Cannabisblüten – Ärzte sehen den Einsatz skeptisch

Autor: Gesa Riedewald

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Wann kann der Einsatz von Cannabis als Medizin hilfreich sein? Und ist es überhaupt gerechtfertigt, Cannabisblüten zu verschreiben – sollte nicht lieber auf ein Fertigarzneimittel zurückgegriffen werden, das einfach zu dosieren und zu handhaben ist? Diese und weitere Fragen wurden bei der Veranstaltung „Cannabis als Medizin“ der Ärztekammer Hamburg leidenschaftlich und kontrovers diskutiert.

Cannabisblüten – Ärzte sehen den Einsatz skeptisch

Bei einer Veranstaltung der Ärztekammer Hamburg zum Thema Cannabis als Medizin haben verschiedene Experten das Potenzial wie auch die Gefahren von Cannabis dargestellt. Im Anschluss diskutierten die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer leidenschaftlich und kontrovers. Viele Ärzte bemängelten, dass das Cannabisgesetz vom März 2017 sie allein gelassen hätte. Darüber hinaus sehen sie die fehlende Evidenz von Cannabis als Medizin kritisch. Vor allem die Behandlung mit Cannabisblüten ist strittig.

Wann kann Cannabis eingesetzt werden?

Cannabis hat eine lange Tradition als Heilmittel, wie Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), erklärt. Bei einer Vielzahl der unterschiedlichsten Krankheitsbilder könne Cannabis hilfreich sein, sodass zahlreiche Patienten hiervon profitieren könnten. Müller-Vahl ist eine Koryphäe im Bereich Cannabis-Therapie.

Leider ist die Evidenz bei Cannabis-basierten Wirkstoffen in vielen Fällen noch nicht ausreichend. Die Medizinerin plädiert aus diesem Grund auch für mehr Cannabis-Forschung, denn modern konzipierte klinische Studien gibt es bisher wenig. In Ermangelung dieser belastbaren Studien, die in Zukunft hoffentlich erscheinen werden, findet es Müller-Vahl aber durchaus vertretbar, sich auf kleinere Studien oder Fallbeispiele zu beziehen.

Nach Ansicht der Ärztin für Neurologie und Psychiatrie ist Cannabis unter anderem interessant für:

  • Palliativmedizin
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTB)
  • chronische Krankheiten
  • ADHS
  • Angst
  • Schizophrenie

Auch bei Morbus-Crohn und dem Reizdarmsyndrom könnte Cannabis hilfreich sein. Darüber hinaus erklärt Müller-Vahl, dass Cannabis großes Potenzial als Substitut für Opioide habe.

Professorin Müller-Vahl arbeitet an der Medizinischen Hochschule in Hannover mit Tourette-Patienten und versucht, mithilfe von Cannabis motorische Tics zu vermindern. Aktuell führt sie dazu auch eine Cannabis-Studie durch: So soll die Untersuchung „Canna-Tics“ zeigen, ob das Cannabis-basierte Medikament Sativex® in der Behandlung von chronischen Tic-Störungen hilft. Die MHH leitet die Studie, an der sich noch fünf weitere Kliniken beteiligen. Die Forschungsarbeit hat im April 2018 begonnen, sodass sie voraussichtlich noch bis Juni 2019 laufen wird. Insgesamt sollen an den verschiedenen Kliniken ungefähr 96 Personen an der Cannabis-Studie teilnehmen.

Mehrere Experten aus dem Diskussionspanel in Hamburg machten aber auch eine klare Absage an zu hohe Erwartungen an Cannabis als Medizin – wie beispielsweise Dr. Marc Heidbreder, Gutachter beim MDK:

„Die Erwartungshaltung ist in meinen Augen übertrieben hoch“, so Heidbreder.

Ist der Einsatz von Cannabisblüten gerechtfertigt?

Die Medizinerin Dr. Kirsten Müller-Vahl stellte bei der Veranstaltung die unterschiedlichen Cannabis-Produkte vor, die in Deutschland verschrieben werden dürfen.

