Chronisches LWS-Syndrom. Wie hilfreich ist medizinisches Cannabis?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 9. August 2017

Geändert am: 19. August 2017

Mindestens einmal im Leben erleidet nahezu jeder Mensch Rückenschmerzen. Die Anzahl der Betroffenen nimmt stetig zu. Chronische Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, sind ein weit verbreitetes Beschwerdebild. Da die medikamentöse Schmerztherapie häufig mit vielen Nebenwirkungen und einer Suchtgefahr einhergeht, kann medizinisches Cannabis eine Alternative sein.

Das Lendenwirbelsäulensyndrom (LWS-Syndrom) beschreibt unterschiedliche Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule, die aus fünf Wirbeln besteht und den unteren Rücken darstellt. Da sie einer großen Belastung ausgesetzt ist, treten hier die Beschwerden häufiger auf als in anderen Wirbelsäulenbereichen.

Betroffene berichten oftmals einen plötzlich auftretenden Schmerz, der bis zum Steißbein ausstrahlt. Empfunden wird dieser eher als dumpf und weniger als stechend oder ziehend. Abhängig davon, wie sich der Betroffene bewegt, werden die LWS-Schmerzen schwächer oder stärker. Auch können sich die Schmerzen zusätzlich beim Husten, Niesen oder Pressen verstärken.

Unterschied zwischen akutem und chronischem LWS-Syndrom

Zu dem akuten LWS-Syndrom gehört vor allem der Bandscheibenvorfall (Prolaps), der im Vergleich zum Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule (HWS) oder Brustwirbelsäule (BWS) häufiger auftritt. Typische Symptome des LWS-Bandscheibenvorfalls sind:

  • Rückenschmerzen, die bis ins Bein und sogar bis in den Fuß ausstrahlen
  • Verstärkung der Schmerzen durch Husten, Niesen oder Pressen
  • Missempfindungen (z. B. Ameisenlaufen)
  • Minderempfindungen im Bereich der Beine
  • Kraftverlust
  • Kontrollverlust beim Wasserlassen oder Stuhlgang

In schweren Fällen können auch Taubheitsgefühle und Lähmungen auftreten. Alarmierend sind auch Darm- und Blasenentleerungsstörungen. Sollten sich diese Symptome zeigen, ist sofort ein Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen.

Akute LWS-Schmerzen treten auch bei einem Hexenschuss (Lumbago) auf. Dieser wird durch eine Fehlhaltung wie beispielsweise eine ruckartige Bewegung, beim Bücken oder schwerem Heben ausgelöst.

Wenn es sich um einen akuten Schmerz handelt, ist die Ursache in aller Regel sofort erkennbar. Durch verschiedene Therapiemaßnahmen kann dieser behandelt werden und die Tendenz zur Selbstheilung ist groß.

Von chronischen LWS-Schmerzen wird gesprochen, wenn die Beschwerden länger als ein halbes Jahr anhalten. Die ursprüngliche Warn- und Signalfunktion hat der chronische Schmerz dann verloren, sodass er zu einer eigenständigen Krankheit (chronisches Wirbelsäulensyndrom) wird. Unter den Themenkomplex chronisches LWS-Syndrom fallen unter anderem die folgenden Krankheitsbilder:

  • Arthrose der Wirbelgelenke (Spondylarthrose)
  • Bandscheibenvorwölbung
  • Verschleißbedingte Wirbelkanalenge (Spinalkanalstenose)
  • Osteochondrose (verschleißbedingte Veränderungen an Wirbelkörpern und Bandscheibe)
  • Knochenschwund (Osteoporose)
  • Wirbelsäulenseitverkrümmung (Skoliose)
  • Wirbelbruch/Wirbelfraktur

Der Großteil dieser Krankheitsbilder gehört zu den degenerativen Wirbelsäulenerkrankungen.

Ursachen eines LWS-Syndroms

Am häufigsten sind degenerative Veränderungen an der Lendenwirbelsäule bzw. Abnutzungen der Lendenwirbel die Ursache eines LWS-Syndroms. Auch die Bandscheiben sind häufig beteiligt. Bandscheibenvorfälle oder Bandscheibenvorwölbungen lösen dann Schmerzen aus. Verändern sich die Gelenke zwischen den Wirbeln treten ebenfalls Schmerzzustände auf.

