Hodenkrebs – Ist Cannabis eine Option?

Autor: Dr. Christine Hutterer

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Die teilweise beobachteten günstigen Wirkungen von Cannabis bzw. Cannabinoiden auf Krebszellen werfen die Frage auf, ob Cannabinoide auch in der Behandlung bösartiger urologischer Erkrankungen, wie beispielsweise Hodenkrebs, Prostatakrebs, Nierenkrebs und Blasenkrebs, sinnvoll eingesetzt werden könnte.

Hodenkrebs – Ist Cannabis eine Option?

Hodenkrebs ist mit etwa 4.200 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland ein relativ seltener Krebs. Insgesamt macht er nur 1,6 Prozent der Krebsneuerkrankungen aus. Dennoch ist er die häufigste Krebserkrankung bei jungen Männern. 80 Prozent der Betroffenen sind jünger als 50 Jahre, das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 38 Jahren. Wird der Tumor früh erkannt, sind die Heilungschancen gut.

Die Ursachen für die Erkrankung liegen noch weitgehend im Dunkeln. Männer mit Hodenfehllagen (Leisten- oder Pendelhoden, Hodenhochstand) und Hodenkrebserkrankungen in der Familie haben ein erhöhtes Risiko.

Verursacht Cannabis Hodenkrebs?

Auch über den Einfluss von Umweltfaktoren auf das Erkrankungsrisiko weiß man noch wenig. Mehrere Untersuchungen haben sich damit befasst, ob Cannabiskonsum das Risiko für die Entstehung eines Hodenkrebs erhöht.

Ein Übersichtsartikel untersuchte drei Studien, die zwischen 1980 und 2015 zu dem Thema veröffentlicht worden waren. Für Nicht-Seminome wurde beobachtet, dass das Risiko eines solchen Tumors um das 2,5fache erhöht war, wenn mindestens einmal wöchentlich Cannabis konsumiert wurde im Vergleich zu Personen ohne jeglichen Cannabiskonsum.

Hinsichtlich der Entstehung von Seminomen ergab sich kein eindeutiges Bild.

Eine weitere Veröffentlichung hat eine große Zahl von Männern über 42 Jahre lang verfolgt. 49.343 schwedische Männer im Alter zwischen 18-21 Jahren wurden zwischen 1969 und 1970 für das Militär gemustert. Unter anderem mussten sie Angaben zur Verwendung von Drogen machen. Hodenkrebsfälle im späteren Leben wurden in den Patientenakten dokumentiert und mit den früheren Daten abgeglichen. Für Patienten, die “jemals” Cannabis verwendet hatten, fand sich keine signifikante Assoziation zur Entstehung von Hodenkrebs. Patienten, die zum Zeitpunkt der Musterung bereits angegeben hatten, mehr als 50 Mal Cannabis verwendet zu haben, hatten jedoch eine 2,5fach erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Hodenkrebserkrankung.

Ein dritter Artikel zeigt in die gleiche Richtung. Für Patienten, die zum Zeitpunkt der Hodenkrebs-Diagnose (Nicht-Seminom) angegeben hatten, Marihuana zu konsumieren, war die Wahrscheinlichkeit 2,3fach höher als bei einer Vergleichsgruppe, die kein Cannabis konsumierten.

Das Fazit der Artikel ist, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Bedeutung von Cannabiskonsum für die Entstehung von Hodenkrebs genauer zu bestimmen. Doch die Autoren erklären auch, dass es auf Grundlage der bisherigen Daten eine Wahrscheinlichkeit gibt, dass Cannabiskonsum zur Entwicklung von Nicht-Seminomen beitragen könnte.

Cannabis in der Therapie von Hodenkrebs

Ob die in anderen Zellen beobachteten anti-Tumorwirkungen von Cannabis, wie beispielsweise das Absterben von Krebszellen oder das Schrumpfen von Tumoren, auch auf Tumore der Hoden anwendbar ist, ist bislang kaum untersucht. Ein Übersichtsartikel hat sich die Datenlage zu Cannabis und verschiedenen Tumoren des Urogenitaltraktes (Niere, Blase, Hoden, Prostata) angesehen. Studien an Zelllinien von Hodenkrebspatienten oder kontrollierte Therapieanwendungen von Cannabis oder Cannabinoiden an Hodenkrebspatienten sind in der Literatur noch nicht beschrieben. Allerdings gibt es zwei Hypothesen, wie das Endocannabinoidsystem im Hoden arbeiten könnte, und was eine Störung zur Folge haben könnte.

Beschädigt THC die anti-Tumorwirkung des Endocannabinoid Systems?

Die erste Hypothese basiert auf den biochemischen Prozessen des Endocannabinoid Systems. Endocannabinoide werden nach ausreichender Aktivität durch das Enzym Fatty Acid Amid Hydrolase (FAAH) abgebaut. Über diesen Abbauprozess wird bestimmt, wie lange Endocannabinoide die Signalwege in den Nervenzellen aktivieren können. THC hingegen wird vorwiegend über einen anderen Stoffwechselweg abgebaut, nämlich über das Cytochrom P450. In regelmäßigen Anwendern von Cannabis beträgt die Halbwertszeit des THC, also die Zeitspanne, bis von der ursprünglich aufgenommenen Menge nur noch die Hälfte im Körper übrig ist, vier Tage. Folglich kann THC über viele Tage hinweg die CB1- und CB2-Rezeptoren aktivieren. Die Hypothese vermutet, dass auf diese Weise die anti-Tumorwirkung des Endocannabinoid Systems beschädigt oder zerstört wird oder zumindest über einen gewissen Zeitraum aus dem Gleichgewicht gerät.

Hormone außer Kontrolle?

Die zweite Hypothese bezieht sich auf eine Wechselwirkung mit der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse. Das ist eine Steuerungsachse, mit der vom Gehirn (Hypothalamus und Hypophyse) aus über die Ausschüttung von Hormonen bestimmte Prozesse in weit entfernten Geweben, wie den Hoden, reguliert werden. In der Vergangenheit wurde gezeigt, dass Cannabis die normale Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse stören kann. Wie bei der ersten Hypothese auch, erfolgt durch das THC eine deutlich verlängerte Aktivierung der Cannabinoidrezeptoren und, über die Signalwege, der Hormonausschüttung. Hormone sind aber häufig an der Steuerung von Zellwachstum und Zellteilung beteiligt, so dass ein aus dem Gleichgewicht geratenes System in Richtung der unkontrollierten Zellteilung im Hoden kippen könnte.

Nur mit Hilfe weiterer Studien könnte untersucht werden, ob eine – und wenn ja, welche – der Hypothesen richtig ist.

Folglich ist aber leider zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage darüber möglich, ob bei Patienten mit Hodenkrebs eine therapeutische Behandlung mit Cannabis bzw. Cannabinoiden sinnvoll und erfolgversprechend ist.

In der palliativen Behandlung von Hodenkrebs können Cannabinoide, wie bei anderen Palliativbehandlungen auch, gezielt für den Patienten eingesetzt werden.

Quellen:

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