Cannamedical klagt auf 14,7 Millionen Euro Schadensersatz gegen Aurora Cannabis

Autor: Sandrina Koemm-Benson

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Wenn zwei sich streiten, freut sich nicht immer der Dritte. Genau das ist der Fall im Gerichtsstreit zwischen Deutschlands führendem unabhängigen Cannabis-Vertriebshändler, der beim Ontario Superior Court of Justice, Kanada einen Antrag auf Schadensersatz gegen die zwei kanadische Hersteller, MedReleaf Corp und Aurora Cannabis, wegen Vertragsbruch und Nichterfüllen "zahlreicher verbindlicher Kaufaufträge" eingereicht. Leidtragende sind wieder die deutschen Patienten.

Cannamedical klagt auf 14,7 Millionen Euro Schadensersatz gegen Aurora Cannabis

Schöne neue Cannabiswelt, oder doch nicht?

Im Mai 2018 kündigte MedReleaf die monatliche Liefervereinbarung mit Cannamedical an und proklamierte die zweijährige Vereinbarung als Weg, „die Vorhersehbarkeit und Sicherheit der Medikamentenabgabe auf dem deutschen Markt erheblich zu verbessern“. Auch Cannamedical war von der Zusammenarbeit begeistert.

„Wir haben mit MedReleaf einen starken kanadischen Partner gefunden, der qualitativ hochwertige medizinische Cannabisprodukte für den deutschen Markt liefert, die den Qualitätsstandards von Cannamedical entsprechen … Die Zusammenarbeit, um MedReleaf dabei zu helfen, die EU-GMP-Zertifizierung zu erhalten, unterstreicht unser hohes Maß an Professionalität“, sagte David Henn, CEO von Cannamedical Pharma, damals.

Rückruf von Stellio aus deutschen Apotheken Anfang November

Am 12. Juli gab Stellio von MedReleaf sein deutsches Debüt. Auf diese Nachricht hatten viele deutsche Patienten sehnsüchtig gewartet. Doch dann der Schock für viele Patienten: am 06.11.2018 rief Cannamedical Stellio von MedReleaf aus den deutschen Apotheken zurück.

Grund für den Rückruf: MedReleaf hatte nach der Übernahme durch die Aurora Cannabis Inc. das Vertragsverhältnis mit der Cannamedical Pharma GmbH einseitig beendet. Laut Cannamedical hält Aurora Cannabis Stabilitätsdaten zurück, weshalb die Haltbarkeit von 12 Monaten durch die Cannamedical Pharma GmbH nicht mehr gewährleistet werden kann. Leafly.de berichtete.

Was war passiert?

Im Juli 2018 wurde MedReleaf von Aurora Cannabis im Rahmen eines 22,7 Milliarden € Deals übernommen. Soweit erst mal nicht ungewöhnlich. Die kanadischen Firmen kaufen sich gegenseitig gerne ein. In der Regel gibt es mit bestehenden Verträgen keinerlei Probleme, auch nicht mit Drittfirmen.

Anders verhielt es sich jedoch mit Cannamedical. MedReleaf wurde mit der Perspektive auf einen zweijährigen Liefervertrag auf Antrag der Cannamedical Pharma GmbH Mitte des Jahres durch die Kölner Behörde erfolgreich GMP zertifiziert.

Während eine anfängliche Bestellung von 33 Kilogramm Stellio Medizinal Cannabis am 05.07.2018 geliefert wurde, wurde eine zweite Bestellung von 23 Kilogramm der gleichen Sorte laut Anklage versehentlich an einen anderen Kunden in Kanada verkauft. Zudem wurde kein Ersatzprodukt zur Verfügung gestellt. Damit gingen die wenigen Bestände in Deutschland schnell aus und Stellio war für deutsche Patienten kaum mehr verfügbar.

