Wie kann Cannabis als Medizin bei ADHS und ADS helfen?

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 27. November 2017

Geändert am: 7. März 2018

ADHS und ADS sind die am häufigsten diagnostizierten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. In Deutschland sind zwei bis sechs Prozent aller Kinder betroffen. Aber auch viele Erwachsene leiden unter einer ADHS- oder ADS-Symptomatik. Zwar können ADHS-Medikamente wie Ritalin oder Medikinet die typischen Symptome wie innere Unruhe, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie Störungen der Impulskontrolle lindern, bei einigen Betroffenen können die amphetaminähnlichen Substanzen aber auch Appetitlosigkeit, Aggressionen und Schlafstörungen fördern. Um hier eine wirksamere und nebenwirkungsärmer Alternative zu finden, gerät die medizinische Anwendung von Cannabis immer mehr in den Fokus der Forschung.

Wie kann Cannabis als Medizin bei ADHS und ADS helfen?

In Bezug auf die Wirkung bei Betroffenen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS), steht die Wissenschaft noch am Anfang. Bisher gibt es nur wenige Studien und Fallberichte, die nahelegen, dass der Einsatz von Cannabismedikamente bei derartigen Störungen hilfreich sein könnte.

Die Kulturpflanze Hanf wurde bereits in der Antike gegen unterschiedliche Beschwerdebilder wie Schmerzen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen eingesetzt und war bekannt für die somatische und psychoaktive Wirkung. Heute wurden bereits viele Wirkungsweisen der Hanfpflanze mit ihren Hauptcannabinoiden Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) auf unterschiedliche Beschwerden wissenschaftlich nachgewiesen.

Was ist ADHS?

Der Nervenarzt Heinrich Hoffmann stellte die ADHS-Problematik bereits im Jahr 1845 in seinem Buch „Der Struwwelpeter“ dar. Auch heute noch werden hyperaktive Kinder als „Zappelphilipp“ bezeichnet. Die Erkrankung erhielt dann im Jahr 1987 die medizinische Bezeichnung Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Betroffene, die an ADHS leiden, reagieren impulsiv, lassen sich leicht ablenken und können sich nur schwer konzentrieren. Sie leiden demnach an Aufmerksamkeitsstörung sowie einer Konzentrationsschwäche. Je nachdem, wie schwer die Krankheit ausgeprägt ist, wird zwischen den folgenden Typen unterschieden:

  • Hyperaktiv-impulsiver Typ: Hier überwiegt die Hyperaktivität.
  • Unaufmerksamer Typ: Die Aufmerksamkeitsdefizite dominieren.
  • Kombinierter Typ: Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität sind stark ausgeprägt.

Unterschied zwischen ADHS und ADS

Bei dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) sind Betroffene unaufmerksam und können sich schlecht konzentrieren. Allerdings sind sie nicht hyperaktiv, weshalb das ADS häufig nicht erkannt wird. Kinder mit ADS fallen weit weniger stark auf und sind meist verträumt. Dennoch haben ADS-Kinder Schwierigkeiten im Unterricht sowie bei den Hausaufgaben.

Ursachen für ADS/ADHS

Bislang sind die Ursachen der Krankheit ungeklärt. In der Forschung werden derzeit verschiedene Auslöser für die Entstehung der Krankheit verantwortlich gemacht. Häufig wird gefragt, ob ADS/ADHS vererbbar ist. Es wird davon ausgegangen, dass die Gene zu 70 Prozent eine wichtige Rolle bei der Entstehung spielen. So leiden häufig direkte Verwandte ebenfalls an ADHS. Wenn ein Elternteil an der Störung leidet, ist das Risiko vor allem für Jungen erhöht, an der Störung zu erkranken. Welche Gene genau dafür verantwortlich sind, ist noch unklar.

Weiter vermuten Forscher, dass die Ursache von ADS/ADHS an einer Fehlfunktion im Gehirn liegen könnte. Demnach wäre die Informationsverarbeitung zwischen den unterschiedlichen Gehirnregionen gestört. Die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin, die für den Antrieb, die Motivation und die Aufmerksamkeit zuständig sind, sowie Serotonin, das die Impulskontrolle regelt, wären dann vermutlich für die ADHS-Symptome verantwortlich.

