Der Einsatz von Cannabinoiden in der Onkologie

Autor: Christine Dr. Hutterer

Verõffentlicht am: 25. Juli 2017

Geändert am: 29. September 2017

Krebs- und Tumorerkrankungen erfordern häufig langwierige und körperlich und seelisch belastende Therapien. Zum Standard gehören die Operation, Bestrahlung und Chemotherapie, welche starke Nebenwirkungen haben können. Welche Rolle Cannabis bzw. Cannabinoide in der Krebstherapie spielen können, wird in diesem Artikel zusammengefasst.

Der Einsatz von Cannabinoiden in der Onkologie

Wirkt Cannabis gegen Krebs?

Über Cannabis hört man immer wieder, es wirke gegen Krebs. Tatsächlich wurde bereits in den 1950er Jahren in Laborversuchen festgestellt, dass Cannabis eine gewisse Antitumoraktivität besitzt. Doch obwohl in diesem Bereich seit Jahrzehnten geforscht wird, gibt es noch keine wissenschaftlich eindeutigen Belege dafür, dass Cannabis bei Krebs Außergewöhnliches bewirken könnte. Mehr als Hinweise aus Zellkulturstudien und Tierversuchen, dass einige Wirkstoffe aus der Hanfpflanze, wie das THC und das CBD, krebshemmend sein können, gibt es noch nicht. Einige Studien haben allerdings für großes Aufsehen gesorgt und die Hoffnung geschürt, doch mit Cannabis einen wichtigen Baustein in der Krebstherapie in der Hand zu halten.

In einer Phase 1 Studie, also einer Studie an wenigen Freiwilligen, wurden 9 Patienten mit rezidivierendem Glioblastom (einem bösartigen Hirntumor) behandelt. Ihnen wurde THC direkt in den Tumor gespritzt. Es wurde beobachtet, dass das THC bei einigen Patienten das Tumorzellwachstum unterdrücken bzw. verlangsamen konnte. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2360617/)

Trotz kleiner Erfolgsnachrichten kann Cannabis nicht als Medikament gegen Krebs bezeichnet und eingesetzt werden. Dazu sind Grundlagenforschung und klinische Studien nötig. Etablierter ist die Anwendung von Cannabis in der Schmerztherapie, u.a. bei Krebserkrankungen, und bei Übelkeit und Erbrechen sowie Appetitlosigkeit im Zusammenhang mit einer Chemotherapie.

Wie wirkt Cannabis in Krebszellen?

Wenngleich ein Patient damit zufrieden sein könnte, DASS Cannabis wirkt, so interessiert Wissenschaftler und Mediziner auch, WIE es wirkt. Nur mit diesem Wissen kann eine Behandlung gezielt gesteuert werden und eventuelle Nebenwirkungen verhindert werde.

Cannabinoide fördern den programmierten Zelltod

Man weiß bereits, dass Cannabinoide nicht nur über einen Mechanismus wirken, sondern offenbar mehrere unterschiedliche Ansatzpunkte haben. So können sie beispielsweise das Absterben der Krebszellen über den programmierten Zelltod (Apoptose) einleiten. Dadurch wird das Wachstum und die Ausbreitung eines Tumors verhindert. Genau der Prozess der programmierten Zelltods, der normalerweise immer dann einsetzen sollte, wenn Zellen defekt, alt, von Krankheitserregern befallen sind oder sich, wie bei einer Krebserkrankung, unkontrolliert teilen, funktioniert bei Krebs nicht. Cannabinoide können diesen Prozess in Krebszellen offenbar anstoßen.

Cannabinoide verhindern die Bildung von Blutgefäßen

Eine weitere Wirkung von Cannabinoiden ist, dass sie verhindern, dass ein Tumor an neu gebildete Blutgefäße angeschlossen wird. Wie ein neu gebautes Haus an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen werden muss, braucht ein Tumor für sein Wachstum einen direkten Zugang zur Blutversorgung. Nur so kann er Nährstoffe bekommen, die er benötigt, um weiter zu wachsen. Wird die Anbindung an den Blutkreislauf verhindert, kann ein Tumor nicht wachsen und geht früher oder später zugrunde. Daher ist diese Wirkweise von Cannabinoiden sehr interessant für die Krebstherapie.

Weitere mögliche Wirkmechanismen

Wissenschaftler diskutieren, ob und auf welche Weise weitere Mechanismen relevant sein könnten. So wird eine Hemmung der Zellteilung vermutet, ebenso wie die reduzierte Bildung von Metastasen. Möglich wäre es auch, dass Cannabis die Ausbreitung in Nachbargewebe stört.

Cannabis bei Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie

Auch wenn Cannabis bzw. seine Inhaltsstoffe noch nicht zielgerichtet zur Behandlung von Krebs einsetzen lassen, so hat sich medizinisches Cannabis in der Behandlung von Nebenwirkungen einer Krebstherapie bewährt.

Häufige Nebenwirkungen der Chemotherapie sind Übelkeit und Erbrechen. Manche Patienten können über eine bestimmte Ernährungsweise die Übelkeit etwas lindern. Doch meist reicht das nicht aus. Übliche Medikamente gegen Übelkeit bleiben ebenfalls häufig wirkungslos oder erreichen nicht ausreichend Erleichterung. Cannabis wirkt mitunter gut gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie.

Vom BfArM, dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, sind folgende cannabishaltige Medikamente zugelassen, um Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie zu behandeln:

  • Dronabinol: Eine teilsynthetisch hergestellte THC-haltige ölige Lösung. Sie ist in verschiedenen Konzentrationen verfügbar. Auf ärztliche Anweisung hin können daraus in der Apotheke Rezepturarzneimittel für die orale Einnahme hergestellt werden können. Einige Apotheken stellen aus den Cannabis Tropfen auch Kapseln her.
  • Nabilon (Canemes®): Mit Canemes ist seit Januar 2017 ein Nabilon haltiges Fertigarzneimittel in Kapselform verfügbar. Nabilon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Cannabinoid, das dem THC sehr ähnliches ist.

Zur Schmerzlinderung bei Krebspatienten (und bei Patienten mit Multipler Sklerose) ist der Cannabisextrakt Sativex® zugelassen, der THC und CBD enthält.

Cannabis bei Appetitlosigkeit durch Chemotherapie

Krebskranke Patienten leiden durch die Chemotherapie häufig auch unter Appetitlosigkeit. Viele Nahrungsmittel schmecken nicht mehr oder schmecken anders, die Übelkeit und das Erbrechen tun ihr Übriges, um keinen Appetit aufkommen zu lassen.

Krebspatienten berichten, dass nach der Einnahme von Dronabinol/THC das Essen wieder besser schmeckte und der Appetit zunahm. Sogar die Menge die aufgenommenen Kalorien nahm zu – für den Kampf gegen den Krebs ist eine möglichst gute körperliche Verfassung wichtig.

Medizinisches Cannabis bzw. cannabinoidhaltige Arzneimittel wie Dronabinol können als Mittel gegen Appetitlosigkeit eingesetzt werden.

Quellen:
https://www.theroc.us/researchlibrary/Anticancer%20mechanisms%20of%20cannabinoids.pdf
http://www.current-oncology.com/index.php/oncology/issue/view/100

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