Leafly.de Patientenakte: Susanne, 43, Fibromyalgie, Baden-Württemberg

Susanne hat das, wofür viele Cannabispatienten kämpfen: eine Kostenübernahme ihrer Krankenkasse. Dennoch bekommt sie kein Medizinalcannabis – jedenfalls nicht in ausreichender Menge. So muss die Schmerzpatientin noch weitere Medikamente einnehmen, die sie aber nicht gut verträgt. Der Grund: Ihr Arzt verschreibt Susanne nur einen Bruchteil der Menge an Cannabisblüten, die der MDK genehmigt hat – aus Sorge vor Regress. Diese Dosis reicht jedoch für einen Erwachsenen mit chronischem Schmerzsyndrom nicht aus.

Leafly.de Patientenakte: Susanne, 43, Fibromyalgie, Baden-Württemberg

Fibromyalgie: Opiate helfen Susanne nicht ausreichend

Die Krankenkassen lehnen in Deutschland rund ein Drittel der Anträge auf Kostenübernahme einer Cannabis-Therapie ab. Susanne (Anm. d. Red.: Name geändert) gehört nicht zu diesen Patienten. 2005 wurde bei der Frau aus Baden-Württemberg Fibromyalgie diagnostiziert. Darüber hinaus leidet sie an starker Migräne, seit sie elf Jahre alt ist.

Susanne hat über Jahre Opiate eingenommen und hat eine Schmerztherapie an der Uniklinik Heidelberg gemacht. Auf viele Medikamente reagierte sie irgendwann allergisch. Außerdem wirkten selbst starke Schmerzmittel wie Morphin bei Susanne nicht ausreichend – trotz hoher Dosen. Eine weitere Dosissteigerung ist aufgrund der Nebenwirkungen nicht mehr möglich.

Die 43-Jährige leidet an stärksten Schmerzen am ganzen Körper. Dadurch kommt es zu Schlafstörungen, die wiederum dazu führen, dass Susanne tagsüber müde und erschöpft ist. So hat die Mutter von zwei Kindern Mühe, sich um die nötigen Alltagsaufgaben zu kümmern. Arbeiten kann Susanne schon seit einigen Jahren aufgrund des chronischen Schmerzsyndroms nicht mehr. Sie ist berentet und schwerbehindert.

MDK genehmigt Medizinalcannabis

Da Susanne früher Erfahrungen mit Cannabis als Freizeitdroge gemacht hat, weiß sie, dass es bei ihren Schmerzen hilft. Sie redet mit ihrem Hausarzt über Cannabis als Medizin und der beantragt die Behandlung am 30. November 2018 bei der Krankenkasse. Am 12. Dezember liegt bereits die Genehmigung der Versicherung vor.

Der MDK, der medizinische Dienst der Krankenversicherung, bestätigt in seinem sozialmedizinischen Gutachten, dass Susanne austherapiert ist. Es gibt keine Behandlungsalternativen mehr für die Schmerzpatientin. Die multimodale Schmerztherapie, Opioide und andere Schmerzmittel sowie muskelentspannende Medikamente wurden bereits ausprobiert, erzielten aber keinen ausreichenden Erfolg. Daher befürwortet der MDK die Behandlung mit Cannabinoiden. Die Dosis im Gutachten wird mit 4 x 0,5 Gramm Cannabisblüten am Tag angegeben – also insgesamt 2 Gramm pro Tag.

So weit – so gut. Für Susanne beginnen jetzt aber ganz neue Probleme: Obwohl ihr Hausarzt im Krankenkassen-Antrag 2 Gramm Medizinalcannabis pro Tag empfohlen und beantragt hat, ist er jetzt, da der MDK den Antrag genehmigt hat, nicht mehr bereit, Susanne diese Menge zu verschreiben. Denn der Arzt hat Sorge vor Regressforderungen. Daher bekommt die Schmerzpatientin nur 0,4 Gramm am Tag – also nur ein Fünftel der genehmigten Dosis.

Regress bei Cannabis als Medizin

Ärztinnen und Ärzte, die Medikamente unwirtschaftlich verordnen, riskieren einen Regress. Das bedeutet, dass die Kosten für eine Behandlung im Nachhinein nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sondern stattdessen der verschreibende Arzt sie tragen muss. Ein Regress kann sein teuer sein und noch zwei Jahre rückwirkend auf eine Arztpraxis zukommen.

Wir von Leafly.de hatten im Frühjahr bei den Krankenkassen nachgefragt, wie sie die Gefahr eines Regresses bei einer Cannabis-Therapie einschätzen. Die Techniker erklärte uns, von solchen Fällen gäbe es bei ihnen “höchstens eine Handvoll im Jahr”. Und auch die Barmer – die Krankenkasse, bei der auch Susanne versichert ist – erläuterte, dass die Regressgefahr tatsächlich verschwindend gering ist, solange sich die verschreibenden Ärzte an das vorgeschriebene Prozedere halten:

“Dass Ärzten nach der Verordnung von Cannabis-Präparaten Regressforderungen drohen, ist so gut wie ausgeschlossen, wenn sie vor Beginn der Behandlung, also ab der ersten Verordnung bei der Krankenkasse eine Genehmigung einholen. (…) Hinzu kommt, dass der medizinische Dienst der Krankenversicherung vor der erstmaligen Genehmigung eines cannabishaltigen Präparats ein Gutachten erstellt, auf dessen Basis die Krankenkassen maßgeblich über die Kostenübernahme entscheiden. Über diesen Weg wird das Risiko von Regressforderungen zusätzlich minimiert”, so ein Sprecher der Barmer.

