Cannabis als Medizin in Deutschland ist viel gefragt

Autor: Gesa Riedewald

Verõffentlicht am: 26. Juli 2017

Geändert am: 29. September 2017

Mit dem neuen Cannabis-Gesetz vom März 2017 steigt das Interesse der Patienten an einer Behandlung mit Cannabis stetig. Die Krankenkassen wie auch die Apotheken spüren diesen Trend. Leafly.de führt Zahlen und Fakten auf.

Cannabis als Medizin in Deutschland ist viel gefragt

Cannabis als Medizin nach der Legalisierung im März 2017

Mit dem neuen Cannabis-Gesetz vom März 2017 ist die medizinische Behandlung mit Cannabis auch ohne Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle des BfArM möglich. Darüber hinaus kann jetzt die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden. Diese Gesetzesänderung bezieht sich auf verschiedene Formen von Cannabis als Medizin: auf Cannabisblüten, Cannabisöl Cannabis-Extrakte, Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon sowie das Fertigarzneimittel Sativex. Und das neue Cannabis-Gesetz zeigt bereits einen Effekt: Das Patienteninteresse steigt stetig, wie die Anträge auf Behandlung mit Cannabis, die bei den Krankenkassen seit März 2017 eingegangen sind, belegen.

Auch die Barmer, die 9 Millionen Menschen in Deutschland versichert, bemerkt inzwischen das gestiegene Interesse an der Behandlung mit Cannabis, wie ein Unternehmenssprecher Leafly.de berichtete: „Nach Inkrafttreten des Gesetzes haben wir zunächst einmal eher eine verhaltene Zahl an Antragstellungen auf Kostenübernahme bekommen. Bis Mitte Mai waren es durchschnittlich etwa zwei bis drei Anträge pro Tag, also etwa 150 insgesamt. Inzwischen registrieren wir eine verstärkte Nachfrage für eine Kostenübernahme bei Cannabispräparaten.“

Behandlung mit Cannabis: Krankenversicherungen erhalten viele Anträge

Bisher liegen noch keine offiziellen Verschreibungszahlen zu medizinischem Cannabis vor. Auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes, der Deutschen Apothekerzeitung beziehungsweise auf Nachfrage von Leafly.de gaben aber einige der großen Krankenkassen Einblicke in ihre Zahlen.

So viele Anträge auf Behandlung mit Cannabis und Kostenübernahme gingen ein:

  • Barmer: bis Anfang Juli 935 Anträge
  • Techniker Krankenkasse: bis 7. Juli 583 Anträge
  • DAK: zwischen März und Mai über 600 Anträge
  • AOK: zwischen März und Anfang Juni 1.120 Anträge
  • IKK: zwischen März und Mai 223 Anträge

Ablehnungsquote der Krankenkassen bei Cannabis als Medizin hoch

Das Cannabis-Gesetz vom März 2017 legt fest, dass der Arzt die Therapiehoheit hat und entscheiden kann, ob eine Cannabis-Behandlung sinnvoll ist oder nicht. Die gesetzlichen Krankenkassen dürfen die Kostenübernahme für diese Therapie nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen. Laut Deutschem Ärzteblatt lehnen die Krankenkassen etwa 25 bis 50 % der Anträge auf Kostenübernahme einer Behandlung mit Cannabis ab. Schaut man sich die Zahlen der großen Krankenversicherer an – jedenfalls von den Kassen, die bereit waren, ihre Zahlen zu veröffentlichen – sieht die Quote sogar noch schlechter aus.

Cannabis-Gesetz zeigt Wirkung: Apotheken geben Medizinalhanf aus

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) hat die ersten Zahlen veröffentlicht, die sich allerdings noch auf den Monat März 2017 beziehen. In diesem Monat wurden auf 88 ärztlichen Cannabis-Rezepten insgesamt 564 Cannabinoid-haltige Zubereitungen oder Cannabisblüten an Patienten abgegeben. Darüber hinaus wurden rund 3.100 Fertigarzneimittel mit Cannabinoiden verordnet. Diese Zahlen basieren auf den Abrechnungen der Rezepte zulasten der gesetzlichen Krankenkassen – Privatrezepte werden nicht erfasst.