Die Neurotransmitter geben dann die Informationen zwischen den einzelnen Gehirnzellen unzureichend weiter. Betroffen sind das Frontalhirn und die Stammganglien, die bei der Ausführung und Planung, der Aufmerksamkeit sowie Wahrnehmung und Konzentration bedeutend sind.

In das Gehirn gelangen jede Sekunde unzählige Informationen. Jedoch werden nur wenige davon bewusst wahrgenommen, da es ansonsten zu einer Reizüberflutung käme. Eine Art Filter sortiert Wichtiges von Unwichtigem aus. Bei einem ADHS-Kind ist diese Filterfunktion mit hoher Wahrscheinlichkeit gestört.

Das Kind wird durch diese ungefilterte Informationsflut angespannt und unruhig. Und so leidet auch ein Kind mit ADS, das zwar nicht hyperaktiv ist, dennoch unter einer Konzentrationsschwäche und einer Aufmerksamkeitsstörung.

Auch verschiedene Umwelteinflüsse stehen im Verdacht, die Krankheit zu verursachen. Nikotin, Alkohol und auch Drogen während der Schwangerschaft können das ADHS-Risiko genauso erhöhen wie ein Sauerstoffmangel bei der Geburt. Ebenso kommen äußere Umstände, wo und wie ein Kind aufwächst, als Ursache in Betracht.

Fehlende Strukturen und Zuwendungen oder auch ständiges Streiten der Eltern können die Störung verschlimmern. Gleiches gilt für Zeitdruck, einen hohen Fernseh- und Computerkonsum sowie einen Bewegungsmangel. Wissenschaftlich bewiesen sind diese Ansätze jedoch nicht.

ADHS ADS Kind

ADHS und ADS machen sich meist im Kindesalter bemerkbar.

ADHS-/ADS-Symptome bei Kindern und Erwachsenen

Typische ADHS-Symptome sind Impulsivität, Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit. Die gleichen Symptome ruft auch das ADS hervor, jedoch ohne die Hyperaktivität. Weitere allgemeine ADS/ADHS-Anzeichen sind:

  • Leistungsschwächen (Lese- und/oder Rechtschreibschwäche)
  • Konzentrationsschwäche
  • impulsives Verhalten (z. B. Wutausbrüche)
  • leichte Ablenkbarkeit/Aufmerksamkeitsstörung
  • langsame Reaktionen
  • Vergesslichkeit
  • Stimmungsschwankungen (emotionale Instabilität)
  • motorische Schwierigkeiten

ADS/ADHS im Säuglingsalter

Im Säuglingsalter ist eine sichere ADHS-Diagnose noch nicht möglich. Allerdings konnten Forscher zwischen Regulationsstörungen und ADHS einen Zusammenhang finden. Bei Babys kann sich solch eine Regulationsstörung beispielsweise durch Schlafstörungen, starke Unruhe, andauerndes Schreien und Schwierigkeiten beim Füttern zeigen. Es wird davon ausgegangen, dass ungefähr 30 Prozent der betroffenen Babys später eine ADHS-Diagnose erhalten.

ADS/ADHS beim Kleinkind

Bei Kleinkindern lässt sich die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ebenfalls schwer erkennen. In der Regel hat ein Kleinkind dann eine geringe Aufmerksamkeit, keine Lust zu spielen oder schreit viel. Typische ADHS-Symptome in diesem Alter sind Rastlosigkeit und motorische Unruhe. Aufgrund dieses unberechenbaren Verhaltens fällt es den betroffenen Kindern schwer, sozialen Anschluss zu bekommen. Einige Kinder zeigen sich extrem trotzig, fallen ständig in Gespräche oder erzeugen permanent Geräusche. Ebenso können Teilleistungsschwächen beim Sehen oder Hören auffallen als auch ein erschwerter Spracherwerb.

