Cannabis-App nutzt Patientenerfahrungen

Autor: Alexandra Latour

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Unsicherheiten bei der Evidenz und Auswahl der passenden Cannabissorte gehören wohl zu den größten Barrieren für Medizinalcannabis. Viele Fragen sind offen. Doch jetzt soll eine Cannabis-App Patientendaten sammeln und dabei helfen, die offenen Fragen zu beantworten.

Cannabis-App nutzt Patientenerfahrungen

In Kanada gibt es Cannabis für medizinische Zwecke bereits seit dem Jahr 2001. Doch auch hier bestehen immer noch Unsicherheiten: Welche Blüten helfen bei welchen Beschwerden? Zwar haben sich einige kanadische Ärzte auf die Cannabismedizin spezialisiert, sie scheinen jedoch nach ihren eigenen Erfahrungen Cannabis zu verordnen. Wie in Deutschland besitzt Medizinalcannabis auch in Kanada keine Zulassung im klassischen Sinne und noch keine konkrete Indikation. Demnach besteht ein hoher Bedarf an mehr Evidenz bei der Cannabistherapie. Eine interaktive Cannabis-App soll jetzt dabei helfen.

THC oder CBD?

Bei einem Expertentreffen mit Medizinern, Psychiatern und Apothekern in Toronto Ende Oktober diesen Jahres, führte Schmerzmedizinerin Dr. Sana-Ara Ahmed aus, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Publikationen zur Cannabistherapie erschienen seien. Es zeigte sich, dass Cannabidiol (CBD) der psychoaktiven Wirkung von Tetrahydrocannabinol (THC) entgegenwirken kann und zudem anxiolytische Eigenschaft besitzt. Deshalb führt Ahmed bei einigen ihren Cannabispatienten ein CBD-Preloading durch.

Ahmeds Mitreferentin Dr. Marni Brooks erklärte, dass THC-dominante Cannabissorten bevorzugt werden sollten. So hätten viele Mediziner gute Erfahrungen mit Cannabissorten gemacht, die einen hohen THC-Gehalt aufweisen.

Doch warum können Cannabissorten, die einen ähnlichen THC- und CBD-Gehalt aufweisen, unterschiedlich wirken? Hierfür könnte der Entourage-Effekt verantwortlich sein, hieß es beim Expertentreffen.

Cannabis ist nicht gleich Cannabis

In den Publikationen findet immer nur der Sammelbegriff „Cannabis“ Anwendung, kritisierte Prof. Theodor Dingermann auf dem Expertentreffen.

„Aus pharmazeutischer Sicht ist das unbefriedigend, weil unterschiedliche Blütensorten und Extrakte unterschiedlich wirken. Wir brauchen dringend Registerstudien mit exakter Charakterisierung der Medikation, in die jeder Cannabis-Patient eingeschlossen werden müsste“, führte Dingermann aus.

Cannabis-App sammelt Erfahrungen von Patienten

Dr. Ahmed war in der Pilotphase der Cannabis-App „Strainprint“ involviert. Es handelt sich hierbei um eine App, die sich Cannabispatienten auf ihr Smartphone oder Tablet laden können. Mehr als 1 000 Cannabissorten und -produkte sind in dieser Cannabis-App einprogrammiert. Die Patienten können ihre Diagnose, die Cannabistherapie, Dosierung und Applikationsart im Menü auswählen.

Nachdem der Patient das Cannabis angewendet hat, fragt die Cannabis-App, inwieweit sich die Beschwerden verbessert haben, und welche Nebenwirkungen aufgetreten sind. Die eingegebenen Daten der Patienten werden anonymisiert verarbeitet. Zusätzlich kann der Patient seine Daten auch an einen Arzt senden.

Nach Angaben der Entwickler finden sich in der App bereits rund 800 000 Datensätze. So können sich Cannabispatienten beispielsweise anzeigen lassen, zu welchen Beschwerden welche Cannabissorte passt.

Ist die Cannabis-App für die Evidenzgenerierung geeignet?

Die Idee mit der App ist nicht neu. Im September diesen Jahres haben wir bereits über die Releaf-App berichtet, die den Forschern der Universität New Mexico dabei geholfen hat, Daten zur Evidenz zu sammeln. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Releaf- oder die Strainprint-App etablieren werden. Problematisch ist, dass die Daten zu Wirkungen und Nebenwirkungen auf der Selbstangabe der Cannabispatienten beruhen. Das könnte die Aussagekraft der Suchergebnisse limitieren. Auf der anderen Seite gehört die hohe Zahl an Systemeinträgen zu den Stärken der App.

Prof. Dingermann ist jedoch von der App nicht überzeugt und erklärte:

„De facto dreht sich in Kanada alles um Cannabis als Genussmittel. Die Grenzen zur ‚Selbstmedikation‘ sind dabei fließend. In diese Lücke setzt die App an, ohne jedoch substanzielle Hilfestellungen leisten zu können, weil die wissenschaftliche Basis fehlt. Das mag ein cleveres Geschäftsmodell sein. Seriös ist das jedoch nicht, wenn man medizinische und ethische Standards anlegt.“

Der Psychiater Prof. Danielle Zullino aus Genf äußerte sich hingegen positiv zur App.

„Ich halte den Ansatz für sehr interessant. Die App interessiert uns in der Schweiz natürlich auch im Hinblick auf eine mögliche Anwendung in Bezug auf CBD-Cannabis.“

Derartige Apps können klinische Studien auf jeden Fall nicht ersetzen. Jedoch können sie dabei helfen, die Erfahrungen mit den Cannabisblüten zu systematisieren. Darüber hinaus könnten die Daten dabei helfen herauszufinden, wo sich klinische Studien lohnen könnten.

 

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

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