Erstes Cannabis-Institut in Merseburg geplant

Autor: Gesa Riedewald

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Die Hochschule Merseburg steigt mit ihren Planungen zu einem Cannabis-Forschungsinstitut in die nächste Runde ein: Ende November fand das erste Treffen von Experten verschiedener Fachrichtungen statt. Wenn das Projekt realisiert wird, wäre Merseburg ein Vorreiter in Deutschland. Leafly.de hat vor Ort nachgefragt.

Erstes Cannabis-Institut in Merseburg geplant

Update: Ende letzten Jahres berichteten wir darüber, dass die Hochschule Merseburg ein interdisziplinäres Cannabis-Forschungsinstitut plant. Jetzt zeigt sich: Ein Cannabis-Institut wird es so schnell nicht geben – es fehlen die Gelder.

Dr. Gundula Barsch, Professorin an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt, wie auch ihre Mitstreiter haben sich dafür eingesetzt, Forschungsgelder für das Institut zu erhalten. Dafür haben sie bei Bundesministerien, im Kanzleramt und bei den Bundestagsfraktionen angeklopft. Leider bisher vergeblich. Als Teilsieg kann Gundula Barsch aber immerhin verbuchen, dass „das Thema Forschung zu Cannabis von allen Fraktionen als wichtig erkannt wurde“.

Ob das Cannabis-Forschungsinstitut an der Hochschule Merseburg aber jemals realisiert werden kann, ist zurzeit ungewiss.

 

Interdisziplinäres Forschen zu Cannabis in Merseburg – Vorbild Kalifornien

Dr. Gundula Barsch, Professorin an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt, hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Sie will ein interdisziplinäres Cannabis-Forschungsinstitut ins Leben rufen – das erste seiner Art in Deutschland. Um dieses Projekt voranzutreiben, haben sich Ende November Experten aus Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aus Sachsen-Anhalt und angrenzenden Regionen zu einem Kick-off-Meeting zusammengefunden.

Vorbild des geplanten Cannabisinstituts ist das HiiMR, Humboldt Institute for Interdisciplinary Marihuana Research, in Arcata (Kalifornien). Professorin Dr. Barsch, die Expertin auf dem dem Gebiet der Drogenforschung ist, verbrachte hier ein Forschungssemester. Aber auch Neugründungen wie das Northeastern Institute of Cannabis in New England, oder das DCI Cannabis Institut in München sieht Barsch als richtungsweisend an.

Warum ein interdisziplinäres Forschungsinstitut?

Seit März 2017 ist Cannabis für den medizinischen Einsatz verschreibungsfähig. Die Sozialwissenschaftlerin Barsch ist der Meinung, dass mit dieser beschränkten Legalisierung von Medizinalhanf Veränderungen rund um die Substanz Cannabis auf die Gesellschaft zukommen – und damit auch neue Herausforderungen.

Daher ist Expertise gefragt, die das Thema Cannabis als Medizin wissenschaftlich begleiten kann und Wissenslücken schließen soll. Gleichzeitig soll das Institut aber auch beratend zur Seite stehen – in rechtlichen, politischen wie auch sozialwissenschaftlichen Fragen. Der Grundgedanke des interdisziplinären Ansatzes ist es, Fachwissen zu allen Fragen rund um Cannabis zu entwickeln, so Dr. Barsch.

Cannabis als Zukunftsthema

Professorin Barsch prognostiziert, dass die Zahl der Patientinnen und Patienten, die Medizinalhanf anwenden, in Zukunft steigen wird. Mit dem Cannabisgesetz ist die Entstehung eines neuen Industriezweigs legitimiert worden, so die Wissenschaftlerin, der „von Anbau, Produktion, Handel, Vertrieb bis hin zu Verkauf und Abgabe einer Substanz reicht, die besonderen Regulierungen unterliegen sollte“.