ADS/ADHS im Grundschulalter

ADS/ADHS bei Kindern stellen Eltern und Lehrer aufgrund der starken Ablenkbarkeit vor große Herausforderungen. Hinzu kommt, dass sich die Kinder meist gar nicht an Regeln halten und häufig als Spielverderber gelten, was sie zu Außenseitern macht. Viele Kinder weisen auch eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche auf, sodass sie nur schwer in der Schule mithalten können. Die Störung zeigt sich außerdem in einem chaotischen Ordnungsverhalten und einer schlecht leserlichen Schrift.

Darüber hinaus zeigen betroffene Kinder auch eine geringe Frustrationstoleranz. Läuft es nicht nach ihrem Willen, treten Wutausbrüche auf.  Weitere Symptome können sein:

  • Aufmerksamkeitsstörung
  • Konzentrationsschwäche
  • unpassende Mimik und Gestik
  • ständiges Reden sein
  • Ungeschicklichkeit
  • häufige Unfälle
  • geringes Selbstbewusstsein

ADS/ADHS im Jugendalter

Auch im Jugendalter bestehen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Nicht selten entwickeln sich bei den Jugendlichen eine Null-Bock-Stimmung und/oder eine aggressive Antihaltung. Zwar sind derartige Verhaltensweisen in der Pubertät normal, bei ADHS-Jugendlichen sind diese jedoch sehr viel ausgeprägter. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Betroffene oftmals sozialen Randgruppen, Alkohol und Drogen hingezogen fühlen. Typisch ist auch ein risikoreiches Verhalten. Einige Jugendliche leiden unter starken Depressionen und Ängsten sowie einem geringen Selbstbewusstsein. Nur in wenigen Fällen verbessern sich die Symptome in diesem Alter.

ADS/ADHS-Krankheit im Erwachsenenalter

Im Laufe des Lebens verändert sich das Beschwerdebild. Meist ist die Hyperaktivität bei Erwachsenen nicht mehr ganz so stark ausgeprägt, weshalb häufig von einer ADS gesprochen wird. Symptome wie Vergesslichkeit, Schusseligkeit und innere Unruhe dominieren bei Betroffenen. Auch unüberlegte Handlungen und impulsive Verhaltensweisen treten häufig auf. Der Großteil der Betroffenen fühlt sich ruhelos und getrieben. ADS/ADHS bei Erwachsenen kann sich auch durch weitere Symptome zeigen:

  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Organisationsschwierigkeiten
  • Überaktivität in abgeschwächter Form
  • geringe Stress- und Frustrationstoleranz
  • Schwierigkeiten beim Regulieren von Gefühlen

Diagnose und Testverfahren

Eine ADHS-/ADS-Diagnose kann häufig schon durch die Beobachtung des Betroffenen und durch Gespräche mit Angehörigen gestellt werden. Außerdem wird eine umfangreiche Familienanamnese erhoben. Zur Sicherstellung der Diagnose kommen auch psychologische Testverfahren, wie zum Beispiel IQ- und Aufmerksamkeitstest, zum Einsatz. Hinzu kommen Selbstbeurteilungsbögen und Checklisten, die auf eine ADHS hinweisen können und oftmals auch als ADHS-Test bezeichnet werden. Einen speziellen ADHS-/ADS-Test gibt es allerdings nicht.

Eine körperliche Untersuchung auf neurologische Auffälligkeiten ist ebenfalls notwendig, da die folgenden psychischen und neurologischen Krankheiten ein ähnliches Krankheitsbild aufweisen können:

  • Epilepsie
  • Tic-Störungen
  • Psychosen
  • Autismus
  • Lese-Rechtschreib-Schwäche
  • Folgeerscheinungen durch Drogen oder Medikamente

Letztendlich kann die ADHS-Diagnose noch durch einen Psychologen, der eine Verhaltensbeobachtung durchführt, gesichert werden.
Therapiemöglichkeiten bei ADHS/ADS

Eine ADHS-Therapie ist nicht immer notwendig. Eltern sollten zunächst mit dem behandelnden Kinderarzt und Psychologen über das Ausmaß und die Schwere der Störung sprechen und sich beraten lassen. In der Regel ist eine Behandlung nur dann erforderlich, wenn die Störung zu starken sozialen und psychischen Beeinträchtigungen führt. Wird eine ADHS-Therapie empfohlen, so ist das Ziel, die Symptome zu lindern und den Betroffenen sozial zu integrieren.

