Cannabinoide und das Immunsystem = Endocannabinoid-System (kurz ECS)

Autor: Sandrina Kömm-Benson

Verõffentlicht am: 6. Mai 2017

Geändert am: 29. September 2017

Die Immunmodulatorische Wirkung von Cannabinoiden: Das Endocannabinoid-System (kurz ECS) ist ein außerordentlich komplexes Signalnetzwerk mit einer weitreichenden Wirkung im Körper. Es gibt tatsächlich zahlreiche veröffentlichte Studien, die die Wirkung verschiedener Stoffe des ECS auf physiologische Systeme wie Appetit, Stoffwechsel, Blutzuckerregulierung, Übergewicht, Schmerzen, oxidativen Stress, Thermoregulation, Augengesundheit, Gemütslage, Gedächtnis und vieles mehr untersuchen.

Cannabinoide und das Immunsystem = Endocannabinoid-System (kurz ECS)

Kann das ECS das eigene Immunsystem beeinflussen?

Ein besonders interessanter therapeutischer Anwendungsbereich des ECS ist jedoch sein Effekt auf das Immunsystem, was einige Wissenschaftler als Immun-Cannabinoid-Modulation bezeichnen. Einfach ausgedrückt können mithilfe des ECS die Eigenschaften, das Gleichgewicht und die Gesamtfunktion des Immunsystems reguliert und verändert werden. Obgleich die immunmodulatorische Wirkungsweise des ESC noch nicht vollständig erforscht ist, gibt es jedoch schon Einiges, was bekannt ist. Zunächst einmal können bestimmte Cannabinoide bei optimaler Dosierung die Entzündungsreaktion bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen (z. B. Multiple Sklerose, Arthritis, Lupus, Encephalomyelitis, Parkinson) mindern. Cannabidiol erweist sich diesbezüglich als besonders wirksam.

Welche Rolle übernehmen hierbei die Cannabinoide?

Zweitens wurde gezeigt, dass Cannabinoide bei der Modulation von Neurogenese und neurodegenerativen Erkrankungen eine Rolle spielen. Beispielsweise gibt es aus verschiedenen Studien mit Tieren zahlreiche Belege dafür, dass die Gabe von Cannabinoiden bei Schlaganfällen, Kopfverletzungen, zerebraler Ischämie sowie bei der durch Beta-Amyloid hervorgerufenen Tau-Proteinphosphorylierung positive Effekte erzielt. Es wurde festgestellt, dass das Immunsystem bei vielen dieser neurodegenerativen und neuroinflammatorischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt.

 Wie wirken ECS und Cannabinoide zusammen auf das Immunsystem?

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese immunmodulatorischen Effekte das Ergebnis einer koordinierten Aneinanderreihung von Reaktionen des so genannten angeborenen Immunsystems und des adaptiven Immunsystems sind. Das Immunsystem ist ein umfassendes Netz verschiedener Immunzelltypen, die vielen unterschiedlichen Rezeptoren („Schlösser“) entsprechen, die auf viele Zytokine/Hormone („Schlüssel“, mit denen diese „Schlösser“ geöffnet werden können) reagieren und diese freisetzen.
Die zellvermittelte Immunität ist eine der wichtigsten Komponenten des adaptiven Immunsystems, die anhand von spezifischen T-Zellen und natürlichen Killerzellen Pathogene, Virus-befallene Zellen und Tumorzellen, die als Fremdsubstanzen erkannt werden, ausfindig macht und neutralisiert. Die humorale Immunität ergänzt das zellvermittelte System durch die Verwendung von B-Zellen und setzt Antikörper zur Neutralisierung von körperfremden Stoffen, wie Antigen oder Pathogenen, ein.

Ein Ungleichgewicht von zellvermittelter und humoraler Immunität führt zu Erkrankungen und Fehlfunktionen. Multiple Sklerose ist beispielsweise ein Beispiel für eine Autoimmunerkrankung, bei der das zellvermittelte Immunsystem hyperaktiviert ist und das Gehirn und Nervensystem des Patienten angreift. Interessanterweise wurde gezeigt, dass das ECS und Cannabinoide eine Schlüsselrolle dabei spielen, die verschiedenen Komponenten des Immunsystems im Gleichgewicht zu halten.

Wie steht die Forschung diesen Erkenntnissen gegenüber?

Es gibt dabei einige wenige Stimmen, die sagen, dass eine hoch dosierte, chronische Verwendung von Cannabis eine schädigende Wirkungen auf verschiedene Bereiche der Gesundheit haben kann. Wissenschaftler, die sich mit den Auswirkungen des ECS auf das Immunsystem, bei Neuroinflammation, entzündlichen Gelenkerkrankungen (Arthritis) und sogar systemischen Entzündungen befasst haben, haben erstaunliche Vorteile beim Einsatz von natürlich vorkommenden und endogen erzeugten Cannabinoiden beobachtet.
Verschiedene Phytocannabinoide von Cannabis, sogar in Hanf als landwirtschaftlichem Erzeugnis, zeigen großes Potenzial bei der Optimierung und Wiederherstellung des Gleichgewichts im Immunsystem. Letztendlich werden die Kenntnisse über die komplexe Plastizität von Cannabinoid-Stoffen, Cannabinoid-Rezeptoren und die Enzyme, die diese synthetisieren, hydrolisieren und umwandeln, sowie die Wechselwirkungen mit anderen Organsystemen im Körper ohne Zweifel bald weltweit in medizinische Lehrbücher einfließen.

Quellen:

  • Fernandez-Ruiz J, et al. (2013). Cannabidiol for neurodegenerative disorders: Important new clinical applications for this phytocannabinoid? Br J Clin Pharmacol. 75(2): 323-333.
  • Tanasescu R und CS Constantinescu. (2010). Cannabinoids and the immune system: An overview. Immunobiology. 215: 588-597.
  • Klein TW, et al. (2003). The cannabinoid system and immune modulation. 74: 486-496.
  • Downer EJ. (2011). Cannabinoids and innate immunity: Taking a toll on neuroinflammation. The Scientific World Journal. 11: 855-865.
  • Croxford JL, Yamamura T. (2005). Cannabinoids and the immune system: potential for the treatment of inflammatory diseases? J Neuroimmunol. Sep;166(1-2):3-18.
  • Massi P, Vaccani A, Parolaro D. (2006). Cannabinoids, immune system and cytokine network. Curr Pharm Des. 12(24):3135-46.

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