Cannabinoidhaltige Arzneimittel – bei diesen Indikationen sind sie geeignet

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 10. Mai 2017

Geändert am: 20. Oktober 2017

Cannabinoidhaltige Medikamente und medizinisches Cannabis werden bei einer Vielzahl von Krankheiten und Symptomen eingesetzt. Besonders Schmerzpatienten profitieren von der Wirkung. Auch Patienten mit Spastiken, zum Beispiel bei MS, berichten über positive Erfahrungen innerhalb der Therapie. Dennoch sind in Deutschland nur wenige Medikamente zugelassen.

Mehr qualitativ hochwertige Studien notwendig

Einer der Hauptgründe dafür ist, dass die Studienlage für die meisten Anwendungen noch sehr schlecht ist. Das Verbot bzw. die starke Regulierung von Cannabinoiden und Cannabis in der Medizin haben auch die Forschung in diesem Gebiet quasi zum Stillstand gebracht. Mit den Anpassungen in Deutschland und anderen Ländern, können in den nächsten Jahren notwendige hochwertige Studien zu den Wirkungen von Medizinalhanf durchgeführt werden. Trotz aktuell schlechter oder nicht vorhandener Evidenz sollten Cannabinoide den Patienten nicht grundsätzlich vorenthalten werden. Jahrzehntelange Erfahrungen beim Freizeitkonsum sowie der Selbsttherapie liefern wertvolle Hinweise. Zwar genügen sie nicht den gängigen wissenschaftlichen Standards, doch zeichnen sie ein Bild, das zum Wohle schwer kranker Menschen betrachtet werden sollte.

Verfügbare cannabinoidhaltige Medikamente

Cannabinoidhaltige Arzneimittel sind bereits seit längerem für die Behandlung verschiedener Symptome oder Krankheiten im Einsatz. Folgende Arzneimittel sind derzeit verfügbar:

  1. Dronabinol: Eine teilsynthetisch hergestellte THC-haltige ölige Lösung. Sie ist in verschiedenen Konzentrationen verfügbar. Auf ärztliche Anweisung hin können daraus in der Apotheke Rezepturarzneimittel für die orale Einnahme hergestellt werden können. Einige Apotheken stellen aus den Cannabis Tropfen auch Kapseln her.
  2. Sativex®: Das einzige in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel mit dem Wirkstoff THC. Es handelt sich hierbei um ein Cannabisvollextrakt, der alle Inhaltsstoffe der Hanfpflanze enthält. Das Arzneimittel wird per Sprühstoß eingenommen.
  3. Canemes®: Mit Canemes ist seit Januar 2017 ein nabilonhaltiges Fertigarzneimittel in Kapselform verfügbar. Nabilon ist ein vollsynthetisch hergestelltes Cannabinoid, das dem THC sehr ähnliches ist.
  4. Cannabisblüten und Extrakte aus Cannabis: Cannabisblüten für die medizinische Anwendung sind mit unterschiedlichen Gehalten an THC und CBD zur Verfügung. Je nach Indikation und Symptomatik kann eine passende Sorte gewählt werden. Extrakte aus Cannabisblüten gibt es von verschiedenen Herstellern.
  5. Cannabisblütenextrakte: Diese Form wird bisher zur oralen Verwendung alleine von der Firma Bionorica Ethics angeboten.

Übelkeit und Erbrechen aufgrund von Chemotherapie

In über 33 kontrollierten Studien mit mehr als 1500 Teilnehmern wurde der mögliche Nutzen von Cannabinoiden bei der Linderung von Nebenwirkungen untersucht, die mit einer Chemotherapie verbunden sind, v.a. Übelkeit und Erbrechen. In vielen Studien wurden positive Auswirkungen auf die Symptome festgestellt, häufig waren sie jedoch nicht signifikant. Viele Patienten berichten dennoch über einer Besserung durch Cannabis als Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen. Zudem haben Cannabinoide auch auf weitere typische Beschwerden von Patienten während einer Chemotherapie günstige Effekte: -> Appetitregulation bei Essstörungen (Sprungmarke). Die verwendeten Wirkstoffe sind Dronabinol und Nabilon.

Weitere Informationen zur Anwendung von Cannabis/Cannabinoiden bei Krebs finden Sie hier.

Appetitregulation bei Essstörungen

Störungen der Appetitregulation treten sowohl im Rahmen von Essstörungen auf als auch bei Krebs- und HIV/Aids-Patienten.
Krebspatienten berichteten nach Dronabinol/THC von einer signifikant verbesserten chemosensorischen Wahrnehmung und einem besseren Geschmack der Nahrung. Der Appetit sowie die konsumierten Kalorien nahmen zu.

Bei HIV-positiven Cannabiskonsumenten, die unter Kachexie litten, führte die Einnahme von Dronabinol oder Cannabis zu einer deutlichen Zunahme der Nahrungsaufnahme. Dadurch konnte das Körpergewicht zumindest gehalten werden.

