Leafly.de Patientenakte: Rouven, 42, HIV, Darmkrebs

Rouven ist HIV-positiv und kämpft seit 17 Jahren gegen den Krebs. Im März haben wir über den 42-Jährigen ausführlich in einer Patientenakte berichtet. So gut wie damals geht es Rouven zurzeit leider nicht. Inzwischen hat er eine erneute Operation hinter sich und erhält gerade wieder eine Chemotherapie in Kombination mit einer Bestrahlung. Im Vergleich zum Frühjahr hat Rouven stark abgebaut. Cannabis als Medizin hilft ihm dennoch, mit seiner Erkrankung besser zurechtzukommen. Es zeigt aber nicht mehr so eine große Wirkung wie früher.

Leafly.de Patientenakte: Rouven, 42, HIV, Darmkrebs

Update vom 09.08.19: Rouven erhält wieder eine Krebsbehandlung

Rouven erkrankte vor 17 Jahren an einem hochmalignen B-Zell Lymphom. 2011 erhielt er dann zum ersten Mal die Diagnose Darmkrebs. Es folgten mehrere Operationen, Chemotherapie und sehr viel Medikamente. Als wir im März über Rouven berichteten, hatte er den größten Teil seiner Arzneimittel dank Medizinalcannabis absetzen können. Inzwischen hat sich sein Zustand deutlich verschlechtert.

Rouven erhält jeden Tag eine Chemotherapie in Tablettenform, kombiniert mit einer Strahlentherapie. Aufgrund der Behandlung hat er stark abgebaut und ist wieder abgemagert – bis auf 52 Kilo. Das Essen fällt ihm sehr schwer. Daher nimmt er eine hochkalorische, medizinische Nahrung zu sich.

Vor allem der heiße Sommer hat dem Krebspatienten sehr zu schaffen gemacht. “Langsam komme ich an meine Grenzen”, erzählt uns Rouven. Eine Therapiepause will er dennoch nicht einlegen.

“Ich bin ja immer ein Stehaufmännchen gewesen. Aber jetzt geht mein Strahlen mehr und mehr verloren.”

Trotz der schwierigen Situation gibt Rouven aber nicht auf. Er hofft darauf, dass es ihm nach Beendigung der Chemotherapie im Oktober wieder gut geht.

Persönlichere Betreuung durch Psychologin

Solch eine Situation macht Angst – das kennt jeder Betroffene. Eine Krebserkrankung fordert die Patienten wie auch deren Angehörige enorm heraus. Rouven wird daher zusätzlich von einer Psychoonkologin betreut. “Sie baut mich auf”, erzählt uns der Krebspatient.

Die Psychologin geht ganz anders auf die Patienten ein: Sie schafft eine persönliche und empathische Atmosphäre, und sie nimmt sich die Zeit, medizinische Fakten ruhig und für die Betroffenen verständlich zu erklären. Andere Ärzte können das in ihrem Arbeitsalltag in dieser Form nicht leisten. “Das Menschliche geht in der Medizin häufig unter”, resümiert Rouven.

Medizinalcannabis hilft nicht mehr wie früher

Anfang des Jahres konnten wir noch darüber berichten, dass Rouven dank Cannabis als Medizin die meisten anderen Medikamente absetzen konnte – inklusive der Opiate. Inzwischen muss der Mann aus Rheinland-Pfalz allerdings wieder mehr Arzneimittel einnehmen, vor allem gegen die Übelkeit. Medizinalcannabis allein hilft hier nicht mehr.

Zurzeit wendet Rouven auch nur eine geringere Dosis an als früher, denn er verträgt Medizinalcannabis nicht mehr so gut. “Das kann damit zu tun haben, dass ich so stark abgenommen habe”, erzählt er uns.

Abends nutzt er Cannabis als Medizin, um zur Ruhe zu kommen und zu schlafen. “Tagsüber benebelt es mich aber und macht mich langsam. Daher nehme ich es häufig am Tag nicht mehr ein”, so Rouven. Trotzdem ist er froh, dass ihm Cannabis als Medizin zur Verfügung steht:

“Cannabis hat meine Krankheit wirklich erleichtert.”

 

Ursprüngliche Patientenakte vom 01.03.19:

1998 erhielt Rouven die Diagnose HIV-positiv. Damals war er gerade erst 21 Jahre alt. Vier Jahre später fanden die Ärzte ein hochmalignes B-Zell Lymphom – also eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Dies sind jene Gefäße, Organe und Zellen, die für die spezifische Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind.

Als Antwort auf diese schlimmen Ereignisse entwickelte Rouven eine Depression. Aber leider sollten noch mehr schwerwiegende Diagnosen folgen: 2011 erkrankte der junge Mann zum ersten Mal an Darmkrebs – drei Jahre später war der Krebs wieder da.

Rouven kämpft gegen Darmkrebs

Seit acht Jahren kämpft Rouven gegen den Darmkrebs: mit Chemotherapien, Tabletten und Bestrahlung. Vor fünf Jahren wurden bei einer großen Operation 70 Zentimeter seines Darms entfernt. Darüber hinaus erhielt der Krebspatient im Dünndarmbereich ein Stoma – einen künstlichen Darmausgang. Rouven musste für elf Monate im Krankenhaus bleiben, was eine enorme Belastung für ihn darstellte. Durch das sogenannte “High Output Stoma” verlor der junge Mann innerhalb dieser elf Monate 40 Kilogramm seines Körpergewichts. Dann folgte auch noch ein Koma. Rouven ist ein großer Mann mit seinen 1,88 Metern – nach dem Koma war er auf 43 Kilo abgemagert.

