Posttraumatischer Belastungsstörung – Cannabis als Ergänzung der Therapie

Autor: Dr. Christine Hutterer

Verõffentlicht am: 21. Mai 2017

Geändert am: 15. Juni 2018

Als PTBS werden charakteristische Symptome nach Exposition mit einem schweren traumatischen Erlebnis bezeichnet, beispielsweise eine direkte persönliche Erfahrung eines Ereignisses mit tatsächlichem Tod oder Todesdrohung, mit einer schweren Verletzung oder einer anderen Bedrohung der körperlichen Integrität. Die Reaktion der betroffenen Person muss starke Furcht, Hilflosigkeit oder Horror umfassen.

Posttraumatischer Belastungsstörung – Cannabis als Ergänzung der Therapie

Auch wenn die Posttraumatische Belastungsstörung häufig mit militärischen Einsätzen in Zusammenhang gebracht wird, basieren die meisten Fälle auf traumatischen Ereignissen in der Allgemeinbevölkerung. Solche Ereignisse umfassen körperlichen oder sexuellen Missbrauch, Verkehrsunfälle oder Naturkatastrophen und zwischenmenschliche Gewalt.

Die Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, ist eine psychische Erkrankung. Sie tritt nach einem oder mehreren schweren traumatischen Erlebnissen auf. Häufig setzt die PTBS verzögert ein. Das bedeutet, dass die Anzeichen erst Wochen oder Monate nach dem auslösenden Ereignis auftreten.

Traumatische Ereignisse können in Zusammenhang stehen mit Gewalt, Misshandlung (körperlich oder psychisch) oder Folter, Kriegserlebnisse, schweren Unfällen, Gewaltverbrechen oder Naturkatastrophen. Ein zentraler Aspekt ist, dass sich der Betroffene dabei unfähig fühlt, etwas gegen das Ereignis unternehmen zu können und gleichzeitig große Angst empfindet. Die empfundene Hilflosigkeit hat zur Folge, dass der Betroffene das Gefühl hat, keine Kontrolle mehr zu haben.

Meist wird von PTBS im Zusammenhang mit Kriegserlebnissen (egal ob als Soldat oder als Zivilist) gesprochen. Die meisten Fälle treten aber in der Allgemeinbevölkerung nach körperlichem oder sexuellem Missbrauch oder Gewalt, Verkehrsunfällen und Naturkatastrophen auf. Betrachtet man alle möglichen Arten von Traumata, so erkranken etwa zehn Prozent aller Menschen, die ein Trauma erfahren haben, an einer PTBS.

Kennzeichen von PTBS

Drei Symptomklassen sind typische für PTBS:

  1. Wiedererleben der Situation, z.B. tagsüber in Form von Erinnerungen an das Trauma, Tagträumen oder Flashbacks, und nachts in Form von Angstträumen.
  2. Verdrängung der Situation, in dem beispielsweise Aktivitäten und Situationen vermieden werden, die Erinnerungen an die auslösende Situation wachrufen könnten. Typisch sind auch emotionales Abstumpfen, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit gegenüber Menschen und vielen Belangen der Umgebung.
  3. Die Übererregtheit des Nervensystems kann sich durch Schlafstörungen,  Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, erhöhter Wachsamkeit und Angespanntheit oder ausgeprägter Schreckhaftigkeit äußern.

Was genau im Gehirn bei einem Trauma passiert bzw. welche neurophysiologischen Veränderungen bei einer PTBS vorliegen, ist noch nicht endgültig erforscht. Man vermutet, dass die Ausschüttung großer Mengen an Stresshormonen, Adrenalin und evtl. anderen Hormonen während des traumatischen Ereignisses die Ursache sein könnten. Sie werden in bedrohlichen Situationen vom Körper ausgeschüttet, um den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen und eine schnelle Flucht zu ermöglichen. Da dies in Traumasituationen jedoch nicht möglich ist, könnten diese Faktoren an der Entstehung beteiligt sein.

In der Therapie einer Posttraumatischen Belastungsstörung wird vor allem mit Hilfe der Psychotherapie versucht, dem Betroffenen dabei zu helfen, die Kontrolle über die Symptome zu erlangen und das Erlebte zu verarbeiten.

Cannabis bei PTBS – Fluch und Segen?

Häufig wird argumentiert, dass Betroffene Cannabis konsumieren, um im Rausch die unangenehmen Empfindungen und Erinnerungen ausblenden zu können, sich also quasi zu betäuben. Sicherlich gibt es Fälle, in denen der Rausch im Vordergrund steht und der regelmäßige hochdosierte Konsum zu weiteren Problemen und auch zur Abhängigkeit führt.

