Darmgesundheit und das Endocannabinoidsystem

Cannabisextrakte werden seit vielen Jahrhunderten in der Behandlung von Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts eingesetzt. Warum diese Extrakte wirken und welche der Komponenten - z.B. Cannabinoide, Terpene oder andere sekundäre Pflanzenstoffe - für positive Wirkungen verantwortlich sind, war lange Zeit nicht bekannt. Neuere Erkenntnisse beweisen die Bedeutung des Endocannabinoidsystems für die Darmgesundheit.

Darmgesundheit und das Endocannabinoidsystem

Die Darmgesundheit hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem wichtigen Bereich im Gesundheitswesen entwickelt. Allerdings wusste schon Hippokrates, wie bedeutsam der Darm für unsere Gesundheit ist und erklärte „Alle Krankheit beginnt im Darm“. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an wissenschaftlichen Belegen, dass das Endocannabinoidsystem und unsere Darmgesundheit in einem engen Zusammenhang stehen. Hieraus entstehen neue Behandlungsmöglichkeiten für chronische Darmerkrankungen wie das Reizdarmsyndrom, Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn. Vor allem das nicht-psychoaktive Cannabinoid CBD scheint eine interessante und insbesondere nebenwirkungsarme Behandlungsalternative zu sein.

Unsere Darmgesundheit und das Endocannabinoidsystem

Extrakte aus der Cannabispflanze finden schon seit langem Anwendung bei Magen-Darm-Beschwerden. Warum genau diese Behandlung wirkte, war allerdings nicht bekannt. Inzwischen weiß man etwas mehr. Man fand nämlich im Magen-Darm-Trakt alle Beteiligten des Endocannabinoidsystems: die körpereigenen Cannabinoide Anandamid und 2-AG, deren Rezeptoren, die Enzyme, die beides bilden und wieder abbauen. Bekannt ist inzwischen auch, dass das Endocannabinoidsystem an der Steuerung einer Reihe von Vorgängen im Gastrointestinaltrakt beteiligt ist. So ist es an der Regulation der motorischen Aktivität (z.B. die Bewegung der Speiseröhre und die Leerung des Magens) und sensorischen Aktivität beteiligt, aber auch bei der Entstehung von Übelkeit und dem Erbrechen, dem Aufrechterhalten der Darmoberfläche (Darmepithel) und anderen Prozessen. Gerät das Endocannabinoidsystem im Darmtrakt aus dem Gleichgewicht, könnte das Beschwerden und Störungen zur Folge haben.

Aus diesem Grund denkt man, dass verschiedene cannabinoidhaltige Medikamente oder cannabinoid-ähnliche Moleküle zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen zum Einsatz kommen können. Beim Reizdarmsyndrom könnten die gestörte Darmaktivität (Dysmotilität) reguliert und Schmerzen verringert werden. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (z.B. Morbus Crohn) könnte das Entzündungsgeschehen vermindert werden und bei Darmkrebs erhofft man sich, neben der Linderung von Begleitsymptomen oder Symptomen der Chemotherapie, dass Cannabinoide die Mikroumgebung der Krebszellen beeinflussen könnte.

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ECS in Krebszellen verändert

In vielen Untersuchungen an Krebszellen war beobachtbar, dass Komponenten des Endocannabinoidsystems (ECS) anders exprimiert werden, als in gesunden Zellen. Das bedeutet, dass die Regulation des ECS gegenüber gesunden Zellen verändert ist – es findet sich mehr der einzelnen Komponenten, z.B. Anandamid, aufbauende und abbauende Enzyme (NAPE-PLD, FAAH), und weniger CB1-Rezeptoren. Und das deutet darauf hin, dass das ECS bei Darmkrebs irgendeine Rolle spielt. Allerdings weiß man noch nicht, ob die Änderung des Endocannabinoidsystems im Darmgewebe als Anpassung an die Entartung der Zelle erfolgt, oder ob die Veränderungen im ECS der Auslöser für die Entartung der Zellen ist.

Mehrfach wurde an unterschiedlichen Krebszelltypen gezeigt, dass Cannabinoide den Krebszellen schaden können. Dafür scheinen unterschiedliche Mechanismen verantwortlich zu sein.

Zum einen können Cannabinoide in Darmkrebszellen im Labor (in vitro) den programmierten Zelltod, die sogenannte Apoptose, aktivieren. Das bedeutet, dass Cannabinoide eine Krebszelle dazu bringen können, abzusterben.

Zum anderen kam es zur Abschwächung der Invasivität der Krebszellen. Krebszellen war es folglich nicht mehr so einfach möglich, sich in andere Gewebe auszubreiten. Auch die Anheftung (Adhäsion) und Wanderung von Krebszellen, die eine Metastase bilden könnten, konnte Cannabidiol (CBD) verringern.

Nun sind genaue Untersuchungen nötig, welche Cannabinoide in welcher Kombination und Konzentration die besten Wirkungen gegen Darmkrebszellen erzielen. Hoffentlich sind diese Erkenntnisse dann auch auf die Behandlung von Patienten übertragbar.

Cannabinoidrezeptor GPR55 fördert Darmkrebsentstehung

Neben den beiden bekanntesten Cannabinoidrezeptoren, CB1 und CB2, gibt es höchst wahrscheinlich noch weitere. Eine ausführliche Übersicht über die unterschiedlichen Rezeptoren findet sich hier. Unter diesen befindet sich GPR55. Dieser Rezeptor ist in einige physiologische und in einige pathologische Vorgänge im Magen-Darm-Trakt eingebunden.

Während gezeigt wurde, dass der Cannabinoidrezeptor 1 (CB1) das Wachstum von Darmtumoren unterdrücken kann, scheint der GRP55-Rezeptor das Krebswachstum zu fördern. Wissenschaftler haben dazu zahlreiche Tests an Mausmodellen durchgeführt, denen entweder das Gen für den CB1-Rezeptor fehlte – und damit auch der Rezeptor selbst – oder denen sowohl das CB1- als auch das GPR55-Gen fehlte. So konnten sie zeigen, dass GPR55 eine entgegengesetzte Funktion hat. Ähnliche Beobachtungen gab es auch an Krebszellen aus anderen Organen.

Welche Funktion GRP55 genau in der Krebsentstehung oder im Verlauf einer Krebserkrankung hat, ist noch ungewiss. Daher ist es noch schwer, die Erkenntnisse gezielt in brauchbare Therapien umzusetzen.

Synthetische Cannabinoide für die Darmgesundheit und gegen Darmkrebs

Wissenschaftler sind stetig auf der Suche nach Substanzen und Medikamenten, um Krebs besser behandeln zu können. Wie berichtet, untersuchen viele Labore weltweit die Eigenschaften von Cannabinoiden auf Krebszellen. Einen anderen Weg haben Forscher aus den USA eingeschlagen (Leafly berichtete). Sie haben an sieben verschiedenen Darmkrebszelllinien 370 synthetische Cannabinoide auf ihre Fähigkeit getestet, die Überlebensfähigkeit der Krebszellen zu vermindern. Am Ende blieben zehn Stück übrig, die bei allen sieben Zelllinien hilfreich waren. Die synthetischen Cannabinoide erwiesen sich als wirksamer als THC und CBD, denen ja auch schon bestimmte Antitumorwirkungen nachgewiesen wurden. Allerdings verringerte die beste der Substanzen die Überlebensfähigkeit der Krebszellen “nur” um maximal 10 bis 15%. Ob sich diese Rate noch steigern lässt, wird weiter untersucht.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

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