Cannabisblüten: Rückschritt in Mittelaltermedizin?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am:

Geändert am:

Cannabisblüten: Rückschritt in Mittelaltermedizin?

Wir sind auf Prof. Dr. Mathias Mäurer, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Juliusspital Würzburg, aufmerksam geworden, der jetzt in einem Interview erklärt hat, dass die „Anwendung von Cannabisblüten ein Rückschritt in die mittelalterliche Medizin“ sei. Doch wie kommt Prof. Mäurer auf solch eine Aussage?

prof_mathias_maeurer-quelle-kwm-juliusspital

Chefarzt am KWM Juliusspital Würzburg, Prof. Dr. med. Mathias Mäurer, Facharzt für Neurologie, Spezielle neurologische Intensivmedizin, Geriatrie

Beginnen wir von vorne. Zuerst wird Prof. Mäurer im Interview dazu befragt, ob er seinen Patienten Cannabis als Medizin verordnet. Diese Frage beantwortete der Mediziner mit einem „Ja“. Vorwiegend erhalten Patienten mit Multipler Sklerose bzw. Spastiken Cannabis sowie in begründeten Fällen auch gegen chronische Schmerzen. Gleichzeitig führte er aus, dass er grundsätzlich nur Fertigarzneimittel verordnet, da er hier die exakten Inhaltsstoffe sowie die Dosierungen kennen.

Cannabisblüten: Wirkstoffkonzentrationen sind nicht abschätzbar

Zu Cannabisblüten führte Prof. Mäurer aus, dass der THC- und CBD-Gehalt variiere je nach Blütensorte. Zudem seien neben THC und CBD „noch eine Vielzahl anderer Substanzen enthalten“. Diese Aussage ist richtig, denn Cannabisblüten enthalten nicht nur verschiedene Cannabinoide, sondern auch weitere Wirkstoffe wie Terpene. Die Synergie aller Wirkstoffe wird als Entourage-Effekt bezeichnet. Über die Vorteile dieses Effekts haben wir bereits ausführlich berichtet.

Weiter erklärte Prof. Mäurer, dass die Freisetzung der Inhaltsstoffe vom Grad der Erhitzung sowie der Einnahmemethode (Rauchen, Vaporisieren etc.) abhänge. Infolge dessen könne weder er noch der Patient die Wirkstoffkonzentration abschätzen. Tatsächlich hat jede Anwendungsform seine Vor- und Nachteile, die wir ebenfalls in verschiedenen Beiträgen aufgezählt haben.

Dafür hätte es kein Cannabis-Gesetz gebraucht …

Im Folgenden wird Prof. Mäurer gefragt, was er vom Cannabis-Gesetz halte, das auch Cannabisblüten zum medizinischen erlaube. Hierauf antwortete er:

„Ich finde, dass das Gesetz unsere guten Grundsätze der evidenzbasierten Medizin konterkariert. Aus gutem Grund werden Arzneimittel in aufwendigen Studien geprüft, um ausreichende Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit zur Verfügung zu haben, bevor wir eine neue Behandlung einführen. Diesen Weg hat der Gesetzgeber mit dem Cannabis-Gesetz verlassen. Die Anwendung von Cannabis-Blüten ist für mich ein Rückschritt in die mittelalterliche Medizin.“

Die Interviewerin hakte nach und erklärte, dass Cannabisblüten nur verschrieben werden dürfen, wenn nichts anderes mehr helfe und fragte, ob dies keine gute Idee sei. Hierauf antwortete der Mediziner, dass man dafür kein Cannabis-Gesetz benötige. Denn vor der Einführung des neuen Gesetzes hätte es die Möglichkeit gegeben, Medizinalhanf zu erhalten, indem beim BfArM eine Genehmigung eingeholt wird. Zudem gebe es seit vielen Jahren Fertigarzneimittel, „mit denen man das Wirkprinzip im Einzelfall austesten“ könne.

“Das Gesetz ist auch deswegen keine gute Idee, weil aus meiner Sicht auch der Patient ein Recht darauf hat, über die Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis in einer bestimmten Indikation Bescheid zu wissen“, führte Mäurer weiter aus.

Kein Anreiz mehr für wissenschaftliche Studien?

Auf die Frage, ob mehr Studien Klarheit schaffen könnten, erklärte Prof. Mäurer, dass dies der nächste Punkt sei, der ihn am Cannabis-Gesetz störe.

„Cannabis ist eine interessante Substanz, die unter Umständen in ganz unterschiedlichen medizinischen Indikationen von Wert sein könnte. Durch das Cannabis-Gesetz, das ja letztlich die Verordnung in vielen Indikationen unter bestimmten Voraussetzungen freigibt, gibt es letztlich keinen Anreiz mehr für die Hersteller, Cannabis weiter wissenschaftlich zu erforschen und vernünftige klinische Studien bei unterschiedlichen Indikationen durchzuführen. Das ist ja durch die aktuelle Liberalisierung nicht mehr notwendig.“

Erneut kommt Prof. Mäurer auf das Thema Evidenz zu sprechen und erklärte, dass es eine gute Evidenz für die Behandlung von Spastiken, zur Behandlung von Übelkeit im Rahmen einer Chemotherapie sowie bei Appetitstörungen bei HIV-Infektionen gebe. Zudem existiere eine etwas geringere Evidenz für die Behandlung chronischer Schmerzen. Hingegen sei die Evidenzlage bei allen anderen Indikationen eher dünn.

