Ist eine Kombinationstherapie mit Methadon und Cannabinoiden sinnvoll?

Autor: Dr. Christine Hutterer

Verõffentlicht am: 4. Juli 2018

Geändert am: 5. Juli 2018

Methadon wird aufgrund einiger Veröffentlichungen als Kandidat in der Krebstherapie gehandelt. In anderen Bereichen, wie der Substitutionstherapie, wird es schon lange eingesetzt. Cannabis weist ebenfalls vielfältige Einsatzmöglichkeiten auf. Doch wie steht es um eine Kombination der beiden?

Ist eine Kombinationstherapie mit Methadon und Cannabinoiden sinnvoll?

Vorab muss gesagt werden, dass sowohl die Forschung über die Einsatzmöglichkeiten und Wirkungen von Cannabis als auch von Methadon noch recht am Anfang stehen. In der Drogenersatzbehandlung hat Methadon eine lange Geschichte und wird noch immer eingesetzt. Auch als Schmerzmittel hat Methoden seine Berechtigung. Doch bei beiden Substanzen sind besonders Erkenntnisse zu den Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Therapien noch rar. Dieser Artikel möchte den aktuellen Wissensstand darlegen.

Methadon und wofür es genutzt wird

Methadon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid. Seit den 1960er Jahren wird es in der Substitutionstherapie bei einer Heroinabhängigkeit eingesetzt. Das funktioniert, weil Methadon an dieselben Rezeptoren im Körper bindet, wie das Heroin – die µ-Opioid-Rezeptoren.

Der Unterschied zur Wirkung des Heroins ist, dass bei oraler Einnahme von Methadon das Verlangen nach der Droge, das so genannte Craving, verringert wird, während gleichzeitig kein Kick ausgelöst wird. Methadon hat, wie alle Opioide, eine Reihe von Nebenwirkungen, die zum Teil auch lebensbedrohlich werden können.

Methadon verfügt auch über eine starke schmerzstillende Wirkung. Daher wird es auch als Schmerzmittel eingesetzt, z.B. in der Palliativmedizin. Methadon ist ein legales zugelassenes Arzneimittel. Die Verordnung wird über das Betäubungsmittelgesetz geregelt.

Vor einigen Jahren hat eine Chemikerin an der Universität Ulm bei der Behandlung von Glioblastomzellen mit D,L-Methadon gezeigt, dass die Zellen besser auf die Chemotherapie reagieren und absterben. Seitdem fragen Krebspatienten vermehrt nach Methadon als Ergänzung ihrer Krebsbehandlung. Derzeit werden Studien mit Patienten durchgeführt, denn die Ergebnisse der Chemikerin beruhten ausschließlich auf Zellkulturexperimenten und Einzelfallberichten von Patienten.

So lange keine Studien vorliegen, die eine Verbesserung der Situation in der Therapie von Krebspatienten zeigen, und gleichzeitig die Nebenwirkungen vertretbar sind, warnen zahlreiche renommierte Onkologen und Wissenschaftler vor der unkontrollierten Verwendung von Methadon.

Methadon – so wirkt es

Methodon bindet an die µ-Rezeptoren, woraufhin eine Kaskade an Reaktionen stattfindet. Methadon wird hauptsächlich über das Isoenzym CYP3A4 zu inaktiven Stoffwechselprodukten abgebaut. In geringerem Ausmaß spielen weitere Enzyme der Cytochrom-P450-Familie eine Rolle. Substanzen, die diesen Abbauweg blockieren oder verlangsamen führen dazu, dass die Konzentration von Methadon im Blutplasma länger erhalten bleibt oder bei regelmäßiger Einnahme weiter ansteigt, was zu lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen kann.

Cannabinoide und wofür sie genutzt werden

Cannabinoide aus der Cannabispflanze können bei einer Reihe von Erkrankungen und Symptomen eingesetzt werden. Nachgewiesen sind gute Wirkungen bei Spastiken bei Multipler Sklerose, Übelkeit und Erbrechen als Folge einer Chemotherapie und Appetitregulation bei HIV-Patienten. Auch bei Schmerzen wird Cannabis mit guten Erfolgen eingesetzt.

Leser dieser Seite wissen auch, dass es eine große Zahl weiterer möglicher Anwendungsbereiche gibt, für die aber häufig noch wenig Erfahrung und kaum oder keine wissenschaftlichen Daten vorliegen.

Cannabinoide – so wirken sie

Cannabinoide binden vorwiegend an die Rezeptoren des Endocannabinoidsystems CB1 und CB2 und lösen dadurch eine Signalkaskade innerhalb der Zellen aus, die wiederum über weitere Signalketten zu den Wirkungen führen. Endocannabinoide wie das Anandamid und 2-AG werden bei Bedarf vom Körper gebildet und freigesetzt. Cannabinoide die dem Körper von außen zugeführt werden setzen am gleichen System an.

