BWS-Syndrom: Wie hilfreich ist Cannabis als Medizin?

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 2. Januar 2018

Geändert am: 4. Juli 2018

Rückenschmerzen sind ein weit verbreitetes Beschwerdebild und nahezu jeder Mensch erleidet diese mindestens einmal im Leben. Besonders häufig treten Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) und der Lendenwirbelsäule (LWS) auf, wohingegen das Brustwirbelsyndrom nur selten vorkommt. Problematisch ist, dass sich Schmerzen sehr häufig chronifizieren und eine langfristige medikamentöse Therapie starke Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Cannabis als Medizin kann hier eine Alternative darstellen.

BWS-Syndrom: Wie hilfreich ist Cannabis als Medizin?

Was ist ein BWS-Syndrom?

Wenn von einem BWS-Syndrom gesprochen wird, handelt es sich um unterschiedliche Schmerzen an der BWS. Im Gegensatz zum LWS- und HWS-Syndrom tritt das BWS-Syndrom eher selten auf. Die Brustwirbelsäule bildet den mittleren Teil des Rückens und besteht aus 12 Wirbelkörpern. Gekoppelt ist die Brustwirbelsäule oben an die Halswirbelsäule und unten an die Lendenwirbelsäule. Über kleine Gelenke sind die einzelnen Brustwirbelkörper mit den Rippen verbunden und bilden so den Brustkorb.

Die Beschwerden beim BWS-Syndrom, sofern sie länger als drei Monate andauern, fallen unter den Begriff chronischer Schmerzen und gerade in diesem Bereich ist die Behandlung mit Cannabis sehr gut erforscht. Von Vorteil ist hier, dass Cannabis eine geringere Toleranzentwicklung aufweist. An die klassischen Schmerzmittel kann sich der Körper schnell gewöhnen, weshalb die Dosis kontinuierlich gesteigert werden muss, um den gleichen schmerzstillenden Effekt zu haben. Hingegen ist die Erhöhung der Dosierung bei der Verwendung von Cannabis entweder gar nicht oder nur gering nötig.

Seit Jahrtausenden wird Cannabis gegen verschiedene Beschwerden eingesetzt. In das deutsche Opium-Gesetz wurde Cannabis im Jahre 1929 eingetragen. Davor gab es weit über 100 medizinische Produkte auf Cannabis-Basis. Schließlich wurde Cannabis aber durch chemische Medikamente wie Aspirin verdrängt, obwohl schon frühere Studien die schmerzstillende Wirkung von Cannabis belegen konnten.

So sind in der Cannabispflanze zahlreiche verschiedene Verbindungen (Cannabinoide) enthalten, die unter anderem entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken können. Am bekanntesten sind die Cannabinoide Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Wird Cannabis als Medizin dem Körper zugeführt, so docken die Cannabinoide an die Cannabinoid-Rezeptoren im eigenen Körper an, umso ihre Wirkung zu entfalten.

BWS-Syndrom: Typische Symptome

Typische Symptome beim BWS-Syndrom äußern sich in Form von Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern. Häufig nehmen Betroffene die BWS-Schmerzen als dumpf und drückend wahr. Bei Bewegung und Druck können sich die Brustwirbelsäulen Schmerzen noch verstärken. Da die Brustwirbel und die Rippen über Gelenke miteinander verbunden sind, strahlen die BWS Symptome auch auf die Rippen aus. Infolge der Schmerzen an der Brustwirbelsäule kommt es zudem häufig zu Bewegungseinschränkungen.

Darüber hinaus können Atembewegungen Schmerzen verursachen. Meist haben Betroffene dann Angst, tiefer einzuatmen, weil sie einen Herzinfarkt befürchten. Infolge dessen atmen Betroffene dann flacher, weshalb beim BWS-Syndrom eine Atemnot auftreten kann. In den meisten Fällen sind die Beschwerden beim BWS-Syndrom aber nicht auf einen Herzinfarkt zurückzuführen, sondern auf akute Missbildungen oder Blockaden in der Brustwirbelsäule.

BWS Symptome bei einem Bandscheibenvorfall

Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS) kommt weitaus seltener vor als an der Lendenwirbelsäule (LWS) oder der Halswirbelsäule (HWS). Welche BWS Symptome bei einem Bandscheibenvorfall auftreten ist davon abhängig, wie stark die Brustwirbelsäule oder das im Wirbelkanal befindliche Nervengewebe beeinträchtigt ist. Häufig kommt es durch den Druck des Bandscheibengewebes auf die umgebenden Nerven zu Entzündungen. Auch starke Nervenkompressionen können auftreten, die neurologische Ausfälle wie Kraftminderung oder Taubheit zur Folge haben.

Typische Symptome bei einem BWS Bandscheibenvorfall an der BWS sind Schmerzen entlang der Rippen, die bis in den Brustkorb oder bis zur Bauchwand ausstrahlen. Verstärkt werden die Schmerzen an der Brustwirbelsäule oftmals durch Bewegungen, Husten oder Niesen. Betroffene beklagen auch häufig Herzrasen und -stolpern, Engegefühle in der Brust, Atemnot sowie ausstrahlende Schmerzen in die Arme.

