Cannabis bei Posttraumatischer Belastungsstörung

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 29. Juni 2017

Geändert am: 17. August 2017

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine psychische Reaktion, die nach einem traumatischen Erlebnissen auftreten kann. Ungefähr zwei bis sieben von 100 Menschen sind Schätzungen zufolge einmal im Leben von einer PTBS betroffen. Erfolgt keine entsprechende Behandlung, besteht die Gefahr der Chronifizierung.

Seit langem ist medizinisches Cannabis als effektives Arzneimittel gegen PTBS bekannt, vor allem im Nahen Osten, im Balkan sowie in Nordamerika. Ärztlicherseits wird hier Cannabis sogar empfohlen. Viele Studien und Berichte von PTBS-Patienten bestätigen die Cannabis-Wirkung auf die Linderung der Symptome einer PTBS.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung?

Die PTBS ist eine psychische Erkrankung, an der jeder erkranken kann, wenn eine oder mehrere Extremsituationen durchlebt wurden. Auch bei Zeugen von traumatischen Geschehnissen besteht die Gefahr, eine solche Belastungsstörung zu erleiden. Ein Trauma bezieht sich jedoch nicht auf außergewöhnlich belastende Ereignisse im Leben, die jeden Menschen erschüttern würden, sondern vielmehr auf extreme katastrophale Lebensereignisse. Betroffene fühlen sich in solch einer Situation machtlos und erleben Hilflosigkeit, Verzweiflung sowie Angst. Das gilt gleichermaßen für Personen, die unmittelbar an dieser Situation „beteiligt“ sind, als auch für Augenzeugen, die ebenfalls starke emotionale Reaktionen erleben.

Mögliche Ursachen für eine PTBS sind:
• Sexueller Missbrauch im Kinder- oder Erwachsenenalter
• Misshandlung im Kinder- oder Erwachsenenalter
• Vergewaltigung
• Gewalttätige Angriffe auf die eigene Person
• Schwere Unfälle
• Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung
• Miterleben von Naturkatastrophen

Des Weiteren können aber auch Terroranschläge, Krieg, Gefangenschaft, Folter und Geiselnahme zu der Entwicklung einer PTBS führen. Das Selbst- und Weltverständnis der Betroffenen wird durch das Geschehen nachhaltig verändert. Infolge dessen verlieren Betroffene das Vertrauen in sich selbst und in andere Menschen.

Warum sich genau eine PTBS entwickelt und was genau bei dieser psychischen Erkrankung passiert, ist bis heute ungeklärt bzw. wird noch erforscht. Forscher gehen davon aus, dass traumatische Erlebnisse im Gehirn fehlerhaft abgespeichert werden. Das Geschehen kann weder verarbeitet, noch in die persönliche Biographie eingeordnet werden. Weiter vermuten die Forscher, dass eine gewisse Empfänglichkeit für die Erkrankung in den Genen liegen könnte. Auch psychische Vorerkrankungen scheinen die Entwicklung des PTBS zu fördern.

Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung

Eine PTBS muss nicht zwangsläufig unmittelbar nach einem Traumata auftreten. So kann sie auch noch Wochen, Monate oder Jahre später verschiedene Symptome verursachen. Charakteristisch für eine PTBS ist, dass Betroffene das Erlebte immer wieder in Gedanken oder Gefühlen erleben. Minimale Reize wie ein Bild, ein Geräusch oder ein Geruch sind meist ausreichend, um die bedrohliche Situation wieder aufflackern zu lassen. Das Gefühl, dass die Situation der Vergangenheit angehört, stellt sich bei PTBS-Erkrankten nicht ein.

Betroffene können sich auch nicht immer an den Ablauf des gesamten Geschehens erinnern. Während bei einigen Erinnerungslücken bestehen, können sich andere wiederum an jede Einzelheit erinnern. Wiederum andere sind nicht in der Lage, über die Geschehnisse zu sprechen, spüren aber dieselbe Hilflosigkeit und Angst, die sie in der traumatischen Situation gefühlt haben. Derartige Erinnerungsbruchstücke, sie sich immer wieder unkontrolliert aufdrängen, werden als Intrusionen oder Flashbacks bezeichnet. Auch in Form von Albträumen können die Eindrücke wiederkehren.

