Medizinalhanf gegen übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose)

Autor: Alexandra Latour

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Krankhaftes Schwitzen ist für Betroffene sehr belastend. Nicht selten isolieren sie sich komplett von der Außenwelt. Zwar stehen verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung, meist lässt sich jedoch das starke Schwitzen nicht langfristig eindämmen. Berichten zufolge kann Cannabis möglicherweise das Schwitzen reduzieren. Ob Cannabinoide hier eine alternative Therapieoption sind?

Medizinalhanf gegen übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose)

In Deutschland sind etwa ein bis drei Prozent von einer Hyperhidrose betroffen. Je nachdem, an welcher Körperstelle das starke Schwitzen auftritt, wird zwischen den folgenden Formen unterschieden:

  • Hyperhidrosis manuum (starkes Schwitzen an den Händen)
  • Hyperhidrosis pedum (starkes Schwitzen an den Füßen)
  • Hyperhidrosis axillaris (starkes Schwitzen in der Achsel)

Die Symptome sowie das Ausmaß einer Hyperhidrose sind sehr unterschiedlich und davon abhängig, an welcher Körperstelle das übermäßige Schwitzen auftritt. Besonders häufig sind die Achselhöhlen, die Handflächen oder die Fußsohlen betroffen. Wenn der Schweiß aus den Hautporen austritt, hinterlässt er nasse Flecken auf Kleidung oder Schuhwerk. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass der Schweiß ganz plötzlich austritt. Passiert dies im geschlossenen Schuhwerk, kann dies Pilzinfektionen oder Warzen verursachen.

Viele Betroffene ziehen sich aufgrund dieser unangenehmen Symptomatik vom sozialen Leben zurück. Infolge dessen kann auch eine depressive Verstimmung hinzukommen.

Starkes Schwitzen: Was sind die Ursachen?

Die Ursachen können vielfältig sein. Unterschieden wird hier wie folgt:

Primäre Hyperhidrose

Die Ursachen der primären Hyperhidrose (idiopathische Hyperhidrose) sind bis heute nicht geklärt. In der Regel tritt sie bereits in der Pubertät auf, zum Beispiel in Situationen der Angst oder in Stresssituationen. Auch Schmerzen können ein starkes Schwitzen auslösen.

Sekundäre Hyperhidrose

Die sekundäre Hyperhidrose wird durch eine Erkrankung ausgelöst. So können beispielsweise die folgenden Krankheiten das starke Schwitzen auslösen:

  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
  • Hormonstörungen
  • psychische oder neurologische Erkrankungen
  • Infektionskrankheiten
  • Hypertonie (Bluthochdruck)
  • Phäochromozytom (seltener Tumor in der Nebenniere)
  • Systemerkrankungen wie eine Autoimmunerkrankung

Des Weiteren können auch bestimmte Medikamente wie Kortison, Salicylsäure oder Parasympathomimetika eine Hyperhidrose auslösen.

Hyperhidrose: Diagnose

Ein extrem starkes Schwitzen ist der erste Hinweis auf eine Hyperhidrose, vor allem dann, wenn dieses an den typischen Körperregionen wie Achselhöhlen, Handflächen oder Fußsohlen auftritt. Sollten die drei folgenden Kriterien erfüllt sein, so sind meist keine weiteren Untersuchungen erforderlich, um die Diagnose eindeutig zu stellen:

  • starkes Schwitzen an den typischen Körperregionen
  • keine Grunderkrankung
  • keine weiteren Symptome/Beschwerden

Weitergehende Untersuchungen sind nur dann notwendig, wenn der Verdacht besteht, dass eine Grunderkrankung die Ursache für das starke Schwitzen sein könnte. In solch einem Fall kommen Untersuchungsmethoden wie eine Blutuntersuchung, Röntgenuntersuchung oder Elektrokardiogramm zum Einsatz.

Ein Arzt hat die Möglichkeit, die genaue Schweißmenge pro Minute festzustellen, und zwar mithilfe einer Gravimetrie. Hierbei wird die Schweißbildung auf einem saugfähigen Filterpapier nachgewiesen. Mit einem Jod-Stärke-Test werden die Körperregionen, an denen der starke Schweiß gebildet wird, mithilfe eines Färbungsverfahrens sichtbar gemacht.

Wie wird eine Hyperhidrose behandelt?

Wenn für die Hyperhidrose eine Grunderkrankung verantwortlich ist, wird diese entsprechend behandelt. Bei einer primären Hyperhidrose stehen verschiedene konservative Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Infrage kommende Mittel gegen starkes Schwitzen sind zum Beispiel:

  • Antitranspirant: Dieses kann die Drüsenausführungsgänge der Haut verschließen. In der Regel wird hier der Wirkstoff Aluminiumchlorid eingesetzt.
  • Botulinumtoxin A: Hierbei handelt es sich um das Gift des Bakteriums Clostridium botulinum. Umgangssprachlich wird das Nervengift auch Botox genannt. Dieses wird unter die Haut an den betroffenen Körperregionen gespritzt und hemmt an den Nervenendigungen die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin, wodurch die Nervenleitung blockiert wird. Infolge dessen wird die Schweißproduktion über mehrere Monate ganz eingestellt. Es ist allerdings notwendig, diese Therapie immer wieder in regelmäßigen Abständen zu wiederholen.
  • Iontophorese: Bei einer Iontophorese wird mit schwachem Gleichstrom gearbeitet. Diese Therapie kommt infrage, wenn Hände und Füße betroffen sind. Dabei taucht der Patient die entsprechenden Körperregionen in ein Salzbad mit schwachem Gleitstrom. Dieser hemmt die Nervenendigungen und kann somit der starken Schweißproduktion entgegenwirken. Anfangs findet die Anwendung täglich statt und später ungefähr ein- bis zweimal in der Woche.
  • Medikamente: Eine Hyperhidrose wird in der Regel nur dann medikamentös behandelt, wenn der gesamte Körper betroffen ist und Antitranspirantien nicht helfen. Zum Einsatz kommen dann Anticholinergika, die die Wirkung von Acetylcholin hemmen. Jedoch sind diese Medikamente nicht nebenwirkungsfrei und können unter anderem Kopfschmerzen, Sehstörungen und Magen-Darm-Beschwerden verursachen.

