Kopfschmerzen und Cannabis

Autor: Dr. Christine Hutterer

Verõffentlicht am: 24. Mai 2018

Geändert am: 12. Juli 2018

Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Es gibt mehr als 180 verschiedene Arten. Manchmal sitzen die Kopfschmerzen hinter der Stirn, manchmal am Hinterkopf. Manchmal ist nur eine Seite des Kopfes betroffen, sie pochen, stechen, drücken oder klopfen usw. So ist es nicht überraschend, dass es nicht “das eine” Mittel gegen Kopfschmerzen gibt. Genauso wenig kann die Frage beantwortet werden, ob oder wie gut Cannabis bzw. bestimmte Cannabinoide allgemein bei Kopfschmerzen wirken. Eine differenzierte Betrachtung der einzelnen (wichtigsten) Arten von Kopfschmerzen ist nötig.

Kopfschmerzen und Cannabis

Die häufigsten Arten von Kopfschmerzen sind der Spannungskopfschmerz, die Migräne und der Cluster-Kopfschmerz. Die Einordnung der Kopfschmerzes ist wichtig, um eine passende Therapie zu finden.

Dazu erfragt der Arzt in einem Anamnesegespräch die Lokalisation des Schmerzes, seine Dauer, Häufigkeit/Regelmäßigkeit, den Schmerzcharakter (dumpf-drückend, stechend, pulsierend), ob eine familiäre Komponente vorliegt und mögliche Begleitsymptome. Die Zuordnung kann für den Arzt deutlich vereinfacht werden, wenn Patienten ein Kopfschmerztagebuch führen.

Kopfschmerzkalender gibt es zum Download oder auch als App.

Unterschiedliche Schmerzen erfordern unterschiedliche Therapien

Ein akuter Kopfschmerz kann und muss anders behandelt werden, als ständige Kopfschmerzen oder eine chronische Migräne. Kopfschmerzen, die als Folge von anderen Erkrankungen auftreten (so genannte sekundäre Kopfschmerzen) wiederum anders als primäre Kopfschmerzen.

Für unregelmäßig auftretende, leichte bis mäßige Kopfschmerzen gibt es eine Reihe guter Therapien bis hin zu Entspannungsmethoden und Verhaltenstherapien und Medikamente (Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen). Die Frage, ob und in welcher Weise Cannabinoide oder Cannabiskonsum bei Kopfschmerzen helfen können, bezieht sich vor allem auf die schweren, sehr schmerzhaften und das Leben einschränkenden Arten von Kopfschmerzen.

Für die Behandlung von neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen), Muskelspastiken und Übelkeit wurden im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen mit Cannabis gute Erfolge erzielt. Diese drei Beschwerden hängen vom Entstehungsweg her mit Kopfschmerzen zusammen.

Daher könnten die günstigen Wirkungen auch bei Kopfschmerzpatienten wirken. Beispielsweise die Wirkung gegen Übelkeit bei Patienten unter Chemotherapie könnte auch bei Migräne-bedingter Übelkeit vorhanden sein.

Das Endocannabinoidsystem bei Kopfschmerzen

Man weiß inzwischen sicher, dass das Endocannabinoidsystem an der zentralen Schmerzverarbeitung des Körpers beteiligt ist. Dazu ist das Zusammenspiel aus Endocannabinoiden, Endocannabinoid-Rezeptoren und Enzymen, die Endocannabinoide im Körper bilden und auch wieder abbauen, verantwortlich.

Eine mögliche Ursache von Schmerzen ist, dass das Endocannabinoidsystem des Körpers zeitweise oder dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten ist und die Interaktion der Partner nicht mehr reibungslos funktioniert.

In vielen Studien wurde gezeigt, dass (synthetische oder pflanzliche) Cannabinoide gegen so genannte neuropathische Schmerzen wirksam sind. Neuropathische Schmerzen entstehen durch die Schädigung von Nerven, die auf unterschiedliche Art und Weise entstehen kann.

Kopfschmerzen sind nur selten die Folge einer Nervenschädigung – und wenn, dann sind sie dauerhaft und treten nicht nur gelegentlich auf. Nichts desto trotz ist das Endocannabinoidsystem an der Entstehung von Schmerzen beteiligt – wie groß der Anteil im Vergleich zu anderen Faktoren ist, ist noch Gegenstand der Forschung.

Cannabinoide bei Clusterkopfschmerzen

Clusterkopfschmerzen sind schwere, einseitige, meist stechende Schmerzen, die zwischen 10 Minuten und 3 Stunden andauern, aber innerhalb der folgenden Tage mehrfach wiederkehren können. Man vermutet, dass Clusterkopfschmerzen, ebenso wie Migräne, im Gehirn ausgelöst werden. Der Hypothalamus, der Hirnstamm und möglicherweise der Cortex (Großhirnrinde) kommen dafür in Frage.