Der Ablauf der Ereignisse

  • Am 07.08.2018 platzierte Cannamedical zwei weitere „Purchase Orders“ für die Sorten Stellio, Rex, Sedamen, Luminarium und gab diese nach erfolgreichem Testing für den deutschen Markt frei
  • Zu diesem Zeitpunkt lagen MedReleaf bereits zwei Importgenehmigungen der Bundesopiumstelle über insgesamt 450 Kilogramm vor
  • Laut Anklage wurde die für den am selben Tag geplante Lieferung ohne Vorankündigung an Cannamedical am 24.08.2018 beim Spediteur durch MedReleaf abgesagt
  • Kurz zuvor, am 21.08.2018, hatte MedReleaf bekannt gegeben, dass ein Liefervertrag über unbekannte Höhe mit dem Ontario Cannabis Stores „OCS“ in Vorbereitung auf den kanadischen Freizeitmarkt abgeschlossen wurde
  • Laut Anklage teilte Auroras Geschäftsführer auf Anfrage von Cannamedical mit, nichts von dem Supply Agreement mit Cannamedical gewusst zu haben und dass er keinen Grund sehe Cannamedical mit Produkt zu versorgen, wenn Aurora einen eigenen Importeur in Deutschland unterhält
  • Die kanadische LP aus Aurora Cannabis Inc. und MedReleaf Corp. konnte zwei im August und September eingereichte Kaufaufträge in Höhe von 126 Kilogramm Cannabis nicht liefern, obwohl sichergestellt war, dass zukünftige Chargen für den deutschen Markt bestimmt waren

Hier drängen sich mehrere Fragen auf:

  1. Wo ist die Ware, die für den deutschen Markt bestimmt war?
  2. Warum kann Aurora plötzlich nicht mehr liefern, wenn doch genügend Kapazitäten vorhanden sind?
  3. Warum will Aurora Stellio nicht mehr im deutschen Markt haben?
  4. Wird Stellio jemals zurückkommen in den deutschen Markt?

Diese und weitere Fragen haben wir Aurora und MedReleaf gestellt, aber leider bisher keine Antworten erhalten.

Was hat Cannamedical unternommen, um an die Waren zu kommen?

„Die Cannamedical Pharma hat MedReleaf sieben Einfuhrgenehmigungen über insgesamt 585 Kilogramm Medizinal Cannabis zur Verfügung gestellt. Parallel dazu hatte MedReleaf mehr als eine halbe Tonne Medizinal Cannabis für Deutschland nach DAB testen lassen, die zum Teil bereits durch Cannamedical für den Deutschen Import freigegeben war. Wir bedauern die Liefersituation für deutsche Patienten und werden kurzfristig das Produkt alternativer Hersteller auf dem deutschen Markt verfügbar machen,“ so David Henn, Geschäftsführer von Cannamedical gegenüber Leafly.de

Fehlgeschlagene Lieferungen könnten Aurora Cannabis 14,7 Millionen Euro kosten

Laut der Klageschrift, die beim Obersten Gerichtshof in Ontario eingereicht wurde, erhebt Cannamedical Pharma erheblichen Schadenersatzanspruch gegen Aurora Cannabis Inc. und MedReleaf Corp., da diese nicht die garantierten 100 Kilogramm Cannabisprodukte pro Monat geliefert haben:

  • Beide Parteien hatten in dem Liefervertrag eine Vertragsstrafe bei Nichtlieferung von 5.00 € pro 100 Gramm vereinbart
  • Die Klage, mit der Schadensersatz in Höhe von 14,7 Mio. € angestrebt wird, behauptet, dass „die Cannabisprodukte von MedReleaf einzigartig sind und von Cannamedical nirgendwo anders zu beziehen sind.“
  • Cannamedical behauptet weiterhin, dass sie MedReleaf dabei geholfen habe, „die erforderlichen behördlichen GMP Genehmigungen für die Lieferung von medizinischen Cannabisprodukten in Deutschland zu erlangen. Hierzu hatten die Kölner Behörden MedReleaf im November 2017 in Kanada auditiert
  • Zudem hatte die deutsche Firma Ressourcen für die Aufklärung von Ärzten und die Förderung von MedReleaf-Produkten für seine Apothekenkunden zur Verfügung gestellt
  • Laut Gerichtsunterlagen, die Leafly.de vorliegen, hat MedReleaf den Liefervertrag mit Cannamedical am selben Tag gekündigt, an dem die September-Lieferung fällig war

Wie geht es nun weiter?

Der Fall soll am 14. Dezember 2018 vor Gericht verhandelt werden. Leafly.de hat jeweils um Stellungnahmen von Aurora und Cannamedical gebeten. Lediglich von Cannamedical haben wir ein Statement erhalten, das weiter oben im Artikel zu lesen ist. Die Nachfrage bei Aurora Cannabis und MedReleaf blieb bis Redaktionsschluss erfolglos. Selbstverständlich bleiben wir weiter an der Sache dran und berichten darüber, genauso wie unsere Kollegen von Leafly.com

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