Cannabis-Wirkung auf das jugendliche Gehirn

Autor: Dr. Christine Hutterer

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Die Reihenfolge, in der Jugendliche Suchtmittel probieren, scheint sich zu ändern. Zumindest deuten Daten aus den USA darauf hin. Während Jugendliche traditionell mit Zigaretten oder Alkohol als erste Substanzen experimentierten und erst später zum ersten Joint griffen, rückt inzwischen häufig Cannabis vor das Rauchen von Zigaretten. Was das für Folgen für das Gehirn und die Entwicklung hat, möchten wir in diesem Beitrag vorstellen.

Cannabis-Wirkung auf das jugendliche Gehirn

Mit der Cannabis-Wirkung auf das jugendliche Gehirn beschäftigen sich immer mehr Wissenschaftler. Bereits im Dezember haben wir über die Ergebnisse einer kanadischen Studie berichtet. Demnach sei Cannabis für Jugendliche gefährlicher als Alkohol. Anfang Januar erklärten zudem US-amerikanische Forscher, dass Cannabis erhebliche Auswirkungen auf die Lern- und Gedächtnisleistungen von Jugendlichen haben kann (Leafly berichtete).

Es ist jedoch erfreulich, dass weniger Jugendliche mit dem Rauchen beginnen. Doch Daten zeigen, dass dafür Cannabis in jüngerem Alter probiert, und teilweise regelmäßig, konsumiert wird. Unklar ist, welche Folgen diese aktuelle Entwicklung haben wird. Besorgnis ist durchaus angebracht, denn die Ergebnisse einer aktuellen Studie legen nahe, dass schon zwei gerauchte Joints in der Jugend das Gehirn dauerhaft verändern können.

Ist das alles Panikmache oder vielleicht doch etwas dran?

Seit einigen Jahren ändert sich in vielen Ländern der Blick auf Cannabis. Galt es früher als die Einstiegsdroge für eine Drogenkarriere, die – so war die Ansicht – häufig über kurz oder lang mit einem Goldenen Schuss enden würde, sieht man das heute differenzierter. Das Abhängigkeitspotential wird inzwischen auch realistischer eingestuft (es gibt eines!). Das ist einerseits erfreulich, denn die unberechtigte und undifferenzierte Verteufelung von Cannabis findet damit – langsam – ein Ende. Doch auf der anderen Seite bewirkt das geänderte Risikoempfinden, dass bei Jugendlichen die Neugier deutlich früher über den “Respekt” vor der Substanz siegt.

“Nun ja, da Cannabis ja gar nicht so gefährlich ist, wie es uns lange weisgemacht wurde, ist das doch auch nicht schlimm”, möchte man denken. Doch das ist leider ein Denkfehler. Auch wenn man Cannabis nicht auf das gleiche Level stellen kann wie Heroin oder Crystal Meth, so ist es eine Substanz mit einem ausgeprägten Wirkspektrum und bedeutsamen Nebenwirkungen. In der medizinischen Therapie versucht man sich die verschiedenen Wirkungen zunutze zu machen. Aber Kinder und Jugendliche befinden sich in der Entwicklung. Und während der  Entwicklung, z.B. des Gehirns, aber auch zahlreicher anderer Strukturen und Systeme, ist ein Körper sehr anfällig für Einflüsse von außen. Folglich sollten solche während der Kindheit und Pubertät möglichst unterbleiben. Dass das mit dem Drang nach “sich ausprobieren” nicht leicht zu vereinbaren ist, steht auf einem anderen Blatt.

Cannabis-Wirkung auf die Gehirnentwicklung

Die Cannabis-Wirkung bzw. die Wirkungen von einzelnen Cannabinoiden auf die Entwicklung des Gehirns sind im Menschen bisher nicht umfassend untersucht. Das hat vor allem ethische Gründe. Denn es ist nicht vertretbar, Kinder und Jugendliche bewusst einer möglichen Gefahr auszusetzen, nur um Wissen zu generieren. Dennoch gibt es einige Untersuchungen zur Cannabis-Wirkung an Jugendlichen, die bereits Cannabis konsumiert haben sowie an Tiermodellen und Zellkulturen.

Cannabis verändert Hirnstruktur

So weiß man aus vielen präklinischen Untersuchungen, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Kontakt des Gehirns (Exposition) mit Cannabis und der Hirnmorphologie (Hirnstruktur) gibt. Wie genau diese Änderungen der Hirnstruktur aussehen, ist noch nicht abschließend geklärt. Interessant ist, dass sowohl vergrößerte als auch verkleinerte Hirnvolumina beobachtet wurden. Derzeit vermuten die Wissenschaftler, dass zusätzlich konsumierte Substanzen wie Alkohol und Nikotin sowie das Alter, in dem der Konsum begonnen hat, die Auswirkungen beeinflussen könnten. Man weiß aber auch, dass die Cannabis-Wirkung bzw. Auswirkungen auf das Volumen des Gehirns abhängig von der Dosis sind.

Dass sich diese Veränderungen auch auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns und die Denk- und Merkfähigkeit auswirken, ist ebenfalls gut untersucht.