Trotz Kostenübernahme keine Versorgung

Bei Susanne liegt die Genehmigung und das Gutachten des MDK vor, dennoch verordnet ihr Hausarzt der 43-Jährigen nur eine sehr geringe Menge Medizinalcannabis.

“Selbst die Apothekerin hat gesagt, dass diese Dosis die reine Verschwendung ist, da es bei einem Erwachsenen mit sehr starkem Schmerzsyndrom nichts ausrichten kann”, erzählt uns Susanne.

Die Patientin leidet mit dieser geringen Menge Cannabisblüten weiterhin unter Schmerzen. Alle Hoffnung setzt sie auf einen Termin bei einer Ärztin für Schmerztherapie. Während sie noch auf ihren Termin wartet, werden Susannes Schmerzen so unerträglich, dass sie zur Akutbehandlung zur Ärztin gehen muss. Diese verabreicht ihr Lidocain, ein örtliches Betäubungsmittel, gegen ihre Rückenschmerzen. Gegen die Gliederschmerzen in Armen und Beinen helfen Susanne allerdings nur Cannabinoide.

Mitte Mai steht dann endlich der langersehnte Termin bei der Schmerztherapeutin an. “Leider möchte diese erst einmal schulmedizinisch alles ausschöpfen, bevor wir hoffentlich irgendwann bei Cannabis als Medizin ankommen”, erzählt Susanne enttäuscht.

Die Schmerzmedizinerin verschreibt ihr ein Antidepressivum, das auch gegen Schmerzen eingesetzt wird. Susanne fühlt sich durch das Medikament aber benommen. “Ich stehe neben mir, bin schlapp und kann mich nicht konzentrieren”, so Susanne.

Susanne ist austherapiert

“Ich fühle ich mich vom Staat alleine gelassen. Ich bin austherapiert, das hat der MDK bestätigt. Es ist ungerecht, das ich mein Medikament nicht erhalte. Der einzige Weg, meinen Alltag einigermaßen geregelt zu bekommen, ist der Weg in die Kriminalität, wenn ich mir meinen Wirkstoff selbst besorge”, erzählt Susanne.

Es gibt Tage, da ist sie verzweifelt. Aber die Fibromyalgie-Patientin gibt nicht auf. “Ich kämpfe für das Ziel, eine angemessene Therapie mit Cannabinoiden zu erhalten.”

 

Patienteninfos

Name: Susanne

Alter: 43

Wohnort: Baden-Württemberg

Krankenkasse: Barmer

Diagnose/n: Fibromyalgie / Chronisches Schmerzsyndrom

Medikation: Cannabisblüten

Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Facharzt für Innere Medizin / Hausarzt

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?

Susanne: Seit Januar 2019. Allerdings habe ich nie eine ausreichende Dosis bekommen. Statt der 60 g Cannabisblüten im Monat, die vom MDK genehmigt wurden, verschreibt mir mein Arzt nur 12 Gramm im Monat.

Leafly: Wie bist Du denn darauf gekommen?

Susanne: Opiate wirken bei mir nicht ausreichend. Und mit Cannabis hatte ich Erfahrungen von früher als Freizeitdroge. Daher wusste ich, dass es gegen meine Schmerzen hilft.

Leafly: Wie war das erste Mal?

Susanne: Aufgrund der Schmerzen ist mein ganzer Körper extrem verspannt. Mit Cannabis konnte ich durchatmen und mich entspannen. Endlich hatte ich Ruhe.

Leafly: In welchen Momenten wendest Du es an?

Susanne: Gegen die Schmerzen in den Armen und Beinen und gegen meine Migräne.

Leafly: Hattest Du Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?

Susanne: Nein, überhaupt nicht. Der Antrag wurde innerhalb kürzester Zeit genehmigt, ein Widerspruch war auch nicht nötig.

Leafly: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?

Susanne: Nein, mein Körper braucht Medikamente, damit ich ein geregeltes Leben führen kann. Das sehe ich nicht als Abhängigkeit.

Leafly: War Dein Medikament einmal nicht lieferbar? Was hast Du dann gemacht?

Susanne: Ich bin zwischendurch auf Dronabinol umgestiegen, das bei mir aber nicht gut wirkte. Daher bin ich zurück zu Cannabisblüten. Meine Apotheke dachte aber, dass ich jetzt keine Blüten mehr benötige. So muss ich jetzt auf meine Cannabisblüten für Juni bis Juli warten.

Leafly: Geht es Dir gut? Bist Du jetzt glücklich?

Susanne: Nein, mir geht es aktuell leider nicht besonders gut. Aber ich bin glücklich über jeden neuen Schritt in die richtige Richtung.

 

Liebe Susanne, wir wünschen Dir alles erdenklich Gute und viel Erfolg für Deinen Weg.

 

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