Endocannabinoidmangel Syndrom, engl. Endocannabinoid-deficiency Syndrome, kurz CED

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 13. November 2017

Geändert am: 18. November 2017

Das Endocannabinoid System ist an einer großen Zahl wichtiger Steuerungsprozesse im Körper beteiligt. Die Theorie des Endocannabinoidmangel Syndroms besagt, dass der Mangel an Endocannabinoiden ursächlich für die Entstehung von Krankheiten wie Migräne, Fibromyalgie oder dem Reizdarmsyndrom sein könnte. Welche Hinweise es aus der Literatur gibt, erfahren Sie hier.

Was ist das Endocannabinoidmangel Syndrom, kurz CED?

Anfang der 2000er Jahre wurde die Theorie eines Endocannabinoidmangel Syndroms (Endocannabinoid-deficiency Syndrome – CED) erstmals erwähnt. Ausgangspunkt war das Wissen um neurodegenerative Erkrankungen, bei denen ein Mangel an Neurotransmittern für die Krankheitsgenese verantwortlich ist: Acetylcholin bei Alzheimer, Dopamin bei Parkinson, Serotonin und Norepinephrine bei Depressionen.

Die Hypothese lautete folglich:

Sind Funktionen des Endocannabinoid Systems vermindert, müsste die Schmerzgrenze herabgesetzt sein, Störungen des Verdauungssystems, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen auftreten. Des Weiteren kann man folgern, dass bei einem Mangel körpereigener Liganden (den Endocannabinoiden Anandamid bzw. 2-Arachidonyl-Glycerol (2-AG)) – vergleichbar zu neurodegenerativen Erkrankungen – eine Substitution mit externen Liganden (THC und/oder CBD) Linderung schaffen könnte.

Das Endocannabinoid System (ECS) ist im Körper an der Steuerung von Schlaf, Appetit, Bewegungskontrolle (z.B. Krämpfen), Schmerzempfinden, Gedächtnis bzw. posttraumatischem Vergessen, Entspannung, aber auch an der Regulation des Immunsystems, Entzündungsvorgängen und Gewebeschäden beteiligt.

Die Regulation erfolgt in den meisten Fällen über eine klassische Rezeptor-Ligand-Bindung. Die Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 sind in unterschiedlicher Verteilung in allen Organsystemen anzutreffen. Doch auch Rezeptor unabhängige Vorgänge sind möglich. Störungen des Endocannabinoid Systems können Einfluss auf die Entstehung sehr unterschiedlicher Krankheiten und Symptome haben.

CED – Ursache für Migräne, Reizdarmsyndrom und Fibromyalgie?

Für Migräne, Fibromyalgie und das Reizdarmsyndrom gibt es bislang keine schlüssige Theorie zur Pathophysiologie. Zahlreiche Hinweise legen jedoch einen Zusammenhang zwischen einem Endocannabinoidmangel und den Beschwerden nahe. Zudem ähneln sich die Krankheiten in einigen Aspekten:

  • Die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit wird anhand subjektiver Kriterien gestellt, da es keine geweblichen Veränderungen oder einfache Labornachweise gibt.
  • Alle drei Krankheiten sind Ausschlussdiagnosen, die häufig erst nach intensiven diagnostischen Analysen gestellt werden.
  • Die drei Krankheiten gehen mit einer erhöhten Inzidenz für Angststörungen und Depressionen einher, wobei nicht klar ist, welche Erkrankung Folge und welche Ursache darstellt. Betroffene werden teilweise noch immer mit dem Etikett “psychosomatisch” versehen.
  • Die drei Diagnosen treten gehäuft parallel auf: Primäre Kopfschmerzen traten in einer Untersuchung bei 97 % der Fibromyalgie-Patienten auf, 35,6 % der Patienten mit chronischen täglichen Kopfschmerzen (chronischer Migräne) erfüllen auch die diagnostischen Kriterien für Fibromyalgie. 31,6 % der Reizdarm-Patienten erfüllten die Kriterien für Fibromyalgie und umgekehrt.
  • Einige Patienten leiden nur unter einer der drei Krankheiten, doch das Lebenszeitrisiko ist erhöht.

CED & Migräne

  • In Deutschland leiden etwa 12 bis 14 % aller Frauen und sechs bis acht Prozent aller Männer unter Migräne.
  • Migräne ist deutlich komplexer als Kopfschmerzen.
  • Entgegen früheren Annahmen, dass die Durchblutung im Gehirn vor einer Migräneattacke reduziert sei, geht man heute davon aus, dass eine Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm auslösend ist (neurovaskuläre Theorie).
  • Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorübergehenden Fehlfunktion Schmerz regulierender Systeme, d.h. Betroffene reagieren empfindlicher gegenüber Reizen, als es normalerweise der Fall ist. Es besteht eine genetische Veranlagung.