Ursachen des BWS-Syndroms

Treten Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule auf, so können verschiedene Ursachen verantwortlich sein:

  • Degenerative Veränderungen (Verschleißerscheinungen), wie zum Beispiel Schäden an den Bandscheiben
  • Osteoporose
  • Verletzungen
  • Brustwirbelkörperbruch
  • Verspannungen in der Muskulatur durch Bewegungsmangel
  • Fehlhaltungen oder körperliche Überlastung
  • Wirbelblocken im Bereich der Brustwirbelsäule

Ursächlich für BWS-Schmerzen sind in den meisten Fällen ungesunde Körperhaltungen und ein Bewegungsmangel. Das gilt vor allem für Menschen, die täglich am Schreibtisch sitzen und hierbei einen Rundrücken machen. Aber auch Menschen, die in ihrem Beruf häufig schwere Lasten heben müssen und damit ihre Brustwirbelsäule beanspruchen, sind gefährdet.

Diagnose des BWS-Syndroms

Um eine eindeutige Diagnose (BWS-Syndrom: ICD-10: M54.6) stellen zu können, erfolgt zunächst ein Arzt-Patienten-Gespräch, bei dem der Arzt sowohl die Krankengeschichte als auch die aktuellen Lebensumstände des Patienten erfragt. Anschließend folgt die körperliche Untersuchung. Der Arzt tastet den betroffenen Bereich ab. Außerdem achtet der Arzt auf Fehl- oder Schonhaltungen. Um andere Erkrankungen auszuschließen, können weitere diagnostische Verfahren zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel eine Blutabnahme, um die Entzündungsvorgänge im Körper zu prüfen. Zur weiteren Abklärung können auch Verfahren wie Röntgen oder Computertomographie sinnvoll sein.

Die Beschwerden beim BWS-Syndrom äußern sich vorwiegend im Brustraum ähnlich wie bei einem Herzinfarkt. Deshalb wird in aller Regel auch vorsichtshalber ein Elektrokardiogramms (EKG) durchgeführt.

Therapie und Behandlung beim BWS-Syndrom

Liegt ein akutes BWS-Syndrom vor, so wird dieses in den meisten Fällen mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac behandelt. Sind die Beschwerden beim BWS-Syndrom besonders stark ausgeprägt, werden auch stärkere Schmerzmittel wie Tramadol oder Tilidin aus der Morphine-Gruppe verordnet. Ergänzend können auch Muskelrelaxanzien wie beispielsweise Flupiritin oder Tolpiseron zum Einsatz kommen, um starke Muskelverspannungen zu lockern.

Alle diese Arzneimittel sind jedoch nicht für einen langfristigen Gebrauch geeignet, da sie starke Nebenwirkungen haben und zudem die Gefahr der Abhängigkeit besteht. Das macht die Behandlung äußerst schwierig, wenn aus dem akuten BWS-Syndrom ein chronisches BWS-Syndrom wird.

Neben der medikamentösen Therapie beim BWS-Syndrom können Betroffene von unterschiedlichen Behandlungen profitieren. Als besonders wohltuend empfinden Betroffene beispielsweise Wärmeanwendungen und Massagen. Auch eine Physiotherapie (Krankengymnastik) kann dabei helfen, die Beschwerden zu lindern. Auf der Grundlage unterschiedlicher Übungen, speziell ausgerichtet auf das BWS-Syndrom, wird die Rückenmuskulatur nicht nur gedehnt, sondern auch gestärkt. Ebenso können alternative Behandlungen, wie zum Beispiel Akupunktur oder eine osteopathische Behandlung, zur Linderung der Schmerzen beitragen.

BWS Syndrom: Chronische Schmerzen und die Auswirkungen auf die Psyche

Schmerzen jedweder Art haben in den meisten Fällen auch immer eine psychische Ursache. Das gilt auch für Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule. Ein wichtiger Faktor stellt hier der Dauerstress dar und nicht selten leiden chronische Schmerzpatienten unter Depressionen. Neben verschiedenen Schmerzmedikamenten werden dann auch Antidepressiva zur Stimmungsstabilisierung verordnet. Zudem sollen Antidepressiva auch eine schmerzstillende Wirkung besitzen.

Wenn ein Schmerzreiz im Körper ausgelöst wird, wird dieser über das Rückenmark in das Gehirn weitergeleitet und das Schmerzgefühl ausgelöst wird. Bei chronischen Schmerzpatienten kann sich das Nervensystem verändern und auf diese Veränderungen sollen Antidepressiva einwirken.