Aus dem Freizeitkonsum von Cannabis ist eine appetitanregende Wirkung bei Erwachsenen schon lange Zeit bekannt.

Weitere Informationen zur Anwendung von Cannabis/Cannabinoiden bei Appetitlosigkeit und Kachexie bei HIV/Aids-Patienten finden Sie hier .

Schmerzreduktion bei chronischen Schmerzen

30 bis 40 Studien haben sich bisher mit der Wirksamkeit von Cannabinoiden bei chronischen und neuropathischen Schmerzen befasst. Beobachtet wurden klinisch relevante Verbesserungen bei der Schmerzintensität und der Schlafqualität von Schmerzpatienten.

Kleine kontrollierte Studien ergaben Hinweise darauf, dass Cannabinoide auch bei chronischen Schmerzen anderer Ursachen (z.B. Tumorschmerzen, Rheuma-Schmerzen, Fibromyalgie) wirksam sein könnten.

Schlecht wirksam bis unwirksam zeigten sich Cannabinoide hingegen bei akuten Schmerzen.

Spastiken bei Multipler Sklerose oder Paraplegie

Die Wirkung von Cannabis bzw. Cannabinoiden bei Spastiken bei Patienten mit Multipler Sklerose gilt inzwischen als belegt. Im Vergleich zu Placebo verbesserte ein Cannabisextrakt Spastik, Spasmenhäufigkeit und Schlafqualität signifikant.

Auch bei schmerzhaften Lähmungserscheinungen und Spastiken kann Cannabis wirksam sein.

Im Rahmen der MS-Therapie gibt es neben dem Einsatz von Cannabis bei Spastiken auch Untersuchungen zum Tremor und der Blasendysfunktion bei Multipler Sklerose.

Weitere Informationen zur Anwendung von Cannabis/Cannabinoiden bei Multipler Sklerose finden Sie hier.

Reduktion von Tics beim Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom äußert sich durch physische und sprachliche Ticks. Darunter sich beispielsweise wiederholte ruckhafte Bewegungen oder sprachliche unkontrollierbare (häufig sozial unangemessene) Äußerungen.
Studien an der Medizinischen Hochschule Hannover haben gezeigt, dass Betroffene nach dem Konsum von Cannabis von einer Reduktion der Tics berichteten. Auch auf andere Symptome wurden positive Wirkungen festgestellt. So verringerten sich phobische Ängste und Zwangssymptome. Cannabis scheint in der Behandlung des Tourette-Syndroms einen therapeutischen Nutzen zu besitzen.

Bei Dyskinesien bei Morbus Parkinson wurden ebenfalls Verbesserungen beobachtet.

Weitere Informationen zur Anwendung von Cannabis/Cannabinoiden beim Tourette-Syndrom finden Sie hier.

Wirkungen bei psychischen Erkrankungen

Über die therapeutischen Wirkungen von Cannabis bei psychischen Erkrankungen sind sich die Wissenschaftler noch unsicher. Festgestellt wurde, dass Cannabinoide angstlösende Wirkungen haben und beim Auslöschen von traumatischen Erinnerungen helfen. Daher können sie bei Angststörungen oder Posttraumatischer Belastungsstörung (Link zum PTBS-Artikel) eingesetzt werden.

In der Behandlung von Depressionen wird Cannabis bzw. Cannabidiol gelegentlich angewendet. CBD scheint eine günstige Wirkung auf depressive Verstimmungen zu haben.

Cannabidiol zeigte sich wirksam bei Patienten mit Schizophrenie. Dabei war die Behandlung mit CBD mit weniger Nebenwirkungen verbunden als das Standardmedikament.

Inzwischen geht man auch davon aus, dass Psychosen nicht DURCH Cannabis ausgelöst werden, sondern dass eine individuelle Disposition dazu führt, dass bei Cannabisanwendung Psychosen auftreten können.

Behandlung erhöhten Augeninnendrucks

Cannabis senkt den Augeninnendruck und reduziert die Schmerzen. Bei einer Glaukombehandlung sind meist beide Wirkungen erwünscht. Zudem hat Cannabis offenbar miotische, also eine pupillenverengende Wirkung. Beim Glaukom tritt häufig eine Erweiterung der Pupillen auf, wodurch das Abfließen von Flüssigkeit aus dem Auge verhindert wird und der Augendruck steigt. Die miotische Wirkung von Cannabinoiden ermöglicht das Abfließen der Flüssigkeit und eine Senkung des Augeninnendrucks.

Bei einer Vielzahl weiterer Erkrankungen werden Cannabis oder cannabinoidhaltige Arzneimittel bereits angewendet. Die Studienlage und Evidenz muss aber in allen Anwendungsbereichen weiter verbessert werden, um Patienten solide Therapieoptionen zur Verfügung stellen zu können.

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