Ist Ihr Endocannabinoidsystem im Gleichgewicht?

Autor: Sandrina Koemm-Benson

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Das Endocannabinoidsystem besteht aus einer Gruppe von spezialisierten Lipiden, den dazugehörigen Rezeptoren und den Enzymen, die sie produzieren und abbauen. Endocannabinoide regulieren und beeinflussen direkt und indirekt eine Vielzahl an physiologischen Systemen wie beispielsweise Appetit, Schmerzen, Entzündungen, Thermoregulation, Augeninnendruck, Empfindsamkeit, Steuerung der Muskulatur, Energie-Gleichgewicht, Stoffwechsel, Schlafverhalten, Stressreaktion, Antrieb/Belohnung, Gemütslage und Gedächtnis. Ist dieses komplexe System im Ungleichgewicht, kann es zu ernsthaften Störungen im Körper kommen.

Ist Ihr Endocannabinoidsystem im Gleichgewicht?

Das Endocannabinoidsystem

Das Endocannabinoidsystem (kurz ECS) ist ein außerordentlich komplexes Signalnetzwerk mit einer weitreichenden Wirkung im Körper. Ein besonders interessanter therapeutischer Anwendungsbereich des ECS ist sein Effekt auf das Immunsystem, was einige Wissenschaftler als Immun-Cannabinoid-Modulation bezeichnen. Einfach ausgedrückt können mithilfe des ECS die Eigenschaften, das Gleichgewicht und die Gesamtfunktion des Immunsystems reguliert und verändert werden.

Obgleich die immunmodulatorische Wirkungsweise des ESC noch nicht vollständig erforscht ist, gibt es jedoch schon Einiges, was bekannt ist. Zunächst einmal können bestimmte Cannabinoide bei optimaler Dosierung die Entzündungsreaktion bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen mindern. Cannabidiol erweist sich diesbezüglich als besonders wirksam.

Zu den Autoimmunerkrankungen gehören unter anderem:

  • Multiple Sklerose
  • Arthritis
  • Lupus
  • Encephalomyelitis
  • Parkinson

Wie stellt man das Gleichgewicht her?

Gerade in der heutigen Zeit wird vielen Menschen deutlich, welche Bedeutung der Begriff „Gleichgewicht“ im täglichen Leben hat. Für unsere körperliche und geistige Gesundheit ist es enorm wichtig, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden. Ernährungswissenschaftler haben herausgefunden, dass ein ausgeglichenes Verhältnis von Omega-6-Fettsäuren (die häufig entzündungsfördernd und somit negativ zu betrachten sind) und Omega-3-Fettsäuren (diese werden positiv betrachtet) einen vielfältigen Einfluss auf den Gesundheitszustand ausüben kann

So hat der Umstieg von Omega-6-reicher Nahrung (z. B. Pommes frites, Kartoffelchips oder Gebäck) auf gesündere Omega-3-reiche Alternativen (z. B. Lachssteak, Sardinen oder Blattgemüse) eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System, das Gehirn und den Stoffwechsel aus.

Ganz ähnlich verhält es sich, wenn es um das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Endocannabinoiden geht.

Was sind Cannabinoidrezeptoren?

Cannabinoidrezeptoren weisen eine schlangenförmige Struktur auf und stellen eine wichtige Klasse der Zellmembranrezeptoren dar. Vergleichbar mit einer Verriegelungsvorrichtung entsprechen die Rezeptoren dabei den „Schlössern“, während die an sie andockenden Ligandstoffe wie „Schlüssel“ agieren. Sie weisen ungefähr sieben Abschnitte auf, über welche die äußere Zellmembrane passiert wird. Cannabinoidrezeptoren sind außerdem mit G-Proteinen gekoppelt.

