Cannabinoide bei Depressionen

Autor: Christine Dr. Hutterer

Verõffentlicht am: 6. Dezember 2017

Geändert am: 6. Dezember 2017

Cannabis und Cannabinoide in der Behandlung von Depressionen sind noch immer umstritten. Einerseits wird vermutet, dass Cannabis Depressionen oder andere psychische Erkrankungen auslösen kann, andererseits sind antidepressive Wirkungen belegt. Was ist nun richtig?

Cannabinoide bei Depressionen

Fördern oder lindern Cannabinoide Depressionen?

Um den Cannabiskonsum ranken sich seit Jahrzehnten viele Mythen und Halbwahrheiten. Auch die medizinische Forschung der letzten Jahre hat daran wenig geändert. So gibt es noch verbreitet die Auffassung, dass Cannabiskonsum das Risiko für Depressionen (und andere psychische Erkrankungen) erhöhe. Andererseits werden einigen Cannabinoiden antidepressive Wirkungen zugeschrieben. Was ist nun richtig?

Als relativ gesichert gilt, dass Cannabis bei psychisch labilen Menschen Psychosen begünstigen kann. Auch eine Reihe anderer psychischer Störungen sind mit dem Konsum von Cannabis in Verbindung gebracht worden. Bisher sind sich die Wissenschaftler aber uneins darüber, ob die psychische Störung zum Kiffen “verleitet” bzw. die Schwelle, es zu versuchen, herabsetzt, oder ob umgekehrt der Cannabiskonsum die psychische Störung verursacht.

Man weiß aus Untersuchungen, dass ein früher Beginn des Cannabiskonsums (≤16 Jahre) mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einhergeht, im Laufe des Lebens eine Depression zu entwickeln. Auch hier ist unklar, was zuerst da war: eine Anlage (Prädisposition) für eine Depression, die Menschen anfälliger für den Konsum und die Wirkungen des Cannabis macht. Oder ob durch den Konsum in einem Alter, in dem das Gehirn noch reift, Veränderungen auftreten, die das Entstehen einer Depression begünstigen.

Entstehung von Depressionen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat folgende Definition einer Depression aufgestellt:

“Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. “

Damit eine Depression entsteht, wirken in der Regel mehrere Faktoren zusammen. Betroffene können seelische, körperliche oder biografische Belastungen nicht gut aushalten. Zu dieser geringeren Toleranz beitragen können eine genetische Veranlagung, neurobiologische Störungen und/oder psychosoziale Faktoren. Auslöser einer Depression sind meist persönlich sehr belastende Ereignisse oder Situationen starker Überforderung. Da kann der Tod einer nahestehenden Person sein, ein Unfall, chronische Schmerzen, eine Trennung, Überforderung im Beruf oder zu Hause (z.B. durch die Pflege einer kranken Person).

Mögliche erste Symptome einer Depression sind:

  • Schmerzen (z.B. unspezifische Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen)
  • ständige Müdigkeit, Energiemangel
  • nachlassendes sexuelles Interesse
  • Reizbarkeit, Angst
  • zunehmende Lustlosigkeit, Apathie
  • missmutige Stimmungslage
  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit

Diese frühen Symptomen werden häufig übersehen oder nicht mit einer Depression assoziiert.

Das Endocannabinoidsystem bei Depressionen

Das Endocannabinoidsystem ist in Form der Rezeptoren in der gesamten spinalen und supraspinalen Region verteilt. Diese Strukturen sind für affektive und nozizeptive Signalverarbeitung von Bedeutung. Aus diesem Grund kann auch das Endocannabinoidsystem in die Regulation von Schmerz oder bei Depressionen modulierend einwirken.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Patienten, die an inflammatorischen oder neuropathischen Schmerzen leiden, fast fünfmal anfälliger für eine Depression oder Angststörung sind verglichen mit der Durchschnittsbevölkerung. Zudem zeigt sich immer wieder, dass die Mehrheit der Patienten, die gleichzeitig an Schmerzen und Depression leiden, schlechter oder gar nicht auf pharmakologische Therapien entweder gegen die Schmerzen oder gegen die Depression ansprechen. Das komorbide Auftreten von Schmerz und Depression ist daher für die Patienten sehr belastend. Doch auch für die betreuenden Ärzte sind hilflos ob der unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten.

Das Endocannabinoidsystem könnte ein vielversprechender Ansatzpunkt sein, denn klinische Studien haben ergeben, dass sowohl in chronischen Schmerzpatienten, als auch bei psychiatrischen Patienten das Endocannabinoid signaling beeinträchtigt ist. Genetische Polymorphismen im CB1 und CB2 Rezeptor konnten mit schweren Depressionen und der bipolaren Störung assoziiert werden.

Cannabinoide in der Therapie von Depressionen?

Schon vor mehreren Tausend Jahren wurde das komorbide Auftreten von Schmerz und Depression mit einem Extrakt der Cannabispflanze, als Marihuana bekannt, behandelt. Doch Bedenken bezüglich Abhängigkeit, Missbrauch und regulatorische Limitierungen drängten diesen Behandlungsansatz in den Hintergrund.

Cannabinoide als Antidepressiva zu bezeichnen, wäre vermessen, doch können sie Ängste lindern, die Stimmung positiv beeinflussen und – bei vielen Patienten von Bedeutung – Schmerzen lindern. In zahlreichen Studien berichten Patienten, die Cannabinoide beispielsweise gegen Nervenschmerzen eingenommen hatten, ebenfalls von einer Verbesserung von Angstzuständen und Depression.

Für die Behandlung von Depressionen stehen heute eine Vielzahl unterschiedlicher Medikamente zur Verfügung. Wenngleich diese bei den meisten Betroffenen die erhofften Wirkungen bringen, gibt es immer wieder Patienten, bei denen scheinbar nichts helfen kann. Für diese Patienten sind weitere Therapieoptionen wünschenswert. Medizinalhanf kann eine Option sein.

Psychische Erkrankungen durch Cannabinoide?

Kontraindiziert sind Cannabis oder Cannabinoidpräparate, wenn eine psychische Störung oder Erkrankung bekannt ist. Besonders bei Verdacht auf Schizophrenie oder einem Fall in der Familiengeschichte dürfen Cannabinoide nicht angewendet werden.

Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe

Freunde fürs Leben e.V.

Stiftung Deutsche Depressions Hilfe

 

Quellen:

  • De Graaf, R., Radovanovic, M., van Laar, M. et al. (2010). Early Cannabis Use and Estimated Risk of Later Onset of Depression Spells: Epidemiologic Evidence From the Population-based World Health Organization World Mental Health Survey Initiative. American Journal of Epidemiology, 172, 149-159.
  • www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de
  • Huang WJ, Chen WW, Zhang X. Endocannabinoid system: Role in depression, reward and pain control (Review). Mol Med Rep. 2016 Oct;14(4):2899-903. doi: 10.3892/mmr.2016.5585.

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