US-amerikanische Studie gibt Hoffnung: Medizinisches Cannabis soll Migräne-Attacken verringern

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 29. Juni 2017

Geändert am: 21. Oktober 2017

Die Migräne gehört zu den unangenehmsten und am häufigsten auftretenden Kopfschmerzformen. Es handelt sich dabei um ein weit verbreitetes Beschwerdebild. In Deutschland sind mehr als 3,5 Millionen Frauen sowie rund 2 Millionen Männer von der neurologischen Erkrankung betroffen. Oftmals tritt die Migräne bereits im Kindesalter auf und nimmt im Erwachsenenalter einen chronischen Verlauf. Neue Studien lassen hoffen, denn medizinisches Cannabis soll die Häufigkeit der Migräneattacken sowie deren Symptome mindern.

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die periodisch mit anfallsartigen Attacken auftritt. Infolge dessen kann Migräne das tägliche Leben von Betroffenen stark beeinträchtigen, wodurch die Lebensqualität deutlich abnimmt.

In der Migränebehandlung haben medizinische Cannabis Blüten eine lange Geschichte, so Dr. Eric P. Baron vom Cleveland Clinic Neurological Institute. Im Jahr 1840 verschrieb bereits der in London ansässige Dr. Clendinning seinen Migräne-Patienten Cannabis mit einem niedrigen THC-Gehalt. Weitere Mediziner folgten dem und verschrieben ihren Migränepatienten ebenfalls tägliche Dosen von Cannabis. Darunter auch der Arzt der britischen Königsfamilie Sir John Russel Reynolds im Jahre 1890.

Eine aktuelle Studie der University of Colorado veröffentlichte jetzt die Ergebnisse. Untersucht wurden die Auswirkungen von medizinischem Cannabis auf die Häufigkeit der Migräneanfälle pro Monat. Hierfür wurden 121 erwachsenen Betroffenen über einen vierjährigen Zeitraum medizinisches Cannabis ärztlich verschrieben. 85 Prozent der Betroffenen berichteten von einem Rückgang der Migräneattacken von durchschnittlich 10,4 Anfällen auf 4,6 Anfälle im Monat. Bei 12 Prozent der Probanden kam es zu gar keinen Migräneanfällen mehr. Die Wissenschaftler und Mediziner gehen davon aus, dass medizinisches Cannabis ein natürliches Mittel gegen die neurologische Erkrankung sein kann.

Migräne-Arten im Überblick

Migräne lässt sich in zwei Typen unterscheiden: Migräne mit und ohne Aura. Rund 90 Prozent aller Betroffenen leiden an einer Migräne ohne Aura. Die Schmerzen treten in der Regel lediglich in einer Kopfhälfte auf, woher die Migräne auch ihren Namen hat. So leitet sich der Name „Migräne“ aus dem griechischen Wort „Hemikranie“ ab. Übersetzt bedeutet dies „halbköpfig“.

Häufig setzen die Beschwerden am Morgen beim Aufwachen ein. Begleitet werden sie von einer Überempfindlichkeit gegen Licht bei ca. 60 Prozent aller Migräneattacken, Geräuschen (ca. 50 Prozent) sowie Gerüchen (ca. 10 Prozent). Betroffene ziehen sich dann in abgedunkelte und ruhige Räume zurück. Neben den pulsierenden pochenden Schmerzen im Kopf, die sich häufig durch Aktivität verstärken, können Begleitsymptome in Form von Appetitlosigkeit sowie Übelkeit und Erbrechen auftreten. Der Anfall dauert zwischen 4 und 72 Stunden laut der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft.