Eine Befragung von 139 Patienten mit Clusterkopfschmerzen ergab, dass etwa jeder Vierte von günstigen Effekten berichtete. Die Wirkung reichte von sehr guter Wirkung bis zu einer Schmerzreduktion um die Hälfte. Allerdings beschrieben auch 22,4 Prozent der Patienten, dass durch Cannabis die Clusterkopfschmerz-Attacken schlimmer wurden. Man vermutet, dass das mit der Verengung der Blutgefäße durch das Cannabis in Zusammenhang steht. Durch Cannabis verengen sich die Gefäße und der Blutdruck steigt. Clusterkopfschmerz-Patienten reagieren auf diese Veränderungen zum Teil sehr empfindlich.

Einige Patienten bestätigen, dass THC-reiche Cannabissorten die Clusterkopfschmerzen verschlimmerten. Demgegenüber berichteten US-Forscher im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2009, dass Patienten, die unter Clusterkopfschmerzen litten, ihre Schmerzen mit Dronabinol lindern konnten. Dies wird darauf zurückgeführt, dass der positive Effekt mit einer hohen Konzentration von Cannabinoid Rezeptoren im Hypothalamus zusammenhängen könnte.

Es ist unklar, warum Cannabis bei einigen Betroffenen schmerzlindernd wirkt und bei anderen Patienten die Clusterkopfschmerzen verschlimmern. Hier bedarf es noch einer intensiveren Forschung, um die genauen Vorgänge zu klären.

Cannabinoide bei Migräne

Migräne ist definiert als ein 4 bis 72 Stunden anhaltender, typischerweise einseitiger und pulsierender Kopfschmerz. Die Stärke kann von mäßig bis schwer variieren. Eine Migräne geht häufig mit einer Licht- und/oder Geräuschempfindlichkeit einher.

Die Vorgänge, die zur Entstehung einer Migräne führen, sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Neben bereits bekannten Faktoren ist in der jüngeren Vergangenheit das Endocannabinoidsystem in den Fokus gerückt. Klinische und experimentelle Daten lassen vermuten, dass eine Fehlregulation im ECS bzw. ein Mangel an Endocannabinoiden (Endocannabinoidmangel-Syndrom) Auslöser für Migräne-Kopfschmerzen sein kann.

Beispielsweise sind bei einer Gruppe von Patienten mit chronischer Migräne die Mengen des Endocannabinoids Anandamid verringert. Normalerweise wird Anandamid nach Bedarf im Körper hergestellt und nach getaner Arbeit vom Enzym FAAH (fatty acid amide hydrolase) wieder abgebaut. Die Beobachtung, dass Migräne-Patienten zu wenig Anandamid haben, sagt noch nichts darüber aus, wie dieser Mangel zustande kommt.

Es könnte sein, dass zu wenig Anandamid hergestellt wird. Es könnte aber auch sein, dass FAAH zu aktiv ist und das Anandamid zu schnell abbaut. Daher versucht man beispielsweise, das Enzym FAAH zu blockieren, damit es die Spaltung des Anandamids nicht mehr durchführen kann.

An diesen Prozessen forscht man intensiv. Wichtig ist herauszufinden, ob die Inhibition von FAAH unerwünschte Wirkungen hat, denn FAAH spaltet nicht ausschließlich Anandamid, sondern auch zahlreiche andere Moleküle. Studien zeigen, dass FAAH-Inhibition Schmerzen lindert und Entzündungen abschwächt. Allerdings ist noch unklar, ob das auch bei Migräne funktioniert.

Zugegebenermaßen existieren noch kaum Studien, die eine klare Evidenz für Cannabis in der Behandlung der Migräne beweisen.

Allerdings gibt es eine Vielzahl von Patientenbeobachtungen, die gute Wirksamkeit bei einem Teil der Migräne-Patienten zeigen:

  • Je nach Befragung gaben zwischen 5 Prozent und 8,4 Prozent der Patienten an, Cannabis zur Behandlung ihrer Migräne einzunehmen
  • 40,7 Prozent berichteten von einer Besserung bei Kopfschmerzen und Migräne
  • Eine retrospektive Untersuchung ergab, dass 85,1 Prozent von Migräne-Patienten durch Cannabis einen Rückgang der Migräneattacken bemerkten
  • 11,6 Prozent berichteten von schmerzlindernden Effekten
  • Auch die Zahl der Arztbesuche auf Grund der Migräne reduzierte sich deutlich

Leider fehlen noch gute randomisierte und placebo-kontrollierte Studien, um die tatsächlichen Wirkungen besser beurteilen zu können. Denn so schön die genannten Ergebnisse sind, werden Patienten “nur” befragt oder berichten sie über eine Therapie, von der sie wissen, was sie erhalten haben, ist die Gefahr von Placebo-Effekten sehr groß.

Dennoch sind sicherlich nicht alle positiven Effekte “eingebildet”. Vielmehr sollten Untersuchungen zeigen, für welche Patienten eine Cannabis-Therapie bei Migräne geeignet ist und welche Präparate sinnvoll sind.