Dies ist die Basis für die Signalisierungsvorgänge, bei denen ein Molekül oder Stoff z.B. von Cannabis an die äußeren Bereiche dieser Rezeptoren andockt. Die drei wichtigsten Liganden, die an Cannabinoidrezeptoren andocken, verhalten sich lipophil („fettliebend“) und enthalten Endocannabinoide (im Körper synthetisiert), Phytocannabinoide (pflanzlich, wie auch bei Cannabis) und synthetische Cannabinoide.

Weitergehend werden die Cannabinoidrezeptoren in die beiden primären Haupttypen CB1 und CB2 unterteilt. Sie weisen einige Ähnlichkeiten auf, unterscheiden sich allerdings in erster Linie in darin, welchem Gewebe- oder Organsystem sie im Körper zugeordnet sind.

CB1 kommt hauptsächlich im Gehirn vor, ist aber auch in Lunge, Niere, Leber, Fett, Herz Muskulatur und Knochen enthalten. CB1-Rezeptoren werden in erster Linie mit den psychoaktiven und euphorisierenden Aspekten von THC (Tetrahydrocannabinol) in Verbindung gebracht. CB2-Rezeptoren finden sich hingegen meist im Immunsystem und in den Blutzellen sowie in geringerer Dichte im Nervensystem, Leber, Darm, Muskulatur und Knochen.

Wie können Cannabinoidrezeptoren zum Gleichgewicht des Endocannabinoidsystems beitragen?

Das Endocannabinoidgleichgewicht resultiert aus der relativen Mitwirkung der CB1-Aktivität im Verhältnis zur CB2-Aktivität in einem bestimmten Zeitraum. In wissenschaftlicher Hinsicht verdichten sich die Hinweise darauf, dass eine CB1-Dominanz mit einer verstärkten Wahrnehmung von Stress, Angstzuständen, Paranoia, Appetitzunahme und verringerter Neigung zu Übelkeit/Brechreiz sowie Schmerzen und einer verbesserten Immunüberwachung in Verbindung gebracht werden kann. Letzteres steht im Zusammenhang mit bestimmten Krebsarten.

Mit einer CB2-Dominanz wiederum werden der Rückgang von Entzündungen und Gewebeschäden sowie Verbesserungen in den Bereichen Stoffwechselgesundheit, Insulinsignalisierung und -sensitivität, Sättigungsgefühl und Energiehaushalt assoziiert. Auf Basis dieser Informationen konzentrieren sich einige Wissenschaftler auf bestimmte CB1-Blocker, die zahlreiche Symptome des metabolischen Syndroms verbessern können.

Als metabolisches Syndrom (Stoffwechselsyndrom) wird eine Gruppe von Einflussfaktoren bezeichnet, die das Risiko von Herzerkrankungen, Schlaganfällen und Diabetes erhöhen. Dabei geht es im Speziellen um Bluthochdruck, hohen Blutzuckerspiegel, bauchbetonte Fettleibigkeit und abnormale Cholesterinwerte.

Anhand einiger Untersuchungen wurde bereits gezeigt, dass durch periphere CB1-Hemmung der Blutdruck sowie der Blutzuckerspiegel reduziert und die Cholesterinwerte verbessert werden können. Weiterhin wird dadurch ein Abbau von Bauchfett begünstigt, wodurch sich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-II-Diabetes verringert.

Was macht ein ausgeglichenes Endocannabinoidsystem aus?

Neueste biochemische und verhaltensbezogene Entdeckungen belegen, dass eine „ideale“ Aktivierung von CB1-Rezeptoren antidepressiv wirkende neurochemische Veränderungen und Verhaltenseffekte fördert, wie sie auch bei Nagetieren festgestellt wurden. Die Bedeutung eines ausgeglichenen Endocannabinoid-Systems wird anhand dieser Erkenntnisse noch weiter verdeutlicht.