Endocannabinoidsystem und Pubertät

Ein Mechanismus, der sehr wahrscheinlich an den neurobiologischen Veränderungen maßgeblich beteiligt ist, ist das Endocannabinoidsystem. Alle Komponenten des Endocannabinoidsystems sind schon im kindlichen Körper vorhanden und aktiv. Schon inDas System entsteht bereits sehr früh in der Entwicklung. Während der Kindheit wirkt es an einer Reihe von Reifungsprozessen mit. Beispielsweise an der Entwicklung des Kortex, bei der Regulation der Zelldifferenzierung oder der Differenzierung, Wanderung und dem Überleben von Nervenzellen.

Strukturen im Gehirn, in denen eine große Anzahl an Cannabinoidrezeptoren vorhanden ist, sind bei Cannabiskonsumenten vorrangig von Strukturänderungen betroffen, z.B. die Amygdala, der Hippocampus, das Striatum und das Kleinhirn (Zerebellum). Das Endocannabinoidsystem ist an Reifungsprozessen im Gehirn beteiligt. Gleichzeitig ist die Pubertät ein Zeitraum, in dem massive Umbauvorgänge im jugendlichen Gehirn stattfinden. Jugendliche, die Cannabis konsumieren, sind daher einem sehr hohen Risiko für Veränderungen des Gehirns ausgesetzt. Das bestätigen auch Untersuchungen, die zeigen, dass die strukturellen Unterschiede im Gehirn umso größer sind, je früher im Leben der Cannabiskonsum begonnen wurde.

Was bewirken 2 Joints?

Wissenschaftler haben eine Gruppe von 46 Jugendlichen im Alter von 14 Jahren untersucht, die in einer Befragung angaben, ein- bis zweimal Cannabis in ihrem Leben konsumiert zu haben. Sie analysierten die Strukturen im Gehirn und verglichen die Ergebnisse mit einer Gruppe von Jugendlichen, die ansonsten dieselben Merkmale aufwiesen (Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Händigkeit, pubertäre Entwicklung, Intelligenz), aber angaben, noch nie Cannabis probiert zu haben.

Mehr Graue Substanz

Die Analysen ergaben, dass das Volumen der Grauen Substanz in Hirnregionen, in denen das Endocannabinoidsystem stark aktiv ist, höher war als bei der Vergleichsgruppe. Die Studienleiter folgerten also, dass bereits ein oder zwei Joints Veränderungen im Gehirn bewirken können. Besonders betroffen war die Amygdala, die für die Steuerung von Emotionen wie Angst, Wut und anderen zuständig ist, sowie der Hippocampus. Der Hippocampus steuert das Gedächtnis und das räumliche Denken. In anderen Regionen (z.B. dem Kleinhirn) waren ebenfalls Volumenzuwächse zu beobachten.

Logisches Denken beeinträchtigt

Diese Ergebnisse waren auch für die Forscher überraschend. Denn bisher wurde angenommen, dass erst regelmäßiger oder zumindest häufigerer Konsum Veränderungen am Gehirn hervorruft. Ergänzend fanden die Wissenschaftler, dass die Jugendlichen aus der Cannabisgruppe in neuropsychologischen Tests schlechter abschnitten als die Kontrollgruppe. Das logische Denken, die Arbeitsgeschwindigkeit und die manuelle Geschicklichkeit war schlechter als bei den gleichaltrigen Kontrollen.

Langfristige Folgen unklar

Unklar ist, ob und welche Auswirkungen die Veränderungen durch den geringen Cannabiskonsum langfristig haben (könnten). Ob beispielsweise das Risiko für Angst- und andere psychische Erkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen erhöht oder die Gedächtnis- und Lernfähigkeit beeinträchtigt ist. Aus Untersuchungen von Jugendlichen, die regelmäßig Cannabis konsumiert haben, weiß man, dass folgende Probleme auftreten können:

  • verminderte Selbstkontrolle
  • erhöhte Impulsivität
  • Antriebsstörungen
  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Störungen im Lernverhalten
  • Störungen im Kurzzeitgedächtnis und im schlussfolgernden Denken

Niemand möchte Panik verbreiten, doch offenbar reichen schon einzelne Konsumereignisse aus, um die Entwicklungsvorgänge im Gehirn zu verändern. Das ist auf jeden Fall eine wichtige Erkenntnis. Diese muss unbedingt in der Aufklärung über die Cannabis-Wirkung und auch die Wirkungen von weiteren bewusstseinserweiternden Substanzen Raum finden. Nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht haben 7,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in den letzten 12 Monaten Cannabis konsumiert. Unter den 15- bis 16-Jährigen in Europa haben 21 Prozent der Schüler und 16 Prozent der Schülerinnen Cannabis mindestens einmal probiert.

Allerdings muss man feststellen, dass die Testgruppe der Studie mit 46 Personen relativ klein ist. Auch können die Forscher nicht mit Sicherheit ausschließen, dass die Jugendlichen falsche Angaben gemacht haben und eventuell öfter als ein- bis zweimal konsumiert hatten.

Mit Untersuchungen dieser Art kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob einzelne Cannabinoide (v.a. THC) für die Folgen verantwortlich sind, oder die Kombination aus Wirkstoffen.

Da Cannabis und Cannabinoide auch in medizinische Behandlungen immer weiter einziehen, ist die Frage von Bedeutung, ob auch Kinder gefahrlos behandelt werden können.

 

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