„Die Auswertung nach den ersten drei Wochen zeigt: Das Cannabis-Gesetz zeigt im Versorgungsalltag Wirkung“, erklärte der Präsident der Bundesapothekerkammer, Dr. Andreas Kiefer, im Gespräch mit der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ).

Cannabis als Medizin: Welche Meinung haben die Apotheken?

Das Institut für Handelsforschung Köln (IFH) hat im Juni diesen Jahres rund 200 Apotheken im Rahmen einer Apokix-Umfrage zu ihren Erfahrungen mit Cannabis als Medizin befragt. Das Ergebnis: 51,1 % der befragten Apotheker befürworten das im März 2017 eingeführte Cannabis-Gesetz. 18,6 % sind dagegen und der Rest ist unentschlossen.

Und welche Auswirkungen hat das Cannabis-Gesetz auf den Alltag der Apotheken? Laut der Umfrage gaben 30,4 % der Apotheker an, dass die Nachfrage nach Cannabis als Medizin in ihrer Apotheke seit März 2017 zugenommen hat. 68,1 % sagten allerdings, dass die Nachfrage sich nicht verändert hat. Und für fast alle Umfrageteilnehmer ist der Umgang mit Cannabisblüten nach den Vorgaben der Apothekenbetriebsordnung mit einem hohen Aufwand verbunden: Rund 98 % bewerteten die fachgerechte Prüfung der Cannabisblüten als kompliziert.

Das neue Cannabis-Gesetz: Infos über BfArM und Bundesopiumstelle

Vor der Gesetzesänderung im März 2017 mussten Patienten, die eine medizinische Behandlung mit Cannabis wünschten, bei der Bundesopiumstelle des BfArM eine Ausnahmeerlaubnis nach § 3, Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) beantragen. Nur mit dieser Ausnahmeerlaubnis war es Schwerkranken gestattet, Cannabis als Medizin beziehungsweise Cannabis als Schmerzmittel anzuwenden. Mit dem neuen Cannabis-Gesetz liegt es jetzt allein im Ermessen des behandelnden Arztes, ob er die Therapie mit Cannabinoiden als sinnvoll erachtet. Cannabis Arzneimittel wie Sativex oder Canemes durften bereits vor der Gesetzesänderung verschrieben werden. Diese Cannabis-basierten Medikamente dürfen Ärzte auch weiterhin verordnen.

Als begleitende Maßnahme zur Legalisierung von medizinischem Cannabis hat das BfArM eine Cannabisagentur gegründet, die den Anbau, die Ernte und den Handel mit medizinischem Hanf kontrollieren soll. Außerdem ist die Cannabisagentur für die Begleiterhebung zuständig, die Behandlungsdaten der Cannabis-Patienten sammelt und auswertet. Patienten, die die Fertigarzneimittel Sativex oder Canemes entsprechend der zugelassenen Anwendungsgebiete einnehmen – also nicht off-label, sind von der Erhebung ausgenommen.

Lesen Sie hier weiter, wenn Sie erfahren wollen, wie das Cannabis-Gesetz sich in den vier Monaten seit seiner Einführung bewährt hat. Verpassen Sie auch nicht das Interview mit Burkhard Blienert, drogenpolitischer Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, zum Cannabis-Gesetz.

Quellen:
https://www.abda.de/pressemitteilung/artikel/cannabisblueten-im-maerz-rund-500-mal-von-apotheken-abgegeben/
https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=17&typ=16&aid=191848&s=cannabis&s=rezept
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/07/10/aufwendige-pruefung-von-cannabisblueten
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/07/14/tk-lehnt-zwei-von-fuenf-cannabis-antraegen-ab
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=70388

