Kann Cannabis Antibiotika ersetzen?

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 28. März 2018

Geändert am: 9. Mai 2018

Jedes Jahr fordern gefährliche Erreger, insbesondere in Krankenhäusern und Pflegeheimen, viele Todesopfer. Antibiotika sind bei diesen multiresistenten Erregern wirkungslos. Forscher nehmen jetzt an, dass Cannabis gegen diese Erreger wirksam sein könnte.

Kann Cannabis Antibiotika ersetzen?

Aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse geht hervor, dass niedergelassene Ärzte viel zu häufig Antibiotika verschreiben – und zwar bei virenbedingten Erkältungskrankheiten. Hier sind Antibiotika jedoch wirkungslos. 27 Prozent der Beschäftigten, die wegen einer Erkältung krankgeschrieben wurden, bekamen im Jahr 2017 Antibiotika verordnet. Gefährlich ist, dass durch den falschen Einsatz von Antibiotika multiresistente Keime entstehen können, die sich medikamentös nur schwer behandeln lassen. Kann Cannabis hier die konventionellen Antibiotika im Kampf gegen diese gefährlichen Bakterien unterstützen?

Bereits in den 1950er Jahren beschrieb Prof. Dr. J. Kabelik von der Medical Faculty of the Palacky University in Olmouc (Tschechischen Republik) die antibiotische Wirkung von Cannabis. Auch aktuelle Studien weisen darauf hin, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze eine antibiotische Wirkung entfalten können.

Wie wirken Antibiotika?

Die Wirkstoffe von Antibiotika sollen die lebensnotwendigen Stoffwechselvorgänge spezieller Zellen und deren Vermehrung blockieren. Demnach zielen die Wirkstoffe auf die Zellen von Krankheitserregern wie Bakterien ab und kommen bei der Bekämpfung von Infektionen zum Einsatz.

Darüber hinaus werden bestimmte Antibiotika wie Doxorubicin, Dactinomycin oder Epirubicin auch bei der Tumorbehandlung eingesetzt, da sie für krebsartig veränderte Zellen schädlich sein können. Aufgrund des starken Nebenwirkungsprofils werden diese Antibiotika in der Regel aber nicht bei Infektionen verordnet.

Antibiotika werden nach ihrer chemischen Form und ihrer Wirkungsweise in die folgenden Wirkstoffgruppen eingeteilt:

  • Penicilline
  • Aminoglycosid-Antibiotika
  • Gyrasehemmer
  • Sulfonamide/Trimethoprim
  • Makrolid-Antibiotika
  • Tetrazykline
  • Tuberkulostatika
  • Cephalosporine

Falls diese Wirkstoffe versagen, werden die sogenannten Reserve-Antibiotika genutzt, wie zum Beispiel Monobactame, Lincosamide oder Carbapeneme. Zu den neuen Antibiotika-Gruppen gehören Ketolide mit Telithromycin sowie Streptogramine wie Dalfopristin.

Häufig verschriebene Antibiotika

Wirkstoff Indikation Nebenwirkungen
Amoxicillin (Breitbandantibiotikum) Atemwegsinfektionen, Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen, Lyme-Borreliose, Blutvergiftungen, Entzündungen der Knochen, präventiv bei Herzoperationen Magen-Darm-Probleme wie Übelkeit und Erbrechen, Hautausschläge, Mundtrockenheit, Fieber, Nierenentzündung, Kehlkopfschwellungen, verändertes Blutbild
Cefuroxim wie Amoxicillin und bei Erregern wie Streptokokken, Pneumokokken, Staphylokokken, Tripper, Gonorrhoe, Salmonellen, Meningokokken Magen-Darm-Probleme wie Übelkeit und Erbrechen, Schwindel, Gelenkschwellungen, Leberwertanstieg, Leberentzündung, Venenentzündungen
Ciprofloxacin (Gryase-Hemmer) Harnwegsinfekte wie Blasenentzündungen, Nierenbeckenentzündungen, Infektionen der Atemwege, Bindehautentzündung, Milzbrand Magen-Darm-Probleme wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Schwindel, Hautreaktionen, Angstzustände, Depressionen, Ohrensausen
Doxycyclin (Breitbandantibiotikum) Harnwegsinfekte, Lungen- und Mittelohrinfektionen, Malaria, Borreliose, Geschlechtskrankheiten, Hautkrankheiten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, Probleme im Magen-Darm-Trakt, Entzündung der Bauchspeicheldrüse

Multiresistente Erreger (MRE) – eine schleichende Epidemie

Wenn Bakterien nicht durch ein Antibiotikum abgetötet werden, können sie sich so verändern, dass sie gegen den Antibiotika-Wirkstoff resistent werden. Infolge dessen entfaltet das Antibiotikum keine Wirkung mehr auf diese Bakterien. In solch einem Fall müssen dann verschiedene andere Antibiotika ausprobiert werden.