Obwohl Cannabisblüten teilweise als Steinzeit-Medizin kritisiert werden, sieht Müller-Vahl den Einsatz als gerechtfertigt an. Denn in der Cannabisblüte wirken viele verschiedene Cannabinoide und andere Wirkstoffe wie Terpene zusammen.

In Cannabisblüten sind verschiedene Wirkstoffe enthalten

„Wir wissen nicht, was diese Wirkstoffe alles tun“, räumt Müller-Vahl ein. Bekannt sei aber, dass es einen Entourage-Effekt gibt. Die Bezeichnung stammt aus der Cannabis-Forschung und besagt, dass ein Pflanzenstoffgemisch eine höhere biologische Aktivität besitzt, als die isolierte Reinsubstanz selbst. (Mehr zum Thema Terpene und Entourage-Effekt hier.)

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der die Anträge auf Kostenübernahme einer Cannabis-Therapie prüft, steht dem Einsatz von Cannabisblüten allerdings kritisch gegenüber. Auch die Tatsache, dass hier unterschiedliche Wirkstoffe zusammenspielen, ist für den MDK kein Argument pro Cannabisblüten. So erklärt der MDK-Gutachter Dr. Marc Heidbreder, Facharzt für Pharmakologie und Toxokologie:

„Wir sind skeptisch mit Cannabisblüten, weil da so viele Substanzen drin sind, dass wir gar nicht wissen, wie die miteinander wirken.“

Darüber hinaus sieht auch die Schmerztherapeutin Dr. Maja Falkenberg den Einsatz von Cannabisblüten kritisch. Cannabisblüten haben in ihrer Wirkung einen schnellen Peak nach 15 Minuten, danach fällt die Wirkung wieder ab. Aus diesem Grund könne diese Wirkweise ein Suchtpotenzial beinhalten, sodass sie den Einsatz von Cannabisblüten ablehne. Auch dass es keine arzneimittelrechtliche Zulassung für Cannabis gibt, findet Falkenberg „sehr schwierig“. Daher ist die Schlussfolgerung der Schmerztherapeutin:

„Für die Verordnung von Cannabisblüten gibt es keine Indikation.“

Cannabisblüten werden am häufigsten von Ärzten verschrieben

Die deutliche Kritik einiger Ärztinnen und Ärzte am Einsatz von Cannabisblüten steht allerdings im Gegensatz zur Praxis: Wie Daten der GKV gezeigt haben, verschreiben die Ärzte in Deutschland am häufigsten unverarbeitete Cannabisblüten. Danach folgen cannabishaltige Zubereitungen und das Arzneimittel Sativex®.

Cannabisgesetz ist schwammig

Die Kritik am Cannabisgesetz fiel in der Expertenrunde in Hamburg nicht zu knapp aus. Folglich bemängelte Dr. Heidbreder die unklaren Formulierungen:

„Das Gesetz ist schwammig formuliert. Damit kann man nicht zufrieden sein.“

So könne Cannabis laut Gesetz nur Patienten verschrieben werden, die an einer „schwerwiegenden Erkrankung“ leiden. Der Begriff „schwerwiegend“ ist aber gar nicht rechtlich definiert, kritisiert Heidbreder. Hinzu komme die Problematik der Multimorbidität. Das heißt, das Auftreten mehrere Krankheiten bei einem Patienten. Auch hier fehlen klare Definitionen im Zusammenhang mit der geforderten schwerwiegenden Erkrankung, sodass es immer wieder zu Definitionsproblemen kommt.

Die Referenten bei der Veranstaltung „Cannabis als Medizin“ in Hamburg waren:

  • Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie
  • Dr. Marc Heidbreder, Facharzt für Pharmakologie und Toxokologie
  • Gesine Hoeft, Fachärztin für Allgemeinmedizin
  • Dr. Maja Falkenberg, Anästhesiologin und Internistin
  • Dr. Ute Hidding, Fachärztin für Neurologie
  • Prof. Dr. Rainer Thomasius, Facharzt für Psychiatrie

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