Ähnliche Artikel

Cannabis als Medizin bei Asthma

Cannabis als Medizin bei Asthma

Bei Asthma handelt es sich um eine chronische Atemwegserkrankung. Infolge einer chronischen Entzündung verengen sich die Atemwege und die Schleimproduktion wird angeregt. Asthmatiker leiden typischerweise unter Hustenanfällen, Atemnot und einer pfeifenden Atmung. Häufig leiden Betroffene auch unter wiederkehrenden oder chronischen Atemwegsinfektionen, die die Asthmaerkrankung verschlimmern. Schon vor Jahrtausenden wurde Cannabis zur Behandlung von Atemwegserkrankungen angewendet. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts empfahlen Mediziner ebenfalls ihren Patienten Cannabis, wenn sie unter Asthma litten. Laut den Studien aus den 70er Jahren und auch den aktuellen Studien können die Cannabinoide aus der Cannabispflanze bei Asthmatikern genauso Bronchien erweiternd wirken wie klassische Asthmamedikamente. Die genauen Asthma Ursachen sind mehr…

Cannabis ist nach wie vor Droge Nummer Eins in Deutschland: Grüne fordern neue Drogenpolitik

Cannabis ist nach wie vor

Cannabis ist unverändert die am häufigsten konsumierte illegale Droge bei Jugendlichen wie Erwachsenen in Deutschland. Unter den 12- bis 17-Jährigen gaben 7,3 Prozent an, in den letzten 12 Monaten wenigstens einmal Cannabis konsumiert zu haben. Bei den 18- bis 64-Jährigen waren es 6,1 Prozent. Über die letzten 25 Jahre hinweg zeigt der Cannabiskonsum in der Bevölkerung einen insgesamt zunehmenden Trend. Der Jahresbericht der Bundesregierung zur Drogensituation in Deutschland – früher bekannt unter dem Namen „REITOX-Bericht“ – ist das Standardwerk zur Situation illegaler Drogen. Er wird jährlich durch die Deutsche Drogenbeobachtungsstelle als Beitrag zum Europäischen Drogenbericht verfasst. Dr. Kirsten Kappert-Gonther von mehr…

Erstes Cannabis-Institut in Merseburg geplant

Erstes Cannabis-Institut in Merseburg geplant

Interdisziplinäres Forschen zu Cannabis in Merseburg – Vorbild Kalifornien Dr. Gundula Barsch, Professorin an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt, hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Sie will ein interdisziplinäres Cannabis-Forschungsinstitut ins Leben rufen – das erste seiner Art in Deutschland. Um dieses Projekt voranzutreiben, haben sich Ende November Experten aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aus Sachsen-Anhalt und angrenzenden Regionen zu einem Kick-off-Meeting zusammengefunden. Vorbild des geplanten Cannabisinstituts ist das HiiMR, Humboldt Institute for Interdisciplinary Marihuana Research, in Arcata (Kalifornien). Professorin Dr. Barsch, die Expertin auf dem dem Gebiet der Drogenforschung ist, verbrachte hier ein Forschungssemester. Aber auch Neugründungen wie das mehr…

Welche Cannabismedikamente sind in Deutschland legal? Der Leafly.de Überblick

Welche Cannabismedikamente sind in Deutschland

Verschreibungspflichtige Cannabismedikamente, die in Deutschland erhältlich sind         Cannabisblüten verschiedener Importeure         Canemes-Tabletten (Wirkstoff: Nabilon)         Sativex Mundspray (Wirkstoff: Naxibimol)         Dronabinol (THC-Öl)         Cannabis-Vollspektrum-Extrakte Tilray THC25 und THC10:CBD10 Cannabissorten, Cannabisblüten Wir möchten zunächst auf die medizinischen Cannabissorten eingehen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die Cannabisagentur eingerichtet, die den staatlich kontrollierten Cannabisanbau in Deutschland überwachsen soll. Jedoch ist vor den Jahren 2019/2020 nicht damit zu rechnen, dass Cannabisblüten auf den Markt kommen, weshalb diese von verschiedenen Unternehmen nach Deutschland importiert werden müssen. Abgegeben werden die Cannabisblüten in den Apotheken in Dosen von 5 oder 10 Gramm. Folgende Cannabissorten sind erhältlich: Cannabissorte THC-Gehalt mehr…

