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Immunsystem, Autoimmunerkrankungen und Cannabis

Autor:
Dr. Christine Hutterer

Die genauen Wirkungen von Cannabinoiden auf das Immunsystem oder Erkrankungen des Immunsystems, z.B. Autoimmunerkrankungen, sind noch immer kaum erforscht. Doch versuchen wir uns von dem zu nähern, was wir wissen.

Immunsystem, Autoimmunerkrankungen und Cannabis

Das Endocannabinoidsystem und das Immunsystem

Das Endocannabinoidsystem ist das körpereigene System, über das Cannabinoide – sowohl körpereigene (Anandamid und 2-AG) als auch von außen zugeführte – im Körper wirken. Während sich der Cannabinoidrezeptor 1 (CB1) vor allem (aber nicht nur) auf Zellen des Nervensystems im Kleinhirn, in den Basalganglien sowie im Hippocampus vorkommt, findet sich CB2 vorwiegend auf Zellen im Immunsystem.

Die Anwesenheit des Rezeptors für Cannabinoide auf Zellen des Immunsystems weist darauf hin, dass das Endocannabinoidsystem an der Regulation und Modulation des Immunsystems beteiligt ist. Auf Immunzellen finden sich auch CB1-Rezeptoren, allerdings sind sie 10- bis 100-fach seltener als CB2 (1).

Das Immunsystem und die CB2-Rezeptoren

Innerhalb des Immunsystems wurden CB2-Rezeptoren in absteigender Expressionsstärke auf B-Zellen, NK-Zellen, Monozyten, neutrophilen Granulozyten und T-Zellen gefunden (1). Daneben exprimieren auch antigenpräsentierende dendritische Zellen CB1- und CB2-Rezeptoren.

  • B-Zellen sind weiße Blutkörperchen, die als einziger Zelltyp in der Lage sind, Antikörper gegen eingedrungene Erreger zu produzieren. Zusammen mit den T-Zellen (T-Lymphozyten) machen sie den wichtigsten Teil des adaptiven Immunsystems aus, welches spezifisch und passgenau auf den jeweiligen Erreger reagiert.
  • T-Zellen erkennen körperfremde Moleküle, die auf anderen Zellen präsentiert werden, und schlagen Alarm.
  • NK-Zellen (natürliche Killerzellen) sind in der Lage, abnormale Zellen wie Tumorzellen und virusinfizierte Zellen zu erkennen und abzutöten.

Im Gegensatz zu B- und T-Zellen, die spezifisch auf körperfremde Antigene ansprechen, besitzen NK-Zellen keine Antigen-spezifischen Rezeptoren. Sie gehören zum angeborenen Immunsystem. Neutrophile Granulozyten gehören ebenfalls zum angeborenen Immunsystem. Sie können körperfremde Mikroorganismen identifizieren und zerstören.

Zellen im Immunsystem

Monozyten sind die Vorläufer der Fresszellen, der Makrophagen. Sie “verspeisen” (phagozytieren) körperfremde Zellen und Strukturen. Dabei  zerlegen sie sie in kleine Bestandteile und stellen diese Teile quasi im Schaufenster (auf ihrer Zelloberfläche) aus. So werden B- und T-Zellen darauf aufmerksam.

Man sieht, dass die Immunzellen, auf denen der CB2-Rezeptor vorwiegend anzutreffen ist, an vielen unterschiedlichen Prozessen der Immunabwehr beteiligt sind. Die Expression, und damit vereinfacht gesagt die Menge, von Cannabinoid-Rezeptoren hängt stark vom Funktionszustand der Immunzellen ab.

In Makrophagen hängt die Expression beispielsweise davon ab, ob sie aktiviert sind (also einen Mikroorganismus phagozytiert haben) oder nicht. Auch bestimmte Substanzen, wie das an Entzündungsprozessen beteiligte Interferon-γ, verstärkt die Expression (2). Andere Substanzen (z.B. bestimmte antientzündlich wirkende Zytokine) können hingegen die Expression in Lymphozyten verringern.

Widersprüchliche klinische Wirkungen

Auf Zellebene können geringste Unterschiede in den Mengen von Endocannabinoiden oder exogenen Cannabinoiden die Aktivität einzelner Zelltypen beeinflussen. Hier ist es schwer, eine allgemeine Aussage zur Wirkung auf die Immunzellen abzugeben.