Ist ADS/ADHS heilbar?

Leider muss diese Frage verneint werden. Eine Heilung der ADHS ist jedoch nicht möglich. In der Regel wird eine multimodale Therapie empfohlen, also eine Kombination aus der umfassenden Aufklärung über die ADHS, Bewältigungsstrategien und Verhaltenstherapie.

Ein weiterer Bestandteil der ADHS-Therapie können auch Medikamente darstellen. Allerdings werden diese in der Regel nur dann verschrieben, wenn starke psychosoziale Einschränkungen auftreten. Um die Hyperaktivität zu hemmen, damit sich Betroffene besser motivieren können und aufmerksamer werden, verordnen Ärzte die Psychostimulanzien Amphetamine und Methylphenidat (z. B. Ritalin), die an den Synapsen (Nervenenden) wirken. Die Wirkdauer von Noradrenalin und Dopamin wird hierdurch verlängert, sodass wieder ein Gleichgewicht hergestellt wird.

In einigen Fällen werden auch selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRA), wie zum Beispiel Atomextin, zur ADHS-Behandlung verschrieben, da sie den Neurotransmitter Noradrenalin beeinflussen. In Deutschland zugelassene Medikamente zur ADHS-Therapie sind aktuell:

  • Methylphenidat
  • Dexamfetamin
  • Atomexetin
  • Lisdexamfetamin

Alternative Therapie bei ADS/ADHS-Kindern

Wissenschaftliche Belege dafür, dass die homöopathische Behandlung von Kindern mit ADS/ADHS wirksam ist, existieren bislang nicht. Dennoch kann es sinnvoll sein, alternative Therapien auszuprobieren, das es keine allgemeingültige Behandlung für betroffene Kinder gibt. Vielmehr geht es hier um sehr individuelle und vielschichtige Prozesse, die somit auch einer individuellen Behandlung bedürfen.

Sollte Interesse an einer homöopathischen Behandlung bestehen, so ist es grundsätzlich empfehlenswert, hierfür einen speziell ausgebildeten und erfahrenen Heilpraktiker aufzusuchen. Nach ausführlichen Gesprächen wird dieser eine auf den jeweiligen Zustand des Kindes abgestimmte Arznei – vermutlich in Form von Globuli – zusammenstellen.

Umgang mit ADS/ADHS-Kindern

Eltern können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Verhaltensprobleme ihres Kindes deutlich zu bessern. Folgende Grundregeln können Eltern helfen, das Verhalten des Kindes positiv zu beeinflussen:

  • Eltern sollten nicht die „schlechten“ Seiten ihres Kindes im Blick haben, sondern sich vielmehr auf die guten Seiten konzentrieren und ihr Kind darin bestärken.
  • Dem Kind sollte immer gezeigt werden, dass es geliebt wird. Betroffene Kinder können nur schwer eine Aufgabe zu Ende bringen oder sich an Regeln halten.
  • Doch auch schon eine kleine Anstrengungsbereitschaft oder auch Teilerfolge sollte gelobt werden, da eine positive Verstärkung das gewünschte Verhalten fördert.
  • Um dem Kind Sicherheit und Halt zu geben, sollten Eltern klare Regeln aufstellen und Grenzen setzen. Ebenso wichtig ist eine Tagesstrukturierung und das Einführen von Ritualen.
  • Wenn das Kind eine Grenze übertritt oder sich nicht an eine Regel hält, sollten Eltern sofort und konsequent reagieren. Hierbei ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Viele Situationen sind bei betroffenen Kindern auch vorhersehbar, wie zum Beispiel das Erledigen der Hausaufgaben, sodass hierfür frühzeitig Regeln aufgestellt werden können.
  • Diskussionen sollten immer vermieden werden, wenn die Emotionen mal überkochen. Manchmal brauchen und Eltern und Kind eine Auszeit. Später kann versucht werden, das Problem mit mehr Gelassenheit zu lösen.
  • Da ein Kind mit ADHS/ADS sehr viel Kraft und Energie kostet, dürfen Eltern ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen und sollten sich ausreichend Zeit nehmen, um zu entspannen. Hiervon profitiert letztendlich auch das Kind. Hilfreich kann ggf. auch eine Mutter-Kind-Kur bei ADS/ADHS sein.

