Cannabisabhängigkeit oder Endocannabinoidmangel?

Der Artikel von Dr. Christine Hutterer “Cannabisabhängigkeit und Behandlungsmöglichkeiten” (1) hat nicht nur für rege Diskussionen gesorgt, sondern auch für großen Unmut in den sozialen Medien, besonders auf Facebook. Unsere Leser*innen und die Meinungen sind uns sehr wichtig, auch wenn sie von unserem eigentlichen Thema, fachlich kompetent über den verantwortungsvollen Umgang und Einsatz von Medizinalcannabis und cannabisbasierten Arzneimitteln zu informieren und aufzuklären, abweicht. Daher haben wir uns entschieden, das Thema „Abhängigkeit“ auch im Licht des Freizeitkonsums noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Cannabisabhängigkeit oder Endocannabinoidmangel?

Bevor wir tiefer in das Thema Cannabisabhängigkeit einsteigen, sehen wir uns erst mal den Unterschied zwischen Abhängigkeit und Gewohnheit an.

Abhängigkeit und Gewohnheit: Ein schmaler Grad

Der Kaffee und die Zigarette am Morgen, das Bier und der Joint am Abend, die Schokolade bei Stress – wir alle haben unsere „Gewohnheiten“. Ob diese gesund oder ungesund sind, spielt hier erst zunächst keine Rolle. Eine Gewohnheit ist das, was wir ohne nachzudenken tun.

Sollte aber nun beispielsweise morgens kein Kaffee da sein, obwohl wir es gewohnt sind, morgens eine Tasse Kaffee zu trinken, fühlen wir uns unwohl. Wir brauchen doch morgens unseren Kaffee. Gewohnheit, Unwohlsein, gewohnt, unwohl – all dies hängt zusammen und hat etwas mit dem Belohnungssystem in unserem Gehirn und verschiedenen Botenstoffen wie Dopamin zu tun.

Wenn wir eine Handlung ausführen oder etwas zu uns nehmen und sich das gut anfühlt, wiederholen wir das mit großer Wahrscheinlichkeit. Diese wiederholten Handlungen oder das wiederholte Zuführen einer Substanz, hinterlässt in unserem Gehirn Spuren bzw. prägt sich das in unser Gehirn ein und der Autopilot wird eingeschaltet.

Kaffeeabhängigkeit, Cannabisabhängigkeit …

Eine Gewohnheit kann man mit etwas Mühe und Anstrengung selbst ablegen. Wenn wir – um wieder auf das Kaffeebeispiel zurückzukommen – auf die morgendliche Tasse Kaffee verzichten, dann fällt uns das sehr schwer. Die Sehnsucht ist groß nach dem morgendlichen Kick und auch der Körper reagiert. Vielleicht zeigt sich ein starkes Müdigkeitsgefühl oder es treten sogar Kopfschmerzen auf. Aber wenn wir „eisern“ bleiben, vergehen diese Symptome auch schnell wieder.

Verspüren wir jedoch den unwiderstehlichen Drang bzw. Zwang, den Kaffee jetzt unbedingt zu benötigen und diesem immer wieder nachgeben, sprechen wir von einer Abhängigkeit. Und es ist nun mal eine Tatsache, dass wir von Handlungen und auch von allen Substanzen abhängig werden können.

Das gilt eben auch für Cannabis und damit gibt es auch eine Cannabisabhängigkeit. Ob jemand eine Cannabisabhängigkeit entwickelt und unter welchen Umständen er diese entwickelt, steht auf einem anderen Blatt. Das kommt auf die Persönlichkeit eines jeden Einzelnen an.

Was ist eine Abhängigkeit im medizinischen Sinn?

Unter einer Abhängigkeit wird der unwiderstehliche Drang oder das zwanghafte Bedürfnis nach einem bestimmten Reiz (Stimulus) verstanden. Dabei basiert die Abhängigkeit auf sehr komplexen Abläufen des Gehirnstoffwechsels. Hier spielen die Neurotransmitter (Botenstoffe) eine wichtige Rolle, da sie der „Belohnung“ des Gehirns dienen. Die Ausschüttung der Neurotransmitter kann durch Drogen oder auch bestimmte Situationen beeinflusst werden. Eine Abhängigkeit kann deshalb nicht nur von Drogen, sondern auch von verschiedenen Verhaltensmustern (z. B. Spielsucht) bestehen.

Physische Abhängigkeit

Durch den regelmäßigen Konsum einer Substanz hat sich der Körper daran gewöhnt, sodass er diese für das „normale Funktionieren“ benötigt. Als Zeichen einer körperlichen Abhängigkeit gelten gemäß DSM-V die Entzugserscheinungen sowie die Toleranzentwicklung. Beide Faktoren sind jedoch keine hinreichenden Merkmale für eine körperliche Abhängigkeit, da die Toleranzentwicklung bei fast allen Substanzen auftritt.