Wenn die konservativen Therapien keinen dauerhaften Erfolg haben, besteht noch die Möglichkeit, die Schweißdrüsen operativ entfernen zu lassen (Schweißdrüsenexzision). Der Erfolg der operativen Eingriffe kann nicht garantiert werden, jedoch ist die Prognose gut. Meist lässt sich das starke Schwitzen langfristig eindämmen.

Die endoskopische transthorakale Sympathektomie (ETS) stellt die letzte Behandlungsmöglichkeit dar, insbesondere dann, wenn der gesamte Körper betroffen ist. Hierbei werden die Fasern des sympathischen Nervensystems im Bereich der Brust durchtrennt, die die Schweißdrüsen zur Schweißproduktion anregen. Komplikationen wie das Horner-Syndrom treten nur selten auf.

Hyperhidrose vorbeugen

In einem gewissen Rahmen kann einer Hyperhidrose vorgebeugt werden. Auf den Konsum von Kaffee, Alkohol, Zigaretten und scharfe Gewürze sollte weitestgehend verzichtet werden, da diese die Schweißproduktion verstärken können. Ebenso können auch Stress und emotionale Belastungen schweißtreibende Faktoren sein. Betroffene können in solchen Fällen Entspannungsübungen nutzen, um Stress abzubauen. Zudem ist es empfehlenswert, auf atmungsaktive Kleidung aus Baumwolle zu achten, da Textilien aus Polyacryl den Schweiß nicht nach außen abgeben können.

Stellt Medizinalhanf eine Alternative zu den Standardbehandlungen dar?

Es konnte bereits wissenschaftlich belegt werden, dass das Endocannabinoidsystem der Haut an diversen biologischen Prozessen beteiligt ist. Aus diesem Grund wird die Behandlung mit Cannabinoiden bei verschiedenen Hauterkrankungen wie beispielsweise Psoriasis (Schuppenflechte), Neurodermitis oder Hautkrebs als vielversprechend angesehen. Allerdings fehlen hier noch aussagekräftige Studien.

Das Gleiche gilt für die Behandlung bei einer Hyperhidrose, wobei einige Fallberichte und Erfahrungsberichte von Betroffenen existieren, die Hinweise darauf geben, dass Cannabinoide möglicherweise gegen starkes Schwitzen helfen könnten. Leafly.de berichtete.

Von solch einem Fall berichtet auch Dr. Franjo Grotenhermen, eine Koryphäe auf dem Gebiet vom Cannabis als Medizin. Sein 41-jähriger Patient litt an einer angeborenen Hyperhidrose. In der Pubertät begann das verstärkte Schwitzen an den Händen und Unterarmen. Im Alter von 25 Jahren bekam er zunächst Methantelinium-Bromid und als dieses keine Wirkung zeigte, wurde auf Bornaprin in hohen Dosen umgestellt. Hierunter zeigten sich jedoch starke Nebenwirkungen wie Verminderung der Sehkraft, Schwindel und Mundtrockenheit.

Einige Jahre später erfolgte eine endoskopische Sympathektomie und die Hyperhidrose verschwand an den betroffenen Körperregionen. Allerdings entwickelte sich dann ein kompensatorisches Schwitzen am Rücken, im Bauchbereich, in den Beinen sowie am Gesäß. Infolge dessen traute sich der Patient kaum noch unter Menschen und sein Leidensdruck stieg.

In seiner Jugend hatte der Patient bereits einige Male Cannabis konsumiert. In einem Forum las er, dass Cannabis starkes Schwitzen reduzieren könne, weshalb er erneut mit dem Cannabiskonsum begann. Innerhalb weniger Minuten nach dem Inhalieren von Cannabisblüten wurde das starke Schwitzen unterbrochen und die Wirkung hielt zwei bis drei Stunden an. Heute berichtet der Patient, dass Cannabis sein Leben vollständig verändert. Um die Hyperhidrose einzudämmen, benötigt er täglich ungefähr vier Gramm Cannabis. Daneben nimmt er noch Doxepin gegen das nächtliche Schwitzen ein.

Interessant ist, dass – obwohl es keine Studien zu Cannabinoiden gegen Hyperhidrose gibt – dennoch Cannabis gegen diese Erkrankung empfohlen wird. So empfiehlt beispielsweise auch die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin Cannabis gegen eine Hyperhidrose. Zudem wurden vor der Gesetzesänderung im Jahr 2017 Ausnahmegenehmigungen für die Cannabis-Therapie bei der Diagnose Hyperhidrose vom BfArM erteilt.

Es muss auch immer wieder gesagt werden, dass pharmazeutisches kein Allheilmittel ist. Es scheint aber eine interessante Verbindung zwischen dem Endocannabinoidsystem, Cannabis und übermäßigem Schwitzen zu geben. Hier könnte es sich durchaus lohnen, die Forschung voranzutreiben.

Quellen:

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