„Ich selbst verordne Cannabis häufig bei MS-Patienten zur Behandlung der Spastik. Es ist aber nicht so, dass es grundsätzlich konventionellen antispastischen Medikamenten überlegen ist und es einen großen Aha-Effekt gegeben hätte, als ein Cannabis Fertigarzneimittel zur Spastiktherapie verfügbar war. Manche Patienten kommen sehr gut damit zurecht, andere eben weniger“, so Prof. Mäurer.

Cannabis und Evidenz

Hier müssen wir kurz einen Break machen und möchten etwas näher auf das Thema Cannabis und Evidenz eingehen. In der Medizin bezeichnet der Begriff Evidenz den empirisch durch systematische Datenerhebungen erbrachten Nachweis des Nutzens einer therapeutischen oder diagnostischen Methode. Das bedeutet, dass es in der evidenzbasierten Medizin darum geht, auf der Grundlage von wissenschaftlichen Informationen eine medizinische Entscheidung zu treffen. Im Gegenzug heißt das aber auch, dass eine vorhandene oder auch fehlende Evidenz nicht zwangsläufig in Stein gemeißelt ist. Wenn nämlich neue wissenschaftliche Daten hinzukommen, kann sich auch die Evidenz ändern. Zudem müssen allgemeine Aussagen zur Evidenz einer bestimmten Therapie nicht auf jeden Patienten passen. Und so steht es jedem Mediziner frei, die Ergebnisse von Studien zu bewerten. Es gibt darüber hinaus aber auch Kriterien, die den Evidenzgrad (Evidenzlevel) bestimmen und die Einschätzung beeinflussen können.

Studie ist nicht gleich Studie

Des Weiteren ist auch anzumerken, dass Studie nicht gleich Studie ist. Hierauf ist unsere Kollegin Dr. Christine Hutterer bereits in einem Artikel näher eingegangen. Wir geben Prof. Mäurer in dem Punkt recht: Für Cannabis als Medizin gibt es in vielen Bereichen noch wenig Evidenz. Warum also werden nicht einfach gute Studien durchgeführt? An dieser Stelle möchten wir gerne Dr. Hutterer zitieren:

„Die Idee ist gut, doch leider ist es nicht so einfach. Das fängt schon damit an, dass es zahlreiche unterschiedliche Cannabissorten gibt – wissenschaftlich korrekt müssten alle im gleichen Umfang an Patienten mit den gleichen Beschwerden in gleicher Dosierung getestet werden. Doch eine Therapie mit Cannabis ist sehr individuell! Jeder reagiert anders darauf. Bei manchen wirken die Blüten, bei anderen Extrakte, bei manchen gar nichts. Manche brauchen THC gegen ihre Beschwerden, andere vor allem CBD.“

Zudem möchten wir anmerken, dass ein hohes Evidenzlevel nicht zwangsläufig bedeutet, dass jeder Patient davon profitiert. Das gilt nicht nur für Cannabis, sondern auch für alle anderen Medikamente und Therapien. Hierzu ein einfaches Beispiel: Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin, hat ein hohes Evidenzlevel. Dennoch hilft dieser Wirkstoff nicht jedem. Einigen Patienten helfen hingegen die Wirkstoffe Paracetamol oder Ibuprofen besser.

Stoppt das Cannabis-Gesetz die Forschung?

Es ist bedauerlich, wenn Prof. Mäurer den Schluss zieht, dass es für Hersteller seit der Einführung des Cannabis-Gesetzes nun keinen Anreiz mehr gebe, Cannabis weiter wissenschaftlich zu erforschen sowie vernünftige klinische Studien bei unterschiedlichen Indikationen durchzuführen. Unserer Ansicht nach hat das Inkrafttreten des Cannabis-Gesetzes sowie die Freigabe von Medizinalhanf in anderen Ländern dazu beigetragen, dass die Forschung weiter angetrieben und eben nicht gestoppt wird. Im Jahr 2018 haben wir regelmäßig über neue Forschungsprojekte berichtet, sodass der Aussage von Prof. Mäurer nicht gefolgt werden kann.

Bedarf an Medizinalhanf ist überzogen

Die Interviewerin spricht Prof. Mäurer auch auf die Nachfrage nach Medizinalhanf an, die in den ersten neun Monaten nach Einführung des Cannabis-Gesetzes um 500 Prozent gestiegen ist. Die Antwort des Mediziners geben wir unkommentiert wider:

„Den Bedarf halte ich für stark überzogen. Ich glaube, dass wir für die Indikationen, für die Cannabis jetzt angefragt wird, deutlich bessere und vor allem geprüfte Fertigarzneimittel haben. Aber ich denke, es gibt Patientengruppen, die leider mehr Vertrauen in die Blüten der Hanfpflanze haben, weil es „natürlicher“ und damit aufregender ist, als ein ausgereiftes und exakt untersuchtes und getestetes Produkt eines pharmazeutischen Herstellers. Wahrscheinlich ist es eine Strömung unserer Zeit, dass vielen Menschen die Errungenschaften unseres Gesundheitssystems so selbstverständlich vorkommen, dass Sie den Wert einer qualitativ hochwertigen Arzneimittelversorgung gar nicht mehr zu schätzen wissen – und dann eben anfällig für unsinnige Alternativen werden. Und dann darf man eben auch nicht vergessen, dass Cannabisblüten natürlich auch ein beliebtes Rauschmittel sind.“

 

Aus dem Interview mit Prof. Mäurer ziehen wir den Schluss, dass es unbedingt erforderlich ist, noch mehr über Cannabis als Medizin zu informieren.

Ähnliche Artikel