Lieferengpässe bei bestimmten Blütensorten

Autor: Gesa Riedewald

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Lieferengpässe bei bestimmten Cannabissorten sind immer wieder ein Thema. Das Selbsthilfenetzwerk Cannabis Medizin ruft daher jetzt dazu auf, Lieferprobleme zu melden. Auch wir von Leafy.de hören häufig von Betroffenen, dass ihr Cannabis-Medikament nicht verfügbar ist. Das Thema wird uns wahrscheinlich auch zukünftig begleiten, denn der Bedarf an Cannabis als Medizin wächst stetig.

Lieferengpässe bei bestimmten Blütensorten

Problem Lieferengpässe bei Cannabisblüten

Seit der Legalisierung von Cannabis als Medizin im März 2017 kommt es immer wieder zu Lieferengpässen bei bestimmten Sorten von Cannabisblüten. Lieferengpässe bedeuten meist nicht, dass gar kein pharmazeutisches Cannabis in der Apotheke erhältlich ist. Sie bedeuten aber, dass Patientinnen und Patienten die bestimmte Sorte Medizinalhanf, die ihnen vom Arzt verschrieben wurde, in ihrer Apotheke nicht erhalten. Und die Apotheke kann die Sorte auch nicht bestellen.

Patienten können ihr Cannabis-Medikament nicht erhalten

Manche Patienten müssen nur wenige Wochen auf ihr Cannabis warten – andere dagegen mehrere Monate. ”Besonders im ländlichen Raum bei kleinen Apotheken, die keine großen Vorräte anlegen können”, kommt es immer wieder zu Lieferengpässen, wie uns ein Betroffener erzählt. Arne (Anm.d.Red: Name geändert) wohnt im ländlichen Sachsen. Er erklärt uns, dass Bedrocan und Bakerstreet in seiner Apotheke nicht zu haben sind. Anders sehe es da teilweise in den großen Apotheken im Stadtgebiet aus.

Für Arne sind aber gerade diese großen Apotheken auch Teil des Problems, wieso es eine Versorgungslücke auf dem Land gibt. Denn die großen Apotheken “kaufen Riesenmengen auf, und die kleinen Apotheken bekommen nichts ab”, so Arne.

Die Apotheken telefonieren zwar alle ihre Lieferanten ab – sie erhalten aber dennoch häufig keine Ware und oft noch nicht mal eine Auskunft, wann die gesuchte Cananbissorte wieder lieferbar ist.

Apotheker beklagen Mangel bei bestimmten Cannabissorten

Aber nicht nur Cannabispatienten und -patientinnen klagen über die immer wieder auftretenden Lieferengpässe bei Medizinalhanf – auch die Apotheker kritisieren die Versorgungslage. Wie eine aktuelle Umfrage unter deutschen Apothekern zeigt, sehen 56 Prozent der Befragten die mangelnde Verfügbarkeit von Cannabisblüten als Schwierigkeit bei der Patientenversorgung. (Leafly.de berichtete.)

Die Apothekerkammer Niedersachsen hatte vor einigen Monaten gefordert, die Lieferengpässe bei Cannabisblüten endlich zu beheben. So kritisierte Magdalene Linz, die Präsidentin der Kammer:

“Aufgrund der gestiegenen Nachfrage gibt es immer wieder massive Lieferengpässe. Hier wünsche ich mir deutliche Verbesserungen.“

Selbsthilfenetzwerk ruft dazu auf, Lieferprobleme zu melden

Das Selbsthilfenetzwerk Cannabis Medizin will sich mit den wiederholt auftretenden Lieferengpässen nicht abfinden. Da es “erneut gravierende Lieferausfälle diverser Sorten von Apotheken-Cannabis” gibt, ruft das Selbsthilfenetzwerk dazu auf, diese Lieferschwierigkeiten zu melden. Dafür hat der Verein auf seiner Webseite einen Mängelmelder eingerichtet. Hier können betroffene Cannabispatienten melden, welche Blütensorte in welcher Apotheke nicht zu bekommen ist.

Die Mängelmeldung geht dann automatisch an

  • den Gesundheitsminister Jens Spahn (Gesundheitsministerium)
  • das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
  • die Drogenbeauftragte des Bundes, Marlene Mortler
  • die drogenpolitischen Sprecher der Fraktionen im Bundestag

Bisher hat die Bundesregierung gerne die Augen verschlossen und behauptet, ihr seien keine Lieferengpässe bekannt. Das Selbsthilfenetzwerk hofft, mit ihrer Aktion Druck auszuüben, sodass Lieferprobleme nicht länger von der Regierung ignoriert werden. Interessierte kommen hier zum Mängelmelder.

