Wie effektiv sind selbst hergestellte Cannabis-Tinkturen?

Autor: Alexandra Latour

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Immer wieder werden im Internet Rezepte für das Herstellen von Cannabis-Tinkturen vorgestellt. Das Unternehmen Lecithol behauptet sogar, dass mithilfe ihres Produktes die Cannabinoide für den Körper besser aufnahmefähiger werden. Was ist dran an diesen Behauptungen?

Wie effektiv sind selbst hergestellte Cannabis-Tinkturen?

Cannabis-Tinkturen sind nichts Neues. Ebenso nicht die Methode, Cannabis in Alkohol einzulegen, um die Menge der Inhaltsstoffe pro Volumen zu vergrößern (potenzieren). In der Regel werden THC-Lösungen sublingual eingenommen. Das heißt, je nach Dosierungsanleitung werden ein, zwei oder mehr Tropfen unter die Zunge gegeben, da hier der Alkohol schnell aufgenommen wird. Im Vergleich zum Rauchen, Verdampfen oder Essen/Trinken von Cannabis tritt die Wirkung schneller ein.

Im Internet finden sich zahlreiche Rezepte und Herstellungsanleitungen für Cannabis-Tinkturen und -Konzentrate. Gemeinsam haben alle, dass die Cannabinoide vom Pflanzenmaterial getrennt werden müssen. Um dies zu erreichen, wird entweder eine mechanische Methode oder Lösungsmittel genutzt. Mechanische Methoden werden bereits seit Jahrtausenden genutzt. Eine der ältesten Methoden ist das handgerollte „Charas Haschisch“. Nach der Ernte sind die Hände klebrig vom Cannabis-Harz, sodass sie einfach nur aneinander gerieben werden müssen, bis das Harz zu einer Kugel wird.

Cannabis-Tinkturen und -Extrakte, die mithilfe von Lösungsmitteln hergestellt werden, sind hingegen relativ neu. Dank moderner Chemikalien können aus Cannabisblüten qualitativ hochwertige Produkte entstehen. Da diese Chemikalien auch für Normalverbraucher zugänglich sind, kann eine Cannabis-Tinktur auch selbst hergestellt werden. So kann Alkohol, Wasser, Butan oder CO2 genutzt werden, um das Pflanzenmaterial herauszulösen. Am häufigsten trifft man im Internet auf das Herstellungsverfahren mit Alkohol oder Glycerinlösung.

Hier ist  jedoch genau das Problem: Es ist unklar, wie hoch der THC- und CBD-Gehalt bei diesen nicht standardisierten Zubereitungsarten ist. Dieser kann sich bei der Herstellung einer Cannabis-Tinktur erheblich verändern und somit den gewünschten medizinischen Effekt negativ beeinflussen. Cannabispatienten erhalten eine speziell für sie ausgewählte, pharmazeutisch gezüchtete und behandelte Cannabissorte mit einem bestimmten THC- und CBD-Gehalt, entweder als ölige Lösungen oder Cannabis Vollspektrum Extrakte.

Nehmen wir hier zum Beispiel das Rezept für das „Rick Simpson Öl“ (THC-Öl), das nach dem Herstellungsprozess einen THC-Gehalt von über 90 Prozent enthält. Auch mit Dronabinol ist die selbst gemachte Cannabis-Tinktur nicht vergleichbar. Dieses wird schließlich nach Vorlage des BTM-Rezeptes von erfahrenen Apothekern hergestellt. Zudem muss die unterschiedliche Menge an Cannabinoiden deklariert werden.

Was ist Lecithol?

Das Lecithol des gleichnamigen Unternehmens ist eine alkoholische Lösung, die im Internet angeboten wird, um eine Cannabis-Tinktur selbst herzustellen. Laut eigenen Angaben besteht die Lösung unter anderem aus den Lebensmittelzusatzstoffen Polysorbat 80 (E433) und Lecithin (E322).

Bei beiden Lebensmittelzusatzstoffen handelt es sich um sogenannte Emulgatoren, die in vielen verarbeiteten Lebensmitteln stecken und die Konsistenz sowie die Haltbarkeit verlängern sollen. Zudem sorgen sie dafür, dass sich Wasser mit Öl verbindet. Lecithin wird aus Raps, Mais oder Erdnüssen gewonnen und ist eine fettähnliche Substanz, die im menschlichen Körper von Natur aus vorkommen. Auch viele Nahrungsmittel wie etwa Eigelb oder Karotten enthalten bereits Lecithin. Allgemeinhin gilt Lecithin als nicht gesundheitsgefährdend.

In Bezug auf Polysorbat 80 vermuten Forscher bereits seit langer Zeit, dass dieser Emulgator negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnte wie etwa auf die Entwicklung von chronischen entzündlichen Darmerkrankungen. Auch wird angenommen, dass der Emulgator die Entstehung von Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und ungünstigen Blutfettwerten fördern kann.

Forscher der Georgia State University in Atlanta konnten in Tierversuchen zeigen, dass Polysorbat 80, wenn der Emulgator längere Zeit eingenommen wird, die Darmflora von Labormäusen verändert und Entzündungsreaktionen auslöst. Die Forscher führten zu den Ergebnissen aus, dass es noch unklar sei, ob die Resultate auch auf den Menschen übertragbar seien und dass weitere Untersuchungen unbedingt nötig seien.