Verbindung zwischen Endocannabinoidmangel und Migräne

Es gibt eine Reihe von Erkenntnissen, die eine mögliche Verbindung zwischen einem Endocannabinoidmangel Syndrom und Migräne begründen. Der möglicherweise stärkste Hinweis stammt aus einer Untersuchung, in der Anandamidkonzentrationen im Liquor von Migränepatienten und Kontrollpersonen untersucht wurden: Migränepatienten hatten eine signifikant verminderte Konzentration.

Die bei Migräne häufig auftretenden Phänomene wie Überempfindlichkeit gegen Licht oder Geräusche implizieren eine sensorisch erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Unter normalen Umständen würde ein solches Ungleichgewicht im Nervensystem durch das Endocannabinoidsystem im zentralen Nervensystem ausgeglichen werden.

Das periaquaduktale Grau gilt als wichtige Hirnstruktur bei der Entstehung von Migräne. In der auch als Migränezentrum im Hirnstamm bezeichnete Region ist Anandamid tonisch aktiv und bewirkt Schmerzlinderung. Wird der CB1-Rezeptor, an den Anandamid als Ligand bindet, blockiert, steigt die Schmerzempfindlichkeit an.

Dass das ECS eine bedeutsame Rolle in der Pathophysiologie der Migräne spielen könnte, ergibt sich aus auch Untersuchungen, die eine Verbindung zwischen Endocannabinoiden und dem trigeminovaskulären System gefunden haben, das als zentral im Entstehungsprozess angesehen wird:

Anandamid verringert die Dilatation von Blutgefäßen in der Dura Mater, welche durch die Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter wie CGRP, Capsaicin und Stickoxid (NO) induziert wird. Anandamid zeigte zudem modulierende Wirkung im trigeminavaskulären System.

Scheinbar widersprüchlich erscheint, dass Anandamid auch in der Lage ist, die Dilatation von Blutgefäßen zu vergrößern.

Es bleibt zu bedenken, dass bei Migräne eine Vasokonstriktion und Vasodilatation in unterschiedlichen Phasen eines Anfalls auftreten. Die Konzentrationen von Anandamid, die in diesem Zusammenhang gemessen wurden, waren deutlich über dem Spiegel, der notwendig ist, um den CB1-Rezeptor zu aktivieren.

Es wird daher vermutet, dass eine wiederholte Gabe von CBD den Rezeptor desensibilisieren und pathophysiologische Vorgänge mildern könnte – vergleichbar einer Behandlung mit Capsaicin für die neuropathische Schmerzlinderung bei Migräne.

Zahlreiche weitere Untersuchungen haben Verbindungen entdeckt. Kurz genannt seien Folgende:

  • In Frauen mit Migräne ohne Aura wurde eine erhöhte Aktivität der Anandamid Hydrolase (FAAH – fatty acid amidohydrolase) beobachtet. Dadurch könnte die Schmerzempfindlichkeit herabgesetzt werden.
  • Eine Studie fand deutlich verringerte Werte von 2-AG und Anandamid in Migränepatienten ohne Aura.
  • Genetische Untersuchungen fanden einen signifikanten Link zwischen dem CNR1-Gen, das für den CB1-Rezeptor kodiert und Migräne.
  • Eine Studie untersuchte die Wirkung von Cannabis bei Migränepatienten. Die Häufigkeit der monatlichen Attacken reduzierte sich von 10,4 auf 4,6. 85,1 % der Patienten berichteten über verringerte Migränehäufigkeit sowie weniger Kopfschmerzen.