Studien weisen auf Wirksamkeit von Cannabis bei ADHS hin

Leider ist die aktuelle Studienlage in Bezug auf ADHS und Cannabis noch nicht ausreichend. Dennoch weisen einige Untersuchungen und Fallberichte auf die mögliche Wirksamkeit von Cannabis auf die ADHS-Symptomatik hin.

Im Jahr 2008 beobachteten Wissenschaftler der University of Nottingham, dass der Konsum von Cannabis bei 25 Heranwachsenden mit ADHS dazu führte, dass die Hyperaktivität, die Desorganisation und die Aufmerksamkeitsstörung abnahmen. Die Forscher schlossen daraus, dass Cannabis auf die ADHS eine positive Wirkung haben könnte.

Im Rahmen der Cannabinoid-Konferenz im Jahr 2015 wurde über eine Studie mit 30 Erwachsenen berichtet, die an einer therapieresistenten ADHS leiden. Alle Probanden verfügten über eine Ausnahmegenehmigung zur Verwendung von medizinischem Cannabis in Form von Cannabisblüten (Flos), Cannabisextrakt oder dem Fertigarzneimittel Dronabinol.

Unter Einbeziehung zweier älterer Studien aus dem Jahr 2003 vom Department of Cell Biology in Italien und aus dem Jahr 2006 von der Columbia University in New York erklärten Eva Milz und Franjo Grotenhermen zusammenfassend, dass alle Studienteilnehmer eine Verbesserung der Gesamtsymptomatik feststellen konnten. Besonders wirksam sei das medizinische Cannabis in Bezug auf die Schlafqualität, die Konzentrationsschwäche und die Impulsivität gewesen.

Die im August 2017 durchgeführte Studie am King´s College in London belegt, dass es unbedingt notwendig ist, die Zusammenhäng zwischen ADHS und der Symptomverbesserung durch Cannabis weiter zu erforschen. Im Rahmen der randomisierten placebokontrollierten Pilotstudie wurden 30 erwachsene Teilnehmer mit ADHS entweder mit einem Placebo oder dem Sativex-Mundspray (Wirkstoffe: THC/CBD) behandelt. Die mit Sativex behandelten Teilnehmer berichteten über eine signifikante Verbesserung der Hyperaktivität und Impulsivität ohne kognitive Beeinträchtigungen.

Pharmakotherapie oder Cannabis?

Pharmazeutische ADHS-Medikamente sind mit vielen Nebenwirkungen verbunden. Bekanntester Vertreter der Medikamente bei ADS/ADHS ist Ritalin (Methylphenidat), das zu den Derivaten von Amphetaminen gehört und sowohl anregend als auch aufregend wirkt. Die Transportfunktion für Noradrenalin und Dopamin wird gedrosselt, weshalb Ritalin in seiner Wirkungsweise dem Kokain ähnelt.

Bei Kindern kann eine Ritalin-Langzeitanwendung folgende Nebenwirkungen verursachen:

  • Wachstumsverzögerungen
  • reduzierte Gewichtszunahme durch Appetitlosigkeit und zu geringe Flüssigkeitsaufnahme
  • Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen
  • Brennen in der Speiseröhre
  • vermehrtes Schwitzen
  • Haarausfall
  • Dermatitis und Juckreiz
  • Schlafstörungen/Schlaflosigkeit
  • Kopfschmerzen und Schwindelgefühle
  • Nervosität, Angstgefühle, depressive Verstimmungen
  • Aggression und Anspannung
  • Herzrasen und Herzrhythmusstörungen
  • emotionale Labilität und Verwirrtheitszustände

Besonders problematisch ist der Rebound-Effekt. Lässt die Wirkung von Ritalin nach, so kann dies die eigentlichen Symptome deutlich verstärken.