Patienten können nicht auf andere Cannabissorten ausweichen

Wieso ist es aber so ein großes Problem, wenn Cannabispatienten ihre verschriebene Sorte Medizinalhanf nicht erhalten? Können Sie nicht einfach auf eine andere umsteigen? Nein, so einfach ist es tatsächlich nicht. Und dafür gibt es unterschiedliche Gründe:

Cannabissorten wirken medizinisch unterschiedlich

Die verschiedenen in Deutschland erhältlichen Cannabissorten unterscheiden sich in ihrem Gehalt an den beiden Cannabinoiden THC und CBD. Aber auch ihr Anteil an weiteren gering konzentrierten Cannabinoiden sowie Terpenen kann ganz unterschiedlich sein – und beeinflusst so die medizinische Gesamtwirkung. Jede Sorte weist einen ganz eigenen, charakteristischen “Fingerabdruck” aus Cannabinoiden und Terpenen auf.

Wechsel der Blütensorte bedeutet erneute Genehmigung durch die Krankenkasse

Selbst wenn der behandelnde Arzt dem Cannabispatienten eine andere Blütensorte auf Rezept verschreibt, kann der Patient diese nicht einfach in der Apotheke einlösen. Denn ein Wechsel des Cannabis-Produktes bedeutet einen Therapiewechsel – und dieser muss erneut von der Krankenkasse genehmigt werden.

Wir von Leafly.de haben kürzlich beim Bundesversicherungsamt nachgefragt, ob ein Therapiewechsel auch beim Wechsel der Blütensorte vorliegt. (Leafly.de berichtete.) Der Pressesprecher hat klargestellt: Jeder Wechsel des Cannabis-Produktes bedeutet einen Therapiewechsel. Das schließt auch den Wechsel der Blütensorte ein. Wie bei einer komplett neuen Therapie, muss die Cannabis-Verordnung erneut von der Krankenkasse genehmigt werden.

Dazu das Bundesversicherungsamt:

„Ist im Rahmen der Behandlung des Patienten ein Wechsel zu einem anderen Produkt nach § 31 Abs. 6 Satz 1 SGB V vorgesehen, handelt es sich dabei um einen Therapiewechsel. In diesem Fall bedarf es einer Neugenehmigung durch die Krankenkasse.“ Und in Bezug auf die Blütensorte erklärt der Pressesprecher des BVA: „Wird in der Folge der Behandlung vom Vertragsarzt eine andere Sorte von Cannabisblüten (demzufolge mit anderem Handelsnamen und anderen Wirkstoffgehalten) für erforderlich gehalten und verordnet, ist von einem Therapiewechsel auszugehen. Entsprechend bedarf es einer Neugenehmigung durch die Krankenkasse.“

Eine neue Kostenübernahme von der Krankenkasse zu erhalten, nimmt in der Regel mehrere Wochen in Anspruch. Cannabispatienten, deren Blütensorte nicht verfügbar ist, können aber meist nicht so lange auf ihre Medikamente warten. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die alte Kostenzusage für das wirksame Arzneimittel zurückgezogen wird, sobald die Patienten auf ein anderes Cannabis-Produkt zurückgreifen. Selbst, wenn dies nur geschieht, um einen Engpass bei der Versorgung zu überbrücken.

Rezeptgültigkeitsfrist

Die begrenzte Gültigkeit des Cannabis-Rezeptes ist ein weiteres Problem, das auf Cannabispatienten zukommt, wenn ihre Sorte Medizinalhanf nicht verfügbar ist. Ärzte müssen Cannabis auf einem BtM-Rezept (Betäubungsmittel-Rezept) verschreiben. Und dieses müssen Patienten in Deutschland innerhalb von sieben Tagen in ihrer Apotheke vorlegen. Während eines Lieferengpasses besteht daher permanent das Risiko, dass die Gültigkeit der Cannabis-Verordnung abläuft.