In der Regel erleben Betroffene ihre Umwelt als unsicher und gefährlich. Infolge dessen entsteht ein Dauerstress für Körper und Seele, sodass Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Ängste und Schreckhaftigkeit auftreten können. Die Angstgefühle werden noch zusätzlich verstärkt, wenn Betroffene Situationen vermeiden, die an das traumatische Erlebnis erinnern könnten, oder wenn sie nicht über das Geschehene sprechen und die Gedanken daran verdrängen. Aufgrund der emotionalen Erschöpfung ziehen sich viele PTBS-Patienten zurück und wirken gleichgültig und teilnahmslos. Nicht selten leiden Betroffene auch an depressiven Verstimmungen. Schuldgefühle und Scham sind ebenso keine Seltenheit wie Selbsthass.

Eine PTBS kann auch der Auslöser von körperlichen Beschwerden wie Schmerzen sein, obwohl Ärzte keine organische Ursache finden können. Zudem kann die Belastungsstörung bereits vorhandene Erkrankungen wie Herz-Kreislaufkrankheiten ungünstig beeinflussen. Außerdem greifen viele Betroffene zu Alkohol, Drogen oder Beruhigungsmitteln, um die negativen Gefühle zu betäuben. Demnach ist das Risiko für eine Suchterkrankung massiv hoch.

Langfristige Folgen der PTBS

Wenn Betroffene keine entsprechende Therapie erhalten oder annehmen, kann sich dies langfristig stark auf die Persönlichkeit auswirken. Trauma-Betroffene leben dann mit den Gefühlen der Unsicherheit und Bedrohung. Ihren Mitmenschen misstrauen sie, weshalb sie sich abkapseln. Kommt es zu einer Wesensveränderung, so sprechen Mediziner von einer “Komplexen PTBS”. Auf lange Sicht erhöhen unbewältigte Traumen die Risiken für Angsterkrankungen, Zwangsstörungen und Depressionen. Hinzu kommt, dass die Gefahr für einen Suizid wächst.

Behandlung einer Posttraumatischen Belastungsstörung

PTBS-Patienten benötigen eine psychologische Betreuung. Nach Möglichkeit sollte die Therapie von einem Psychotraumatologen, einem speziell ausgebildeten Psychotherapeuten, vorgenommen werden. Geeignete Therapeuten können Betroffene auf der Webseite der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie finden. Die Therapie kann ambulant oder stationär erfolgen, je nach Schwere der PTBS. Ein Klinikaufenthalt ist vor allem dann sinnvoll, wenn der PTBS-Patient an Depressionen leidet.

Die Therapie besteht aus den drei folgenden Phasen:

• Erste Maßnahmen: Ziel der Therapie ist es, für den Patienten eine sichere Umgebung zu schaffen, um ihn vor weiteren Traumatisierungen zu schützen. Hier werden auch Angehörige hinzugezogen und ihnen erklärt, wie sie den Patienten unterstützen können.

• Stabilisierung: Wichtig ist, dass zwischen dem PTBS-Patient und dem Therapeuten eine gute Vertrauensbasis entsteht, um das weitere Vorgehen gemeinsam besprechen zu können. Der Patient erlernt verschiedene Techniken, um die belastenden Gefühle und Gedanken besser kontrollieren zu können.

• Traumaüberwindung: Wenn der Patient stabil ist und wirksame Strategien entwickelt hat, um seine Gefühle zu lenken, nähert er sich gemeinsam mit dem Therapeuten in einem geschützten Bereich dem inneren Trauma. Das Trauma wird dann analysiert und neu bewertet.

Zur Bearbeitung der PTBS eigenen sich verschiedene Therapieverfahren. Hierzu gehören die kognitive Verhaltenstherapie, das psychodynamische Verfahren oder auch das Eye-Movement-Desensitization and Reprocessing (EMDR). Schließlich gilt es, den PTBS-Patienten dabei zu unterstützen, ins Leben zurückzukehren. Zusätzlich erhält er psychisches Rüstzeug für eventuelle Rückfälle.

