Fortbildungen der Ärzteschaft zur medizinischen Anwendung von Cannabis und Cannabinoiden in Deutschland ungenügend

Autor: Gesa Riedewald

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Fortbildungen von Ärztinnen und Ärzten zum Thema Cannabis als Medizin sind dringend erforderlich: Nur wenige Mediziner haben Erfahrung im Umgang mit medizinischen Cannabisprodukten – ein Großteil ist überfordert, wenn ein Patient ihnen gegenübersitzt und nach einer Cannabisbehandlung fragt. Die Ärztekammern sind unter anderem für das Thema Fortbildung zuständig. Kommen sie ihren Verpflichtungen im Bereich Cannabis als Medizin nach? Leafly.de hat nachgefragt.

Fortbildungen der Ärzteschaft zur medizinischen Anwendung von Cannabis und Cannabinoiden in Deutschland ungenügend

Trotz der neuen Gesetzeslage in Deutschland fällt es vielen Patienten schwer, einen Arzt zu finden, der Cannabis als Medizin verordnet. Woran liegt das? Wichtigster Grund ist, dass die meisten Ärztinnen und Ärzte schlichtweg keine Erfahrung mit Medizinalhanf besitzen. Cannabis als Medizin stand nicht auf ihrem Lehrplan während des Studiums. Es gab also keinerlei Informationen. Kein Wunder, dass sie sich schwertun mit der Verordnung. Fortbildungen, Aufklärung und Informationen sind daher zwingend notwendig.

Zum anderen bedeutet eine Cannabistherapie für den behandelnden Arzt einen hohen Mehraufwand, denn für jeden Patienten werden anonymisierte Daten erhoben. Das bedeutet, der Mediziner muss umfangreiche Dokumentationen erstellen, die nicht vergütet werden. Darüber hinaus sind die Kosten für Cannabisprodukte hoch und viele Mediziner haben Sorge, ihr Budget zu überschreiten.

Fortbildung der Ärzteschaft notwendig

Weil Cannabis vor März 2017 auch zu medizinischen Zwecken weitgehend verboten war, gibt es nur wenige empirisch belastbare Studien zur Wirkung von Cannabinoiden. Innerhalb der Ärzteschaft herrscht meist noch eine große Unsicherheit, wann eine Therapie mit Medizinalhanf sinnvoll ist. Daher schrecken viele Mediziner davor zurück, eine Cannabisverordnung auszustellen. Die Skepsis ist häufig groß.

Gute Fortbildungsangebote sind daher unerlässlich, um Ärztinnen und Ärzte zu schulen, das Potenzial von Medizinalhanf aufzuzeigen – und nicht zuletzt auch, um den Umgang mit medizinischem Cannabis zu entstigmatisieren. Denn immer noch haben viele niedergelassene Mediziner Sorge, ihren guten Ruf zu ruinieren und als „Drogenarzt“ in Verruf zu geraten.

Ärztekammern in der Pflicht

Eine zentrale Rolle bei der Fortbildung von Ärzten haben die Ärztekammern der Bundesländer. Diese sind die Vertretungen der Ärzte und auch für die „Qualität der Berufsausübung“ zuständig. Sie „regeln die Qualität ärztlicher Fortbildung“ und bieten darüber hinaus ein eigenes Fortbildungsangebot an – so die Bundesärztekammer.

Ärztliche Fortbildungen werden von den Ärztekammern der Länder direkt angeboten, oder aber von Fachkliniken, Fachgesellschaften oder niedergelassenen Ärzten. Die Ärztekammern sind dafür zuständig, das Fortbildungsangebot zu veröffentlichen und diejenigen Veranstaltungen, die nicht direkt von ihnen organisiert werden, anzuerkennen – nur dann bekommen die Ärzte die für sie wichtigen Fortbildungspunkte gutgeschrieben.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat an die Ärztekammern der Länder appelliert, Fortbildungsangebote wie auch Informationsmaterialien für ihre Ärzteschaft zum Thema Cannabis als Medizin anzubieten. Aber kommen die Landesärztekammern ihrer Pflicht nach?

Fortbildungen zu Cannabis als Medizin werden in den meisten Bundesländern angeboten

Leafly.de hat bei den 17 deutschen Landesärztekammern nachgefragt – das Ergebnis: Die meisten, nämlich knapp 77 %, haben in diesem Jahr bereits eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema “Cannabis als Medizin” angeboten bzw. werden diese noch anbieten.

Einige Landesärztekammern setzen beim Thema auf Kooperation: Sie führen keine eigenen Fortbildungen durch, beteiligen sich aber solchen von anderen Veranstaltern und erkennen diese an. In Rheinland-Pfalz gab es in diesem Jahr bereits drei dieser von der Ärztekammer anerkannten Fortbildungen zum Thema “Cannabis als Medizin”.

Die Ärztekammer Hessen hat die Veranstaltung „Cannabis und Cannabinoide in der Medizin“ gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e. V. durchgeführt. Auch Leafly.de wird demnächst eigene Fortbildungsreihen in unterschiedlichen Bundesländern anbieten.

Absoluter Spitzenreiter ist das Land Baden-Württemberg: In den nächsten Monaten finden hier vier von der Ärztekammer organisierte oder von ihr anerkannte Fortbildungen zum Thema “Cannabis als Medizin” statt – das ist dem Onlineveranstaltungskalender der Kammer zu entnehmen.

