Endometriose und Cannabis als Medizin

Starke Schmerzen und Unterleibskrämpfe – Monat für Monat. Für viele Frauen ist eine Endometriose extrem belastend. Operationen, Schmerzmittel und Hormonpräparate versprechen Linderung, sind aber nicht nebenwirkungsarm. Kann Cannabis als Medizin hier eine Alternative sein?

Endometriose und Cannabis als Medizin

In Deutschland erkranken jedes Jahr schätzungsweise 40 000 Frauen an einer Endometriose. Wie viele Frauen tatsächlich betroffen sind, ist unklar. Denn oftmals verläuft die Erkrankung beschwerdefrei. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit zu erkranken mit zunehmendem Alter steigt.

Bei einer Endometriose siedelt sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter an. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass eine Frau davon gar nichts spürt. Andere Frauen kämpfen jedoch während ihrer Regelblutung mit starken Unterleibskrämpfen und Schmerzen.

Die Cannabisforschung beschäftigt sich bereits mit der Symptomlinderung bei einer Endometriose mit Medizinalhanf. Erst im Anfang Mai haben wir über israelische Forscher berichtet, die nun herausfinden wollen, wie Cannabinoide bei der Behandlung von Endometriose eingesetzt werden können. Zudem berichten wir in diesem Beitrag über weitere interessante Studien, die das Thema Cannabis als Medizin und Endometriose behandeln.

Endometriose und ihre Ursachen

Bis heute sind die genauen Ursachen einer Endometriose nicht geklärt. Es gibt jedoch unterschiedliche Erklärungsansätze dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle auftritt. Hierzu gehören unter anderem:

  • Genetische Veranlagung: Da in einigen Familien mehrere Frauen unter einer Endometriose leiden, kann eine genetische Veranlagung möglich sein.
  • Hormonstörungen: Wenn das Zusammenspiel von verschiedenen Hormonen oder auch immunologischen Prozessen gestört ist, kann dies zu einer Endometriose führen. Sollte beispielsweise das Immunsystem nicht optimal arbeiten, können sich die verschleppten Gebärmutterschleimhautzellen auch außerhalb der Gebärmutter anlagern.
  • Retrograde Menstruation: Bei der umgekehrten Menstruation kommt es zum Rückfluss des Menstruationsblutes durch die Einleiter in den Bauchraum.
  • Muskelbewegungen der Gebärmutter: Eine Vermutung ist, dass die Muskelbewegungen der Gebärmutter unkoordiniert und verstärkt ablaufen, sodass es zu kleinen Verletzungen in der tiefliegenden Schleimhaut kommt. Infolge dessen gelangen die Zellen über die Eileiter in den Bauchraum. Zudem können sie sich in die Muskelschicht der Gebärmutter einnisten und dort ein gebärmutterähnliches Gewebe bilden.

Endometriose und ihre Symptome

Das wohl wichtigste Symptom ist die schmerzhafte Regelblutung (Dysmenorrhoe). In der Regel setzen die Schmerzen im Unterleib kurz vor Beginn der Regelblutung ein und nehmen nach der Blutung wieder ab. Dabei sind die Schmerzen in einigen Fällen so stark, dass Betroffene während ihrer Regelblutung stark im Alltag eingeschränkt und sogar arbeitsunfähig sind.

Die Endometriose kann aber auch langanhaltende Schmerzen hervorrufen, die unabhängig vom Zyklus auftreten. Es wird angenommen, dass das geschädigte Gewebe die Ursache für diesen Dauerschmerz ist. Wenn das Blut an den Endometrioseherden nicht abfließen kann, kann dies zu Reizungen und Schmerzen führen.

Im Rahmen der Endometriose können weitere Symptome auftreten, wie zum Beispiel dann, wenn sich die Endometrioseherde zwischen der Gebärmutter und dem Darm befinden. Infolge dessen kann es zu Kreuzschmerzen sowie zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) kommen.

Darüber hinaus kann es auch immer wieder zu Zyklusstörungen kommen. Diese zeigen sich dann in Form von Schmier- und/oder Zwischenblutungen. Wenn sich die Endometrioseherde in der Muskelschicht der Gebärmutter befinden, ist die Regelblutung in der Regel sehr stark und hält auch länger an (Menorrhagie).

Wenn der Endometrioseherd in der Blase liegt, kann es zu Problemen beim Wasserlassen kommen. Zudem kann es passieren, dass sich Blut im Urin findet. Ebenso kann es sein, dass sich Blutspuren im Stuhl finden, wenn die Endometriose vom Darm aus geht. Beide Fälle treten jedoch nur selten auf.