Bei rund 10 Prozent der Erkrankten tritt die Migräne mit Aura (Migraine accompagnée) auf. Häufig kommt es ungefähr eine halbe Stunde vor der eigentlichen Attacke zu Sehstörungen. Im Gesichtsfeld können Schlieren, Schleier oder ein Flimmern erscheinen. Einige Migräniker berichten auch von sternförmigen Figuren mit bunt flimmernden und gezackten Rändern oder „blinden“ Flecken. Eher selten kommt es zu Taubheitsgefühlen oder „Ameisenkribbeln“ im Gesicht, Armen oder Beinen. Auch Sprachstörungen oder Schwindel sind weniger häufig zu beobachten. Nach der Aura-Phase folgt dann meist der Kopfschmerz, der sich genauso äußert wie bei der Migräne ohne Aura mit einseitig pulsierendem Schmerz, Licht- und Lärm-Überempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen.

Sonderformen der Migräne

Experten unterscheiden zwischen den folgenden weiteren Migräne-Arten:

  • Migraine sans migraine: Einige Migräniker leiden nur unter den Aura-Symptomen, ohne dass Kopfschmerzen auftreten.
  • Vestibuläre Migräne: Von der Migräne ist hier das vestibuläre System betroffen, wodurch Gleichgewichtsstörungen und Schwindel auftreten. Die Beschwerden ähneln den Symptomen, die bei der Innenohr-Erkrankung Morbus Menière zu beobachten sind.
  • Hemiplegische Migräne: Bei dieser „komplizierten Migräne“ handelt es sich um eine Unterform der Erkrankung mit Aura. Neben den typischen Symptomen kommen noch Bewegungseinschränkungen hinzu.
  • Basiläre Migräne: Die Basiliarismigräne ist ebenfalls eine Unterform der Migräne mit Aura. Typischerweise treten die Schmerzen im Hinterkopf auf. Aufgrund der Minderdurchblutung der Arteria basilaris kann es zu Sprachstörungen, Bewegungsstörungen, Hörminderung, Schwindel sowie Bewusstseinsstörungen kommen.
  • Retinale und opthalmoplegische Migräne: Beide Sonderformen der Migräne treten nur sehr selten auf und betreffen vor allem die Augen. Leitsymptome sind hier vor allem Sehstörungen.
  • Menstruelle Migräne: Diese Migräne zeigt sich nur in Zusammenhang mit der Menstruation und tritt einige Tage vor oder einige Tage nach der Monatsblutung auf. Nicht zu verwechseln ist die menstruelle Migräne mit der hormonell bedingten Migräne, die durch Schwankungen des weiblichen Hormonhaushalts verursacht wird und auch zwischen den Monatsblutungen auftreten kann.
  • Abdominelle Migräne: Von der abdominellen Migräne sind vorwiegend Kinder betroffen. Zu Kopfschmerzen kommt es meist nicht, sondern zu einem dumpfen Schmerz rund um den Bauchnabel.

Migräne und ihre Ursachen

Die genauen Ursachen der Migräne und auch die Vorgänge im Gehirn sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird, dass einige Nervennetze im Gehirn während eines Migräneanfalls stark erregt sind. Auch der Stoffwechsel des Botenstoffes Serotonin scheint bei der Migräne verändert zu sein. Serotonin wirkt unter anderem auf die Blutgefäße und macht sie durchlässiger für Moleküle. Infolge dessen sind die Blutgefäßwände des Gehirns bei der Migräne gereizt, sodass verschiedene Substanzen ins Gewebe eindringen können. Es kommt dann zu einer neurovaskulären Entzündung. Auch der Botenstoff Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) ist im Blut erhöht, sodass der Schmerz leichter weitergeleitet wird.

Obwohl die Ursachen weitestgehend ungeklärt sind, scheint es bestimmte Auslöser (Trigger) zu geben, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Hierzu zählen vor allem Stress und Schlafmangel. Weitere Triggerfaktoren können Wetterumschwünge, Reizüberflutungen, unregelmäßige Mahlzeiten, Unterzuckerung durch Hunger, Flüssigkeitsmangel, Medikamente oder Koffein sein.

