Autoflowering Cannabis: Was ist das, und welchen medizinischen Nutzen bietet es?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 12. September 2017

Geändert am: 18. November 2017

Autoflowering ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Cannabis immer wieder auftaucht. Doch was bedeutet Autoflowering eigentlich, und welchen Nutzen bietet Autoflowering Cannabis? Diesen und weiteren Fragen geht dieser Leafly.de Beitrag nach.

"Autoflowering = selbstblühend"

Autoflowering: Wie genau funktioniert das?

Übersetzt bedeutet Autoflowering “selbstblühend”. Gemeint ist hiermit die Cannabis Sorte Ruderalis, die neben Cannabis Sativa und Indica zu den Obercannabissorten gehört. Ruderalis leitet die Blüte mit hilfe von genetischen Eigenschaften ein. Sativa und Indica blühen durch der Reaktion auf die Photoperiode (Beleuchtungszeit). Indem Ruderalis in Sativa und Indica eingekreuzt wird, können unterschiedliche Hanfsorten gezüchtet werden. Hieraus entstehen die sogenannten Autoflowering Cannabis Sorten. Die Medizin macht sich die Cannabis Sorte Ruderalis zunutze, da sie einen hohen CBD- und einen geringen THC-Anteil besitzt. Hingegen enthalten Sativa und Indica einen hohen THC- und einen niedrigen CBD-Gehalt.

Die Hanfpflanze Ruderalis wächst in kalten Regionen wie in China oder im Norden Russlands. Die Tageslichtstunden folgen hier nicht dem üblichen Tag- und Nachtzyklus, weshalb sich Ruderalis so entwickelt hat, dass sie einfach ab einem bestimmten Alter zu blühen beginnt. Im Vergleich zu Cannabis Sativa und Indica besitzt die Hanfpflanze Ruderalis nur sehr kleine Cannabisblätter und nur wenige Seitenzweige.

Obwohl die Cannabis Sorte Ruderalis nur einen niedrigen Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) aufweist, gibt es Hinweise, dass die Hanfpflanze schon vor vielen Jahrhunderten für medizinische Zwecke genutzt wurde. So wurde in einem mongolischen Grab, das vermutlich über 2400 Jahre alt ist, ein Beutel mit Ruderalis-Samen gefunden. Bekannt ist auch, dass die alten Mongolen Ruderalis für schamanische Rituale nutzen. Auch soll Ruderalhanf noch heute in verschiedenen Regionen Russlands gegen Depressionen eingesetzt werden.

Im Vergleich zu Cannabis Sativa und Indica enthält Ruderalis einen hohen Cannabidiol-Gehalt. Das macht die Cannabis Sorte Ruderalis für die Medizin sehr interessant. Noch ist CBD nicht so gut erforscht wie THC. Jedoch besitzen Kreuzungen (Autoflowering Cannabis) mit Ruderalis das therapeutische Potenzial, um Entzündungen, Ängste und Übelkeit zu bekämpfen.

Cannabidiol Wirkung im Körper

Die THC Wirkung im Körper ist im Vergleich zur CBD-Wirkung sehr gut erforscht. So aktiviert THC die körpereigenen Cannabinoid Rezeptoren bzw. insbesondere den Cannabinoidrezeptor 1 (CB1). Hierdurch wird die psychoaktive Wirkung des THC im Körper ausgelöst. Mit der Aktivierung des CB1 und des zweiten wichtigen Cannabinoid Rezeptors CB2 entfaltet THC seinen therapeutischen Nutzen und beeinflusst das körpereigene Endocannabinoid System auf unterschiedliche Weise.

Das CBD entfaltet hingegen keine psychoaktive Wirkung. Forscher vermuten, dass CBD aus Ruderalis über zehn verschiedene Wirkmechanismen besitzt. Unter anderem beeinflusst CBD unterschiedliche Rezeptoren, wie zum Beispiel den CB1, den Glycinrezeptor, den 5-HT1A-Rezeptor sowie zwei Vanilloid Rezeptoren. Zudem werden dem CBD antioxidative Effekte nachgesagt.

CBD hemmt die Wirkung von THC

Forscher entdeckten, dass CBD die Wirkung des THC abmildert, indem es den CB1 blockiert. Auch die Appetitzunahme wird gehemmt und die Herzfrequenz nicht beschleunigt wie beim THC. Deshalb sehen Forscher und Mediziner im CBD unter anderem das Potenzial, effektiv bei der Behandlung von Übergewicht zu sein. Außerdem werden Ruderalis-Kreuzungen genutzt, um THC verträglicher zu machen.

