Wie kann Medizinalhanf bei Essstörungen helfen?

Autor: Alexandra Latour

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Dauerdiäten, Verweigerung der Nahrung und Erbrechen nach dem Essen – Menschen mit einer Essstörung erleiden körperliche und seelische Qualen. Mehr als 440.000 Menschen sind in Deutschland an einer Essstörung erkrankt, wobei die Dunkelziffer weitaus höher ist. Die Gründe für das Entstehen einer Essstörung sind vielfältig und häufig nehmen Betroffene viel zu spät Hilfe an.

Wie kann Medizinalhanf bei Essstörungen helfen?

Was ist eine Essstörung?

Essstörungen gehören zu den Suchterkrankungen. Derartige Verhaltensstörungen gehen in der Regel mit langfristigen und schwerwiegenden Gesundheitsschäden einher. Neben der psychotherapeutischen Therapie kann vermutlich Cannabis als Medizin unterstützend als Appetitanreger und Stimmungsaufheller dienen. Außerdem liefern Studien Hinweise darauf, dass ein gestörtes Endocannabinoidsystem für die Entstehung von Essstörungen mitverantwortlich sein könnte.

Welche Arten von Essstörungen gibt es?

Magersucht (Anorexia nervosa) – Definition

Magersüchtige verspüren das krankhafte Bedürfnis, ihr Gewicht zu vermindern. Dieses zwanghaft geprägte Verhalten kann sogar bis zur lebensbedrohlichen Unterernährung führen, was schwere gesundheitliche Folgen hat. Betroffen sind besonders junge Mädchen und Frauen. Aber auch Jungen und Männer können unter dieser Essstörung leiden.

Magersucht DiagnostikMagersucht SymptomeMagersucht langfristige Folgen
Das Körpergewicht nimmt immer weiter ab.Die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme nimmt einen zentralen Stellenwert ein.Störungen der Fruchtbarkeit oder der Potenz
Der Körper wird verzehrt wahrgenommen (Körperschemastörung).Versagungsängste und/oder LeistungsorientierungStörungen im Magen-Darm-Bereich
Betroffene haben große Angst vor einer Gewichtszunahme.Weigerung, an gemeinsamen Essen teilzunehmen.Haarausfall und/oder Zahnschäden
Bei etwa der Hälfte der Betroffenen wird der Gewichtsverlust selbst herbeigeführt (z. B. Nahrungsverweigerung, Diäten, Abführmittel, Erbrechen).Betroffene zeigen ein extrem langsames Essverhalten.Osteoporose, Herz-Kreislaufstörungen und/oder Nierenschäden

Ess-Brech-Sucht (Bulimie) – Definition

Betroffene, die an der Essstörung Bulimie leiden, haben ein unkontrolliertes Essverlangen. Nach dem Essen führen sie gewichtsreduzierende Maßnahmen durch (Erbrechen). Überwiegend wird diese Krankheit bei Mädchen und Frauen diagnostiziert.

Bulimie DiagnostikBulimie SymptomeBulimie langfristige Folgen
Krankheit besteht seit mindestens drei Monaten; Essattacken treten durchschnittlich zweimal pro Woche auf.Essattacken und ErbrechenMineralverlust, Zahnschäden
Betroffene verspüren eine krankhafte Furcht, dick zu werden.GewichtsschwankungenKreislaufstörungen, Herzrhythmusstörungen, Nierenschädigungen
Das Körpergewicht beeinflusst übermäßig die Selbstbewertung.Scham, Schuldgefühle, niedriges Selbstwertgefühl, Gefühle der IsolationMüdigkeit, Muskelkrämpfe
Betroffene zeigen kompensatorische Verhaltensweisen.Emotionen wie Angst und Wut, innere Spannungen und depressive VerstimmungenEntzündung der Bauchspeicheldrüse, Verätzung des Rachens und der Speiseröhre

Essattacken mit Kontrollverlust (Binge-Eating-Störung) – Definition

Die Binge-Eating-Störung ist durch wiederkehrende Essattacken gekennzeichnet. Jedoch werden bei dieser Essstörung keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen vorgenommen, weshalb Betroffene zu Übergewicht neigen.

