Cannabis als Medizin bei Neurodermitis

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 24. Januar 2018

Geändert am: 21. Juni 2018

Trockene Haut und quälender Juckreiz – die Neurodermitis ist eine Hauterkrankung, die Betroffene stark belastet. In Deutschland hat die Anzahl der Neurodermitis-Erkrankungen in den letzten fünf Jahrzehnten stark zugenommen. Neuen Studien zufolge könnte Cannabis die Symptome der Erkrankung lindern.

Cannabis als Medizin bei Neurodermitis

Was ist Neurodermitis?

Die entzündliche Hauterkrankung Neurodermitis tritt in Schüben auf und es kommt zu sehr trockener und juckender Haut. Sie gehört zu den atopischen Krankheiten. Das bedeutet, dass sie durch eine überschießende Immunantwort ausgelöst wird und dass die Betroffenen in der Regel entsprechend genetisch veranlagt sind.

Neurodermitis-Patienten werden nicht nur durch die Symptome der Erkrankung beeinträchtigt. Auch die Psyche leidet. Obwohl ein atopisches Ekzem nicht ansteckend ist, scheuen viele den Kontakt mit Betroffenen, was noch zusätzlich belastet. Häufig betrifft die Neurodermitis die Kopfhaut, das Gesicht und die Hände, sodass sich Betroffene für ihr Aussehen schämen. Infolge dessen leidet das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität der Betroffenen.

Neurodermitis und ihre Ursachen

Bis heute sind die genauen Ursachen ungeklärt. Man ist sich aber einig darüber, dass es eine genetische Veranlagung für die Hautkrankheit gibt. Wenn ein Elternteil erkrankt ist, besteht bei dem Kind ein Risiko von rund 40 Prozent, ebenfalls an Neurodermitis zu erkranken. Hinzu kommt, dass das Risiko für weitere atopische Krankheiten wie Asthma oder Heuschnupfen bei Betroffenen erhöht ist.

Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können unterschiedliche Auslöser zu einem Neurodermitis-Schub führen. Das Immunsystem reagiert dann überschießend auf eigentlich harmlose Reize, wodurch eine Entzündungsreaktion entsteht.

Neurodermitis Symptome bei Kindern und Erwachsenen

Die Neurodermitis Symptome können in ihrem Ausmaß sehr unterschiedlich sein und sind auch immer abhängig vom Alter des Betroffenen. Beim Baby beginnt die Neurodermitis meist im Gesicht und auf der Kopfhaut, wo sich ein Milchschorf bildet. Auch Arme und Beine können betroffen sein. Zudem bildet sich in einigen Fällen ein nässendes Ekzem am Mund. Typisch sind auch Beugeekzeme, also gerötete und schuppende Hautstellen in den Falten von Ellenbogen, Handgelenken und Kniekehlen. Häufig bildet sich die Hauterkrankung im Laufe der Pubertät vollständig zurück.

Bleibt die Neurodermitis-Erkrankung über die Pubertät hinaus bestehen, so zeigen sich die Symptome bei Erwachsenen meist in Form von kleinen juckenden Hautknoten, lederartigen Verdickungen der Gesichtshaut und Juckreiz. Betroffen sind häufig die Beugeseiten der Extremitäten, Hand- und Fußrücken, Hals, Augen und Stirnbereich. Auch Begleitsymptome, die atoptischen Stigmata, können auftreten:

  • Blässe um den Mund (periorale Blässe)
  • Doppelte untere Lidfalte (Dennie-Morgan-Falte)
  • Ausdünnung der seitlichen Augenbrauen (Hertoghe-Zeichen)
  • Helle Hautzeichnungen nach chemischen/mechanischen Reizen (Weißer Dermographismus)
  • Augenerkrankungen wie zum Beispiel wiederholte Bindehautentzündungen

Neurodermitis: Diagnose und Behandlung

Nach einem ausführlichen Anamnesegespräch legt der Hautarzt die Diagnose fest, sofern verschiedene Kriterien erfüllt sind. Unterschieden wird hier zwischen den Haupt- und Nebenkriterien, wobei für die Diagnose Neurodermitis drei der folgenden Hauptkriterien erfüllt sein müssen:

  • typisch verteiltes Ekzem
  • massiver und quälender Juckreiz
  • wiederholt oder chronisch auftretende Symptome
  • atopische Krankheiten wie Asthma oder Pollenallergie

Darüber hinaus sollte ein Nebenkriterium erfüllt sein:

  • erhöhte Anzahl von IgE-Antikörpern im Blut
  • positiver Allergietest
  • Helle Hautzeichnungen nach chemischen/mechanischen Reizen (Weißer Dermographismus)

Weiter ist für die Neurodermitis Diagnose auch der Ausschluss von anderen Hautkrankheiten (z. B. allgemeine Kontaktekzeme), die ähnliche Symptome hervorrufen können.

Für die Neurodermitis Behandlung wird ein vierstufiger Therapieplan genutzt. Je nach Schwere der Neurodermitis Symptome wird eine Stufe ausgewählt.