CBD hemmt die Aufnahme von Anandamid

Das CBD besitzt aber noch eine weitere Wirkungsweise. So werden die Aufnahme und der Abbau des Anandamid, ein (körpereigenes) Endocannabinoid gehemmt. Infolge dessen kann CBD die Anandamid-Konzentration im Körper steigern. Anandamid aktiviert beide Cannabinoidrezeptoren, weshalb die Zufuhr von CBD diese Aktivierung fördern könnte. In klinischen Studien wurde beobachtet, dass CBD eine antipsychotische Wirkung haben kann. Diese Wirkung ist auf die Erhöhung des Anandamid-Spiegels im Gehirn zurückführen, wenn CBD eingenommen wird.

Bereits im Jahr 2012 fand das Forscherteam der Medical Faculty Mannheim und der Heidelberg University heraus, dass Cannabidiol eine antipsychotische Wirkung aufweist und dass dies auf die Hemmung des Anandamid Abbaus zurückführen ist. In einer aktuellen Studie untersuchten die Forscher rund 40 Schizophrenie-Patienten. Während die eine Hälfte der Patienten mit dem Antipsychotikum und Neuroleptikum Amisulprid behandelt wurden, bekam die andere Hälfte Cannabidiol. Nach einer vierwöchigen Behandlungszeit kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass sich bei allen Patienten die psychotischen Symptome verbesserten. Das CBD war also genauso wirksam wie das Antipsychotikum. Wichtig war für die Forscher auch die Erkenntnis, dass CBD bei weitem nicht so schwere Nebenwirkungen wie Neuroleptika auslöst. CBD könnte hier also das Potenzial besitzen, antipsychotische Medikamente abzulösen.

CBD in der Schmerztherapie

Die Vanilloid-Rezeptoren (Typ 1 und 2), die als Schmerzrezeptoren dienen, können vom CBD stimuliert werden, und zwar ähnlich wie Capsaicin. Es handelt sich hierbei um ein natürliches Alkaloid, das in unterschiedlichen Paprikasorten vorkommt und für deren Schärfe verantwortlich ist. Forscher nehmen an, dass die durch CBD ausgelöste Stimulierung der Vanilloid-Rezeptoren eine schmerzhemmende Wirkung haben kann.

An der italienischen University of Milano-Bicocca untersuchten Forscher das therapeutische Potenzial von CBD bei Ratten, die an Entzündungsschmerzen litten. Diese erhielten über mehrere Tage Cannabidiol und erfuhren hierüber eine Schmerzlinderung. Im Vergleich zu Menschen besitzen Ratten keine Glycinrezeptoren, weshalb die Forscher folgerten, dass diese Rezeptoren mitverantwortlich für die Unterdrückung chronischer Schmerzreize durch Cannabidiol sind. Die Glycinrezeptoren befinden sich vorwiegend in den menschlichen Nervenzellen und durch die Aktivierung tritt eine verminderte Erregbarkeit auf, sodass es durchaus denkbar ist, dass CBD bei chronisch schmerzhaften Zuständen hilfreich sein könnte.

CBD gegen Angsterkrankungen und Depressionen

Der 5-HT1A-Rezeptor gehört zu den Serotonin-Rezeptoren, die im Gehirn als auch im Rückenmark für verschiedene Effekte, wie zum Beispiel Lernvorgänge oder Körpertemperaturregulierung, verantwortlich ist. Bereits heute wird der Arzneistoff Buspiron genutzt, um den 5-HT1A-Rezeptor zu aktivieren, um damit Angstzustände und Depressionen zu lindern. Auch CBD ist in der Lage, den 5-HT1A-Rezeptor zu aktivieren.

Spanische Forscher legten im Jahr 2016 die Ergebnisse einer Studie vor. Die Experten gehen davon aus, dass CBD ein wirksames Antidepressivum und angstlösendes Medikament sein könnte, ohne die schweren Nebenwirkungen von Antidepressiva oder Benzodiazepinen.

CBD und THC im Kampf gegen Krebs

Mittlerweile zeigen einige Studien, dass die Cannabinoide CBD und THC ein geeignetes Krebsmedikament sein könnten. So zeigen beispielsweise die Ergebnisse einer israelischen Studie aus dem Jahr 2016, dass beide Cannabinoide die Eigenschaft aufweisen, Tumore im Wachstum zu hemmen. Festgestellt wurde auch, dass das CBD hier das aktivere Cannabinoid war. Bereits im Jahr 2012 wies eine italienische Studie darauf hin, dass CBD das Wachstum verschiedener Tumortypen hemmen kann.

Autoflowering Cannabis in der Medizin

Die Hanfpflanze Ruderalis hatte aufgrund ihrer genetischen Struktur lange Zeit eine Außenseiterposition, da sie eine nur sehr geringe THC-Konzentration aufweist. Da Ruderalis aber einen hohen CBD-Gehalt und somit auch medizinische Qualitäten besitzt, ist die Hanfpflanze immer mehr ins Visier der Forschung gerückt. Von Vorteil für den Cannabisanbau ist vor allem, dass Ruderalis selbstblühend ist, weshalb unterschiedliche Autoflowering Sorten geschaffen werden können.