Binge-Eating-Störung DiagnostikBinge-Eating-Störung SymptomeBinge-Eating-Störung langfristige Folgen
Krankheit besteht seit sechs Monaten; Essanfälle treten durchschnittliche zweimal pro Woche auf.Essanfälle ohne ErbrechenErkrankungen des Bewegungsapparates, Kreislaufstörungen
Betroffene verspüren das Gefühl des Kontrollverlusts.Kontrollverlust, Verlust des Gefühls für die Sättigung, unregelmäßiges und ungesundes Essen, ÜbergewichtStörungen der Atemfunktion, Schwangerschaftskomplikationen
Betroffene verspüren nach den Essanfällen große Scham-, Ekel- und Schuldgefühle.Emotionen wie Wut und Ärger, depressive Verstimmung, Schamgefühle, ÜberforderungsgefühleMüdigkeit, innere Unruhe

Essstörungen und ihre Ursachen

Meist gelingt es nicht, bei einer Essstörung die eine Ursache ausfindig zu machen. Denn sie entwickelt sich in der Regel aus einer Kombination von folgenden möglichen Faktoren:

Biologische Ursachen

Untersuchungen haben gezeigt, dass erbliche Komponenten bei der Entwicklung einer Essstörung eine Rolle spielen können. Ebenso kann ein hohes oder niedriges Körpergewicht vor dem Ausbruch der Krankheit das Risiko erhöhen, eine Essstörung zu entwickeln. Interessant ist zudem, dass bei Betroffenen häufig Stoffwechselfehlfunktionen, Neurotransmitterstörungen sowie Störungen des Hormonsystems oder des Hunger- und Sättigungsgefühls beobachten werden können. Kommen neben diesen biologischen Faktoren weitere Belastungsfaktoren hinzu, ist das Risiko für eine Essstörung erhöht.

Familiäre Beweggründe

Häufig sind in Familien von Magersüchtigen ein enger Zusammenhalt zwischen den einzelnen Familienmitgliedern sowie ein hoher Leistungsdruck zu beobachten. Hingegen leben bulimische Patienten oftmals in konfliktreichen Familien, in denen die Familienmitglieder nur ein geringes Einfühlungsvermögen besitzen. Hinzu kommt, dass hier Familienangehörige des Betroffenen nicht selten unter psychischen Krankheiten (z. B. Depressionen oder Alkoholabhängigkeit) leiden.

Soziokulturelle Gründe

Die heutige Gesellschaft suggeriert, dass ein dünner Mensch attraktiv, glücklich und erfolgreich ist. Das Dicksein wird hingegen mit Unattraktivität und Unbeliebtheit gleichgesetzt. Unterstützt werden diese Ansichten vor allem durch die Werbung, die retuschierte Idealfiguren von Männern und Frauen präsentiert sowie der Bekleidungsindustrie, die kleine Konfektionsgrößen auf den Markt bringt und Menschen dazu bringt, den abgemagerten Models nachzueifern. Durch all dies entsteht ein Klima, in dem Essstörungen ihren Nährboden finden.

Darüber hinaus sind es aber auch die Verhaltensweisen der Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, die in den Betroffenen die Überzeugung wachsen lassen, schlank sein zu müssen. Ausgelöst wird dies sowohl durch körperbezogene Kommentare als auch durch Hänseleien.

Individuelle Veranlassungen

Es gibt verschiedene Faktoren, wie zum Beispiel ein niedriges Selbstwertgefühl, Impulsivität oder Perfektionismus, die eine Essstörung begünstigen können. Dabei steht bei Magersüchtigen häufig der Perfektionismus im Vordergrund. Für die Entwicklung einer Bulimie scheint eher die Impulsivität relevant zu sein.

Wann kommt es zum Ausbruch einer Essstörung?

Die zuvor genannten Ursachenfaktoren können das Risiko für die Entstehung einer Krankheit erhöhen. Jedoch lässt sich nicht vorhersagen, ob und wann die Essstörung ausbricht. Meist geht dem Beginn der Krankheit ein belastendes Ereignis voraus, dem sich Betroffene nicht gewachsen fühlen. Aber auch selbst wenn die Ursache gefunden wird, hält die Verhaltensstörung bzw. die Essstörung weiter an, da bereits andere Faktoren hinzugekommen sind, die den Teufelskreis weiter anfeuern. Den Betroffenen fehlt es an geeigneten Strategien, um Belastungen zu bewältigen und zu verarbeiten.