Neurodermitis Therapie/Stufe Neurodermitis Behandlung/Anwendung
Stufe 1 Vorbeugung von Schüben mithilfe von Cremes und Salben, die täglich genutzt werden sowie Vermeidung von Auslösefaktoren.
Stufe 2 Äußerliche Anwendung von gering wirksamen Medikamenten, die das Immunsystem beeinflussen.
Stufe 3 Äußerliche Anwendung von stärkeren immunmodulierenden Medikamenten.
Stufe 4 Zusätzliche Einnahme von Medikamenten (z. B. Kortison), die das Immunsystem beeinflussen.

Neurodermitis natürlich behandeln

In der alternativen Medizin gibt es unterschiedliche Heilverfahren, deren Wirksamkeit zwar wissenschaftlich nicht bewiesen sind, jedoch laut Erfahrungsberichten hilfreich sein könnten. So wäre beispielsweise eine homöopathische Behandlung der Neurodermitis möglich oder auch eine Vitamin-E-Therapie mit Arganöl. Einige Patienten berichten auch, dass die Neurodermitis Behandlung mit Schüssler-Salzen zu Linderung der trockenen Haut beitragen kann.

Neurodermitis Behandlung: Lichttherapie

Lichttherapien können eine Möglichkeit zur Symptombehandlung von chronischen Hautkrankheiten sein, um den Juckreiz zu lindern und das Abheilen der Hautsymptome zu verbessern. Hauptsächlich kommen diese Therapien bei Ekzemerkrankungen wie dem atopischen Ekzem (Neurodermitis) und der Schuppenflechte (Psoriasis) zum Einsatz. Unterschieden wird zwischen der Photo-Sole-Therapie (Balneophototherapie) und der PUVA-Therapie. Bei erstgenannter Therapie nimmt der Patient zunächst ein Salzbald. Danach folgt die Behandlung in einer Lichtkabine. Bei der PUVA-Therapie wird der Pflanzenwirkstoff Psoralen eingesetzt. Hiernach wird die trockene und juckende Haut mit UVA-Strahlen bestrahlt.

Alternative Behandlung: Endocannabinoide gegen Neurodermitis-Symptome

Das (körpereigene) Endocannabinoidsystem mit seinen Cannabinoidrezeptoren, die im gesamten Körper verteilt sind, ist sehr komplex. Längst ist klar, dass es neben den Cannabinoiden aus der Cannabispflanze Dutzende weitere Stoffe gibt, die direkt oder indirekt auf das Endocannabinoidsystem wirken. Hierzu gehören auch bestimmte Fettsäurestoffe, die der Körper selbst produzieren kann. Einer der bekanntesten Stoffe ist das Anandamid, das große Ähnlichkeit mit dem Cannabinoid THC besitzt.

N- Palmitoylethanolamin (PEA) gehört auch zu der Klasse der Fettsäurestoffe, ist jedoch weniger bekannt. Man weiß aber inzwischen, das PEA eine endocannabinoidartige Wirkung besitzt und in der Haut vorkommt. Auch die Cannabinoidrezeptoren sind auf den nicht ummantelten C-Nervenfasern der Haut zu finden. Hier sind sie unter anderem für Entstehung sowie die Weiterleitung von Juckreiz verantwortlich.

Mittlerweile können verschiedene Studien belegen, dass das körpereigene Cannabinoid PEA die Neurodermitis-Symptome lindern kann. So beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2008, die an der Technical University in München durchgeführt wurde. Untersucht wurde PEA in einer Creme bei Neurodermitis-Patienten. Insgesamt wurden 2 456 Probanden befragt. Die Symptome wie Juckreiz, Hautrötungen, Schuppen und Verdickung der Ekzeme hatten sich um rund 60 Prozent gebessert. Zudem haben 56 Prozent der Probanden das Kortison abgesetzt. Bei anderen Probanden konnte eine wöchentliche Kortison-Zufuhr im Durchschnitt um 62 Prozent gesenkt werden.

Auch die Forscher der University of Medicine in Polen, die ebenfalls eine endocannabinoidhaltige Creme bei Neurodermitis-Patienten testeten kamen zu dem Schluss, dass die Studienteilnehmer eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome feststellen und hierdurch ihre Lebensqualität gesteigert werden konnte.

Eine der neuesten Studien stammt aus dem Jahr 2017, die in Münster am University Hospital durchgeführt wurde. Auch hier wird belegt, dass PEA eine juckreizstillende und weichmachende Eigenschaft besitzt. Nachdem die Probanden, die an trockener Haut litten, zweimal täglich über zwei Wochen mit einer PEA-haltigen Creme behandelt wurden, verbesserte sich das Hautbild und der Juckreiz nahm deutlich ab.

Inzwischen sind Cremes und Lotionen mit PEA in Apotheken und im Online-Handel als natürliche Alternative zu kortisonhaltigen Salben erhältlich. Beim Kauf sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Creme keine chemischen Zusatzstoffe oder Parfüme enthält, da diese den gegenteiligen Effekt haben können und die Haut zusätzlich belasten.