In der Medizin werden jetzt schon Autoflowering Sorten mit einem hohen CBD-Gehalt angewendet. Diesen werden folgende Eigenschaften zugeschrieben:

  • antipsychotisch
  • entzündungshemmend
  • entgiftend
  • tumorhemmend
  • antidepressiv und anxiolytisch (angstlösend)
  • schmerzhemmend
  • antiemetisch (Brechreiz mindernd)

Cannabisblüten mit einem hohen CBD-Gehalt sind beispielsweise Bediol mit 6,5 Prozent THC/8 Prozent CBD (Genetik: Ruderalis Indica) und Bedrolite mit 1 Prozent THC/9 Prozent CBD. Hierüber informiert der Deutsche Hanfverband.

Darüber hinaus gibt es CBD-haltige Hanf-Öle, die einen THC-Gehalt von unter 0,2 Prozent aufweisen und legal verkauft werden dürfen. In den USA und in Israel wird CBD-Öl zur Unterdrückung von epileptischen Anfällen, Psychosen und Schmerzen genutzt. Eine im Jahr 2014 durchgeführte Studie in Israel hat gezeigt, dass 66 von 74 Kindern und Jugendlichen, die an Epilepsie litten, eine signifikante Anfallsverminderung durch die Behandlung mit CBD-Öl erreicht werden konnte.

Medizinisches Cannabis: Inkrafttreten des neuen Gesetzes

Seit dem 1. März 2017 ist medizinisches Cannabis (Medizinalhanf) verschreibungsfähig. Das bedeutet, dass Ärzte Cannabisblüten und Cannabis Extrakte auf einem Betäubungsmittelrezept (BtMG-Rezept) verordnen dürfen. Eine Ausnahmeerlaubnis von der Bundesopiumstelle des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist ab sofort nicht mehr erforderlich.

Die Verschreibungshöchstmenge beträgt 100 Gramm innerhalb von 30 Tagen, also 100.000 Milligramm. Vor Beginn der Behandlung sollten Patienten einen Kostenübernahmeantrag stellen, da sonst die Cannabis-Therapie selbst gezahlt werden muss. Gemäß dem neuen Gesetz dürfen Krankenkassen diesen Antrag nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen.

Quellen:

Department of Psychiatry and Psychotherapy, Central Institute of Mental Health, Medical Faculty Mannheim, Heidelberg University, Mannheim, Germany, Leweke FM1, Piomelli D et al., 2012, “Cannabidiol enhances anandamide signaling and alleviates psychotic symptoms of schizophrenia

Department of Psychiatry and Psychotherapy, Central Institute of Mental Health, Medical Faculty Mannheim, Heidelberg University, Mannheim Germany, Rohleder C1, Müller JK1, Lange B1, Leweke FM1, 2016, “Cannabidiol as a Potential New Type of an Antipsychotic. A Critical Review of the Evidence

Department of Biotechnology and Bioscience, University of Milano-Bicocca, piazza della Scienza 2, 20126 Milano, Italy, Costa B1 et al., 2007, “The non-psychoactive cannabis constituent cannabidiol is an orally effective therapeutic agent in rat chronic inflammatory and neuropathic pain

Instituto de Biomedicina y Biotecnología de Cantabria, IBBTEC (Universidad de Cantabria, CSIC, SODERCAN), Departamento de Fisiología y Farmacología, Universidad de Cantabria, 39011 Santander, Spain; Centro de Investigación Biomédica en Red de Salud Mental (CIBERSAM), Instituto de Salud Carlos III, Spain, Linge R1 et al., 2016, “Cannabidiol induces rapid-acting antidepressant-like effects and enhances cortical 5-HT/glutamate neurotransmission: role of 5-HT1A receptors

Department of Pediatric Hemato-Oncology, The Edmond and Lily Safra Children’s Hospital; Sackler School of Medicine, Tel-Aviv University, Tel-Aviv, Israel, Fisher T1 et al., 2016, “In vitro and in vivo efficacy of non-psychoactive cannabidiol in neuroblastoma

Department of Biomedical, Computer and Communication Sciences, University of Insubria, Busto Arsizio (VA), Italy, Solinas M1 et al., 2012, “Cannabidiol inhibits angiogenesis by multiple mechanisms

Pediatric Neurology Units of Tel Aviv Sourasky Medical Center, Tel Aviv, Tzadok M1 et al., 2016, “CBD-enriched medical cannabis for intractable pediatric epilepsy: The current Israeli experience

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