Klinisch betrachtet ist die Wirkung auf das Immunsystem jedoch ebenfalls widersprüchlich. Bei Cannabis-Rauchern wurde beobachtet, dass sie häufiger Herpes simplex (Lippenherpes oder Genitalherpes) bekommen (3). Dies lässt darauf hindeuten, dass das Immunsystem geschwächt ist. Eine Studie an HIV-Patienten, die 21 Tage lang mit Dronabinol behandelt wurden, fand sich kein Hinweis auf eine bedeutsame Immunsuppression (4).

Das sind nur zwei der widersprüchlichen Beispiele, die zeigen, dass die Antwort nicht einfach ist und wahrscheinlich von vielen Faktoren abhängt.

Bei chronischen Cannabis-Rauchern muss beispielsweise berücksichtigt werden, dass das Ziel – der Rausch – nur durch eine Dosis erreicht werden kann, wie sie im medizinisch-therapeutischen Bereich eher selten anzutreffen ist. Zudem sind die sonstigen Lebens- und Essgewohnheiten zu betrachten.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass exogene Cannabionide (aus der Cannabispflanze) teilweise andere Wirkungen bei der Bindung an die Rezeptoren CB1 und CB2 entfalten, als es die endogenen (körpereigenen) Cannabinoide (Anandamid, 2-AG) tun. Somit ist es schwer vorherzusagen, wie das Immunsystem durch cannabisbasierte Medikamente moduliert wird.

Autoimmunerkrankungen und Cannabinoide

Als Autoimmunerkrankungen werden Krankheiten bezeichnet, bei der das Immunsystem einzelne Zelltypen oder Gewebe des eigenen Körpers nicht als körpereigen erkennt und damit bekämpft, als wäre es fremdes Gewebe. Weltweit sind etwa 5-8% der Bevölkerung von ungefähr 80-100 verschiedenen Autoimmunerkrankungen betroffen (5). Nach Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen sind sie die dritthäufigste Erkrankungsgruppe.

Man unterscheidet zwischen organspezifischen Autoimmunerkrankungen, bei denen ein bestimmtes Organ nicht toleriert wird. Beispielsweise bei Multiple Sklerose, Typ 1-Diabetes,Colitis ulcerosa, Morbus basedow, Hashimoto-Thyreoiditis, Fibromyalgie, Morbus Crohn. Und systemischen Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem gegen verschiedenste Organe und Zellen vorgeht . Zum Beispiel bei Rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes, Sklerodermie. In jedem Fall entstehen chronisch-entzündliche Gewebeschädigungen.

Die Ursachen sind für die meisten Autoimmunerkrankungen noch nicht vollständig verstanden. Häufig spielen Umweltfaktoren, genetische Veranlagung und schwere Infektionen eine Rolle.

Es  gibt eine so große Zahl an Autoimmunerkrankungen, die  jede ein spezifisches Beschwerdebild hervorruft. Daher  sind allgemeine Aussagen zur Wirksamkeit von Medizinalcannabis oder cannabisbasierten Arzneimitteln bei Autoimmunerkrankungen nicht möglich.

Gemeinsam sind jedoch vielen Erkrankungen die chronischen Entzündungen und chronische Schmerzen. Bei diesen Symptomen –  dies  ist inzwischen vielfältig gezeigt worden – können Medizinalcannabis oder cannabisbasierte Arzneimittel Linderung schaffen.

CBD hat entzündungslindernde Effekte, mit denen versucht wird, die Situation der Patienten zu verbessern. Bei Schmerzen kann CBD ebenfalls wirksam sein, aber auch THC kann versucht werden.

Detaillierte Informationen zu einigen Autoimmunerkrankungen und dem Wissensstand zu den Behandlungsmöglichkeiten mit Medizinalcannabis, finden Sie hier:

Fibromyalgie

Multiple Sklerose

Morbus Crohn, Colitis ulcerosa

Rheumatoide Arthritis

Hashimoto-Thyreoiditis

Quellen:

  • Carlisle, S.J., Marciano-Cabral, F., Staab, A. Differential expression of the CB2 cannabinoid receptor by rodent macrophages and macrophage-like cells in relation to cell activation. Int. Immunopharmacol. 2 (2002) 69-82
  • Juel-Jensen, B.E. Cannabis and recurrent herpes simplex. BMJ 835 (1972) 296 
  • Bredt, B.M., Higuera-Alhino, D., Shade, S.B. et al. Short-term effects of cannabinoids on immune phenotype and function in HIV-1-infected patients. J. Clin. Pharmacol. 42 (2002) 82-89

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