Weltgesundheitsorganisation WHO gibt grünes Licht für Cannabidiol CBD

Weltgesundheitsorganisation WHO gibt grünes Licht

Die WHO entschied, dass internationale Verbote gegen reines Cannabidiol nicht gerechtfertigt sind, da sie keine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen. Der Sachverständigenausschuss kam im November 2017 zusammen, um mehrere psychoaktive Substanzen zu bewerten. Ein vollständiger Überblick über Cannabidiol, von dem man annimmt, dass es medizinisch genutzt wird, wurde auf Mai 2018 verschoben. Dann werden auch CBD-Extrakte unter die Lupe genommen. Leafly.de berichtete. Aufgrund des zunehmenden weltweiten Interesses, Cannabis und seine Wirkstoffe (Cannabinoide) als Medizinprodukte zu verwenden, hat die WHO damit begonnen, wissenschaftliche Beweise zu sammeln, um zu entscheiden, ob diese Substanzen unter internationale Kontrolle gestellt werden sollen. Der Novemberausschussbericht mehr…

Cannabis als Medizin bei Asthma

Cannabis als Medizin bei Asthma

Bei Asthma handelt es sich um eine chronische Atemwegserkrankung. Infolge einer chronischen Entzündung verengen sich die Atemwege und die Schleimproduktion wird angeregt. Asthmatiker leiden typischerweise unter Hustenanfällen, Atemnot und einer pfeifenden Atmung. Häufig leiden Betroffene auch unter wiederkehrenden oder chronischen Atemwegsinfektionen, die die Asthmaerkrankung verschlimmern. Schon vor Jahrtausenden wurde Cannabis zur Behandlung von Atemwegserkrankungen angewendet. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts empfahlen Mediziner ebenfalls ihren Patienten Cannabis, wenn sie unter Asthma litten. Laut den Studien aus den 70er Jahren und auch den aktuellen Studien können die Cannabinoide aus der Cannabispflanze bei Asthmatikern genauso Bronchien erweiternd wirken wie klassische Asthmamedikamente. Die genauen Asthma Ursachen sind mehr…

Cannabis im Studium: Sollten Studenten mehr über Medizinalhanf lernen?

Cannabis im Studium: Sollten Studenten

Seit März 2017 kann Cannabis als Medizin von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden. Viele Schwerkranke haben lange darauf gewartet und wünschen sich eine Cannabisbehandlung. Allerdings kennen sich die meisten Mediziner beim Thema Cannabis nicht aus. Woher auch? Vor März 2017 könnten Betroffene Medizinalhanf nur mit einer Ausnahmeregelung erhalten. Daher spielte Cannabis bisher im Medizinstudium sowie bei ärztlichen Weiter- und Fortbildungen praktisch keine Rolle. Das Gleiche gilt auch für andere medizinische Berufe: Apotheker, PTAs, MTAs sowie Krankenschwestern und Pfleger lernen bisher in ihrer Ausbildung bzw. ihrem Studium kaum etwas über Cannabis als Medizin. Amerikanische Studie zum Thema Cannabis im Medizinstudium Eine mehr…

Gras in Graz: Erster Coffeeshop eröffnet

Gras in Graz: Erster Coffeeshop

"Wir verkaufen gepresste Pollen, Blüten, Öl und einiges mehr", so Bastian Knabl. Knabl und seine Kolleg/innen Stefan Ehrenreich, Julia Staud und Lukas Hiegelsberger bringen damit ein bisschen Amsterdam in die Landeshauptstadt Graz. Dort eröffneten sie am 1. Dezember 2017 ihre "Die Graslerei", einen Coffeeshop. "Die Graslerei" bietet seit dem Anfang Dezember in der Leonhardstraße 42 nicht nur Tee, Kaffee und Kuchen, sondern verkauft auch Cannabis. „Unsere Blüten und unser Hasch sind zu 100 Prozent legal, da sie einen garantierten THC-Wert von unter 0,2 Prozent haben.“, erklärt Stefan Ehrenreich, Mitgründer des Coffeeshops. Somit ist auch der Verkauf des EU-zertifizierten Cannabis in mehr…