Hinzu kommen eine verzerrte Körperwahrnehmung sowie falsche Denkmuster in Bezug auf das Essen, Gewicht und die Figur. Speziell für die Magersucht ist auch das zwanghafte Kontrollgefühl, das infolge der Verhaltensstörung entsteht, ein wichtiger Faktor, der die Krankheit aufrechterhält. So verspüren Betroffene ein gutes und angenehmes Gefühl, wenn sie ihren Hunger und damit auch ihren Körper beherrschen können.

Häufige Begleiterkrankungen bei Essstörungen

Im Rahmen einer Essstörung treten oftmals weitere psychiatrische oder psychosomatische Krankheiten auf. Hierzu gehören unter anderem die folgenden Erkrankungen, sortiert nach ihrer Häufigkeit:

  • depressive Störungen
  • Angststörungen
  • Suchterkrankungen
  • Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität)

Bin ich magersüchtig? Habe ich eine Essstörung?

Wer dünn ist, leidet nicht automatisch an einer Essstörung. Wenn man sich jedoch durch absichtliches Hungern auf ein extremes Untergewicht herunter hungert und sich dennoch zu dick fühlt, könnten dies Magersuchtanzeichen oder Hinweise auf eine Essstörung sein. Um sein Essverhalten zu überprüfen, stehen im Internet Selbsttests zur Verfügung. Um herauszufinden, ob bereits ein Untergewicht besteht, kann der BMI-Rechner genutzt werden.

Essstörung behandeln: Welche Therapie ist sinnvoll?

Magersucht

Bei Magersucht kann die Therapie auf unterschiedlichen Arten erfolgen. So können sich Betroffene für die Therapie in eine spezielle Klinik begeben oder sich ambulant in einer Tagesklinik behandeln lassen. Häufig zieht sich die Therapie bei einer Essstörung über viele Jahre hinweg, in denen sich die Behandlungsvarianten abwechseln. Ein Klinikaufenthalt ist vor allem dann dringend erforderlich, wenn

  • Betroffene die Nahrungsaufnahme verweigern
  • ein starkes Untergewicht besteht (unter 75 Prozent des normalen Gewichts)
  • aufgrund einer schweren Depression Suizidgefahr besteht.

Wichtigstes Ziel der Therapie ist es, das Körpergewicht zu erhöhen, um den folgenden Gesundheitsschuhen entgegenzuwirken. Auf die Schwere ihrer Essstörung sind magersüchtige Patienten häufig uneinsichtig, sodass Nährstoffe über eine Infusion zugeführt werden müssen, wenn eine akute Lebensgefahr besteht. Auf Dauer kann sich jedoch das Körpergewicht erst dann normalisieren, wenn die Therapie auf die Ursachen der Krankheit abzielt.

Und da immer verschiedene Faktoren an der Entstehung einer Anorexie beteiligt sind, besteht die Therapie aus verschiedenen Komponenten. Besonders hilfreich ist hier die Psychotherapie, in der Betroffene lernen, wieder eine realistische Vorstellung von ihrem Gewicht zu bekommen und ihr Selbstwertgefühl aufbauen können. Aber auch eine Familientherapie, Körpertherapie sowie eine Ernährungsberatung stellen wichtige Komponenten der Therapie dar, damit Patienten ihr Essverhalten normalisieren und ihre psychischen Probleme bewältigen können.

Bulimie

Auch bei der Bulimie zielt die Therapie darauf ab, die Auslöser der Essstörung zu erkennen. In der Regel ist bei der Esssucht bzw. Ess-Brech-Sucht eine tief liegende psychische Ursache anzunehmen, weshalb sich hier eine tiefenpsychotherapeutische oder kognitive verhaltenstherapeutische Therapie anbietet. Auch sollten die Familienangehörigen in die Therapie einbezogen werden. Neben der psychotherapeutischen Therapie ist meist auch ein Ernährungsmanagement notwendig, denn häufig lassen sich Bulimiker zwar auf eine Ernährungsumstellung ein, ergreifen aber heimlich zu gewichtsreduzierenden Maßnahmen aus Angst vor einer Gewichtszunahme. Deshalb ist eine Kontrolle des Bulimikers bei schwerer Krankheitsausprägung unbedingt notwendig.