Migräne-Therapie und Behandlung

Die Migräne-Behandlung kann während eines akuten Anfalls oder als Prophylaxe erfolgen. Bei einem Migräneanfall mit leichten bis mittelschweren Symptomen eignen sich Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Acetylsalicylsäure (ASS). Dabei werden die Wirkstoffe am besten in Form von Kau- oder Brausetabletten vom Körper aufgenommen. Jedoch sollten Schmerzmittel nicht länger als zehn Tage im Monat eingenommen werden, da als Nebenwirkung Kopfschmerzen auftreten können.

Bei schweren Migräneanfällen eignen sich sogenannte Triptane, die in den Serotoninstoffwechsel eingreifen und die geweiteten Blutgefäße verengen. Am besten wirken Triptane, wenn sie frühzeitig eingenommen werden. Auch hier kann es bei einem übermäßigen Gebrauch zu chronischen Kopfschmerzen kommen. Zudem dürfen Triptane nicht bei Gefäß- und Herzkrankheiten angewendet werden. Wenn andere Migräne Therapien nicht wirken, werden auch Mutterkornalkaloide (Ergotamine) eingesetzt, insbesondere bei sehr lang anhaltenden Migräneanfällen. Da Ergotamine jedoch mehr Nebenwirkungen als Triptane haben, werden sie bei akuten Migräneanfällen nur noch selten eingesetzt.

Gegen die Symptome wie Übelkeit und Erbrechen, die bei einem Migräneanfall auftreten können, helfen Antiemetika. Diese regen den durch die Migräne gebremsten Magen an, sodass auch andere Wirkstoffe aus Migräne-Medikamenten besser aufgenommen werden können.

Bei chronischen Migräneattacken wird häufig eine Migräneprophylaxe mit einem geeigneten Wirkstoff empfohlen. Es empfiehlt sich außerdem, nichtmedikamentöse Migräne Therapien zur Vorbeugung anzuwenden. Hier können beispielsweise Entspannungsmethoden, Ausdauersport, Akupunktur, Biofeedback-Verfahren sowie ggf. eine Verhaltenstherapie als therapeutische Alternative infrage kommen.

Wie kann medizinisches Cannabis bei Migräne helfen?

Bereits im Jahre 1985 wurde durch einen Artikel im International Journal of Clinical Pharmacology Research bekannt, dass Migräne mit der Serotonin-Signalübermittlung im Gehirn zusammenhängt, weshalb medizinisches Cannabis die Migräne-Beschwerden reduzieren kann, da es ebenfalls das Serotonin System beeinflusst. Forscher gehen davon aus, dass körpereigene Cannabinoide, wie zum Beispiel das Anandamid (Gegenstück zu Tetrahydrocannabinol – kurz THC), Schmerzen lindern, weil über die Cannabinoid-1-Rezeptoren (CB1) das Eindringen der Schmerzsignale in das Gehirn gesteuert wird.

Im Rahmen einer US-amerikanischen Studie an der University of California fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Migräneschmerzen auftreten, weil die schmerzempfindlichen trigemino vaskulären Nerven des Schädels (Craniums) erregt werden. Cannabinoide können die Schmerzreaktion dieser trigemino vaskulären Nerven verhindern, weshalb angenommen wird, dass durch die Cannabis Wirkung Migräneschmerzen reduziert werden können. Die Kranialnerven als auch die CB1-Rezeptoren werden durch Endocannabinoide gehemmt, wodurch die Schmerz Signalübertragung verhindert wird.

Zusammenhänge zwischen Migräne und Endocannabinoid Mangel

Mittlerweile wird der klinische Endocannabinoid Mangel (CECD) vielfach als Ursache unterschiedlicher Erkrankungen wie Migräne, Reizdarmsyndrom und Fibromyalgie vermutet. Alle drei Erkrankungen weisen ein gemeinsames biochemisches und pathophysiologisches Muster auf, die auf einen CECD hinweisen.