Cannabinoide bei Spannungskopfschmerzen

Spannungskopfschmerzen können selten oder häufig auftreten oder auch chronisch sein. Typischerweise ist der Schmerz auf beiden Kopfhälften und fühlt sich an als wird der Kopf eingeengt. Die Intensität ist schwach bis mäßig und der Spannungskopfschmerz kann von wenigen Minuten bis zu mehreren Tagen andauern. Spannungskopfschmerzen können im Gehirn entstehen, sie können aber auch durch Verspannungen im Muskel- und Fasziengeweben als Reaktion auf Stress ausgelöst werden.

Für Spannungskopfschmerzen ist die Datenlage zu Cannabis sehr dünn. Es gibt keine speziellen Studien hierzu. Eine Vermutung besteht darin, dass die spasmolytische Wirkung von Cannabis (Wirkung gegen Muskelspasmen) möglicherweise auf den Spannungskopfschmerz übertragen werden könnte. Der Gedanke dahinter ist, dass Spannungskopfschmerzen häufig durch muskuläre Verspannungen und Stress getriggert werden und die entspannende Wirkung von Cannabis hier hilfreich sein könnte.

Cannabinoide bei medikamenteninduzierten Kopfschmerzen

Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen entstehen durch die langfristige Verwendung bestimmter Medikamente. Interessanterweise können auch Medikamente, die ursprünglich gegen Kopfschmerzen eingenommen werden, nach längerer Einnahmedauer wiederum zu Kopfschmerzen führen. Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen sind chronisch. Sie treten an mehr als 15 Tagen pro Monat auf.

Eine Studie verglich die Einnahme von Nabilon, einem synthetisch hergestellten THC-Wirkstoff, mit Ibuprofen bei medikamenteninduzierten Kopfschmerzen. Dabei zeigten beide Wirkstoffe Verbesserungen im Vergleich zur Anfangssituation. Unter Nabilon nahm die Einnahmer anderer Scherzmittel deutlich stärker ab und auch die Schmerzen war größer. Die Patienten berichteten von einer deutlich gestiegenen Lebensqualität gegenüber Ibuprofen.

Diese Studie zeigt klar das Potential von Cannabinoiden in der Behandlung der medikamenteninduzierten Kopfschmerzen. Einschränkend muss jedoch gesagt werden, dass die Studie mit 26 Patienten relativ klein und die Dauer der Anwendung (8 Wochen) relativ kurz war. Eine allgemein Therapieempfehlung lässt sich daher nicht ableiten.

Anwendungsarten von Cannabinoiden bei Kopfschmerzen

Cannabis als Medizin kann auf verschiedene Weisen eingenommen werden. Auch die Art der Einnahme kann beeinflussen, wie wirksam die Behandlung ist.

Rauchen von Cannabisblüten führt zu einem schnellen Wirkeintritt. Doch das Rauchen, meist noch in Kombination von Tabak, kann ebenfalls die Entstehung von Kopfschmerzen begünstigen. Daher werden andere Einnahmearten empfohlen.

Wenn die Einnahme einer bestimmten Blütensorte notwendig ist, sollte ein für medizinischen Anwendung zugelassener Vaporisator verwendet werden. Ist das nicht nötig, bieten standardisierte Cannabis-Vollextrakte oder synthetische Cannabinoide eine gute Möglichkeit. Weiterer Vorteil dieser Anwendung ist die gute Dosierbarkeit.

Mehr Informationen zu den Einnahmearten und ihren Vor- und Nachteilen können Sie hier nachlesen.

Kopfschmerzen durch Cannabis

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist allerdings, dass auch durch den Konsum von Cannabis Kopfschmerzen entstehen können. Cannabis wirkt verengend auf die Blutgefäße im Körper und im Gehirn und sorgt auf diese Weise dafür, dass der Blutdruck steigt. Beim Cannabis-Entzug bei abhängigen Personen können ebenfalls Kopfschmerzen auftreten.

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Quellen:

  • Pini LA, Guerzoni S, Cainazzo MM, Ferrari A, Sarchielli P, Tiraferri I, Ciccarese M, Zappaterra M. Nabilone for the treatment of medication overuse headache: results of a preliminary double-blind, active-controlled, randomized trial. J Headache Pain. 2012 Nov;13(8):677-84. doi: 10.1007/s10194-012-0490-1. Epub 2012 Oct 16.
  • Lochte BC, Beletsky A, Samuel NK, Grant I. The Use of Cannabis for Headache Disorders. Cannabis Cannabinoid Res. 2017 Apr 1;2(1):61-71. doi: 10.1089/can.2016.0033. eCollection 2017.
  • Greco R, Demartini C, Zanaboni AM, Piomelli D, Tassorelli C. Endocannabinoid System and Migraine Pain: An Update. Front Neurosci. 2018 Mar 19;12:172. doi: 10.3389/fnins.2018.00172. eCollection 2018.

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