Als weitgehend sichere Zeichen gelten deshalb die folgenden Symptome:

  • Unruhe
  • Schweißausbrüche
  • Magenkrämpfe
  • Zittern
  • Kontrollverlust
  • kontinuierliche Dosiserhöhung

Zu den Substanzen, die körperlich abhängig machen können, gehören unter anderem:

  • Alkohol
  • Heroin
  • Morphin-Derivate
  • Benzodiazepine

Psychische Abhängigkeit

Auch die psychische Abhängigkeit besteht in einem unwiderstehlichen Bedürfnis, beispielsweise eine Substanz dem Körper zuzuführen oder eine Situation noch mal zu erleben (z.B. Adrenalin-Junkies). Oftmals sind die Gedanken nur noch darauf fokussiert. Allerdings treten hier keine körperlichen Entzugserscheinungen auf. Dennoch fühlen sich psychische Abhängige häufig unwohl und leiden unter depressiven Verstimmungen oder Angstzuständen.

Weitere Zeichen einer psychischen Abhängigkeit sind:

  • Stimmungsabfall
  • Aggressivität
  • Gereiztheit
  • Vernachlässigung anderer Interessen

Drogen, die psychisch abhängig machen können, sind unter anderem:

  • Cannabis
  • Kokain
  • Amphetamine

Unklare Grenzen zwischen physischer und psychischer Abhängigkeit

Generell sind die Grenzen zwischen der körperlichen und psychischen Abhängigkeit fließend und abhängig von der Art, der Dauer sowie der Intensität der auslösenden Reize. Letztendlich basiert auch die psychische Abhängigkeit auf den stofflichen Anpassungsvorgängen, wie zum Beispiel der Ausschüttung der Botenstoffe. Durch die neuronale Plastizität kann sie sich auch dauerhaft morphologisch im zentralen Nervensystem (ZNS) niederschlagen.

Geht es um die Abhängigkeit von einer Substanz, so erfolgt die Diagnosestellung im Sinne der ICD10, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt sind und diese während der letzten 12 Monate auftraten:

  • Toleranzentwicklung
  • körperliche Entzugssymptome
  • unwiderstehliches Verlangen nach der Substanz
  • Kontrollverlust (z. B. über die Menge des Konsums)
  • Fokussierung auf den Substanzgebrauch
  • fortgeführter Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen

Klassifikationssysteme der Schulmedizin – ICD und ICF

Die ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist ein wichtiges Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Eine Einschränkung dieses Klassifikationssystem ist, dass die Krankheiten über die Symptome und die Diagnose definiert werden. Eine Berücksichtigung der Folgen einer Krankheit erfolgt hier leider nicht, weshalb die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health“) entwickelt wurde. Mithilfe der Klassifikationssysteme sollen Mediziner unter anderem ein Grundverständnis für die vorliegende Krankheit sowie die beeinflussenden Bedingungen erlangen.

Darüber hinaus erfüllen die Klassifikationssysteme auch andere Zwecke, wie zum Beispiel, dass sie Medizinern und Krankenkassen dazu dienen, die Abrechnung der Kosten zu vereinfachen.

Diagnosesysteme der Heilpraktiker

Anders als der Schulmediziner sieht sich der Heilpraktiker den Patienten als Ganzes an. Zwar nutzt der Heilpraktiker für die Diagnosestellung nicht die klassische ICD-10, dafür aber andere heilpraktische Diagnosemöglichkeiten. So zum Beispiel die Antlitz-, Iris- oder Zungendiagnostik. So gibt die Zungendiagnostik beispielsweise Hinweise auf Nervenprobleme oder Verdauungsstörungen, während andere Heilpraktiker Erkrankungen in den Augen sehen.

Ist die ICD-10 ein Maßstab?

All dies ist natürlich vereinfacht ausgedrückt. Da jedoch in den sozialen Medien moniert wurde, dass die ICD-10 kein Maßstab für die Existenz einer Erkrankung sei und dass es „in irgendeine Schachtel der Schulmedizin passen muss“, kann dieser Aussage nicht gefolgt werden. Denn Klassifikationssysteme – egal, in welcher Form – sind nun mal notwendig. Ob eine bestimmte Krankheit dann tatsächlich vorliegt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Auch die Aussage, dass es eine „tolle Begründung“ wäre, dass es die „Cannabisabhängigkeit gibt, weil es so in der ICD-10 steht“, ist unverständlich. Tatsache ist, dass jeder Mensch von einer Droge, Substanz o.ä. abhängig werden kann – auch von Cannabis.