Medikamentöse Therapie

In einigen Fällen ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich. Vor allem dann, wenn der Patient an Depressionen oder Zwangssymptomen leidet. Zum Einsatz kommen dann Antidepressiva, die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Mittel der ersten Wahl ist das Antidepressivum Fluoxetin. Studien belegen jedoch, dass die Wirksamkeit auf die Kernsymptomatik einer Essstörung relativ schwach ist. Zu Bedenken ist auch, dass Antidepressiva nicht nebenwirkungsfrei sind. An erster Stelle sollte stets die psychotherapeutische Behandlung stehen.

Essstörungen und ihr Krankheitsverlauf

Die Essstörung Magersucht kann einen variablen Verlauf nehmen. Dieser erstreckt sich in der Regel über viele Jahre. Auch wenn sich die Verhaltensstörung bessert und Patienten ihr Gewicht steigern konnte, bleibt die verzerrte Einstellung zum Gewicht meist bestehen. Die Chancen, die Krankheit zu überwinden, stehen umso besser je früher sie behandelt wird. Statistiken zeigen, dass die Aussicht auf Heilung deutlich schlechter ist, wenn die Magersucht vor dem 11. Lebensjahr beginnt.

Darüber hinaus hängt die Prognose auch vom Körpergewicht des Patienten ab. Wenn Patienten nach einer stationären Therapie ihr Sollgewicht erreicht haben, bestehen bessere Heilungschancen, als wenn Patienten bei ihrer Entlassung immer noch Untergewicht haben. Außerdem haben Magersüchtige ein hohes Risiko zu sterben. Bis zu 20 Prozent der Magersuchtfälle enden tödlich, entweder durch Selbstmord oder medizinische Komplikationen.

Auch der Krankheitsverlauf bei einer Bulimieerkrankung verläuft individuell, da der Großteil der Bulimiker versucht, ihr gestörtes Essverhalten geheim zu halten und nehmen dementsprechend auch erst spät Hilfe an. Wenn Betroffene jedoch eine Behandlung in Anspruch nehmen, stehen die Heilungschancen sehr gut. Laut Statistik bekommen ungefähr acht von zehn therapierten Bulimikern ihre Krankheit in den Griff.

Mit Medizinalhanf gegen Essstörungen?

Cannabis als Medizin bei Essstörungen ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschung. Bereits im Jahr 1983 erschien im Journal of Clinical Psychopharmacology eine Studie zu dieser Thematik. Verglichen wurde der Effekt von Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) auf den Appetit von Magersuchtpatienten mit dem Placebo Diazepam (Benzodiazepin). Im Ergebnis heißt es, dass die THC-Verabreichung nicht zur vermehrten Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme führte.

Britische Forscher fanden hingegen heraus, dass die tägliche Gabe von 0,5 Milligramm THC bei Labormäusen mit aktivitätsbasierter Magersucht zur Steigerung des Appetits und des Gewichts führte. Ermutigend war auch eine Studie aus Dänemark. Hier führte die Verabreichung von Dronabinol, dem synthetischen Gegenstück von THC, bei Magersüchtigen zu einer kleinen, jedoch signifikanten Gewichtszunahme.

Im Jahr 2015 führten die dänischen Forscher erneut eine prospektive, doppelblind-randomisierte Studie durch. 24 Frauen mit chronischer Anorexie erhielten über vier Wochen lang täglich 5 Milligramm Dronabinol-Kapseln und ein entsprechendes Placebo. Im Vergleich zum Placebo konnte auch hier eine Gewichtszunahme bei den Patientinnen beobachtet werden.

Cannabis und seine appetitanregende Wirkung

Dass Cannabis einen appetitanregenden Effekt hat, konnte in vielen Studien bereits belegt werden. Deshalb wird Cannabis als Medizin auch bei verschiedenen schweren Erkrankungen empfohlen, zum Beispiel im Rahmen einer Chemotherapie gegen Krebs oder bei HIV-/AIDS-Patienten. Forscher gehen davon aus, dass das (körpereigene) Endocannabinoidsystem unter anderem bei der Steuerung des Appetits und der Sättigung eine wesentliche Rolle spielt.