Die Hochschule Merseburg hat verschiedene Fachbereiche, die übergreifend das Thema Cannabis untersuchen können: Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, IT, Ingenieur- und Naturwissenschaften.

„Das medizinische Potenzial von Cannabis ist bisher nicht ausreichend untersucht. Die Cannabisforschung steht dazu noch ganz am Anfang“, erklärt Dr. Barsch im Gespräch mit Leafly.de. „Neben den Fragen zur Anwendung und Wirkung von Cannabis als Heilmittel interessieren wir uns auch für gesellschaftliche, politische und rechtliche Aspekte. Eine weitere Aufgabe des neuen Forschungsinstituts soll deshalb sein, das wirtschaftliche Potenzial von Cannabis auszuloten und aufzuzeigen, wie dieses genutzt werden kann“, so die Professorin.

Cannabis als Medizin am Forschungsinstitut

Ein weiterer Aspekt des neuen Forschungsinstituts soll im Bereich medizinische Anwendungen von Cannabis liegen. So sind auch Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung sowie Ärztinnen und Ärzte in die Planungen eingebunden.

Sachsen-Anhalt als Pionier

Wird das geplante Institut realisiert, nimmt die Hochschule Merseburg und damit das Land Sachsen-Anhalt eine Pionierstellung in puncto Cannabisforschung ein.

„Ein interdisziplinäres Cannabis-Forschungsinstitut würde die Hochschule Merseburg zu einem Vorreiter in Deutschland machen. Das wäre eine große Chance für die gesamte Region Sachsen-Anhalt” – davon ist Dr. Barsch überzeugt.

Die Hochschulleitung unterstützt die Idee des Forschungsinstituts. So erklärt der Rektor der Hochschule Merseburg, Professor Dr.-Ing. Jörg Kirbs, gegenüber Leafly.de: „Die Hochschule steht dieser Idee sehr offen gegenüber. Das neue Gesetz fordert fachliche Expertise in den Bereichen Recht, Politik, Wirtschaft, Medizin, Soziologie aber auch in Ingenieurwissenschaften. Der Aufbau eines entsprechenden interdisziplinären Instituts wäre daher eine Option, die medizinische Nutzung von Cannabis wissenschaftlich zu begleiten.”

Auch BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen-Anhalt stehen hinter der Idee eines Cannabis-Forschungsinstituts. Der Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel aus dem Saalekreis betont die wirtschaftlichen Chancen, die sich durch das Institut für die Region ergeben könnten:

“Am Hochschulstandort Merseburg finden sich sehr gute Voraussetzungen zur Etablierung einer Cannabis-Forschungseinrichtung. Wir haben dabei auch die perspektivische Ansiedlung von Unternehmen im Blick, die im Bereich von Arzneimittelherstellung tätig werden können.“

Bisher fehlt das Geld

Eine große Hürde sind allerdings die Finanzen: Die Hochschule benötigt Forschungsgelder, um die Pläne von Dr. Barsch in die Realität umzusetzen. Diese Gelder wollen die Wissenschaftlerin und ihre Kolleginnen und Kollegen ab Ende Januar bei verschiedenen Bundesministerien beantragen.

Auch Jörg Kirbs, der Rektor der Hochschule, sieht die finanzielle Situation kritisch: Die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen seien noch genauestens zu prüfen.

Das Wissenschaftsministerium von Sachsen-Anhalt verhielt sich bisher sehr zurückhaltend und wollte sich gegenüber Leafly.de nicht konkret zu den Plänen äußern. Eine Prüfung des Vorhabens sei erst dann möglich, wenn ein tragfähiges Konzept vorliegt. Und das sei derzeit nicht der Fall, so ein Sprecher des Ministeriums.

Leafly.de berichtete bereits über die schlechte Ausbildungslage in Deutschland und wird die Entwicklungen an der Hochschule Merseburg verfolgen und weiter darüber berichten.

Quellen:

  • Mitteldeutsche Zeitung
  • Foto: Dennis Richter

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