach Medizinalhanf zu belästigen, “in den Wartezimmern im ganzen Land“ Einzug gehalten.

Allerdings hat die britische Regierung die Gesetzesänderung, die die Nutzung von Marihuana zu medizinischen Zwecken legalisiert, auch im Schnelldurchlauf verabschiedet. Die Ärzte fühlen sich darauf nicht ausreichend vorbereitet und besitzen nicht die nötigen Fachkenntnisse über Cannabinoide. (Mehr zu dem Thema hier.) Auch in Deutschland haben sehr viele Patientinnen und Patienten Schwierigkeiten, einen Arzt zu finden, für den Cannabis eine Therapieoption darstellt. Und das fast zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes.

In Großbritannien – und häufig auch in Deutschland – kritisieren Ärztevertreter, dass es keine belastbare Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis gebe. Die britischen Richtlinien zum medizinischen Einsatz von Cannabinoiden besagen daher auch, dass Mediziner diese Behandlung erst nutzen sollen, wenn herkömmliche pharmazeutische Behandlungen erschöpft sind.

Laut NHS sind die einzigen Patienten, die Cannabis verschrieben bekommen können, solche mit schwerer Epilepsie oder Krebspatienten mit durch Chemotherapie induzierter Übelkeit.

Neue Leitlinien bis Oktober

Die Schmerzpatientin Carly Barton hofft, dass ihre Erfahrungen deutlich machen, dass Cannabis ein wirksames Mittel zur Schmerztherapie sein kann. Und sie gibt die Hoffnung nicht auf, einen NHS-Arzt davon zu überzeugen, ihr Cannabis auf Kosten des gesetzlichen Gesundheitssystems zu verschreiben.

Bis Oktober 2019 sollen in Großbritannien Leitlinien für den medizinischen Einsatz von Cannabis erstellt werden. Patienten wie Barton wünschen sich, dass mit diesen neuen Leitlinien Cannabis als Medizin mehr kranken Menschen als Therapieoption zur Verfügung stehen wird.

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