Dennoch zeigen immer mehr Studien, in denen Cannabis als Medizin eingesetzt wurde, dass die Effekte nicht nur auf einen Rauschzustand zurückzuführen sind. Im Rahmen einer Cannabistherapie ist die Dosierung meist auf einem Niveau, das nicht berauscht. Es wäre also zu einfach, Cannabis allein als “Bewältigungsdroge” abzuhandeln und die Betroffenen dem Cannabis-Missbrauch und einer Abhängigkeit zu beschuldigen.

Die Therapie mit Cannabis oder Cannabinoiden bewirkt Verbesserungen des Schlafes, Verringerung von Alpträumen, Linderung chronischer Schmerzen und anderer Symptome. Entscheidend für die Wirkung ist offenbar das THC aus der Hanfpflanze oder synthetisch hergestellt) (Dronabinol oder Nabilon).

Nebenbei sei erwähnt, dass es bei allem Cannabis-Bashing keine spezifischen und wirksamen Medikamente gegen PTBS gibt. Für häufig zusätzlich auftretende Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen (Link zu Depressionen, wenn es einen Text dazu gibt) oder Angststörungen, nehmen Betroffene entsprechende Medikamente ein. Diese wirken jedoch nicht oder nicht ausreichend auf die typischen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Wie wirkt Cannabis bei PTBS?

Um zu verstehen, wie Cannabinoide bei PTBS wirken, muss verstanden werden, in welcher Weise welche Systeme im Körper beeinflusst werden. Das wird derzeit erforscht.

Was man weiß ist, dass bei einer PTBS im Körper Stress ausgelöst wird. Bei PTBS-Patienten und anderen Personen, die unter chronischem Stress stehen, wurde festgestellt, dass die Konzentrationen an körpereigenen Endocannabinoiden im Vergleich zu Gesunden erhöht sind; sogar im Alltag und in nicht belastenden Situationen. Das Endocannabinoidsystem ist also an der Regulation und dem Umgang des Körpers mit Stress beteiligt.

Andere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bei PTBS-Patienten die vorhandene Menge für das körpereigene Cannabinoid Anandamid niedriger ist als bei gesunden Personen. Anandamid bindet an dieselben Andockstellen (Rezeptoren) wie THC und andere Bestandteile der Cannabispflanze. Daher gibt es ebenso die Vermutung, dass ein wesentliches Element von PTBS ein Mangel an Endocannabinoiden sein könnte. Der Körper würde in diesem Fall nicht genügend eigene Cannabinoide herstellen, um die notwendigen Wirkungen zu erzeugen und die Regulationen im Körper für ein “gesund werden” zu beeinflussen. Die Bedeutung der Cannabis-Therapie läge dann darin, diese Cannabinoide von außen über Medizinalhanf oder cannabinoidhaltige Medikamente, sozusagen, aufzufüllen.

Eventuell liegt die Ursache für die veränderte Regulation auch im Cannabinoidrezeptor, also der Andockstelle für die (Endo)Cannabinoide auf den Zellen. Es gibt Hinweise, dass genetische Veränderungen im CB1-Rezeptor eine Rolle spielen könnte.

Tierexperimentelle Untersuchungen lassen die Hypothese zu, dass die Wirkung von Cannabinoiden in der Therapie der PTBS darauf beruht, dass die Region, die im Gehirn für die Speicherung von Erinnerungen und Furcht zuständig ist (Amygdala), auch vom Endocannabinoidsystem kontrolliert wird. Wird die Amygdala Endocannabinoiden in großen Mengen ausgesetzt, so führt dies zu einer Auslöschung unangenehmer Erinnerungen.

Cannabis als Therapie bei PTBS wird immer als Ergänzung zur Psychotherapie eingesetzt.

PTBS ist nicht gleichzusetzen mit Burnout oder Depression

PTBS wird häufig gleichgesetzt mit Depression oder Burnout. Das ist jedoch nicht korrekt. Jede dieser Krankheiten hat ein anderes Erscheinungsbild, auch wenn einige Symptome, z.B. Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, bei allen auftreten. Die Ursachen und auch die Vorgänge im Körper und im Gehirn sind bei allen Krankheiten unterschiedlich.

Daher bedarf es auch unterschiedlicher Behandlungsstrategien. Während es für Depressionen zahlreiche wirksame Medikamente gibt, ist das bei der PTBS nicht so. Allerdings leiden PTBS-Patienten häufig zusätzlich unter Depressionen. Diese können “ganz normal” behandelt werden, ersetzen aber nicht die spezielle Therapie der PTBS.

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