Das Endocannabinoidsystem steuert die Ausbreitung, Differenzierung, Erhaltung und Immunkompetenz des häufig vernachlässigten Hautorgansystems (z. B. Hautzellen und Haare). Eine gezielte Manipulation des Endocannabinoidgleichgewichts zur Normalisierung des Hautzellenwachstums und der Entzündungsneigung kann bei der Behandlung vieler Hauterkrankungen (Schuppenflechte, Ekzeme, Akne, Dermatitis, systemische Sklerose) von großem Nutzen sein.

Die im ersten Beispiel gezeichneten Vergleiche zwischen der Balance aus den mehrfach ungesättigten Omega-6- und Omega-3 Fettsäuren (PUFA) und der Balance aus CB1-Endocannabinoiden und CB2-Endocannabinoiden ergeben eine noch deutlichere Aussage.

Dies liegt daran, dass die ernährungsbedingte Aufnahme mehrfach gesättigter Fettsäuren erwiesenermaßen die Werte von Anandamid und 2-AG (die beiden bekanntesten Endocannabinoide bei Menschen) beeinflusst.

Das Gleichgewicht zwischen mehrfach gesättigten Omega-6- und Omega-3-Säuren ist daher ein wichtiger Modifikator bei der Aktivierung und Unterdrückung der Cannabinoid-Signalisierung in den Zellen.

Zur Illustration dieses Punktes haben Hutchins-Weise und andere Wissenschaftler die Erkenntnisse eines Versuchs mit Nagetieren veröffentlicht, bei dem eine immobilisationsbedingte Atrophie (Gewebeschwund) in Verbindung mit einer Nahrungsergänzung in Form von Fischöl dargestellt wird.

Die aus der Verabreichung des Fischöls resultierenden Omega-3-Werte verursachten bedeutende Veränderungen (Erhöhung der CB2-Rezeptoren, aber abnehmende Werte hinsichtlich der 2-AG- und CB1-Aktivität) im Endocannabinoid-System der Mäuse. Dies geschah, weil der entscheidende Muskel sensibilisiert wurde, um den Effekten der Immobilisierung und der Hemmung der hinteren Glieder entgegenzuwirken.

Was geschieht, wenn das Endocannabinoidsystem nicht im Gleichgewicht ist?

Wie bereits erwähnt, ist ein angemessenes Gleichgewicht von entscheidender Bedeutung. Schließlich haben Studien ergeben, dass ein zu starkes Verschieben der Skala in Richtung Hemmung der CB1-Rezeptoren die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt und das Risiko von Depressionen und Gemütsstörungen sowie einer Immunsuppression (Unterdrückung der Immunreaktion) erhöht.

Eine überschüssige CB1-Signalvermittlung steht im Zusammenhang mit erhöhter Psychoaktivität, systemischen Entzündungen, Herz-Kreislauf-Risiken, Diabetes und Übergewicht. Im Gegensatz dazu kann eine CB2-Überaktivierung und -Dominanz zu einer Beeinträchtigung der Immunfunktionen und der Wundheilung führen.

Lesen Sie auch den Artikel zum Endocannabinoidmangelsyndrom.

 

Quellen:

Castillo PE, et al. Endocannabinoid Signaling and Synaptic Function. Neuron. 2012. 76(1):70-81
Bíró T, Tóth BI, Haskó G, Paus R, Pacher P. The endocannabinoid system of the skin in health and disease: novel perspectives and therapeutic opportunities. Trends in Pharmacological Sciences. 2009;30(8):411-420. doi:10.1016/j.tips.2009.05.004.
Witkin JM, Tzavara ET, Nomikos GG. A role for cannabinoid CB1 receptors in mood and anxiety disorders. Behavioural Pharmacology. 2005;16(5-6):315-331. doi:10.1097/00008877-200509000-00005.
Hutchins-Wiese HL, Li Y, Hannon K, Watkins BA. Hind limb suspension and long-chain omega-3 PUFA increase mRNA endocannabinoid system levels in skeletal muscle. J Nutr Biochem. 2012 Aug;23(8):986-93.

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