Die Geschichte von Cannabis als Medizin

Autor: Alexandra Latour

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Immer wieder wird erwähnt, dass Cannabis als Medizin seit tausenden von Jahren genutzt wird. Deshalb unternehmen wir im folgenden Beitrag einmal eine Reise in die Vergangenheit und schauen uns an, wie alles begann.

Die Geschichte von Cannabis als Medizin

China: Erste Erwähnung von Cannabis als Medizin

Cannabis als Medizin hatte seinen Ursprung vermutlich in China. Der aus der chinesischen Mythologie stammende „Urkaiser Shennong“, der vor ungefähr 5000 Jahren gelebt haben soll, hat den Überlieferungen zufolge verschiedene Pflanzen auf ihre medizinischen Eigenschaften untersucht. Seine Ergebnisse hielt er in dem Buch „Shennong Bencaojing“ (Heilkräuterklassiker nach Shennong) fest. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieses Buch zwischen 300 v. Chr. und 200 n. Chr. abgefasst wurde.

Das Buch soll aus drei Teilen bestanden haben, in denen unterschiedliche Heil- und Arzneimittelpflanzen beschrieben wurden. Auch das Harz der Cannabisblüte soll hier als Heilmittel aufgeführt worden sei. Dieses sollte gegen Verstopfung, Gicht, Malaria, Rheuma, Frauenkrankheiten und Geistesabwesenheit helfen, ebenso gegen Nervenentzündungen, Ödeme und Herzerweiterung.

Indien: Cannabis als Opfergabe und Heilmittel

Cannabis tauchte dann etwa 2000 v. Chr. in alten hinduistischen Texten auf, und zwar in der „Atharvaveda“. Hierbei handelt es sich um eine heilige Textsammlung des Hinduismus, die unter anderem magische Zauberformeln und Hymnen enthält. Cannabis wurde hauptsächlich als Opfergabe für den Gott Shiva genutzt. Hier wird Cannabis als „Bhanga“ bezeichnet, ein Begriff, der auch heute noch in weiten Teilen Asiens genutzt wird.

Es wird angenommen, dass die Anfänge von Cannabis noch weiter zurückreichen. So wurde Hanf in der vedischen Zeit für Meditationszwecke eingesetzt. Die psychoaktive Wirkung spielte hier eine wichtige Rolle. Auch in der indischen Medizin fand Cannabis Anwendung, beispielsweise gegen Fieber, Verstopfung, Appetitlosigkeit, phlegmatische Zustände, Durchfall und Sprechschwierigkeiten.

Erwähnung fand Cannabis darüber hinaus im ayurvedischen Text „Rajavallabha“ aus dem 17. Jahrhundert. Hier wurde Cannabis als „elixir vitae“ gelobt, das die geistigen Kräfte aktiviert, Energie und Lebensfreude spendet. Zudem wurde Cannabis zur Bekämpfung von Ängsten sowie gegen Kopfschmerzen, Krämpfe, Neuralgien, Diabetes, Asthma, Hysterie und Impotenz eingesetzt. Bei kleinen Operationen diente Cannabis auch als Betäubungs- und Schmerzmittel.

Unterschieden werden die Hanfzubereitungen in Indien wie folgt:

  • Ganja: Marihuana
  • Charras: Harz, das durch Reiben erzeugt wird
  • Bhang: Cannabisblüten und -blätter werden mit Tabak, Gewürzen und Honig zu Konfekt verarbeitet oder in Ghee (Butter) aufgelöst

Vom alten Indien zum alten Persien und Assyrischen Reich

Vom alten Indien gelangte die Kunde der Cannabiswirkung ins alte Persien sowie in das Assyrische Reich. Cannabis wurde hier nicht nur innerlich gegen Depressionen, Arthritis und Nierensteine eingesetzt, sondern auch als abschwellende Salbe. Außerdem sollte durch die Einnahme von Cannabis der „böse Zauber“ abgewehrt werden.

Darüber hinaus wurde Cannabis im mittleren Osten als Arzneimittel für die Augen verwendet. Um den Geburtsprozess zu erleichtern, wurde Cannabis verbrannt und der Rauch inhaliert. Das Räuchern von Cannabis war ab dem 9. Jahrhundert zudem bei den Assyrern gebräuchlich.

Cannabis bei den Skythen

Die Geschichte des Cannabisgebrauchs führt weiter zu den Reiternomadenvölkern namens Skythen, die die eurasische Steppe ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. besiedelten. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete davon, dass die Skythen während den Beerdigungszeremonien Cannabisdampf inhalierten, um die Seele des Verstorbenen in einer Art Trancezustand ins Jenseits zu geleiten.

