Cannabinoide machen Schmerz erträglicher

Autor: Gesa Riedewald

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Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Cannabinoid-basierte Medikamente die Intensität von Schmerzen nicht zu verringern scheinen. Stattdessen machen sie Schmerzen weniger unangenehm und erträglicher. Die Forscher haben damit einen Schritt zum besseren Verständnis der schmerzlindernden Eigenschaften von Cannabis gemacht.

Cannabinoide machen Schmerz erträglicher

Cannabinoide scheinen die Intensität von Schmerzen nicht zu verringern, sondern machen Schmerzen weniger unangenehm und erträglicher. Das zeigte eine Meta-Studie, die sich auf experimentelle Schmerzen – also im Labor hervorgerufene Schmerzen bei gesunden Menschen – bezieht.

Martin De Vita von der Syracuse University in den USA ist der Hauptautor der Arbeit, die in JAMA Psychiatry (American Medical Association, 2018) veröffentlicht wurde. Die Studie ist der erste systematische Überblick über die Auswirkungen von Cannabis auf Schmerzen im Rahmen von experimentellen Untersuchungen. De Vita will mit seiner Studie die Frage beleuchten, wie Cannabis bei Schmerzen helfen kann und welche schmerzlindernden Eigenschaften es besitzt.

„Cannabinoid-Medikamente werden häufig als Analgetika [Schmerzmittel] verwendet, aber experimentelle Schmerzstudien haben gemischte Ergebnisse hervorgebracht“, sagt De Vita. „Schmerz ist ein komplexes Phänomen mit mehreren Dimensionen, die separat betroffen sein können.“

Am häufigsten wurde die Wirkung von THC untersucht

Cannabinoide sind chemische Verbindungen, die der Cannabispflanze ihre medizinischen und entspannenden Eigenschaften verleihen. Tetrahydrocannabinol oder THC ist der bekannteste Wirkstoff der Cannabispflanze.

„THC ist die primäre psychoaktive Verbindung in Marihuana und war neben CBD der Schwerpunkt der meisten medizinischen Anwendungen und Forschungen“, erklärt Emily Ansell, außerordentliche Professorin an der Syracuse University in den USA.

Wenn THC eingenommen wird, bindet es an Rezeptoren im Gehirn, die das Vergnügen, die Zeitwahrnehmung und den Schmerz kontrollieren. Dopamin wird produziert – was Ansell die „Wohlfühlchemikalie“ nennt, da sie zu Euphorie oder Entspannung führt.

Meta-Studie analysierte 18 Studien zum Thema Cannabinoide und Schmerz

De Vita und seine Co-Autoren – Dezarie Moskal, Professor Stephen Maisto und Professorin Emily Ansell – identifizierten zunächst mehr als 1.830 experimentelle Studien über Cannabis, die in Nordamerika und Europa über einen Zeitraum von 40 Jahren durchgeführt wurden. Diese reduzierten sie auf 18 Studien und extrahierten daraus Daten von mehr als 440 erwachsenen Teilnehmern.

Das Team fand heraus, dass Cannabinoide mit moderaten Erhöhungen der Schmerzschwelle und Schmerztoleranz assoziiert waren. Es konnte keiner Verringerung der Intensität des laufenden experimentellen Schmerzes festgestellt werden. Dafür wurde der schmerzhafte Reiz als weniger unangenehm wahrgenommen.

„Dies bedeutet, dass die Cannabinoid-Analgesie eher von einer affektiven als von einer sensorischen Komponente beeinflusst wird. Diese Ergebnisse haben Auswirkungen auf das Verständnis der analgetischen Eigenschaften von Cannabinoiden“, sagt De Vita.

Es scheint also, dass Cannabinoide nicht schmerzhemmend wirken, sondern die Schmerzwahrnehmung verändern.

Wie Professorin Ansell ergänzt, konzentriert sich die vorliegende Studie hauptsächlich auf THC. Daher ist es unklar, ob andere Cannabinoide möglicherweise zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt hätten oder nicht.

Weitere Studien sollen andere Arten von Schmerz untersuchen

Während sich die aktuelle Studie auf experimentelle – das heißt laborinduzierte – Schmerzen beschränkt, hofft das Wissenschaftler-Team, ihre Forschungen auf klinische und neuropathische Schmerzen ausdehnen zu können. Die Forscher sind auch daran interessiert, dynamische Schmerzprozesse sowie verschiedene Arten und Dosen von Cannabinoiden zu untersuchen. Darüber hinaus wollen sie die Rolle des Freizeitkonsums von Cannabis erforschen.

Allerdings macht De Vita auch auf die Schwierigkeiten bei dieser Forschung aufmerksam: Die Verwendung von Cannabis für medizinische Zwecke ist in mehr als 30 Staaten in den USA legal. Dennoch betrachtet die US-amerikanische Drogenvollzugsbehörde Cannabis immer noch als Substanz ohne akzeptierte medizinische Verwendung und mit einem hohen Missbrauchspotenzial. Diese Klassifizierung bedeutet laut Martin De Vita eine große Herausforderung für Wissenschaftler, die die therapeutische Wirkung von Cannabis erforschen wollen.

So muss belastbare Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis bei der Behandlung von chronischen Schmerzen erst noch erstellt werden. In diesem Sinne ist auch das Fazit von De Vita: „Im Moment haben wir noch viel zu lernen.“

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