Weniger bekannt ist, dass Cannabinoide auch an bestimmte Opioid-Rezeptoren (µ– und δ-Opioid-Rezeptoren) binden können. Diese Rezeptoren sind ebenso wie die Cannabinoid-Rezeptoren G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Der µ-Opioid-Rezeptor kommt vorwiegend im zentralen Nervensystem und im Magen-Darm-Trakt vor. Durch die Bindung von Cannabinoiden an die µ-Opioid-Rezeptoren werden bestimmte Neurotransmitter, z.B. Schmerzvermittler wie die Substanz P weniger stark ausgeschüttet. Das erklärt die schmerzlindernde Wirkung von Substanzen, die an die µ-Opioid-Rezeptoren binden.

Die Kombination von Methadon mit Cannabis – was man weiß

Eine Reihe von Arbeiten kam in der Vergangenheit zu dem Schluss, dass es sich beim Opioid- und dem Endocannabinoidsystem zwar um eigenständige Systeme handelt, diese sich aber in ihren Wirkungen gegenseitig beeinflussen können. Sowohl verstärkende als auch abschwächende Effekte sind möglich. Demnach sind einige Effekte von Cannabinoiden und Opioiden an das Vorhandensein der Rezeptoren des jeweils anderen Systems gekoppelt.

Wird beispielsweise der µ-Opioid-Rezeptor blockiert, bleibt bei der Anwendung von THC die übliche schmerzlindernde Wirkung aus. Das zeigt, dass die µ-Opioid-Rezeptoren für die schmerzstillende Wirkung von THC (mit)verantwortlich ist. Andersrum wurde ebenfalls gezeigt, dass Mäuse, die keine CB1-Rezeptoren besitzen, frei angebotenes Morphin (ein Opioid) nicht fressen. Mäuse mit vorhandenen CB1-Rezeptoren tun das. Dieses Beispiel zeigt, dass für die Wirkung von Opioiden auch das Endocannabinoidsystem eine Rolle spielt.

Aufgrund der vielfältigen Wirkung der beiden Substanzen bzw. Substanzgruppen lassen sich theoretisch viele potentiell nützliche Wirkungen ableiten. Allerding ist das Wissen zur Interaktion beider Substanzen bzw. Substanzgruppen noch viel zu dünn, um wirklich eine Aussage darüber treffen zu können, was für klinische Effekte (günstige oder ungünstige) möglich wären. Bei den Cannabinoiden ist zudem die genauen Zusammensetzung für die Wirkung entscheidend.

Mögliche Wechselwirkungen

Sowohl für Cannabinoide als auf für Methadon gibt es einige Hinweise auf krebshemmende Eigenschaften (siehe auch den Artikel über Cannabinoide beim Glioblastom). Daher ist es verständlich, dass besonders Krebspatienten jede Möglichkeit ergreifen möchten, die die Heilungschancen vergrößert. Aus wissenschaftlicher Sicht kann jedoch keine gesicherte Aussage darüber getroffen werden, ob bestimmte Cannabinoide alleine, Methadon alleine oder eine Kombination beider Substanzgruppen die Antitumorbehandlung unterstützt.

Leider kann derzeit auch nichts über sinnvolle Dosierungen ausgesagt werden. Sollte ein Patient Cannabinoide, Methadon oder eine Kombination von beidem während der Krebsbehandlung einsetzen wollen, sind unbedingt die behandelnden Ärzte miteinzubeziehen oder zumindest zu informieren.

Methadon kann wegen seiner komplexen Pharmakodynamik und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten folgenreiche Nebenwirkungen bis zum Tod zur Folge haben. Daher ist Erfahrung in der Dosierung und Wissen um die anderen eingenommenen Medikamente essentiell.

Eine französische Expertengruppe hat in einer Übersichtsarbeit die Evidenz zu den möglichen Arzneimittel-Wechselwirkungen zwischen THC, CBD und medikamentösen Krebstherapien untersucht. Sowohl THC als auch CBD scheinen demnach pharmakokinetisch mit Krebsmedikamenten zu interagieren. Für CBD scheint das Risiko für Interaktionen noch größer zu sein.

Allerdings, das betonen die Autoren, gibt es bislang nur sehr wenige Daten und diese sind z.T. wenig aussagekräftig, weil sie nur auf Untersuchungen in Zellkulturen beruhen. Die Experten vermuten, dass die klinische Bedeutung von Wechselwirkungen durch die Einnahme von Cannabinoiden sehr unterschiedlich sein kann und davon abhängt, welches Produkt, in welcher Dosierung, auf welchem Weg und unter welchen Begleitumständen eingesetzt wird.

Fazit

Ein Einsatz von Methadon und/oder Cannabinoiden in Kombination mit anderen Behandlungen, z.B. einer Krebstherapie, ist möglich. Allerdings gibt es bisher kein gesichertes Wissen über die klinischen Effekte und Nebenwirkungen. In jedem Fall ist die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt notwendig, um lebensgefährliche Komplikationen zu vermeiden.

Weitere interessante Artikel:
https://www.leafly.de/der-einsatz-von-cannabinoiden-in-der-onkologie/
https://www.leafly.de/medizinisches-cannabis-oder-opioide/

Quellen:

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