Der Jochen: Anders reisen mit MS

Autor: Jochen Gutjahr

Verõffentlicht am: 13. Februar 2018

Geändert am: 7. März 2018

Jochen Gutjahr ist 65 Jahre alt und hat MS. Er ist ein lebenslustiger Mensch und viel auf Reisen. Auf Leafly.de schreibt er über sein Leben mit der heimtückischen Krankheit in der Kolumne "Der Jochen". Diesmal berichtet er über seine Reiseerlebnisse.

Der Jochen: Anders reisen mit MS
"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen."

Das ist eine Weisheit. Eine andere ist für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, dass sie vor den Erzählungen und vor einer jeden Reise gut planen müssen.Reisen mit MS ist nicht einfach. Hier gilt der Grundsatz: „Eine gute Planung ist die halbe Miete“ – oder in dem Fall: Reise.

Gleich vorweg: Es funktioniert und Reisen sind toll!

Vor nun schon 28 Jahren habe ich geglaubt, dass mit meiner Erkrankung auch die endlich mögliche, weitere Erkundung der Welt nicht mehr machbar ist. Die Prognosen waren düster, sehr düster.

Da ich bis 1989 einen großen Teil des Ostens, meist per Anhalter erkundet hatte, heißt: Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, die Sowjetunion, eben was so im Bereich des Möglichen lag, war nun der Wunsch auf Amerika, Island, Irland, die Schweiz, London, Paris und, und … sehr groß!

1989 im November. Die Mauer war gerade umgefallen, der Staat, der diese Wunschreisen nicht zuließ, hatte sich kurzerhand aufgelöst.

Endlich konnte ich reisen! Und nun?

Im April 1990 hatte ich dann Multiple Sklerose, die Augen funktionierten nicht mehr richtig, die Beine waren gefühllos, ich torkelte durch die Gegend, mir fielen Dinge aus der Hand und eine Toilette musste auch immer in der Nähe sein.

Diagnose MS. Reisen? Fehlanzeige!

Mit der erstaunlich raschen Erkenntnis, dass MS zunächst auch nur eine Information ist und der Entscheidung, dass ich mich von meiner Tochter, der Familie und meinen Freunden nicht einfach abmelden werde, nicht einfach entsprechend der Prognose zurückziehen auf einen Rollstuhl, in ein Zimmer mit langweiligen Radiosendungen und freundlichem Pflegepersonal, in eine fremdbestimmte Welt mit Ärzten und Schwestern, Pillen und Spritzen, öffnete sich zögerlich eine andere, neue Welt.

Zu dieser anderen Welt gehörten großartige Unterstützungen, nie genug zu würdigende Hilfen, eine neue, andere Arbeit, neue Wohnumgebungen und REISEN. Wir stellten vor jeder Tour eine Checkliste mit Machbarem und unmöglichen Abenteuern zusammen. Abenteuer waren und sind es jedes Mal!

Mit den Jahren nahmen die Zuversicht und das „GEHT DOCH“ mehr und mehr Platz auf der Liste ein. Es kam Erfahrung dazu und es blieb der unbedingte Wunsch, Amerika, Island, Irland, die Schweiz, London, Paris … zu bereisen.

Für unsere Ausrüstung waren die richtigen Klamotten, Schuhe, Gehstöcke, der Rollstuhl für weite Strecken, Medikamente, Bandagen und vieles Mehr, für unsere Ziele, abgeflachte Gehsteige, erreichbare Toiletten, Lifte in den nicht ebenerdigen Quartieren, gut nutzbare Duschen mit flachem Einstieg, entsprechende Verkehrsmittel und noch viel Mehr entscheidend.

Doch dafür gibt es heute spezialisierte Reisunternehmen, das Internet und entsprechende Hilfshinweise von Reisenden, wie wir es nun sind. Was ich möchte, ist einfach nur Mut machen. Gut vorbereiten und LOS GEHEN, immer und immer wieder. Es ist toll und danach kann man etwas erzählen und es ist ein so gutes Gefühl, DAS gemacht zu haben!

„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ Aphorismus

Jochen

Haben auch Sie eine Reisegeschichte zu erzählen? Schreiben Sie uns an patienten@leafly.de

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