Darüber hinaus können auch rheumatisch-entzündliche Erkrankungen oder Infektionen ursächlich sein. Zudem verursachen Erkrankungen wie Osteoporose und Osteomalazie oder auch die Fibromyalgie (chronisches Schmerzsyndrom) die typischen Beschwerden.

Eher seltene Ursachen sind angeborene Missbildungen und Wachstumsstörungen, die beispielsweise bei einer Skoliose auftreten. Tumore und Metastasen können sich zwar ebenfalls an den Lendenwirbelsäule zeigen, aber auch diese Ursache ist eher selten.

Therapieverfahren beim LWS-Syndrom

Der Therapieansatz ist abhängig von der Ursache des Schmerzes. Angestrebt wird wie bei allen chronischen Wirbelsäulensyndromen (BWS-/HWS-Syndrom) meist zunächst eine Schmerzreduktion, denn länger andauernde Schmerzen führen zu einer rückenbelastenden Schonhaltung. Infolge dessen kann sich das LWS-Syndrom noch verschlimmern. Um die Schmerzen zu lindern, erhalten Betroffene physiotherapeutische und manuelle Maßnahmen. Massagen und eine Wärmetherapie können ebenso hilfreich sein wie alternative Verfahren (z. B. Akupunktur oder Akupressur).

Medikamente gegen Rückenschmerzen

Zum Einsatz kommen auch Schmerzmedikamente aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Naproxen, Ibuprofen oder Diclofenac. Auch Paracetamol besitzt eine schmerzlindernde Wirkung und dient als Medikament gegen Rückenschmerzen.

Experten empfehlen jedoch, die Anwendungsdauer sowie die Dosierung dieser Präparate möglichst gering zu halten. Beispielsweise kann der Wirkstoff Naproxen für den Magen gefährlich sein, weshalb häufig gleichzeitig eine magenschützende Substanz (Protonenpumpenhemmer) verabreicht werden. Bei dem Wirkstoff Diclofenac bestehen hingegen ein Herzinfarktrisiko sowie die Gefahr von Gefäßkomplikationen. Dies sind nur wenige Beispiele in Bezug auf die NSAR und deren Nebenwirkungen.

Die European Medicines Agency (EMA) rät regelmäßig Patienten mit Gefäßerkrankungen, Herzschwäche, koronaren Herzerkrankungen und arteriellen Verschlusskrankheiten zu erhöhter Vorsicht bei der Einnahme von NSAR.

Bei sehr starken Schmerzen, und wenn andere Medikamente gegen Rückenschmerzen keine ausreichende Wirkung bringen, werden Medikamente aus der Opioide-Gruppe, wie zum Beispiel Tramadol oder Morphin, gegeben. Neben diversen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Gewichtsverlust und Atmungsstörungen beinhalten diese Medikamente ein enormes Suchtpotenzial und dürfen nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Chronische Schmerzen und die Psyche

In mehr als 80 Prozent der Fälle werden Rückenschmerzen nicht durch körperliche, sondern durch psychische Ursachen hervorgerufen. Der Dauerstress zählt zu den häufigsten psychischen Faktoren, so die Deutsche Schmerzgesellschaft. Zudem ist es wissenschaftlich erwiesen, dass chronische Rückenschmerzpatienten oftmals auch an Depressionen leiden. Aber nicht nur deshalb werden chronischen Schmerzpatienten häufig auch Antidepressiva verschrieben.

In den 60er Jahren sind bereits erste Publikationen erschienen, in denen über die schmerzstillende Wirkung von Antidepressiva berichtet wurde. Schmerzreize werden an den Nerven, der Haut, der Gelenke oder auch an den Organen ausgelöst. Von dort werden sie über das Rückenmark an das Gehirn weitergeleitet. Hier wird dann der „Schmerz“ wahrgenommen“.

