Fahrtüchtigkeit und Cannabiskonsum: Kritik an Studie

Autor: Gesa Riedewald

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Studienteilnehmer kritisiert Untersuchung: Kürzlich berichteten wir über eine aktuelle Studie zum Thema Cannabiskonsum und Fahrtauglichkeit. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser Untersuchung: Obwohl die Testpersonen wenige Stunden nach dem Cannabiskonsum wieder sicher Auto fuhren, zeigten sie sechs Stunden nach Einnahme erneut erhebliche Unsicherheiten. Diese beruhen aber vor allem auf Müdigkeit, nicht auf Cannabiskonsum – das erklärte ein Teilnehmer der Studie gegenüber Leafly.de.

Fahrtüchtigkeit und Cannabiskonsum: Kritik an Studie

Kürzlich berichteten wir, dass Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Düsseldorf mithilfe eines Fahrsimulators untersuchten, wie sich Cannabiskonsum auf die Fahrtüchtigkeit auswirkt. Ein Teilnehmer der Studie erklärte jetzt gegenüber Leafly.de, dass die Tests Mängel aufweisen. Aufgrund der späten Uhrzeit der letzten Untersuchung hat die Müdigkeit der Testpersonen das Studienergebnis beeinflusst.

Fahrtüchtigkeit: Studie zeigte unsicheres Fahren nach sechs Stunden

Die Resultate der Studie zeigten: Unmittelbar nach dem Konsum von Cannabis hatten die Testpersonen im Vergleich zu ihren Ausgangswerten eine deutlich höhere Fehlerquote. Nach drei Stunden war die Fahrtüchtigkeit wie vor der Einnahme von Cannabis. Erstaunlich war, dass nach sechs Stunden die Fehlerquote im Fahrsimulator wieder um das Dreifache anstieg. Die Testpersonen fühlten sich zu diesem Zeitpunkt fit und auch die medizinische Untersuchung ergab keine Auffälligkeiten.

„Müdigkeit hat erheblichen Einfluss gehabt“

Leafly.de: Thomas (Anm. d. Red.: Name geändert), du hast an der Studie der Universität Düsseldorf zum Thema Cannabiskonsum und Fahrtauglichkeit teilgenommen. Deiner Meinung nach sind die schlechten Fahrergebnisse nach sechs Stunden auf Müdigkeit zurückzuführen, nicht auf den Cannabis-Konsum. Kannst Du das genauer erklären?

Thomas: Die Auswertung der Studie ist meines Wissens noch nicht abgeschlossen, es wurden lediglich die Rohdaten präsentiert. Diese Rohdaten berücksichtigen jedoch keine weiteren Störfaktoren, wie beispielsweise die Tatsache, dass die letzten Untersuchungen, also sechs Stunden nach dem Konsum, zu einem Zeitpunkt stattgefunden haben, an dem etliche Studienteilnehmer bereits über 16 Stunden auf den Beinen waren.

Der Tag war durch viele interessante Gespräche mit Unbekannten, Konzentrationstests und die Simulatorfahrten sehr anstrengend. So habe ich beispielsweise bei einem Konzentrationstest, bei dem man mit geschlossenen Augen einen Zeitraum von 60 Sekunden abschätzen sollte, kläglich versagt. In den Durchgängen davor – also nüchtern, unmittelbar nach dem Konsum, sowie zwei und vier Stunden nach Ende des Konsums – habe ich um weniger als eine Sekunde daneben gelegen. Bei der letzten Untersuchung waren es 20 Sekunden.

Die Auswirkungen von Schlafmangel auf die Fahrtauglichkeit sind bereits gründlich untersucht worden. Folglich dürfte Müdigkeit einen erheblichen Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit und somit auf die Ergebnisse der Studie gehabt haben – insbesondere auf die erhöhte Zahl von virtuellen Unfällen im letzten Durchgang, sechs Stunden nach dem Konsum.

„Qualität der Simulation war gering“

Leafly.de: Hast du noch andere Kritikpunkte an der Untersuchung?

Thomas: Der nächste wesentliche Kritikpunkt ist die kleine Versuchsgruppe von 15 Leuten.  Statistisch gesehen ist diese Versuchsgruppe viel zu klein, um belastbare Ergebnisse zu erhalten, es können nur Tendenzen aufgezeigt werden.

Diese Schwäche war den Forschern natürlich im Vorfeld bekannt, und – einmal mehr – politisch gewollt: Die Studie durfte keine „Außenwerbung“ machen (also unschuldige Bürger zum Konsum anstiften), weshalb sich entsprechend wenige Freiwillige gefunden haben.

Außerdem war die Qualität der Simulation leider eher als gering zu bezeichnen: Der Simulator bestand aus einen VW UP!, dessen Vorderräder auf Drehtellern standen, die genau wie Gas- und Bremspedal mit einem Laptop verbunden waren. Der Laptop hat dann die Sicht durch die Frontscheibe auf eine Leinwand projiziert. Man hatte also keinen Rundumblick, sodass der Schulterblick beim Spurwechsel zur Vermeidung von Unfällen hinfällig war – und in einigen Situationen hat genau das zu virtuellen Unfällen geführt.

Fairerweise sollte man dazu sagen, dass diese Schwäche der Simulation schon bei der nüchternen Gewöhnungsphase aufgefallen ist und die Wahrscheinlichkeit für virtuelle Unfälle unabhängig von der Fahrtüchtigkeit der Versuchspersonen erhöht war. In der Auswertung dürfte die Qualität der Simulation daher keine allzugroße Rolle spielen.

Leafly.de: Lieber Thomas, vielen Dank, dass Du aus erster Hand über diese Studie berichtet hast. Das war sehr interessant!

Quellen:

  • basierend auf: 97. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (Halle/Saale, 2018). Veranstaltung: Fahrsicherheit nach Cannabiskonsum in einem Pkw- Fahrsimulator. Universitätsklinikum Düsseldorf (Institut für Rechtsmedizin)

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