Die Symptomzusammenhänge von Migräne, des Reizdarmsyndroms und der Fibromyalgie haben zu der Annahme geführt, dass sie Ausdruck einer somatischen Krankheit sind. So berichten beispielsweise viele Betroffene des Reizdarmsyndroms von migräneartigen Symptomen und Fibromyalgie-Erkrankte leiden an Symptomen des Reizdarmsyndroms. Die Hypothese, dass das Endocannabinoidsystem für diese Erkrankungen verantwortlich ist, wurde erst in den vergangenen Jahren aufgestellt. Die Erkrankung CECD wurde erstmals im Jahr 2004 benannt.

Forscher und Wissenschaftler nahmen an, dass ein gestörtes Endocannabinoidsystem auf den hohen Grad an Komorbidität zurückführen sei. Viele bekannte Krankheiten können so auf eine Fehlfunktion des Neurotransmitter Systems zurückgeführt werden. Beispielsweise wird Alzheimer durch einen Acetylcholin-Mangel und Parkinson durch einen altersbedingten Dopaminmangel verursacht. Die Forscher zogen die logische Schlussfolgerung, dass ein Cannabinoid-Neurotransmitter-Mangel bestimmte Erkrankungen mitbedingt. Nach den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann die Beziehung zwischen dem CECD und dem Serotonin Signalsystem nicht mehr ignoriert werden.

Einige Studien zeigen bereits, dass durch das Regulieren des Serotonin Systems Effekte im Endocannabinoid System auftreten. THC hemmt nachweislich die Serotoninausschüttung der Thrombozyten bei Migränepatienten. Gleichzeitig wird die zunehmende Synthese von Serotonin unterbunden. Ähnliche Effekte konnten bei Cannabidiol (CBD) nachgewiesen werden.

Vielleicht ist es möglich, zielgerichtete Therapieformen bei Migräne zu entwickeln, wenn die Existenz von CECD weiter erforscht wird. Hier wird sich dann auch zeigen, dass einige Cannabis Sorten wie Sativa oder Indica mit ihren speziellen Cannabinoid-Werten und Cannabinoid-Profilen effektiver sein werden als andere.

Quellen:
International Journal of Clinical Pharmacology Research, Volfe Z, Dvilansky A, Nathan I, 1985, “Cannabinoids block release of serotonin from platelets induced by plasma from migraine patients
University of California, Simon Akerman, Philip R. Holland, Michele P. Lasalandra, and Peter J. Goadsby, 2013, „Endocannabinoids in the Brainstem Modulate Dural Trigeminovascular Nociceptive Traffic via CB1 and “Triptan” Receptors: Implications in Migraine
University of Colorado, Danielle N. Rhyne, Sarah L. Anderson, Margaret Gedde, Laura M. Borgelt, 2016, “Effects of Medical Cannabinoids on Migraine Headache Frequency in an Adult Population
Dr. Eric P. Baron, DO, ABPN Board Certified Neurologist and UCNS Diplomat in Headache Medicine at Cleveland Clinic Neurological Institute, Center for Neurological Restoration – Headache and Chronic Pain Medicine, in Cleveland, Ohio, 2015, „Comprehensive Review of Medicinal Marijuana, Cannabinoids, and Therapeutic Implications in Medicine and Headache: What a Long Strange Trip It’s Been…
GW Pharmaceuticals, Ethan B. Russo, 2003/2004, “Clinical Endocannabinoid Deficiency (CECD): Can this Concept Explain Therapeutic Benefits of Cannabis in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel Syndrome and other Treatment-Resistant Conditions?
Oxford Centre for Enablement, Windmill Road, Oxford, UK, Wade DT1, Robson P, House H, Makela P, Aram J., 2003, “A preliminary controlled study to determine whether whole-plant cannabis extracts can improve intractable neurogenic symptoms
MTA-SZTE Neuroscience Research Group, University of Szeged, Szeged, Hungary; Faculty of Health Sciences and Social Studies, University of Szeged, Szeged, Hungary, Nagy-Grócz G1 et al., 2017, “Nitroglycerin increases serotonin transporter expression in rat spinal cord but anandamide modulated this effect