Cannabis im alten Ägypten

Cannabis gehörte bei den alten Ägyptern zu den heiligen Pflanzen. Diese wurde vor allem für diverse Rituale genutzt, so zum Beispiel als Opfergabe zur Beschwörung des Jenseits. Im Jahr 1300 v. Chr. wurde Cannabis bereits auf Papyrusrollen erwähnt. Genutzt wurde es zur Behandlung von Schmerzen, Augenreizungen sowie Hämorrhoiden.

Cannabis im alten Griechenland und Rom

Bei den alten Griechen und Römern spielte die psychoaktive Cannabiswirkung keine große Rolle. Auch der berühmte Arzt Hippokrates erwähnte keinerlei Cannabismedizin. Erst später erwähnten griechische und römische Gelehrte Cannabis:

  • Der griechische Arzt Pedanios Dioskurides schreibt in seiner „Materia Medica“ über die Cannabiswirkung bei Entzündungen, Ohrenschmerzen sowie Würmern.
  • Der römische Gelehrte Plinius der Ältere lobte in seiner „Naturalis historia“ die Cannabiswirkung gegen Schmerzen.
  • Der griechische Arzt Galenos von Pergamon erwähnt in seinem Werk „Methodus medendi“ die Cannabiswirkung gegen Schmerzen sowie die appetitanregende Wirkung. Außerdem erwähnt er die toxische Cannabiswirkung.

Im 13. und 16. Jahrhundert übersetzten muslimische Ärzte im mittleren Osten die Werke von Galen und Dioskurides. Im Islam war der Alkohol verboten, jedoch galt der Cannabiskonsum als weit verbreitet. So wurde Cannabis als Medizin bei Augenkrankheiten, Epilepsie, Schmerzen, Verdauungsbeschwerden sowie zur „Reinigung des Gehirns“ verwendet. Zwar war der medizinische Cannabisgebrauch erlaubt, wer jedoch Cannabis als Rauschmittel nutzte, musste mit einer Strafe von bis zu 80 Peitschenhieben rechnen.

Cannabis als Medizin in Europa

Um die Heilkunde kümmerten sich im Mittelalter die Nonnen und Mönche. Diese praktizierten die Klostermedizin. Erste Hinweise auf Cannabis als Medizin finden sich in der Schrift „Physica – Liber simplicis medicinae“ von Hildegard von Bingen, eine Nonne der Benediktiner und Dichterin. Sie führt in der Schrift aus, dass Cannabis als schmerzlindernde und verdauungsfördernde Pflanze genutzt werden könne und dass sich Cannabis zur Behandlung von Wunden und Geschwüren eigne. Weitere Anwendungsgebiete waren Magenbeschwerden wie Übelkeit, Rheuma und Bronchitis. Zudem wurde Cannabis als Opiumersatz genutzt.

In diversen Kräuterbüchern taucht Cannabis ab dem 16. Jahrhundert auf. Der Mediziner und Botaniker Leonhart Fuchs beschreibt in seinem berühmten Werk „De Historia Stirpium“ aus dem Jahr 1542 die Kultivierung von Cannabis Sativa und zitiert hier sogar aus den Werken von Plinius, Galen und Dioskurides.

Im Jahr 1640 empfahl dann der englische Botaniker und Apotheker John Parkinson in seinem Werk „The Botanical Theatre of Plants“ Cannabis gegen Gelbsucht, Durchfall, Husten, Koliken, Schmerzen, Verbrennungen, Gicht und zur Behandlung von Tumoren.

Viele Forscher und Weltreisende berichteten während dieser Zeit von Cannabis und brachten getrocknete Pflanzen aus Indien und dem mittleren Osten mit. Seine Blütezeit erlebte Cannabis dann im 19. Jahrhundert.

Cannabis als Allheilmittel im 19. Jahrhundert

In Europa und den USA war Cannabis das am meisten verkaufte Arzneimittel in den Apotheken. Selbst kleine Ortsapotheken boten Cannabisextrakte und Cannabistinkturen an und zwischen den Jahren 1842 und 1900 machten diese die Hälfte aller verkauften Arzneimittel aus. Allein in Europa gab es zwischen den Jahren 1850 und 1950 mehr als 100 unterschiedliche Cannabispräparate. Zudem galt Cannabis als Alternative zum Opium. Eingesetzt wurde Cannabis u.a. gegen folgende Beschwerden:

  • Kopfschmerzen/Migräne
  • Neuralgien
  • Rheuma
  • Epilepsie
  • Krämpfe
  • Husten/Asthma
  • Unruhezustände/Angstzustände
  • Schlafstörungen

Darüber hinaus wurden Cannabiszubereitungen wie Haschöl erfolgreich gegen Hühneraugen eingesetzt. Auch in Rheuma- und Wundsalben wurde Cannabis verarbeitet.