Die Frage danach, wer, wann und unter welchen Umständen abhängig wird, stellt sich hier nicht. Bemerken Konsumenten eine Abhängigkeit und suchen Hilfe, dann muss ein Mediziner dies nun mal irgendwie klassifizieren. Selbst der Heilpraktiker würde hier in die Patientenakte „Cannabisabhängigkeit“ schreiben.

Ist Cannabis wie Insulin?

Bisher ist der Endocannabinoidmangel nur eine Theorie. Es existieren jedoch verschiedene Hinweise darauf, die diese Theorie stützen. Hierüber haben wir bereits in verschiedenen Artikeln (2) berichtet.

Die Theorie wurde im Übrigen von dem renommierten Cannabisforscher Dr. Ethan Russo, Director of Research and Development for the International Cannabis and Cannabinoids Institute (ICCI), aufgestellt. In einer Studie (3) konnte Russo zeigen, dass ein schwerer Endocannabinoidmangel womöglich mitverantwortlich ist, dass sich verschiedene chronische Krankheiten entwickeln.

Wir haben mit Dr. Ethan Russo Kontakt aufgenommen und ihm Fragen zu seiner Theorie gestellt.

Leafly.de: Wie ist der aktuelle Stand der Forschung?

Dr. Ethan Russo: Es wurden zahlreiche Untersuchungen zum klinischen Endocannabinoidmangel bei Migräne durchgeführt, von denen fast alle bestätigt haben, dass das ECS ein wesentlicher Faktor in der Pathophysiologie von Kopfschmerzen ist. Zusätzliche Arbeiten bei Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie und jetzt Autismus unterstützen das Konzept ebenfalls.

Leafly.de: Wie kann ein Endocannabinoidmangel festgestellt werden?

Dr. Ethan Russo: Es könnte aus klinischen Gründen vermutet werden. Aber der beste Beweis wäre ein Nachweis des reduzierten Endocannabinoidspiegels im Gehirn, wie er mit reduziertem Anandamidspiegel der zerebrospinalen Flüssigkeit bei Migräne nachgewiesen wurde. Der Serumspiegel kann den Status der Gehirnaktivität widerspiegeln oder auch nicht.Letztendlich ist zu hoffen, dass eines Tages das Gehirn zur Bewertung der Endocannabinoidfunktion abgebildet werden könnte.

Leafly.de: Wenn eine Person an einem Endocannabinoidmangel leidet, ist Cannabis dann so etwas wie „Insulin“?

Dr. Ethan Russo: Ich würde es nicht so genau charakterisieren. Wenn einer Person die Endocannabinoid-Funktion fehlt, können niedrige THC-Dosen das Fehlende ergänzen oder sogar das System „ankurbeln“. CBD erhöht den Endocannabinoid-Tonus im Laufe der Zeit durch Hemmung des Anandamid-Abbaus.

Cannabis ist kein Insulin

Das Argument, dass verschiedene Leser hier vortrugen, dass Cannabis wie Insulin und lediglich ein Ersatz sei, greift nicht. Denn

  1. der Endocannabinoidmangel ist noch nicht hinreichend erforscht und bisher nur eine Theorie
  2. gibt es aktuell noch keine „massentaugliche“ Möglichkeit, um einen Mangel festzustellen und
  3. es fehlen Daten über die genaue Dosierungen und die Möglichkeiten, den Spiegel zu überwachen.

Cannabisabhängigkeit mit Cannabis bekämpfen?

Einige Leser erklärten, dass es doch „komisch sei“, dass eine Cannabisabhängigkeit mit Cannabis bekämpft wird. Die Gegenfrage lautet hier: Ist es komisch, dass ein Heroinabhängiger mit Methadon behandelt wird? Im Grunde erübrigt sich hier jedwede weitere Erläuterung. Denn die Ersatz- oder Substitutionstherapie wird inzwischen bei Abhängigkeitserkrankungen erfolgreich eingesetzt.

Fazit zum Thema Cannabisabhängigkeit

Auch wenn es für viele eine unangenehme Wahrheit ist, aber es gibt eine Cannabisabhängigkeit und zwar sowohl bei Patienten, als auch bei Freizeitkonsumenten. Die Existenz einer Heroinabhängigkeit würde auch niemand infrage stellen. Ob jemand abhängig wird, entscheiden wiederum andere Faktoren. Und jede Abhängigkeit geht mit unterschiedlichen physischen und psychischen Symptomen einher, wenn die abhängig machende Substanz abgesetzt wird. Jeder Mensch reagiert individuell. Klassifikationssysteme helfen dabei, die verschiedenen Symptome zu erfassen, die auftreten können, aber nicht müssen.

 

Quellen:

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