Ausmaß der Endometriose

Wie stark die Symptome sind, die durch die Endometriose ausgelöst werden, deuten nicht unbedingt auf das Ausmaß der Erkrankung hin. Denn ungefähr die Hälfte der Betroffenen ist frei von den typischen Symptomen. Welche Beschwerden auftreten, hängt vor allem davon ab, wo die Herde der Endometriose liegen. In einigen Fällen lösen diese keine Symptome aus und bleiben sogar unbemerkt.

Wenn die Erkrankung Beschwerden bereitet, dann sind diese in der Regel vom Hormonzyklus abhängig. Innerhalb von 28 Tagen baut sich die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) mithilfe der weiblichen Hormone wie Östrogen und Progesteron auf. So kann sich im Falle der Schwangerschaft eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter einnisten. Erfolgt keine Befruchtung der Eizelle nach dem Eisprung (Ovulation), setzt die Periode ein, damit die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen wird. Danach beginnt der Zyklus erneut.

Wenn die Wechseljahre beginnen und die Regelblutung ausbleibt, verschwinden die Symptome der Endometriose. Bei einer Schwangerschaft können die Beschwerden ebenfalls ganz nachlassen, da auch während dieser Zeit die Periode aussetzt.

Endometriose: Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Symptome einer Endometriose können von Patientin zu Patientin unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig den Gynäkologen aufzusuchen, wenn akute Beschwerden auftreten. Es folgt dann in der Regel eine umfangreiche gynäkologische Untersuchung. Bei Verdacht auf Endometriose kommt dann eine Laparoskopie (Bauchspiegelung) zum Einsatz. Der Arzt nimmt hierfür zwei kleine Einschnitte in der Bauchdecke vor, um dort dann eine kleine Kamera einzuführen. Durch die Kamera kann der Arzt auch Instrumente einführen, um eine Gewebeprobe entnehmen zu können. Zudem kann der Arzt durch die Kamera mögliche Endometrioseherde erkennen.

Endometriose: Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

Ob eine Therapie bei einer Endometriose sinnvoll ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Ausmaß der Erkrankung sowie der Lage der Endometriose. Viele betroffene Frauen leiden während ihrer Regelblutung unter starken Schmerzen. Um diese zu lindern, werden häufig Schmerzmittel verordnet.

Wenn eine Frau keinen Kinderwunsch hat, können Hormonpräparate den hormonellen Zyklus blockieren. Zum Einsatz kommen dann meist Östrogen-Gestagen-Kombinationen, Gestagene oder GnRH-Agonisten (z. B. Goserelin). Problematisch ist jedoch, dass diese Hormonpräparate nicht nebenwirkungsfrei sind. So kann es unter der Therapie unter anderem zu folgenden Nebenwirkungen kommen:

  • Müdigkeit und Schlaflosigkeit
  • Gewichtszunahme
  • Stimmungsschwankungen
  • Kopfschmerzen
  • Schweißausbrüche

Darüber hinaus kann in schweren Fällen auch eine Operation sinnvoll sein, bei der das überschüssige Gewebe entfernt wird. Kleinere Endometrioseherde können bereits während der Laparoskopie mithilfe eines Lasers abgetragen oder aber elektrochirurgisch verödet werden. Wenn die Herde direkt über die Scheide zugänglich sind, kann der Arzt diese auch direkt herausschneiden (Exzision). Liegen die Herde jedoch ungünstig oder sind diese sehr ausgedehnt, ist ein Bauchschnitt erforderlich.

Endometriose und Kinderwunsch

Bislang ist nicht geklärt, ob Endometrioseherde am Eileiter und den Eierstöcken die Fruchtbarkeit beeinflussen. Nur einige wenige Studien weisen darauf hin, dass sich die Chance auf eine Schwangerschaft vergrößert, wenn die Herde entfernt werden. Sollten die Herde erneut auftreten, empfehlen einige Ärzte eine künstliche Befruchtung wie beispielsweise eine In-Vitro-Fertilisation.

Endometriose: Krankheitsverlauf und Komplikationen

Der Verlauf der Erkrankung ist individuell sehr verschieden. Außerdem hängt der Krankheitsverlauf von unterschiedlichen Faktoren, wie beispielsweise der Lage der Endometrioseherde und den Behandlungsmaßnahmen. Problematisch ist, dass es auch zu Komplikationen kommen kann. So können sich Vernarbungen und Verwachsungen bilden, die wiederum zu starken Schmerzen führen. Außerdem können sich blutige Zysten am Eileiter bilden, wenn diese von der Endometriose betroffen sind. Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene sich regelmäßig gynäkologisch untersuchen lassen.

Endometriose und Medizinalhanf: Aktuelle Studienlage

Bereits im Jahr 2010 erklärten Forscher der Florida State University, dass das Endocannabinoidsystem an der Uterusfunktion und -funktionsstörung beteiligt ist und dass exogene Cannabinoide einst zur Linderung von Endometriose-assoziierten Schmerzen eingesetzt wurden. Dies lege nahe, dass das Endocannabinoidsystem sowohl an der Endometriose als auch an den damit verbundenen Schmerzen beteiligt ist.