Medikamentöse Behandlung der PTBS

Die Posttraumatische Belastungsstörung selbst kann mit hilfe von Psychopharmaka nicht behandelt werden. Der Einsatz von Medikamenten ist dann sinnvoll, wenn die PTBS mit starken Schlafstörungen und Unruhezuständen einhergeht oder aber eine Depression besteht. Doch auch dann sind Therapeuten zurückhaltend mit der Verordnung von Medikamenten, da bei PTBS-Patienten ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen besteht.

Werden Medikamente verordnet, handelt es sich in der Regel um Antidepressiva, die auf die Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin im Gehirn wirken. Ängste können so verringert, die Stimmung gebessert und der Antrieb erhöht werden. Als Mittel der ersten Wahl gelten Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) wie Paroxetin, Sertralin und Fluoxetin. Das beruhigende Antidepressivum Trazodon wird häufig bei Schlafstörungen eingesetzt.

Schlaf- und Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine (z. B. Lorazepam, Diazepam, Alprazolam) können grundsätzlich nur kurzzeitig gegeben werden, da hier das Risiko einer Suchtentwicklung besteht. Außerdem gelten diese Medikamente als umstritten bei der Behandlung einer PTBS. Die Ergebnisse einer aktuellen US-amerikanischen Studie zeigen, dass Benzodiazepine bei einem PTBS nicht effektiv sind. Die Forscher um Dr. Jeffrey Guina führten an über 5.200 Teilnehmern eine klinische Studie durch. Die Gruppe der Probanden bestand aus Patienten mit PTBS und Patienten mit möglichem PTBS nach einem neuen Trauma.

Die behandelten Probanden erfuhren weder eine Verbesserung, noch eine Verschlechterung nach der Behandlung mit Benzodiazepinen. Jedoch stellten die Forscher fest, dass sich das PTBS-Risiko bei Patienten mit aktuellem Trauma erhöhte. Für die Entwicklung von PTBS war das Risiko zwei bis fünfmal höher.

Welche Rolle spielt das Endocannabinoid-System bei der PTBS?

In den vergangenen Jahren wurde die komplexe Wechselwirkung des Endocannabinoid Systems immer weiter erforscht. Auch bei PTBS-Symptomen spielt das Endocannabinoidsystem eine bedeutende Rolle. Beispielsweise fanden Forscher der Münchener Universität heraus, dass bei Personen, die einem schwerelosen Flugexperiment und damit einer akuten Stresssituation ausgesetzt wurden, die Endocannabinoid-Konzentration im Blut anstieg. Bei den Probanden handelte es sich jedoch um Personen, die nicht unter chronischen Stress Erkrankungen litten. Hingegen zeigen PTBS-Patienten sowie chronische Stresspatienten eine permanent erhöhte Endocannabinoid-Konzentration im Blut.

Zu den Bereichen des Gehirns, die durch eine Belastungsstörung beeinflusst werden, gehören präfrontale Kortex mit der Amygdala. In beiden Bereichen findet sich eine hohe Konzentration von Cannabinoid-Rezeptoren. Prof. Alexander Neumeister vom New York University Langone Medical Center führte im Jahr 2012 in einem Artikel aus, dass gerade der CB1-Rezeptor bei der Erfahrung und Erinnerung belastender Ereignisse von Bedeutung sei. Das Signal dieses Rezeptors soll dazu beitragen, Angst zu beseitigen. Hingegen wird ein geschädigtes Signal mit der Unfähigkeit assoziiert, chronische Ängste aufzulösen und traumatische Erinnerung im Gedächtnis zu löschen.

Martin Lee, Leiter des Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), hat die PTBS sowie Cannabinoide erforscht. Die Forscher um Lee konnten bei PTBS-Patienten einen niedrigen Anandamid Spiegel feststellen. Dabei triggert Anandamid die gleichen Rezeptoren, die auch unter anderem durch THC aktiviert werden.

Deshalb stellen die Forscher einen Zusammenhang zwischen der PTBS und einem Endocannabinoid-Mangel her. Um zu Rezeptoren zu „ernähren“ hört der Körper auf, Endocannabinoide herzustellen. An dieser Stelle spielen dann Cannabinoide eine wichtige therapeutische Rolle. Mit der Zuführung von Cannabinoiden kann eine deutliche Verbesserung der Symptome erzielt werden, so die Forschergruppe.

