Der Jochen: Der GUTachter, der sich täuschen sollte

Autor: Jochen Gutjahr

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Nachdem ich 1990 meine Diagnose „MS“ erhielt, dauerte es nicht sehr lange, bis ein Gutachter vom medizinischen Dienst meine Arbeitsmarktverträglichkeit prüfte und schnell zu dem Schluss kam, dass es doch toll wäre, wenn ich nicht mehr auf Arbeit gehen müsste. Er hatte mit mir nicht darüber gesprochen, dass sein Bericht an die Krankenkasse ungefragt das Ende meines Arbeitslebens bedeuten sollte.

Der Jochen: Der GUTachter, der sich täuschen sollte

Damals wusste ich noch nicht, dass sich der Gutachter irren würde. Es interessierte ihn auch nicht, dass ich meine damals kleine Tochter allein aufzog und dass bis zu seinem Urteil über mich ein Großteil meines Lebens mit Arbeit, auf Arbeit gefüllt war, dass sich viele Kontakte und soziale Bindungen darüber definierten. Er „freute“ sich für mich, nur dass ich seine Freude nicht teilen und den Grund seiner Gefühlsregung nicht nachvollziehen konnte. Heute weiß ich, dass es auch um Geld ging, Geld von verschiedenen Leistungsträgern. Was für ein Name!

Eine Gutachter ohne Empathie

Diese Entscheidung eines weiß-bekittelten Gutachter-Arztes war schrecklich für mich und fiel zudem in eine Zeit der völligen Umstrukturierung der Gesellschaft im Ostteil des nun geeinten Deutschland. Angst und Unsicherheit waren Begleiter des Neubeginns und für mich war der „Neubeginn“ eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit, die wegen der Ost-Arbeitsbiografie auch nicht wirklich Euphorie auslösen konnte.

Vielleicht wären all diese Erfahrungen erträglicher gewesen, wenn meine Erkrankung und deren Folgen nicht mit den Begriffen: „Schwer, chronisch, unheilbar, lebensbedrohlich, geringe Lebenserwartung, etc.“ charakterisiert worden wäre.

Die Suche nach der richtigen Medikation

Wirksame Medikamente – Fehlanzeige. Wirksame Therapien, außer Chemotherapie und Cortison sowie schwere Immunsuppressiva, Fehlanzeige. Wirksame, verträgliche Medikamente gegen meine Schmerzen, ebenfalls Fehlanzeige.

Da stand ich nun, besser saß ich mehr, als ich stand. Keine Hoffnung auf Gesundung, maximal die Hoffnung auf nicht allzu schnelle Verschlechterung der Symptome, keine dauerhaft anwendbaren medikamentösen Hilfen, Beta-Interferon, dass ich ab 1994/5 als erstes immunmodulierendes Medikament bekam, war in Deutschland erst ab 1995 zugelassen, oral zu applizierende Medikamente noch nicht entwickelt, getestet und eingeführt.

Cannabis, dass ich hätte gegen meine Spastik und Schmerzen einsetzen können, wurde erst ca. 15 Jahre später für mich möglich. Schlussendlich, kaum Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben.

Aufgeben? Kommt nicht infrage!

Verzweiflung wäre eine Möglichkeit gewesen. Bei mir war es nicht die Verzweiflung, es war eher Wut und eine andere Hoffnung. Hoffnung auf meinen großen, tollen Freundeskreis, meine Familie und neue Medikamente.

1995 startete ich mit großer Hilfe mein eigenes Wiedereingliederungsprogramm in den Arbeitsprozess. Es sollte heftig und ein voller Erfolg werden! Erst nach 20 Jahren, mit meinem vorgezogenen Altersrenteneintritt, habe ich mich aus dem Arbeitsleben verabschiedet.

Manchmal habe ich an den Gutachter gedacht und dabei für ihn gehofft, dass er nicht so einem Gutachter begegnen musste, der ihn fremdbestimmt und also ungefragt in eine ganz andere Lebensbahn gezwungen hätte.

Ich mochte den Gutachter nicht und ich hatte großer Hilfen – meine drei „M“: Menschen, Medikamente und Mich. Familie, Freunde, Kollegen, Betaseron, Sativex und viele, viele Ungenannte, die nicht vergessen werden! Versprochen!

Jochen

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