Problematisch ist, dass mit der Zeit zahlreiche Bakterien entstanden sind, die gegen bestimmte Antibiotika resistent sind. Dies ist vor allem auf Einnahmefehler zurückzuführen. In Krankenhäusern und Pflegeheimen stellen diese multiresistenten Bakterien ein enormes Problem dar, denn für die behandelnden Ärzte ist es dann schwierig, ein wirksames Medikament zu finden. Einer der bekanntesten Erreger ist der MRSA (methicillinresistente Staphylococcus aureus), gegen den Antibiotika wirkungslos sind.

Für Menschen mit einem gesunden Immunsystem ist der Kontakt mit multiresistenten Erregern ungefährlich. Wenn sie jedoch die Erreger in sich tragen, können sie diese auf andere Menschen übertragen. Menschen mit geschwächten Abwehrkräften sind besonders gefährdet, vor allem in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Multiresistente Erreger können Infektionen auslösen, zum Beispiel an der Haut oder in der Lunge, die schlimmstenfalls lebensgefährlich verlaufen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen (UN) warnen immer wieder vor Antibiotika-Resistenzen und bezeichnen diese sogar als schleichende Epidemie. Weltweit sterben jedes Jahr hunderttausende Menschen, weil Antibiotika versagen und auch die Zahl der Infektionen mit multiresistenten Keimen steigt. Es wird sogar befürchtet, dass die Resistenzen in den kommenden Jahrzehnten eine der häufigsten Todesursachen sein könnten. Um der schleichenden Epidemie Herr zu werden, ist es unbedingt notwendig, den Antibiotika-Einsatz sowohl beim Menschen als auch bei Tieren zu reduzieren.

Cannabis und seine antibakteriellen Eigenschaften

Wie schon zu Beginn erwähnt, sind die antibakteriellen Eigenschaften von Cannabis seit langem bekannt. Auch in den 1990er Jahren wurden interessante Untersuchungen durchgeführt. So beispielsweise von nigerianischen Wissenschaftlern. Sie verabreichten Ratten, die mit Trypanosomen (Parasiten, die bei Menschen die Schlafkrankheit auslösen können) infiziert waren, ein wässriges Extrakt aus Cannabissamen. Die Ratten sind geheilt. Warum die Forschung hier nicht weiter vorangetrieben wurde, ist unklar.

Cannabinoide zur Behandlung von Herpes-Viren

An der Universität von Südflorida stellten Wissenschaftler fest, dass das Cannabinoid THC die Infektiosität des Virus Herpes simplex (Lippen-Herpesinfektion) um bis 80 Prozent reduzieren konnte. Wenn in den für die Versuche genutzten Glasschalen etwas Blutserum gegeben wurde, verminderte sich die THC-Wirkung. Die Wissenschaftler nehmen an, dass die THC-Aktivität gegen die Herpesviren durch die Eiweißstoffe im Blut beeinträchtigt wird.

Eine Behandlung des Lippenherpes mit THC kann deshalb womöglich nur äußerlich vorgenommen werden. Einigen Erfahrungsberichten zufolge haben Betroffene den Lippenherpes erfolgreich mit selbst hergestellten Cannabisextrakten behandelt.

Cannabinoide zur Behandlung von MRSA-Stämmen

Im Jahr 2008 stellten die Forscher Giovanni Appendino (Universität Piemonte Orientale) sowie Simon Gibbons (University of London) im Rahmen einer Studie fest, dass Extrakte aus den Cannabinoiden Cannabidiol (CBD), Cannabigerol (CBG), Cannabichrome (CBC) und Cannabinol (CBN) in einer Reinheit von über 98 Prozent in Bakterienkulturen von MRSA-Stämmen ähnlich wirkten wie Antibiotika. Im Ergebnis hieß es, dass die Abtötungswirkung der Cannabinoidextrakte mindestens genauso effektiv war.

Zu den Ergebnissen erklärten die Forscher: Alles deutet darauf hin, dass die Wirkstoffe von der Cannabispflanze vermutlich selbst entwickelt wurden, um eine Verteidigungswirkung gegenüber Bakterien zu haben. Der genaue Mechanismus, mit dem das funktioniert, ist jedoch nicht geklärt.

Weiter führten die Forscher aus, dass die Cannabinoide womöglich zur Behandlung von Hautinfektionen genutzt werden könnten. Möglich wäre das Auftragen von Cremes oder Salben auf Geschwüre oder Wunden. Unklar ist, ob sie in Form von Tabletten oder Injektionen die gleiche Wirkung zeigen, da das Blutwasser die Wirkung hemmen oder ganz außer Kraft setzen könnte.

Ob Cannabinoide als Antibiotika irgendwann innerlich eingesetzt werden können, müssen klinischen Studien zeigen. Bisher gehen die Forscher davon aus, dass zumindest eine äußerliche Anwendung vielversprechend ist, um resistente Bakterien-Stämme auf der Haut zu reduzieren.

 

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