Cannabinoide aus der Cannabispflanze gegen Neurodermitis-Symptome

US-amerikanische Forscher von der University of Colorado haben im Jahr 2017 verschiedene Studien zum Thema Neurodermitis und Cannabis ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze wie THC und CBD bei der Behandlung juckender Hautkrankheiten wie Schuppenflechte oder Neurodermitis helfen könnten. In einer dieser Studien cremten sich 21 Probanden drei Wochen lang zweimal täglich mit einer cannabinoidhaltigen Salbe ein. Acht Patienten berichteten anschließend, dass der Juckreiz vollständig verschwand. Die Forscher gehen davon aus, dass die antientzündlichen Eigenschaften der Cannabinoide verantwortlich sein könnten. Außerdem konnte einer anderen gesichteten Studie entnommen werden, dass THC Entzündungen und Schwellungen bei Mäusen reduzieren konnte.

Bereits im Jahr 2007 fanden Forscher der britischen University Nottingham heraus, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze die Keratinozyten-Produktion hemmen konnte. Keratinozyten sind Zellen, die vorwiegend in der Epidermis vorkommen. Auch Studien aus dem Jahr 2011 und 2013 konnten belegen, dass die Hemmung der Keratinozyten-Produktion durch die von den Cannabinoiden aktivierten CB1-Rezeptoren stattfand.

Wie können Neurodermitis-Patienten Cannabis nutzen?

Gegen Entzündungen und Juckreiz können verschiedene Öle helfen, da sie der trockenen Haut Feuchtigkeit spenden und weitere Hautirritationen dadurch vermieden werden können. Als hilfreich haben sich neben Oliven- und Mandelöl auch Hanfsamenöle erwiesen. Insbesondere den hierin enthaltenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Polyunsaturated fatty acids – kurz PUFAs) werden die Fähigkeiten zugeschrieben, entzündungshemmend zu wirken und den Juckreiz zu lindern. Hingegen sind in Feuchtigkeitscremes mit geringem PUFA-Anteil meist nicht wirksam.

Darüber hinaus können auch Hanf-Cremes und -Salben gegen die Neurodermitis-Symptome helfen. Beim Kauf ist jedoch darauf zu achten, dass diese keine chemischen Zusatzstoffe enthalten, sondern nur natürliche Zusätze, wie zum Beispiel Bienenwachs oder Aloe Vera. Bei chemischen Zusätzen besteht die Gefahr, dass die Haut noch weiter austrocknet und es zu weiteren Hautirritationen kommt.

Eine weitere alternative Behandlungsmethode könnte CBD-Öl sein, das kein psychoaktives THC enthält und somit legal käuflich ist. Bei äußerlicher Anwendung kann das CBD-Öl die Haut beruhigen und ihr Feuchtigkeit spenden. Zudem können Entzündungen gelindert werden. Inzwischen sind auch CBB-Öle speziell für die Haut erhältlich, die dann mit hautpflegenden Inhaltsstoffen wie Kokosöl oder Sheabutter angereichert wurden.

Quellen:

Department of Dermatology and Allergy Biederstein, Technical University Munich, Munich, Germany, Eberlein B1 et al., 2008, “Adjuvant treatment of atopic eczema: assessment of an emollient containing N-palmitoylethanolamine (ATOPA study)

Department of Dermatology, Venereology and Allergology, University of Medicine, University of Medicine, Wrocław, Poland, Szepietowski JC1 et al, 2005, “Efficacy and tolerance of the cream containing structured physiological lipids with endocannabinoids in the treatment of uremic pruritus: a preliminary study

Unilever Research & Development Port Sunlight, Wirral, UK, Dvorak M1 et al., 2003, “Histamine induced responses are attenuated by a cannabinoid receptor agonist in human skin

Department of Dermatology and Center for Chronic Pruritus, University Hospital Münster, Von-Esmarch-Str. 58, DE-48149Münster, Germany, Visse K1 et al., 2017, “Efficacy of Body Lotion Containing N-palmitoylethanolamine in Subjects with Chronic Pruritus due to Dry Skin: A Dermatocosmetic Study

University of Colorado School of Medicine, Aurora, Colorado; VA Eastern Colorado Health Care System, Denver, Colorado, Dellavalle RP3 et al., “The role of cannabinoids in dermatology

Nottingham University, School of Biomedical Sciences, Medical School, Nottingham NG7 2UH, UK, Wilkinson JD1, Williamson EM, 2007, “Cannabinoids inhibit human keratinocyte proliferation through a non-CB1/CB2 mechanism and have a potential therapeutic value in the treatment of psoriasis

Department of Physiology, Medical and Health Science Center, Research Center for Molecular Medicine, University of Debrecen, Debrecen, Hungary, Tóth BI1 et al., 2011, “Endocannabinoids modulate human epidermal keratinocyte proliferation and survival via the sequential engagement of cannabinoid receptor-1 and transient receptor potential vanilloid-1

Laboratory of Experimental Dermatology, Department of Dermatology and Allergy, University Hospital of the Friedrich-Wilhelm-University Bonn, 53105 Bonn, Germany, Gaffal E1 et al., 2013, “Cannabinoid 1 receptors in keratinocytes modulate proinflammatory chemokine secretion and attenuate contact allergic inflammation

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