Es gilt als bewiesen, dass bei chronischen Schmerzpatienten Veränderungen am Nervensystem auftreten. Antidepressiva sollen auf das schmerzleitende System einwirken. Dem positiven Effekt stehen jedoch erhebliche Nebenwirkungen gegenüber. Mögliche Nebenwirkungen von Antidepressiva können sich in Form von Gewichtszunahme, Übelkeit, Verstopfung, Durchfall, Schläfrigkeit und sexuellen Problemen äußern. Bei einigen Patienten sind die Nebenwirkungen durch die Einnahme von Antidepressiva so belastend, dass die Medikation abgebrochen werden muss.

Zwar sollen Antidepressiva auch bei längerfristiger Einnahme nicht abhängig machen, die psychische Abhängigkeit darf hier aber keinesfalls unterschätzt werden. Außerdem werden von Patienten, die über viele Jahre Antidepressiva einnahmen oftmals von unangenehmen Absetz Phänomenen berichtet.

Medizinisches Cannabis und sein Wirkungsspektrum

Medikamente auf Cannabis Basis werden seit vielen Jahrhunderten auf der ganzen Welt zu medizinischen Zwecken eingesetzt, das gilt auch für Cannabis als Schmerzmittel. Zwar wurden Cannabis Medikamente Ende des 19. Jahrhunderts zur Behandlung von Schlafstörungen, Depressionen, Appetitlosigkeit, Asthma, Spasmen und Schmerzen eingesetzt, Anfang des 20. Jahrhunderts verloren sie jedoch an Bedeutung.

Unter anderem gelang es nicht, die chemische Struktur der Inhaltsstoffe der Cannabispflanze (Sativa) zu entschlüsseln. Erst im Jahre 1964 konnte der wichtigste Inhaltsstoffe aus der Hanf-Pflanze Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) definiert werden. Nach der Entdeckung des körpereigenen Cannabinoidsystems mit den dazugehörigen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 begannen in den darauffolgenden Jahren intensive Forschungen.

In den Mittelpunkt der Forschungen geriet vor allem der CB1-Rezeptor, der in Organen und Geweben wie dem Immunsystem, Herz, Blutgefäßen, Lunge, Haut und im Magen Darm Trakt gefunden wurde. Weiter wurde festgestellt, dass sich durch die Aktivierung des CB1-Rezeptors die psychotrope Wirkung entfaltet. Im Jahr 1992 wurden dann körpereigene Cannabinoid Rezeptoren wie das Anandamid nachgewiesen.

Die körpereigenen Endocannabinoide (Anandamide) sind das Gegenstück zu den Cannabinoiden aus der Hanfpflanze. Dank des ähnlichen Aufbaus docken sie im Körper an die gleichen Rezeptoren an. Anandamide sind jedoch in ihrer Wirkung um ein Vielfaches schwächer als die Cannabinoide Delta-9-Tetrahydrocannabinol (TCH) und Cannabidiol (CBD) aus der Cannabispflanze.

Zwischen dem CB1-Rezeptor und verschiedenen Neurotransmittern besteht eine vielfältige Wechselwirkung. Wird der CB1-Rezeptor aktiviert, führt dies zu einer retrograden Hemmung von unterschiedlichen Botenstoffen wie beispielsweise Serotonin, Dopamin, Histamin, Noradrenalin und Glutamat. Es kommt also zu einer Vielzahl von physiologischen Wirkungen, womit auch die pharmakologische Wirkung von Cannabis Medizin erklärt wird.

Chronisches Wirbelsäulensyndrom im Rahmen der Fibromyalgie

Die Fibromyalgie (Weichteilrheuma) ist eine chronische Schmerzerkrankung. Die Symptome der Erkrankung zeigen sich unter anderem in Form von Schmerzen an der Lenden-, Halswirbel- und Brustwirbelsäule (chronisches Wirbelsäulensyndrom). Die Ursachen der Fibromyalgie sind unbekannt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Cannabis als Schmerzmittel in frage kommen kann.

An der McGill Universität wurden 302 Fibromyalgie-Patienten und 155 Patienten mit chronischen Schmerzen untersucht, die Cannabis Medizin einnahmen. Im Ergebnis heißt es, dass 72 Prozent der Cannabis Patienten von einer signifikanten Schmerzlinderung berichteten.