Obwohl die berauschende Wirkung von Cannabis bekannt war, gab es im Grunde keine Beschwerden, bei denen das „Allheilmittel“ nicht verordnet wurde. Kleinkindern und sogar Babys wurden Cannabistinkturen als mildes Schlafmittel gegeben. Eine beliebte Süßigkeit bei den Kindern war ein Konfekt aus den USA, das aus Haschisch und Ahornsirup bestand.

Besonders häufig wurden Cannabistinkturen eingesetzt. Erst später kamen Cannabistabletten auf den Markt. Besonders bekannt war das wässrige Cannabisextrakt namens „Extractum Cannabis indicae aquosum fluidum“ der Firma Merck, das gegen die weitverbreitete Tuberkulose und Husten helfen sollte. Als Schlafmittel nutzte man eine Tinktur aus Cannabisextrakt, Bilsenkrautextrakt, Chloralhydrat und Kaliumbromid. In den USA wurde dieses Mittel unter der Bezeichnung „Bromidia“ verkauft. Auch in Deutschland wurde das Rezept dieser Tinktur in verschiedenen Arzneibüchern aufgeführt.

Cannabis zur Leistungssteigerung

In Kriegszeiten wurde die Cannabiswirkung genutzt, um das Durchhaltevermögen der Soldaten zu verbessern. So entdeckten beispielsweise die Soldatentruppen von Napoleon auf ihren Feldzügen die entspannende Cannabiswirkung, was ihnen dabei half, die Schlachten zu bewältigen. Auch die deutschen Soldaten bedienten sich der Cannabiswirkung, unter anderem im Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870 bzw. 1871. Mithilfe von Cannabis konnten sie ihren Kampfgeist und ihre Leistungsfähigkeit steigern. Zudem half es dabei, die schrecklichen Kriegserlebnisse zu verdrängen.

Hanfrauchen lag im Trend

Im 19. Jahrhundert war das Hanfrauchen sehr beliebt. Hingegen galt Tabak als teure Rauchware. Cannabis zum Rauchen wurde damals als „Kraut“ oder „Orient“ bezeichnet. Ebenso wurde es „Knaster“ genannt. Grund hierfür war, dass das Cannabis im Pfeifenkopf ein knasterndes Geräusch verursachte. Zu dieser Zeit gab es auch sogenannte Rauchsprüche auf den Tabakdosen, wie zum Beispiel „Mich nicht Orient mit Bier, sonst werden Deine Träume wirr“. Mit der Zeit verlor Hanf jedoch seinen hohen Beliebtheitsgrad, da Tabak günstiger wurde. Nur in den Oberschichten wurde Cannabis noch genutzt.

Cannabis als Medizin im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert führte die Verbreitung von Cannabis letztendlich zum Beginn der Prohibition, die in den USA ihren Anfang nahm. Die Verbotsbewegung sorgte dafür, dass Cannabis zur gefährlichen Droge erklärt wurde. Unterstützt wurde der weltweite Siegeszug der Prohibition durch staatliche Propaganda.

Cannabis ist seit 10.000 Jahren tief in der menschlichen Kultur verwurzelt, sodass es trotz der Prohibition weiter als Genussmittel und für medizinische Zwecke genutzt wurde und wird. Inzwischen scheint es eine Rückbesinnung auf die Kulturgeschichte des Cannabis zu geben, was u.a. auch dem medizinischen Fortschritt zu verdanken ist.

Anmerkung der Autorin

Wenn ich auf meine Jugend zurückblicke, dann erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie mir meine Eltern, die in Kriegszeiten großgeworden waren, immer wieder eingebläut haben, dass „Hasch eine gefährliche Droge“ sei. Für meine Eltern bedeutete das „Haschrauchen“, dass man wenige Tage später automatisch an der Heroinnadel hänge. Doch auch bei den älteren Generationen scheint sich inzwischen ein (langsamer) Wandel abzuzeichnen. So kenne ich Freundinnen meiner Mutter, die in ihren eigenen kleinen Wohnungen im betreuten Wohnhaus leben, die mittlerweile Medizinalhanf gegen starke Opioide getauscht haben und mit Freude ihre „Haschkeks“ backen. Mit ihrer „Rollator-Gang“ durchstreifen sie täglich das kleine Örtchen, in dem sie leben, was vor Monaten noch undenkbar war. Für einen Wandel und eine Meinungsänderung ist es nie zu spät.

Quellen:

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