Lieferengpässe trotz erhöhter Importe

Bisher wird der Bedarf an Medizinalcannabis in Deutschland durch Importe aus Kanada und den Niederlanden gedeckt. Ab dem Jahr 2020 soll der Anbau von pharmazeutischem Cannabis in Deutschland erfolgen. So plant es jedenfalls die Bundesregierung. Nachdem das BfArM die erste Ausschreibung für den Cannabis-Anbau zurückziehen musste, hatte das Amt ein neues Verfahren gestartet.

Erst im August hat Gesundheitsminister Jens Spahn die Liefermengen für medizinisches Cannabis aus den Niederlanden verdoppelt – auf bis zu 1,5 Tonnen (Leafy.de berichtete). Bisher hatten die Niederlande lediglich eine Liefermenge von 700 kg Medizinalhanf pro Jahr zugesagt.

Die nach Deutschland eingeführten Importe an pharmazeutischem Cannabis sind seit Inkrafttreten des Cannabisgesetzes im März 2017 enorm gestiegen: So hat Deutschland im gesamten Jahr 2017 1.200 Kilogramm Cannabis importiert, im ersten Halbjahr 2018 dagegen bereits 1.620 Kilogramm.

Vor diesem Hintergrund erklärt Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik und Gesundheitsförderung bei den Grünen:

„Die Bundesregierung verhindert die ausreichende medizinische Versorgung mit Cannabis. Noch im März hat die Bundesregierung auf meine Anfrage behauptet, sie hätte keine Erkenntnisse über Lieferengpässe von Medizinalcannabis. Nun musste sie einräumen, dass eine Verdopplung der Importmenge für Cannabis aus den Niederlanden nötig war.“

Geringe Anbaumengen decken nicht den Bedarf

Der Bedarf an Medizinalhanf in Deutschland steigt stetig – das haben erst kürzlich Daten des GKV-Spitzenverbandes, der Interessengemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen, belegt. (Leafly.de berichtete.) Der sogenannte GAmSi Bericht zeigt klar, dass die Verordnungen von Cannabis rasant zunehmen. Darüber hinaus macht der Bericht deutlich, dass nicht alle Cannabis-Medikamente gleich beliebt sind: Inzwischen verschreiben die Ärzte in Deutschland am häufigsten unverarbeitete Cannabisblüten. Danach folgen cannabishaltige Zubereitungen und das Arzneimittel Sativex®.

In der neuen Cannabis-Ausschreibung für den Anbau in Deutschland wurden 2.600 kg Medizinalcannabis pro Jahr ausgeschrieben. Das entspricht einer Gesamtmenge von 10,4 Tonnen für den vierjährigen Ausschreibungszeitraum. Bei der ersten Cannabis-Ausschreibung waren es nur 6,6 Tonnen.

Dass das neue Ausschreibungsvolumen rund 30 Prozent höher liegt als beim ersten Versuch, ist der rasant gestiegenen Nachfrage nach Cannabis geschuldet. Dennoch ist es fraglich, ob die Mengen den zukünftigen Bedarf decken werden. Kürzlich haben die FDP wie auch die Grünen kritisiert, dass die Cannabis-Ausschreibung des Bundes zu gering bemessen ist. Vor allem, da davon auszugehen ist, dass die Zahl der Cannabispatienten weiterhin zunimmt.

Anbauvolumen muss erhöht werden, sonst drohen weitere Lieferengpässe

Die Grünen befürchten, dass die Versorgung der Cannabispatienten nicht gewährleistet ist. Kirsten Kappert-Gonther fragt sich daher, welche Absicht hinter den niedrigen Anbaumengen steht:

„Die Bundesregierung plant den Anbau zu knapp. Nachdem die erste Ausschreibung für den Anbau in Deutschland nach einem Gerichtsbeschluss gestoppt wurde, ist in der neuen Ausschreibung eine Menge von jährlich 2.600 Kilogramm Medizinalcannabis vorgesehen. Schon heute ist der Bedarf größer als die geplante Menge. Hat die Bundesregierung gar kein Interesse daran, die Versorgung sicherzustellen? Das wäre geradezu schäbig gegenüber den Patientinnen und Patienten.”

Falls Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), nicht nachbessert und die Mengen für den Cannabis-Anbau in Deutschland hochsetzt, ist das Risiko groß, dass es auch in Zukunft immer wieder zu Lieferengpässen kommen wird. Leidtragende werden vor allem die Patientinnen und Patienten sein, die auf pharmazeutisches Cannabis angewiesen sind.

Mehr zum Thema Cannabis-Ausschreibung.

 

 

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