Medizinisches Cannabis als Alternative zur Schmerztherapie

Die Behandlung von chronischen Schmerzen mit medizinischem Cannabis – auch im Rahmen des LWS-Syndroms – ist mittlerweile gut erforscht. Die Forscher der University of California untersuchten beispielsweise im Jahr 2009 die Effektivität von Cannabis bei HIV-infizierten Patienten mit neuropathischen Schmerzen, deren Lebensqualität trotz der Behandlung mit Opioiden stark eingeschränkt war.

Während eine Probandengruppe ein Placebo erhielt, bekam die andere Gruppe viermal täglich über fünf aufeinanderfolgende Tage in zwei Behandlungswochen Delta-9-Tetrahydrocannabinol. Hiernach wurde festgestellt, dass die Schmerzintensität bei den Probanden, die THC erhielten, signifikant abnahm.

Eine weitere Cannabis Wirkung war, dass sich auch die Stimmung der Probanden verbessert habe. Berichtet wurde außerdem, dass das THC gut vertragen worden war.

Bestätigt wird dies durch eine weitere Studie von der kanadischen Dalhousie University aus dem Jahr 2011. Auch hier kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass eine Cannabis Therapie im Vergleich zu Placebos eine signifikante analgetische (schmerzlindernde) Wirkung bei chronischen Schmerzen zeigt. Weiter heißt es, dass Cannabis Wirkung bei neuropathischen Schmerzen sicher sei und dass keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auftraten.

Der wohl größte Vorteil von medizinischem Cannabis als pflanzliches Schmerzmittel gegenüber anderen Schmerzmitteln ist die geringe Toleranzentwicklung. Der Körper gewöhnt sich schnell an Schmerzmittel, weshalb Betroffene die Dosis bei einer Langzeiteinnahme immer wieder erhöhen müssen. Bei der längerfristigen Einnahme von Cannabismedikamenten bedarf es entweder gar keiner Erhöhung oder nur einer geringfügigen Erhöhung der Dosis.

Medizinalhanf auf Rezept ohne Ausnahmeerlaubnis des BfArM

Cannabis Patienten mussten bisher beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bzw. der Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Cannabisblüten oder Cannabisextrakten beantragen. Durch die Einführung der neuen Gesetzesnovelle im März 2017 wird nun Schwerkranken der Zugang zu Cannabismedikamenten erleichtert. Ärzte können nun chronisch kranken Patienten medizinisches Cannabis in Form von Cannabisblüten oder Cannabisextrakt auf einem Betäubungsmittelrezept (BtMG-Rezept) verschreiben. Sollte dies zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse erfolgen, müssen Patienten vor Beginn der Cannabis Therapie einen Antrag auf Kostenübernahme bei ihrer Krankenkasse stellen.

Mehr zu chronischen Wirbelsäulensyndromen auf Leafly.de:

Chronisches Wirbelsäulensyndrom: Definition, Ursachen & wie medizinisches Cannabis helfen kann

Der Einsatz von cannabinoidhaltigen Arzneimitteln bei chronischen Wirbelsäulensyndromen

 

Quellen:

Pharmazeutische Zeitung Online, Dorothea Strobach, 2014, „Koanalgetika: Erweiterung der Schmerztherapie

Department of Neurosciences, University of California, San Diego, CA 92103, USA, Ellis RJ1 et al., 2009, “Smoked medicinal cannabis for neuropathic pain in HIV: a randomized, crossover clinical trial

Department Anesthesia, Psychiatry, Dalhousie University, Halifax, Canada, Lynch ME1, Campbell F., 2011, “Cannabinoids for treatment of chronic non-cancer pain; a systematic review of randomized trials

Deutsches Ärzteblatt, Grotenhermen, Franjo; Müller-Vahl, Kirsten, 2012, „Das therapeutische Potenzial von Cannabis und Cannabinoiden

Department of Anethesiology, Jinling Hospital, Medical School of Nanjing University/Nanjing General Hospital of Nanjing Military Region, PLA, Nanjing 210002, China, Pan W1, Wang X2, Zhang G2, Yang J2, 2017, “Role of cannabinoid receptor 1-mediated synaptic plasticity in neuropathic pain and associated depression

McGill Universität, Peter A. Ste-Marie, Mary-Ann Fitzcharles, Ann Gamsa, mark A. Ware, Yoram Shir, 2012, „Association of herbal cannabis use with negative psychosocial parameters in patients with fibromyalgia

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