Kann der Einsatz von cannabinoiden Arzneimitteln bei den Symptomen von ADHS/ADS helfen?

Autor: Gesa Riedewald

Verõffentlicht am: 3. Juli 2017

Geändert am: 30. November 2017

Sie sind unruhig, können sich schlecht konzentrieren, bringen Aufgaben nicht zu Ende und sind schnell reizbar: Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADS genannt. Kommt auch noch Hyperaktivität dazu, sprechen die Ärzte von ADHS. Die Behandlung mit Cannabinoiden verspricht Hilfe für ADHS/ADS-Patienten.

Kann der Einsatz von cannabinoiden Arzneimitteln bei den Symptomen von ADHS/ADS helfen?

Symptome von ADHS/ADS

In der Medizin wird unterschieden zwischen ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom, und ADS ohne Hyperaktivität. Diese neurologische Erkrankung tritt im Kindesalter auf, verschwindet später aber häufig nicht: Bei 60 % der ADHS-Patienten zeigen sich auch im Teenager- und Erwachsenenalter Symptome. Wie genau diese ADHS-Symptome aussehen, und auch wie schwer sie ausfallen, verändert sich im Laufe des Lebens – so, wie jeder Mensch sich durch den normalen Alterungsprozess in seinem Verhalten und seinen Emotionen verändert.

ADS-Symptome im Kindesalter sind:

  • Impulsivität
  • Unaufmerksamkeit
  • Ablenkbarkeit
  • Vergesslichkeit
  • Unvermögen, Aufgaben zu Ende zu führen, die länger dauern
  • Unvermögen zu warten, bis man an der Reihe ist

Hyperaktivitäts-Symptome (bei ADHS) im Kindesalter sind:

  • starker Bewegungsdrang
  • Unruhe
  • exzessives Reden
  • „Zappeln“

ADS-Symptome im Erwachsenenalter sind:

  • Impulsivität
  • starke Reizbarkeit
  • mangelnde Affektkontrolle
  • Unaufmerksamkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Vergesslichkeit
  • ineffiziente Arbeitsweise

Hyperaktivitäts-Symptome (bei ADHS) im Erwachsenenalter sind:

  • exzessives, unbedachtes Reden
  • innere Unruhe
  • Unvermögen, zu entspannen

Die motorische Unruhe, das typische ADHS-Symptom bei Kindern, geht im Erwachsenenalter meist in eine innere Unruhe über. Außerdem beobachten Mediziner, dass erwachsene ADHS-Patienten häufig an Begleiterkrankungen leiden. So ist ADHS ein Risikofaktor für viele andere psychiatrische Symptome wie Depressionen, Zwangsstörungen, Restless Leg Syndrom und Persönlichkeitsstörungen.

Rechtslage seit März 2017

Mit dem neuen „Cannabis Gesetz“ vom März 2017 ist es jetzt Ärztinnen und Ärzten jeder Fachrichtung gestattet, Cannabis auf Rezept zu verschreiben. Vor Behandlungsbeginn muss die Therapie von der Krankenkasse genehmigt werden, dann trägt sie auch die Kosten. Mit dem Cannabis Rezept vom Arzt kann sich der Patient in der Apotheke seine Cannabis Medizin abholen: Seien es Cannabisblüten oder ein anderes cannabinoidhaltiges Arzneimittel, wie Dronabinol, Canemes oder Sativex.

Bisher stand nur sehr wenigen ADHS-Patienten Cannabis als natürliches Beruhigungsmittel zur Verfügung. Vor der Gesetzesänderung benötigten Betroffene dafür eine Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle des BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte). Diese Hürde ist jetzt gefallen – ein Cannabis Rezept des behandelnden Arztes reicht aus.

Was sind die Ursachen der ADHS-Symptome?

Früher wurde häufig angenommen, dass schlechte Erziehung die Ursache für ADHS-Symptome bei Kindern sei. Obwohl die Krankheit noch nicht vollends erforscht ist, wissen wir heute aber sicher, dass ADHS/ADS eine Stoffwechsel- und Funktionsstörung im Gehirn ist. Dabei kommt es zu einem Überangebot oder zu einem Mangel an Botenstoffen (Neurotransmittern) in bestimmten Regionen des Gehirns. Bei ADHS-Symptomen betrifft das vor allem die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin, die an kognitiven Prozessen beteiligt sind, wie dem Erinnern und der Konzentration. Woher kommt diese Fehlregulierung im Gehirn? Genetische Faktoren spielen dabei eine große Rolle – daher sind häufig auch mehrere Kinder einer Familie betroffen. Aber auch Umweltfaktoren, Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen können für ADHS-Symptome verantwortlich sein. ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen.

Wenn Ärzte ADHS/ADS Medikamente verschreiben, sind das meist sogenannte Psychostimulanzien wie Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Diese Arzneimittel regulieren das Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn und fördern so die Konzentration und die Aufnahmefähigkeit. Diese ADHS-Therapie bringt aber auch nicht selten viele unangenehme Nebenwirkungen mit sich.

Natürliches Beruhigungsmittel Cannabis als ADHS-Therapie

Mit den Änderungen des BtMG (Betäubungsmittelgesetz) vom März 2017 rücken Cannabinoide Arzneimittel als alternative Therapie immer mehr in den Fokus. So weist Prof. Dr. med. Müller-Vahl, Medizinische Hochschule Hannover, auf positive Wirkungen von Cannabis-basierten Medikamenten bei ADHS hin. (Deutsches Ärzteblatt, Heft 8/2017) Von dieser positiven Cannabis Wirkung berichten auch viele ADHS-Patienten: Es hilft bei Einschlafproblemen, lässt sie zur Ruhe kommen, macht sie ausgeglichener und weniger hektisch. Gleichzeitig sind die Betroffenen fokussierter – sie fühlen sich nicht benebelt durch die Cannabis Wirkung, sie können sich stattdessen besser konzentrieren und Aufgaben angehen. Auch die Kombination von ADHS/ADS Medikamenten wie Ritalin und Cannabis ist möglich: Patienten nutzen Ritalin tagsüber, während der Arbeit, und am Abend zum Entspannen und Einschlafen Cannabis.

Betroffene schildern häufig den positiven Effekt von Cannabidiol (CBD). CBD ist ein nur sehr wenig psychoaktives Cannabinoid aus den weiblichen Blüten des Cannabis sativa. Neben THC, das stark psychoaktiv wirkt, ist CBD der wichtigste Wirkstoff bei der medizinischen Cannabis-Therapie. CBD lindert Krämpfe, hilft bei Ängsten und wirkt entzündungshemmend.

Cannabinoide sollten nicht in einer Selbst-Therapie eingenommen werden, denn bei ADHS-Patienten können unangenehme Nebenwirkungen auftreten, wenn die Dosierung nicht stimmt. Wenden Sie sich an eine Ärztin oder einen Arzt Ihres Vertrauens. Gemeinsam legen Sie fest, welche Therapie für Sie persönlich sinnvoll ist. ADHS/ADS-Patienten erhalten auch nur mit einem Cannabis Rezept ihre Cannabinoide in der Apotheke.

Quellen:

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen/aufmerksamkeitsdefizit-hyperaktivitaets-stoerung-adhs

http://www.info-adhs.de/startseite.html

http://www.adhs-deutschland.de/Home/Begleitstoerungen/Die-Begleiterkrankungen-bei-ADHS.aspx

https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=186476

http://www.alternative-drogenpolitik.de/2016/02/04/adhs-und-cannabis-patienten-berichten-von-ihren-erfahrungen/

 

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