18 unterschiedliche Medikamente täglich

Drei Jahre lang, von 2014 bis 2017, nahm Rouven täglich 18 unterschiedliche Medikamente ein. Darunter waren auch starke Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide. Die schweren Arzneimittel benebelten Rouven und führten zu unangenehmen Nebenwirkungen.

Er hatte permanent das Gefühl, neben sich zu stehen, war geistesabwesend. Er litt unter Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Darüber hinaus fühlte er sich unruhig und konnte schlecht schlafen. Als ob das nicht genug sei, kamen auch noch Atemprobleme und Panikattacken hinzu. Außerdem merkte Rouven, dass er von den Medikamenten abhängig wurde.

Irgendwann war ihm klar: So möchte er nicht länger leben – er braucht eine Alternative.

Cannabis als Medizin ersetzt Großteil der Medikamente

Mit Cannabis als Medizin hat Rouven eine für ihn ideale Therapie gefunden. “Damit geht es mir wesentlich besser als mit allen anderen Medikamenten über Jahre vorher”, erzählt er. Medizinalhanf hilft ihm gegen die Schmerzen, steigert seinen Appetit, bekämpft die Übelkeit und lässt ihn nachts zur Ruhe kommen und schlafen.

So war es ihm möglich, den größten Teil seiner Medikamente abzusetzen. Inzwischen braucht der Krebs-Patient – neben Medizinalhanf – nur noch seine HIV-Medikamente (ART) und zwei weitere Arzneimittel, die die Darmtätigkeit verlangsamen und seinen Magen schützen. “Dazu ab und zu eine Ibuprofen”, erzählt uns der inzwischen 42-Jährige fröhlich.

Rouven engagiert sich in der Patientenhilfe

Rouven bezeichnet sich selbst als “glücklichen Cannabispatienten”. Seit September 2017 ist er verheiratet. Um andere Betroffene zu unterstützen, die sich ebenfalls für Cannabis als Medizin interessieren, engagiert er sich in seinem Heimatort Ludwigshafen in der Patientenhilfe des ACM. Hier können Cannabispatienten und Interessierte Fragen stellen und erhalten Hilfestellung – beispielsweise mit dem Antrag auf Kostenerstattung für die Krankenkasse.

Patienteninfos

Name: Rouven

Alter: 42

Wohnort: Rheinland-Pfalz

Krankenkasse: DAK Gesundheit

Diagnose: HIV, Darmkrebs, Depressionen

Medikation: Green No.3 / Pedanios 22/1, morgens und abends als Dauermedikation. Da Green No.3 zurzeit nicht lieferbar, stattdessen Bedrocan.

Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Hausarzt

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?

Rouven: Seit 2017.

Leafly: Wie bist Du denn darauf gekommen?

Rouven: Ich hatte 2017 einen Antrag bei der Bundesopiumstelle zum Selbstanbau gestellt. Dort wurde ich auf die Gesetzesänderung hingewiesen. Also zog ich den Antrag zurück und beantragte Cannabis als Medizin bei meiner Krankenkasse.

Leafly: In welchen Momenten wendest Du es an?

Rouven: Das ist unterschiedlich: Zur Schmerztherapie, um meinen Appetit zu steigern, gegen Krampfanfälle und gegen die Reizdarm-Symptome. Darüber hinaus hilft es gegen Übelkeit und die Nebenwirkungen der anderen Medikamente, die ich nehmen muss. Außerdem kann ich mit Medizinalcannabis besser schlafen.

Leafly: Hattest Du Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?

Rouven: Ich musste auf meine Bewilligung fünf Monate warten. Damals wusste ich noch nicht, dass es so etwas wie eine Genehmigungsfiktion gibt. Allerdings ging es dann doch schnell mit der Entscheidung, nachdem ich mit der Presse gedroht habe.

Leafly: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?

Rouven: Nein, nicht nachdem ich Tilidin, Oxycodon und andere schwere Medikamente eingenommen habe. Von denen war ich abhängig und habe auch Entzugserscheinungen bemerkt. Damals konnte ich gar nicht mehr am sozialen Leben teilhaben.

Leafly: War Dein Medikament einmal nicht lieferbar? Was hast Du dann gemacht?

Rouven: Mein Medikament ist aktuell nicht lieferbar. Eigentlich sollte ich Green No.3 und Pedanios 22/1 einnehmen, die ich ideal vertragen habe. Als Green No.3 noch lieferbar war, hat mein Arzt sogar unter dem Cannabis-Medikament eine Verbesserung meines Blutbildes festgestellt. Jetzt muss ich auf andere Blüten ausweichen, wie Bedrocan. Das ist aber eigentlich zu stark für mich.

Leafly: Geht es Dir gut? Bist Du jetzt glücklich?

Rouven: Zurzeit bin ich wieder in einer Krebstherapie und bekomme Chemo, Tabletten und Bestrahlung. Dementsprechend geht es mir natürlich. Aber auf alle Fälle geht es mir mit Cannabis als Medizin viel besser als mit den anderen Medikamenten, die ich über Jahre eingenommen habe. Das ist kein Vergleich. Ich kann also sagen, dass ich ein glücklicher Cannabispatient bin!

Vielen Dank, lieber Rouven. Wir wünschen Dir alles erdenklich Gute für Deine Zukunft und weiterhin viel Kraft.

Lesen Sie in diesem Beitrag mehr über Dickdarmkrebs und Medizinalcannabis.

Weitere interessante Artikel zum Thema auf Leafly.de:

https://www.leafly.de/natuerliche-synthetische-cannabinoide-krebs/

https://www.leafly.de/patientenakte-yvonne-thueringen-darmkrebs/

https://www.leafly.de/welt-aids-tag-2018-cannabis-als-add-on-therapie/

https://www.leafly.de/cannabis-medizin-hiv-aids-behandlung/

Ähnliche Artikel