In der Schmerztherapie kommen dann die sogenannten trizyklischen Antidepressiva (TCA) oder selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI). Hingegen scheinen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) keine gute schmerzlindernde Wirkung zu besitzen. TCA-Wirkstoffe wie Nortriptylin und Amitriptylin gehören zu den Mitteln der ersten Wahl bei Rückenschmerzen. Doch auch Antidepressiva sind nicht nebenwirkungsarm. Unerwünschte Nebenwirkungen wie beispielsweise Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Beschwerden, Gewichtszunahme und sexuelle Dysfunktion kommen sind sehr häufig. Laut Lehrmeinung sollen Antidepressiva zwar nicht abhängig machen, jedoch können beim Absetzen verschiedene Absetzsymptome auftreten.

BWS-Syndrom vorbeugen

Da ein BWS-Syndrom oftmals von einer zu schwachen Rückenmuskulatur, Haltungsproblemen oder einem Bewegungsmangel hervorgerufen wird, ist es zur Vorbeugung besonders wichtig, ausreichend Bewegung in den Alltag zu integrieren. Um die Rückenmuskulatur zu stärken und die Körperhaltung zu verbessern, kann es außerdem sinnvoll sein, eine Rückenschule zu besuchen.

Wie kann Cannabis beim BWS-Syndrom helfen?

Cannabis wird zu medizinischen Zwecken schon seit langem eingesetzt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Cannabis als Medizin vorwiegend bei Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Depressionen, Spasmen, Asthma und Schmerzen verwendet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlor Cannabis zunächst seine Bedeutung in der Medizin, da es den Forschern nicht gelang, die chemische Struktur der in der Cannabispflanze enthaltenen Verbindungen zu entschlüsseln. So wurde erst viel später das wichtige Cannabinoid THC in der Cannabispflanze entdeckt. Das Gleiche gilt für das (körpereigene) Endocannabinoidsystem und seinen Rezeptoren (CB1 und CB2), die im gesamten Körper verteilt sind. Docken die Cannabinoide aus der Cannabispflanze an diese Rezeptoren an, kommt es zu zahlreichen physiologischen Wirkungen wie eben auch zur schmerzlindernden Wirkung.

Cannabis als Medizin gegen Schmerzen beim BWS-Syndrom

Die Wirkungsmechanismen von Cannabis als Medizin auf Schmerzen sind mittlerweile gut erforscht. Eine interessante Studie stammt aus dem Jahr 2010, deren Ergebnisse im Medical Association Journal veröffentlicht wurde. Probanden, die unter neuroapathischen Schmerzen nach einer Operation litten, erhielten über fünf Tage dreimal täglich Cannabis und berichteten anschließend über eine signifikante Abnahme der Schmerzintensität. Auch eine israelische Studie aus dem Jahr 2016 ist erwähnenswert, bei der 274 Probanden mit chronischen Schmerzen von Cannabis als Medizin profitierten. Alle Probanden nahmen gleichzeitig starke opioidhaltige Schmerzmittel ein und im Ergebnis heißt es, dass es nicht nur zu einer Reduzierung der Schmerzen kam, sondern auch der Konsum der Opioide um 44 Prozent gesenkt werden konnte.

Dass bei der Verwendung von pharmazeutischem Cannabis keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auftreten, zeigt eine Studie der Dalhousie University in Kanada aus dem Jahr 2011. Hier konnte belegt werden, dass die Cannabis-Therapie im Gegensatz zu einer Therapie mit Placebos (Scheinmedikament) eine schmerzlindernde Wirkung zeigte und dass die Probanden das Cannabis gut vertrugen.

Forscher der University of Toronto werteten im Jahr 2017 insgesamt elf randomisierte kontrollierte Studien aus und berichteten, dass die klassische Therapie gegen chronische Schmerzen keine ausreichende Wirkung zeigte. Hingegen konnten die Schmerzen bei den Probanden mit einer Cannabis-Therapie gelindert werden. Auch habe sich das allgemeine Wohlbefinden und die Schlafqualität verbessert.

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Quellen:

Medical Association Journal, Canada, Mark A. Ware et al., 2010, „Smoked cannabis for chronic neuropathic pain: a randomized controlled trial

Pain Relief Unit Department of Anesthesia and Critical Care Medicine, Hadassah-Hebrew University Medical Center Hadassah School of Dental Medicine, Hebrew University, Jerusalem, Israel †Department of Anesthesiology, Division of Clinical and Translational Research, Washington University School of Medicine, Saint Louis, MO, Haroutounian S1 et al., 2016, “The Effect of Medicinal Cannabis on Pain and Quality-of-Life Outcomes in Chronic Pain: A Prospective Open-label Study

Department Anesthesia, Psychiatry, Dalhousie University, Halifax, Canada, Lynch ME1, Campbell F., 2011, “Cannabinoids for treatment of chronic non-cancer pain; a systematic review of randomized trials

Department of Anesthesia and Pain Management, University Health Network-Toronto Western Hospital, University of Toronto, Toronto, Ontario, Canada, Meng H, Johnston B, Englesakis M, Moulin DE, Bhatia A., 2017, “Selective Cannabinoids for Chronic Neuropathic Pain: A Systematic Review and Meta-analysis

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