Auf unsere Anfrage, ob bereits Cannabisfortbildungen seit März 2017 stattgefunden haben, wollte uns die Ärztekammer Baden-Württemberg leider keine Auskunft geben. Begründung: „Informationen über Fortbildungsveranstaltungen für Ärztinnen und Ärzte zum Thema „Cannabis in der Medizin“ richten wir an unsere Kammermitglieder.“

Neben Veranstaltungen haben die meisten Landesärztekammern Publikation zum Thema medizinisches Cannabis veröffentlicht.

Überblick: Das bieten die Landesärztekammern an Fortbildungen zum Thema Cannabis als Medizin an

  • 18 % zwei oder mehr Fortbildungen
  • 59 % eine Fortbildung veranstaltet oder in konkreter Planung
  • 23 % keine Fortbildung zum Thema

Unsere Anfrage zeigt: Der Großteil der Landesärztekammern sieht es als ihre Aufgabe an, die Ärzteschaft bei der Umsetzung des neuen Cannabis-Gesetzes zu unterstützen.

Nicht alle Ärztekammern bieten Fortbildungen an

Es gibt aber auch andere Beispiele: Bundesländer, in denen die Vertretung der Ärzteschaft bisher keine Fortbildung zum Thema angeboten hat und auch für die Zukunft nichts plant. Die Ärztekammer des Landes Bremen ist ein Beispiel.

Auf Anfrage von Leafly.de erklärte die Hauptgeschäftsführerin, dass die Ärztekammer Bremen erst Veranstaltungen plant, wenn Nachfragen zu einem Thema eingehen. Bei “Cannabis als Medizin” sei das bisher nicht der Fall.

Was mag der Grund dafür sein? Mangelndes Interesse der Ärzteschaft an dem Thema? Oder althergebrachte Vorbehalte gegenüber Cannabis? Eine andere Erklärung könnte auch sein, dass es in einem Stadtstaat wie Bremen ein hohes Angebot an Fortbildungen für Mediziner von unterschiedlichen Anbietern gibt – sowohl in der Stadt selbst wie auch im nahe gelegenen Umland.

Für uns von Leafly.de ist die Aussage der Kammer schwierig zu verstehen, da wir Patienten, Ärzte und Apotheker aus Bremen kennen, die sich sehnlichst eine solche Fortbildung wünschen.

In Sachsen keine Fortbildung aus Überzeugung

Keine Fortbildung anzubieten, da bei den Medizinern – angeblich – kein Interesse oder kein Bedarf besteht, ist eine Sache. Keine Fortbildungen anzubieten, da man Cannabis als Medizin ablehnt, ist eine andere – wie bei der sächsischen Ärztekammer.

Ein Sprecher der Kammer teilte Leafly.de mit, dass die Landesärztekammer Sachsen keinen Grund für eine Fortbildungsveranstaltung sieht. Ihrer Meinung nach gebe es nur für sehr wenige Krankheitsbilder ausreichende Nachweise, dass eine Cannabisbehandlung hilfreich sei. Mehr als einen Fachartikel zu den Indikationen von Cannabisprodukten im Sächsischen Ärzteblatt hat die Ärztekammer den sächsischen Medizinern daher bisher nicht angeboten.

Nach eigener Auskunft mahnt die Ärztekammer in Sachsen die Mediziner „seit Jahren zur Zurückhaltung bezüglich der Verordnung von Cannabis“.

„Unserer Meinung nach ist die Evidenz nur für sehr beschränkte Indikationen ausreichend und wir halten einen völlig ungesteuerten Feldversuch, wie er jetzt durch das ‘Cannabis-Gesetz’ ausgelöst wurde, für nicht zielführend. Unserer Meinung nach hätte es zuvor öffentlich geförderter wissenschaftlicher Studien bedurft, bevor ein solches Gesetz verabschiedet wird“, so ein Kammersprecher.

Im Leafly.de Cannabis Report hatten wir bereits im September zum Thema Cannabisbehandlung in Sachsen berichtet. Und auch unsere erneute, aktuelle Nachfrage zeigt: Die sächsische Landesärztekammer bleibt bei ihrem Kurs und bietet weiterhin keine Fortbildungen zum Thema medizinisches Cannabis an.

Online-Fortbildungen für Ärzte

Das Cannabis-Gesetz kam für die meisten Ärztinnen und Ärzte überraschend. Aber auch wenn viele Mediziner unvorbereitet waren – durch spezialisierte Kolleginnen und Kollegen ist bereits Fachwissen vorhanden, dass in Publikationen, Seminaren und Onlinefortbildungen der breiten Ärzteschaft zur Verfügung gestellt wird. Es liegt in der Hand der Mediziner, dieses Fachwissen für sich zu nutzen.

Gerade im ländlichen Raum gibt es für Ärztinnen und Ärzte nicht immer die Möglichkeit, an Präsenzveranstaltungen teilzunehmen. Hier mangelt es häufig an Angeboten oder die Wege sind schlichtweg zu lang.

Onlinefortbildungen sind in diesem Fall eine hervorragende Alternative. Leafly.de wird ab 2018 in einem eigenen Bereich genau solche Fortbildungen anbieten. Hier können sich dann auch die Ärzte aus Bremen und Sachsen über die Gesamtthematik umfassend informieren.

Quellen:

http://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/aus-weiter-fortbildung/fortbildung/
https://www.cme-kurs.de/kurse/cannabis-als-medizin-update-2017/

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