Aus einer Studie der University of Naples geht hervor, dass im Blut von Anorexiepatienten und Patienten, die an einer Binge-Eating-Störung litten, ein erhöhter Wert des körpereigenen Cannabinoids Anandamid gefunden wurde. Hingegen wiesen Bulimiepatienten normale Blutwerte auf. Zudem wurde beobachtet, dass die Anandamid-Konzentration mit dem Gehalt an Ghrelin zusammenhängt. Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen Botenstoff, der bei der Appetitregulierung sowie der Nahrungsaufnahme eine bedeutende Rolle spielt.

Die Zusammenhänge zwischen Ghrelin und dem Endocannabinoidsystem sind gut erforscht. So konnte festgestellt werden, dass THC als Ersatz für Ghrelin bei Krebspatienten dienen kann, die eine Chemotherapie erhalten. Die Aufgabe des Botenstoffes Ghrelin ist es, das Gehirn sowie das periphere Nervensystem zu aktivieren, um Hungergefühle auszulösen, wenn der Magen leer ist.

Bestimmte Medikamente, die bei der Chemotherapie verabreicht werden, hemmen die Freisetzung des Botenstoffes Ghrelin und fehlt dieser Botenstoff, wird auch bei leerem Magen kein Hunger verspürt. Wenn nun davon ausgegangen wird, dass das körpereigene Cannabinoid Anandamid die gleichen Funktionen wie THC erfüllt, so ist es nur logisch, dass eine erhöhte Anandamidkonzentration Patienten mit Magersucht und der Binge-Eating-Störung zu exzessivem Essen verleitet werden. Unklar ist jedoch, warum Magersüchtige mit einem ähnlich erhöhten Anandamidgehalt keine Esslust verspüren oder aber dieser widerstehen können.

Welche Rolle spielt das Endocannabinoidsystem bei Essstörungen?

Ein Ungleichgewicht im Endocannabinoidsystem könnte für das Entstehen einer Essstörung mitverantwortlich sein. Hinweise darauf liefert eine Studie der University Hospital and Katholieke Universiteit Leuven in Belgien. Die Forscher untersuchten die Gehirne von gesunden Frauen und Frauen, die an Anorexie oder Bulimie litten mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET).

In den kortikalen und subkortikalen Gehirnregionen der Anorexiepatientinnen zeichnete sich im Vergleich zu den gesunden Patientinnen ein Anstieg der CB1-Cannabinoidrezeptordichte auf. Zudem wurde festgestellt, dass die Anorexie- und Bulimiepatientinnen im Inselkortex, der am Belohnungssystem beteiligt ist, ebenfalls eine erhöhte CB1-Rezeptordichte aufwiesen. Sowohl bei den Anorexiepatientinnen als auch bei den Bulimiepatientinnen war der Gehalt an körpereigenen Endocannabinoiden signifikant niedrig. Hieraus schlossen die Forscher, dass der Anstieg der CB1-Rezeptordichte im Inselkortex, vermutlich mit einer Störung des Belohnungssystems zusammenhängt.

Auch italienische Forscher beschäftigten sich mit diesen Zusammenhängen und fanden heraus, dass das Endocannabinoidsystem, das aus den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 sowie den endogenen Liganden Anandamid (Arachidonoylethanolamid (AEA)) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) besteht, sowohl bei Tieren als auch bei Menschen die Nahrungsaufnahme kontrolliert. Weiter heißt es in den Ergebnissen der Forscher:

„Darüber hinaus scheinen hypothalamische Endocannabinoide Teil neuronaler Schaltkreise zu sein, die an der modulierenden Wirkung von Leptin auf die Energiehomöostase beteiligt sind. Daher könnten Veränderungen des Endocannabinoidsystems an der Pathophysiologie von Essstörungen beteiligt sein, bei denen auch über eine Störung der Signalübertragung durch Leptin berichtet wurde. Um diese Hypothese zu verifizieren, haben wir die Plasmaspiegel von AEA, 2-AG und Leptin bei 15 Frauen mit Anorexia nervosa (AN), 12 Frauen mit Bulimia nervosa (BN), 11 Frauen mit Binge-Eating-Störung (BED), und 15 gesunde Frauen untersucht. Die AEA-Plasmaspiegel waren sowohl bei Anorexie- als auch bei BED-Frauen signifikant erhöht, nicht jedoch bei Bulimie-Patienten. Bei allen Patientengruppen traten keine signifikanten Veränderungen der Plasmaspiegel von 2-AG auf. Darüber hinaus korrelierten die zirkulierenden AEA-Spiegel sowohl bei gesunden Kontrollen als auch bei anorektischen Frauen signifikant und invers mit den Leptin-Plasmakonzentrationen. Diese Ergebnisse zeigen zum ersten Mal eine Störung in der Produktion des endogenen Cannabinoids AEA bei drogenfreien symptomatischen Frauen mit AN oder mit BED. Obwohl die pathophysiologische Bedeutung dieser Veränderung weitere Studien zur Klärung erwartet, legt sie eine mögliche Beteiligung von AEA an der Vermittlung der lohnenden Aspekte des anormalen Essverhaltens nahe, das in AN und BED auftritt.“

