Der Jochen: Waterboys und gute Freunde

Autor: Jochen Gutjahr

Verõffentlicht am: 4. Januar 2018

Geändert am: 19. Juni 2018

Ab 1982 verließen zunehmend mehr meiner Freunde das Land, in dem auch ich lebte und das sich am 9. November 1989 selbst auflöste. Irgendwann in den 80-igern kündigte mir ein weiterer sehr enger Freund seine Absicht an, ebenfalls die DDR zu verlassen. Er schrieb, damals vor allem Gedichte! Er hatte mich für diese Nachricht in seine kleine Wohnung neben der Eisenbahnlinie gebeten, wir tranken billigen Rotwein und ich war traurig. Im Westfernsehen, dessen Empfang in unserer Gegend eine Herausforderung war, wurde ein Konzert der „WATERBOYS“ gesendet, vielleicht aus der Grugahalle in Essen oder aus dem Münchner Olympia – das weiß ich nicht mehr genau. Ist auch egal. Es war ein großartiges Konzert.

Der Jochen: Waterboys und gute Freunde

„The Whole Of The Moon – I spoke about wings you just flew“ … . Die WATERBOYS sollten mir noch oft in meinem weiteren Leben begegnen. Die erste LP, die mein Freund aus dem Westen schickte, war „This Is The Sea“. Der Titel „Whole Of The Moon“ war auf dem Innencover rot markiert.

Am Tag des Mauerfalls war ich in Berlin, Warschauer Straße, so gegen 23 Uhr. Am 10.11.89 sah ich meinen Freund nach Jahren und einer Entfernung zu ihm, die weiter als bis zum Mond schien, das erste Mal wieder. Begleitet von einer Schottin, die ich an der Köpenicker Straße in Kreuzberg an jenem historischen Tag traf und die mir den Weg zeigte.

Es verging kaum ein Jahr und ich saß in Edinburgh und hörte „The Whole Of The Moon“, mit Blick auf die Burg und dem einmaligen Gefühl in eine ersehnte, neue Welt aufgebrochen zu sein. Meine schottische Begegnung vom Tag des Mauerfalls hatte guten Whisky eingeschenkt, „Lagavulin“, denn ich wohnte in Sachsen in einer Silbermühle.

Da hatte ich bereits meine Diagnose „Multiple Sklerose“ und – es war eine schwierige Zeit. Irgendwelche Chemoversuche oder Pillen, die das eigene Immunsystem quasi lahmlegten, waren neben Horrorszenarien über die eigene Zukunft die Lebenswirklichkeit geworden. Ich wurde schnell in die Rente geschickt und saß einige Zeit im Rollstuhl.

Aber, es passierte auch ’ne Menge auf dem Medikamentensektor und es passierte einiges im Umgang mit der Erkrankung. Basistherapien für die Erkrankung wurden entwickelt und den Betroffenen zur Verfügung gestellt, neue Akut-Therapien für aktuelle Schübe auch. Spezielle Schmerzkliniken entstanden und vor einigen Jahren erhielt ich ein Cannabisprodukt zur Linderung von Spastiken und meiner Schmerzen.

Viele Jahre später lud mich mein Freund zu einem Konzert der schottischen Band nach Berlin ein. Es sollte nicht sein. Der Tag war gerade für mich kein guter Tag für den „ganzen Mond!“ Die Multiple Sklerose kennt sehr verschiedene Tage!

Dann, vor wenigen Tagen, am 9. November 2017, am Tag des Mauerfalls, 28 Jahre später, hatte meine Frau Konzertkarten für die WATERBOYS in der Hamburger Laeiszhalle, in einer der ältesten Konzerthallen Hamburgs, organisiert. Sie hatte auch angerufen, um sich über die Bedingungen zu informieren, da ich weite und komplizierte Strecken nicht mehr gehen kann.

Was uns dann erwartete war ziemlich beeindruckend. Damit ist das auch das Konzert der WATERBOYS mit vielen neuen Titeln gemeint, denn M. Scott und seine Mannschaft waren wieder großartig!

Gemeint ist besonders der Service, der für mich und andere Besucherinnen und Besucher mit Problemen vorgehalten wurde. Abholung am Seiteneingang. Begleitung im Haus. Spezielle Platzzuweisung und vor allem ein ungezwungener, freundlicher Umgang machten das Konzert am Tag des Mauerfalls, mit den Waterboys und einer Menge Erinnerungen im Gepäck zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Euer Jochen

Quellen:

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