Der internationale Forschungsverbund Cochrane Collaboration führt aus, dass die Wirkung von Ritalin nur mäßig ist und dass die Qualität der Studien zum Ritalin-Einsatz mehr als unbefriedigend seien. Zwar werde Ritalin seit mehr als 50 Jahren verordnet, dennoch gebe es keine zuverlässigen Studien über den Nutzen und die Gefahren von Ritalin.

Cannabis als Medizin könnte hier eine Alternative sein, denn die ADHS geht häufig mit weiteren Beschwerden wie Angst-, Zwangs- und Schlafstörungen sowie Depressionen einher. Und die Cannabinoide THC und CBD sind unter anderem für ihre beruhigende, angstlösende und antidepressive Wirkung bekannt. Außerdem kann Cannabis die Schlafqualität verbessern und stimmungsregulierend wirken.

Es ist bekannt, dass viele ADHS-Betroffene eine Neigung zum Drogenmissbrauch haben. Erklären lässt sich dies durch den geringen Dopamin-Spiegel im Körper. Drogen wie Tabak, Alkohol, Kokain und auch Cannabis können den Dopamin-Spiegel erhöhen, wobei Cannabis den Dopamin-Spiegel nur wenig beeinflusst. Das könnte schließlich auch eine Erklärung dafür sein, dass Cannabis ein geringeres Suchtpotenzial besitzt.

Endocannabinoidsystem beeinflusst Dopamin-Spiegel

Das (körpereigene) Endocannabinoidsystem spielt hier eine wichtige Rolle, da es den Dopamin-Spiegel im Körper beeinflusst. Diese Wechselbeziehung ist vermutlich bei ADHS-Betroffenen verändert. Es wird angenommen, dass bei ADHS-Betroffenen der Anandamid-Spiegel erhöht ist. Dabei handelt es sich um ein Cannabinoid, das der Körper selbst herstellen kann. Anandamid bindet an die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 genau wie THC. Forscher nehmen deshalb an, dass der Körper mehr Endocannabinoide herstellen könnte, um die ADHS-Symptome zu reduzieren.

Es gilt als bestätigt, dass das Endocannabinoidsystem mit seinen Cannabinoidrezeptoren bei der psychomotorischen und kognitiven Entwicklung eines Heranwachsenden eine wichtige Rolle spielt. Das System ist jedoch sehr komplex und es wird angenommen, dass das Endocannabinoidsystem bei ADHS-Betroffenen nicht einwandfrei funktioniert, weshalb eine Beeinflussung des Endocannabinoidsystems bei der ADHS wirksam sein könnte.

Interessant ist zudem, dass die ADHS-Symptome mit den Cannabinoidrezeptoren, die sich unter anderem vermehrt in den Gehirnregionen wie im Hippocampus und in der Amygdala befinden, in Verbindung gebracht werden. Dabei ist die Amygdala beispielsweise an der Angstentstehung und der emotionalen Bewertung beteiligt, während der Hippocampus eingehende Informationen verarbeitet.

Können Hanföl und CBD-Öl bei ADHS helfen?

CBD-Öl

Anders als das aus Samen der Pflanze hergestellte Hanföl, wird CBD-Öl in der Regel aus einem Mazerat oder aber einem anderen Blütenknospen-Auszug mithilfe der Destillation hergestellt. Da CBD-Öl entweder ganz frei von THC ist oder der THC-Anteil unterhalb von 0,2 Prozent liegt, entfaltet das Öl keine psychoaktive Wirkung und fällt damit auch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Das Hauptcannabinoid im Nutzhanf ist die Cannabidiolsäure (CBDA), wobei der Anteil je nach Ernte, Verarbeitung und Lagerung schwanken kann. Von Bedeutung ist dies, wenn es um die unterschiedlichen Wirkungen geht. Zudem erhöht CBDA die Bioverfügbarkeit des CBD. Deshalb verspricht ein natürliches CBD-Öl auch eine höhere Wirksamkeit als das reine CBD-Extrakt.