Kanadische Studien: Nabilon zur Albtraum Unterdrückung

Nabilon ist ein synthetisches Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Im Jahr 2014 fanden Forscher der University of Ottawa heraus, dass sich bei Probanden eine signifikante Verbesserung der PTBS-assoziierten Schlaflosigkeit und Albträume zeigte, wenn diese mit Nabilon behandelt wurden. Mit der Gabe von Nabilon konnten zudem Antipsychotika und Beruhigungsmittel abgesetzt werden.

Ein Jahr später führte das Canadian Forces Health Services Group Headquarter eine weitere Studie durch. Kanadisches Militärpersonal erlebte trotz der üblichen PTBS-Behandlung weiterhin traumabezogene Albträume. Nachdem die Patienten mit Nabilon behandelt wurden, verringerten sich auch hier die Albträume.

Beide Studien belegen das Potenzial von Nabilon bei der Behandlung einer PTBS. Als Resümee wurde ausgeführt, dass die Notwendigkeit besteht, die Wirkung von Nabilon auf andere Symptome der PTBS weiter zu erforschen.

Wie kann medizinisches Cannabis bei einer Belastungsstörung helfen?

Folgende positive Effekte wurden von PTBS-Patienten berichtet, die mit medizinischem Cannabis behandelt wurden:

• Reduzierung der Albträume
• Verbesserung des Schlafs
• Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit
• Reduzierung des Gedankenkreisens
• Lösung von Unruhe und Anspannung
• Reduzierung der Flash-Backs
• Reduzierung von Ängsten
• Verbesserung der Lebensqualität


Bestätigt werden diese Effekte durch zahlreiche Studien. An der Hadassah Hebrew University in Jerusalem wurden 10 PTBS-Patienten mit THC behandelt. Sie erhielten zweimal am Tag 5 mg. Die Patienten berichteten von einer deutlichen Verbesserung der Schlafqualität. Auch die Häufigkeit der Albträume sowie die nervliche Erregung nahmen ab. Drei Patienten litten unter leichten Nebenwirkungen. Diese führten jedoch nicht zum Abbruch der Therapie. Aus den USA liegt ebenfalls eine Studie vor. Nach dem medizinischen Cannabis Gesetz des Staates New Mexico nahmen 80 Probanden Cannabis ein. Im Vergleich zu PTBS-Patienten, die kein Cannabis verwendeten, konnte bei den PTBS-Patienten mit Cannabis Verwendung eine Reduzierung der PTBS-Symptome um 75 Prozent beobachtet werden.

Quellen:
Wright State University Boonshoft School of Medicine, Dayton, USA, Guina J1 et al., 2016, “PTSD Symptom Severities, Interpersonal Traumas, and Benzodiazepines Are Associated with Substance-Related Problems in Trauma Patients
Department of Anesthesiology, University of Munich, Munich, Germany, Strewe C1 et al., 2012, “Effects of parabolic flight and spaceflight on the endocannabinoid system in humans
Molecular Imaging Program for Mood and Anxiety Disorders, New York University Langone Medical Center, USA , Alexander Neumeister, 2012, “The endocannabinoid system provides an avenue for evidence-based treatment development for PTSD
From the Integrated Forensic Program, Royal Ottawa Health Care Group, Department of Psychiatry, University of Ottawa, Ottawa, Ontario, Canada, Cameron C1 et al., 2014, “Use of a synthetic cannabinoid in a correctional population for posttraumatic stress disorder-related insomnia and nightmares, chronic pain, harm reduction, and other indications: a retrospective evaluation
Canadian Forces Health Services Group Headquarters, Ottawa, Canada, Jetly R1 et al., 2015, “The efficacy of nabilone, a synthetic cannabinoid, in the treatment of PTSD-associated nightmares: A preliminary randomized, double-blind, placebo-controlled cross-over design study
Department of Psychiatry, Hadassah Hebrew University Medical Center, Jerusalem, Israel, Roitman P1 et al., 2014, “Preliminary, open-label, pilot study of add-on oral Δ9-tetrahydrocannabinol in chronic post-traumatic stress disorder
New Mexico Medical Cannabis Program, Greer GR et al., 2014, “PTSD symptom reports of patients evaluated for the New Mexico Medical Cannabis Program

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