CED & Reizdarm

  • Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Störung des Verdauungstraktes, welche sich durch Bauchschmerzen, Krämpfe, Unwohlsein, Durchfall und/oder Verstopfung ohne akute Ursache (Virusinfektion o.ä.) äußert.
  • Das Reizdarmsyndrom ist stark mit Angstzuständen assoziiert, wobei noch immer darüber diskutiert wird, welcher Zustand vorausgeht.
  • Mit einer Inzidenz von 10 bis 15 % ist das Reizdarmsyndrom eine sehr häufige Diagnose.
  • Ein Review kam zu dem Ergebnis, dass Darmbewegungen, Sekretion und Inflammation durch das ECS moduliert werden. Damit erscheint auch eine Behandlung mit Cannabinoiden nachvollziehbar.
  • Im 19. Jahrhundert wurde Cannabis als effektives Mittel bei choleraassoziiertem Durchfall angewendet. Mit modernen Methoden wurde 2003 die Wirksamkeit bestätigt.
  • Die Untersuchung von zirkulären Muskelfasern aus dem Colon gesunder Personen zeigte, dass Anandamid mit cholinergen Rezeptoren co-lokalisierte. Die cholinergen kontraktilen Kräfte wurden durch einen (wahrscheinlich) CB1- und CB2- unabhängigen Mechanismus gehemmt.
  • In Reizdarmpatienten hingegen wurde eine 3,5-fach erhöhte Menge an Nervenfasern gefunden, die TRPV1-sensitiv sind. TRPV1 ist der Capsaicin- oder Vanilloid Rezeptor, an dem (unter anderem) das Endocannabinoid Anandamid binden kann. Die erhöhte Menge an TPRV1-Nervenfasern könnte mit viszeraler Hypersensitivität und Schmerz einhergehen.
  • Genetische Variationen, welche den Endocannabinoid-Stoffwechsel betreffen, wurden Reizdarmpatienten mit vorherrschendem Durchfall gefunden.

Für konkrete Aussagen sind weitere detaillierte Analysen und randomisierte kontrollierte Studien notwendig.

CED & Fibromyalgie

Die Fibromyalgie ist eine nichtentzündliche Erkrankung, bei der die Muskulatur des ganzen Körpers sowie das Bindegewebe schmerzen. Obwohl die Schmerzen stark und die Einschränkungen mitunter groß sind, verursacht die Fibromyalgie keine Schäden an Organen oder Strukturen.

  • Untersuchungen zeigen, dass bei Fibromyalgiepatienten im Rückenmark eine Endocannabinoid-Unterfunktion vorliegt.
  • Durch Endocannabinoide kann die erhöhte Schmerzempfindlichkeit gesenkt werden. Dadurch erscheint ein Zusammenhang mit dem Endocannabinoidmangel Syndrom naheliegend.
  • Cannabis bzw. Cannabinoide werden schon seit Längerem von Fibromyalgie Patienten angewendet, um Linderung für verschiedene Symptome zu erfahren. Studien mit THC, Nabilone oder Cannabisblüten zeigten in vielen Fällen deutliche Verbesserungen der Schmerzsymptomatik, der Schlafqualität, von Angstzuständen und Wohlbefinden.
  • Bestehende Medikamente bei Fibromyalgie zeigen häufig nicht den gewünschten Erfolg gegen die Symptome der Patienten. Für eine bessere Einschätzung sind randomisierte kontrollierte Studien nötig, doch die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass eine Reihe von Patienten von Cannabis bzw. Cannabinoiden profitieren kann.
  • Die Besserung von Symptomen durch extern zugeführte Cannabinoide weist darauf hin, dass möglicherweise ein Mangel an Liganden (Endocannabinoiden) an der Entstehung der Krankheit beteiligt oder sogar ursächlich ist.

Weitere Erkrankungen

Weitere Erkrankungen, bei denen ein Endocannabinoidmangel Syndrom an der Entstehung beteiligt sein könnte, ergeben sich auch Erkenntnissen, an welchen Prozessen das ECS beteiligt ist.

Multiple Sklerose

In Tiermodellen wurde eine Rolle des ECS in Multipler Sklerose festgestellt. Im Menschen weisen MS-Patienten signifikante Defizite an Anandamid und 2-AG auf.

Reiseübelkeit

Das ECS spielt eine entscheidende Rolle in der Entstehung von Reiseübelkeit bzw. Bewegungskrankheit. In einem Versuch entwickelten die Personen, die signifikant weniger Anandamid und 2-AG hatten, häufiger Reiseübelkeit.

Chorea Huntington

In einem Mausmodell für Chorea Huntington wurde eine weitreichende Störung des ECS gefunden. In postmortal analysierten Gehirnen von Huntingtonpatienten zeigte sich eine Reduktion an CB1-Rezeptoren.

Posttraumatisches Stresssyndrom

Tiermodelle haben zahlreiche Hinweise darauf ergeben, dass das ECS am Auslöschen traumatischer Erinnerungen und stressinduzierter Schmerzreduktion beteiligt ist. Zudem wurde gezeigt, dass stressinduzierte Angst direkt mit einem Anandamidmangel assoziiert ist. Auch im Menschen wurde eine Rolle des ECS im Zusammenhang mit posttraumatischem Stress gefunden.

 

Quellen:
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/migraene/was-ist-migraene/
Ethan B. Russo. Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes. Cannabis Cannabinoid Res. 2016; 1(1): 154–165. Published online 2016 Jul 1. doi: 10.1089/can.2016.0009. PMCID: PMC5576607

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