Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und die lindernde Wirkung von Cannabis

Autor: Gesa Riedewald

Verõffentlicht am: 17. August 2018

Geändert am: 17. August 2018

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Dass Cannabis bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Linderung verschaffen kann, ist bereits bekannt. Jetzt haben Wissenschaftler entdeckt, wie Cannabis bei diesen Erkrankungen wirkt. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit könnten den Weg für neuartige Cannabis-Arzneimittel gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ebnen.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und die lindernde Wirkung von Cannabis

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Neue Cannabis-Studie

Mediziner setzen bereits seit einiger Zeit Cannabis als Medizin als Therapie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) ein. Daher ist bekannt, dass Cannabisprodukte bei Bauchschmerzen, Durchfall und Appetitlosigkeit helfen können. Leafly.de berichtete. Neue Forschungsergebnisse, die kürzlich im Journal of Clinical Investigation veröffentlicht wurden, erklären erstmals den molekularen Mechanismus, der dafür verantwortlich ist, dass Cannabis bei der Behandlung von CED helfen kann.

Cannabis und chronisch-entzündliche Darmerkrankung

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) ist ein Sammelbegriff, der entzündliche Zustände beschreibt, die den Magen-Darm-Trakt betreffen. Die häufigsten Vertreter sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Die chronische Entzündung bei CED führt zu Symptomen wie Bauchschmerzen, blutiger Stuhl und Durchfall. Bei länger anhaltenden Schüben kann es zu Gewichtsverlust, Müdigkeit und Schwäche kommen.

Ältere Studien und Erfahrungsberichte haben gezeigt, dass Menschen, die Cannabis konsumieren, einen Rückgang der Krankheitssymptome erfahren – und aufrechterhalten können. Cannabis-Konsumenten berichten, dass der Wirkstoff ihnen helfe, „Bauchschmerzen, Gelenkschmerzen, Krämpfe, Durchfall, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Übelkeit erfolgreich zu bewältigen“.

Biologischer Mechanismus gefunden, wie Cannabis hilft

Was könnte die therapeutische Wirkung von Cannabis als Medizin erklären? Zum ersten Mal ist es Forschern gelungen, den biologischen Mechanismus zu finden, wie Cannabis bei CED die Darmentzündung lindert.

Beth A. McCormick, stellvertretende Vorsitzende und Professorin für Mikrobiologie und physiologische Systeme an der Medizinischen Fakultät der University of Massachusetts in Worcester, USA, hat das Wissenschaftler-Team geleitet.

Wie Cannabinoide die Entzündung stoppen

Wenn der Körper mit einem Krankheitserreger infiziert wird, reagiert er mit der vermehrten Produktion von Neutrophilen. Neutrophile sind Immunzellen, eine Art weißer Blutkörperchen, die zur Bekämpfung von Bakterien dienen. Wenn die Immunzellen jedoch unverhältnismäßig stark reagieren, können sie das Epithel zerstören. Das ist die Schutzschicht der Zellen, die das Innere des Darms auskleidet.

Um die Überreaktion der Immunzellen zu stoppen, werden spezielle Moleküle entsendet und durch das Epithel transportiert, um die Entzündung zu stoppen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass dieser Prozess endogene Cannabinoide (Endocannabinoide) benötigt, die natürlicherweise von unseren Körpern produziert werden. Diese Endocannabinoide haben eine ähnliche Wirkung wie die Cannabinoide im Cannabis.

Experimente an Mäusen und menschlichen Zelllinien zeigten dem Forscher-Team: Wenn Endocannabinoide fehlen oder nur unzureichend vorhanden sind, kann der Körper den Entzündungsprozess nicht mehr kontrollieren. Das führt dazu, dass die Neutrophilen die schützende Darmschicht zerstören.

Die Wissenschaftler glauben, dass Cannabis die natürlichen Cannabinoide ersetzt und die gleiche entzündungshemmende Wirkung wie Endocannabinoide hervorruft.

Hoffnung auf neue Medikamente für CED

Prof. McCormick kommentiert die Ergebnisse der Studie: „Zum ersten Mal verstehen wir die Moleküle, die an dem Prozess beteiligt sind, und wie Endocannabinoide und Cannabinoide Entzündungen kontrollieren. Dies gibt klinischen Forschern ein neues Ziel in der Entwicklung von Medikamenten, um Patienten [mit CED] zu behandeln.“

Co-Autor Randy Mrsny, Professor an der Universität Bath, England, gibt zu bedenken: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dies zwar eine plausible Erklärung dafür ist, warum Marihuana-Konsumenten ihre CED-Symptome mit Cannabis lindern können, wir haben dies aber bisher nur an Mäusen ausgewertet und nicht beim Menschen experimentell bewiesen.“ Dennoch hofft auch Prof. Mrsny, „dass diese Ergebnisse uns helfen werden, neue Wege zur Behandlung von Darmerkrankungen beim Menschen zu finden.“

Wenn diese Forschungen zu neuen Cannabis-Medikamenten für Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen führen würden, wäre das ein riesiger Schritt für die Betroffenen. Da die Erkrankung mit tabuisierten Beschwerden einhergeht, stellt sie eine große Belastung für die – häufig jungen – Betroffenen dar. Bisher gibt es keine Heilung für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Eine Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens und der Lebensqualität sind daher die wichtigsten Ziele der Therapie.

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