Die gleichen Forscher fanden vier Jahre später heraus, dass Endocannabinoidgene vermutlich zur biologischen Anfälligkeit für Essstörungen beitragen können.

Fazit: Gerade in diesem Gebiet sind weitere Forschungen und Untersuchungen notwendig, denn sollte sich die Annahme bestätigen, dass ein gestörtes Endocannabinoidsystem mitverantwortlich für die Entstehung einer Essstörung ist, so könnte Cannabis als Medizin bei Patienten, die einen Endocannabinoidmangel haben, hilfreich sein.

Essstörungen: Wo finden Betroffene Hilfe?

Betroffenen stehen viele Hilfen zur Verfügung. Problematisch ist jedoch, dass Betroffene in der Regel lange Zeit der festen Überzeugung sind, Herr der Lage zu sein und dass sie die Essstörung kontrollieren und nicht umgekehrt. Nicht selten begeben sich Betroffene erst in Therapie, wenn es bereits zu erheblichen Gesundheitsschäden gekommen ist. Andere bleiben ihr Leben lang therapieresistent und nehmen keinerlei Hilfen an. Der wichtigster Schritt, um bei einer Essstörung Hilfe anzunehmen, besteht also darin, sich ein Problem einzugestehen.

Hilfe finden Betroffene und Angehörige auf der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), beim ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen sowie bei der Onlineberatung für Angehörige von Menschen mit Essstörungen (Von Waage e.V.).

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt, Herpertz, Stephan et al., 2011, „Diagnostik und Therapie der Essstörungen

Journal of Clinical Psychopharmacology, Gross, Howard MD et al., 1983, “A Double-Blind Trial of Δ9-Tetrahydrocannabinol in Primary Anorexia Nervosa

Strathclyde Institute of Pharmacy and Biomedical Sciences, University of Strathclyde, Glasgow, UK, Lewis DY1, Brett RR., 2010, “Activity-based anorexia in C57/BL6 mice: effects of the phytocannabinoid, Delta9-tetrahydrocannabinol (THC) and the anandamide analogue, OMDM-2

Center for Eating Disorders, Department of Endocrinology, Odense University Hospital, DK-5000, Odense C, Denmark, Andries A1 et al., 2014, “Dronabinol in severe, enduring anorexia nervosa: a randomized controlled trial

Center for Eating Disorders, Department of Endocrinology, Odense University Hospital, DK-5000 Odense C, Denmark, Andries A1 et al., 2015, “Changes in IGF-I, urinary free cortisol and adipokines during dronabinol therapy in anorexia nervosa: Results from a randomised, controlled trial

Department of Psychiatry, University of Naples SUN, Naples, Italy, Monteleone P1 et al., 2005, “Blood levels of the endocannabinoid anandamide are increased in anorexia nervosa and in binge-eating disorder, but not in bulimia nervosa

Division of Nuclear Medicine, University Hospital and Katholieke Universiteit Leuven, Leuven, Belgium, Gérad N1 et al., 2011, “Brain type 1 cannabinoid receptor availability in patients with anorexia and bulimia nervosa

Department of Psychiatry, University of Naples SUN, Naples, Italy, Monteleone P1 et al., 2005, “Blood levels of the endocannabinoid anandamide are increased in anorexia nervosa and in binge-eating disorder, but not in bulimia nervosa

Department of Psychiatry, University of Naples SUN, Largo Madonna delle Grazie, 80138 Naples, Monteleone P1 et al., 2009, “Association of CNR1 and FAAH endocannabinoid gene polymorphisms with anorexia nervosa and bulimia nervosa: evidence for synergistic effects

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