Mithilfe eines Rattenmodells fanden die Forscher dann heraus, dass die Cannabinoidrezeptoren 1 (CB1) sowohl auf den Somata als auch auf den Fasern der sensorischen und sympathischen Neuronen exprimiert werden, die das abnormale Wachstum der Endometriose innervieren. Außerdem nahmen die CB1-Rezeptoragonisten ab, während CB1-Rezeptorantagonisten zunahmen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Endocannabinoidsystem sowohl an der peripheren Innervation des abnormalen Wachstums als auch an den mit Endometriose verbundenen Schmerzen eine wichtige Rolle spielt.

Endocannabinoidsystem und Endometriose

Forscher des Departments of Obstetrics and Gynecology in Israel führen in der Einleitung ihrer Studie aus dem Jahr 2017 aus, dass das Endocannabinoidsystem (ECS) ein relevantes pharmakologisches Ziel bei der Behandlung von Schmerzen ist. Deshalb wollten die Forscher den Zusammenhang zwischen dem ECS und der durch die Endometriose erzeugten Schmerzmechanismen verstehen.

Das ECS ist eine Gruppe von endogenen Cannabinoidrezeptoren, Liganden und Enzymen, die für die Biosynthese und den Abbau der Liganden erforderlich sind und sich vorwiegend im Gehirn, im zentralen Nervensystem sowie im peripheren Nervensystem befinden.

Die Mechanismen, die an Endometriose-Schmerzen beteiligt sind, befinden sich sowohl auf zentraler als auch auf peripherer neuronaler Ebene. Darüber hinaus ist das ECS an vielen physiologischen Prozessen beteiligt, einschließlich Schmerzempfindung, Appetit, Stimmung und Gedächtnis sowie an der Vermittlung der psychoaktiven Wirkungen von Cannabis.

Weiter berichten die Forscher, dass sich die Cannabinoidrezeptoren 1 (CB1) sowohl in der Gebärmutter als auch in mehreren nicht reproduktiven Geweben in hohem Maße finden. Hingegen werden die Cannabinoidrezeptoren 2 (CB2) vorwiegend im Immunsystem und im Darm sowie in anderen Geweben wie Lunge, Gebärmutter, Bauchspeicheldrüse und Haut exprimiert.

Studien hätten gezeigt, dass humane Eizellen CB1- und CB2-Rezeptoren exprimieren und ihre Lokalisation während der Eizellenreifung variiert. Darüber hinaus wurde das Vorhandensein des körpereigenen Cannabinoids Anandamid in den weiblichen Fortpflanzungsflüssigkeiten sowie im Eierstock nachgewiesen. Dabei spielt Anandamid vor allem bei Eizellenreifung und Ovulation eine wichtige Rolle.

All dies liefert wichtige Hinweise darauf, dass die gezielte Endocannabinoid-Modulation verschiedene Ebenen der Pathogenese und der Proliferation der Krankheit beeinflussen kann.

Klinische Studien zur Wirkweise von Cannabis fehlen

Aktuell fehlen noch repräsentative Studien zur Wirkung von Cannabis auf die Endometriose bzw. Erkrankungen der Gebärmutter.

„Es gibt zu diesem Thema bisher keine klinischen Studien. Es gibt jedoch Frauen, die von positiven Effekten berichten. Dies könnte sowohl auf den schmerzlindernden als auch auf den entzündungshemmenden Eigenschaften von Cannabis beziehungsweise den Cannabinoiden THC und CBD beruhen“, erklärte der führende Experte für Medizinalhanf Dr. Franjo Grotenhermen in einem Interview.

Im März diesen Jahres haben wir darüber berichtet, dass US-Forscher eine Beobachtungsstudie an 400 Frauen durchzuführen wollen, die ein Cannabiszäpfchen gegen Menstruationsbeschwerden benutzen. Zur Anwendung kommen die Cannabiszäpfchen des Unternehmens Foria Wellness, die 60 Milligramm THC, 10 Milligramm CBD und Kakaobutter enthalten.

Die Cannabinoide in den Zäpfchen sollen das Immunsystem sowie die Nervenenden der Gebärmutter, der Eierstöcke und des umgebenden Gewebes beeinflussen, umso das Schmerzempfinden zu blockieren.

„Wir wissen, dass Cannabis Schmerzen lindert. Wir sehen viele Patienten mit Dysmenorrhö (schmerzhafte Menstruationszyklen). Es ist eine großartige Möglichkeit, ihnen zu helfen“, erklärte einer der Forscher.

Sobald die Ergebnisse dieser Studie vorliegen, werden wir natürlich darüber berichten.

Weitere Informationen zum Thema medizinisches Cannabis bei Regelschmerzen gibt es hier.

 

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