Weitere Wirkstoffe bzw. Cannabinoide im Nutzhanf sind:

  • Cannabigerol (CBG)
  • Cannabinol (CBN)
  • Cannabichromen (CBC)
  • Tetrahydrocaanabinolosäure (THCA)
  • Tetrahydrocannabivarin (THCV)

Gemeinsam entfalten diese Cannabinoide ihre Wirkung und tragen so zum therapeutischen Nutzen des CBD-Öls bei. Möglicherweise kann CBD-Öl unterstützend wirken, um das Gleichgewicht im Dopamin-Haushalt wieder herzustellen. Belege für die Wirksamkeit existieren jedoch nicht. Von Vorteil ist allerdings, dass Nebenwirkungen durch die Einnahme des CBD-Öls nicht bekannt sind. Lediglich bei einer Überdosierung kann es zu einem Blutdruckabfall, Müdigkeit, Schläfrigkeit und einem trockenen Mund kommen.

Hanföl

Hanfsamenöl (Hanföl) darf nicht mit dem CBD-Öl verglichen werden. Es handelt sich hierbei um zwei verschiedene Cannabisprodukte. Hergestellt wird Hanföl aus gepressten Hanfsamen, die nicht psychoaktiv wirken. Deshalb ist Hanföl auch in vielen Supermärkten neben anderen Ölsorten zu finden.

Das Besondere an Hanföl ist, dass dieses die wichtigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren Omega 3 und Omega 6 enthält, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Ein weiterer wichtiger Inhaltsstoff ist die seltene Gamma-Linolen-Säure.

Seit mehr als 20 Jahren wird angenommen, dass langkettige ungesättigte Fettsäuren an der ADHS beteiligt sind. Während der Entwicklung des zentralen Nervensystems, wie zum Beispiel für die Herstellung von Dopamin oder Serotonin, benötigt der Körper ungesättigte Fettsäuren und verschiedene Mikronährstoffe (Vitamine, Zink, Eisen etc.). Es wird vermutet, dass ADHS-Patienten einen zu niedrigen Omega-3-Fettsäuren-Spiegel haben, weshalb die Ernährung bei der ADS-/ADHS-Störung von Bedeutung ist.

Die Studienlage ist aktuell noch unklar. Vieles spricht jedoch dafür, dass eine Nahrungsergänzungstherapie mit Omega-3- und 6-Fettsäuren die ADHS-Symptome vermutlich lindern könnte. So berichteten beispielsweise die Forscher der Autonomous University of Ciudad Juarez in Mexiko im Jahr 2014 darüber, dass eine Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren Konzentrationsprobleme sowie weitere ADHS-Symptome bei Kindern lindern konnte. Nach der dreimonatigen Studie hieß es, dass sich mehr als die Hälfte der Kinder besser konzentrieren konnten und aufnahmefähiger waren.

Im August 2017 kamen Forscher aus Großbritannien nach einer systematischen Überprüfung von 16 randomisierten kontrollierten Studien zu dem Schluss, dass sich Omega-3- und 6-Fettsäuren als Zusatztherapie für ADHS eignen könnten.

Weiterführende Artikel auf Leafly.de:

Leafly Deutschland
Leafly Deutschland
Leafly Deutschland

Quellen:

Cannabinoid-Konferenz 2015, Eva Milz und Franjo Grotenhermen, „Successful therapy of treatment resistant adult with cannabis: experience from a medical practive with 30 patients

Department of Cell Biology and Neuroscience, Istituto Superiore di Sanita‘, viale Regina Elena 299, Roma I-00161, Italy, Adriani W1 et al., 2003, .”The spontaneously hypertensive-rat as an animal model of ADHD: evidence for impulsive and non-impulsive subpopulations

Department of Psychiatry, College of Physicians and Surgeons, Columbia University, New York, New York, USA, Aharonovich E1 et al., 2006, “Concurrent cannabis use during treatment for comorbid ADHD and cocaine dependence: effects on outcome

King׳s College London, MRC Social Genetic and Developmental Psychiatry, Institute of Psychiatry Psychology and Neuroscience, UK, Cooper RE1 et al., 2017, “Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial

Ähnliche Artikel