Auch bei der Herstellungsmethode mithilfe von Lecithol kann keine gesicherte Aussage darüber getroffen werden, wie sich der THC- und CBD-Gehalt verändert bzw. wie hoch dieser dann in der Cannabis-Tinktur ist. Demnach eignet sich diese Methode nicht für die Verwendung zu medizinischen Zwecken.

Vorsicht bei selbst hergestellten Cannabis-Tinkturen

Abschließend können wir nicht beurteilen, ob selbst hergestellte Cannabis-Tinkturen effektiv sind oder nicht bzw. existieren hierüber keine aussagekräftigen Untersuchungen oder Studien. Patienten, die Cannabis als Medizin nutzen, sollten mit ihrem Arzt über die unterschiedlichen Anwendungsformen sprechen. Hilfreiche Informationen finden Patienten auch in diesen Leafly-Artikeln:

https://www.leafly.de/anwendungen-und-einnahme-medizinisches-cannabis/

https://www.leafly.de/darreichungsformen-medizinischem-cannabis-deutschland/

THC und seine Bioverfügbarkeit

Wenn es um die Effektivität von Cannabisprodukten geht, fällt auch häufig der Begriff „Bioverfügbarkeit“. Beim Rauchen wird THC schnell über die Lungenschleimhaut ins Blut aufgenommen und die Wirkung tritt bereits nach wenigen Minuten ein. Das Maximum der Wirkung wird in der Regel nach 20 bis 30 beobachtet. Dabei liegt die systemische Bioverfügbarkeit von THC zwischen 10 und 30 Prozent. Ein ungefähr 30-prozentiger Anteil des THC wird verbrannt. Der größte Verlust ist jedoch auf Seitenströme beim Rauchen zurückzuführen. Werden die Seitenströme vermieden, indem beispielsweise eine Pfeife mit wenig Cannabis verwendet wird, kann die systemische Bioverfügbarkeit auch bei über 50 Prozent liegen.

Wenn THC gegessen oder getrunken wird, wird es vom Magen-Darm-Trakt nahezu vollständig aufgenommen. Jedoch beträgt die systemische Bioverfügbarkeit durchschnittlich nur 5 bis 10 Prozent. Diese starke Reduzierung entsteht, da das Blut aus dem oberen Darmbereich erst durch die Leber fließt, bevor es weitere Organe erreichen kann. Der größte Teil des THC wird dann von der Leber verstoffwechselt (First-pass-Effekt).

11-Hydroxy-THC (11-OH-THC) und Carboxy-THC (THC-COOH) sind hier die beiden wichtigsten Abbauprodukte. Dabei verursacht das 11-OH-THC die gleiche Wirkung wie das THC. Hingegen verursacht das THC-COOH keine psychoaktive Wirkung. Die THC- und 11-OH-THC-Konzentration im Blut ist nach dem Essen oder Trinken ungefähr gleich hoch, sodass die THC-Wirkung verstärkt wird und die geringere systemische Bioverfügbarkeit etwas ausgeglichen wird. Außerdem hält die Wirkung länger an als beim Rauchen.

Auf der Webseite von Lecithol wird ausgeführt, dass Forschungen gezeigt haben, dass 11-OH-THC allgemein besser wirksam sei als THC. Wir haben bei Lecithol eine schriftliche Anfrage gestellt und darum gebeten, uns diese Studien zu nennen. Leider kam bisher noch keine Antwort.

Nach unserer Recherche existieren kaum Forschungen zu dieser Thematik. Dr. Franjo Grotenhermen äußert sich hierzu so, dass beim Cannabisrauchen die Bioverfügbarkeit des THC höher ist als beim Essen und Trinken. Außerdem setzt die Wirkung schneller ein. Beim Essen und Trinken entsteht hingegen ein höherer Anteil des Abbauproduktes 11-OH-THC als beim Rauchen, sodass die Wirkung auch länger anhält. Alle Varianten haben demnach ihre Vor- und Nachteile.

 

Quellen:

Center for Inflammation, Immunity and Infection, Institute for Biomedical Sciences, Georgia State University, Atlanta, Georgia 30303, USA, Chassaing B1 et al., 2015, “Dietary emulsifiers impact the mouse gut microbiota promoting colitis and metabolic syndrome

Institute of Legal Medicine Saarland University Homburg (Saar)Germany, Institute of Legal Medicine Ludwig Maximilians University Munich Germany, Thomas Kraemer et al., 2007, “Bioanalytical procedures for determination of drugs of abuse in blood

Chemistry and Drug Metabolism, Intramural Research Program, 5500 Nathan Shock Drive, Baltimore, MD 21224, USA, Huestis MA1, 2005, “Pharmacokinetics and metabolism of the plant cannabinoids, delta9-tetrahydrocannabinol, cannabidiol and cannabinol

Hanf Journal Online, Dr. med. Franjo Grotenhermen, 2009, “Was geschieht mit THC im Körper?

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