Endocannabinoidsystem: Welche Rolle spielt Anandamid im Körper?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 7. August 2017

Geändert am: 17. August 2017

Anandamid ist ein körpereigenes Endocannabinoid, das bereits vor über 10 Jahren entdeckt wurde. Dennoch kann bis heute noch nicht genau gesagt werden, welche Rolle das Molekül der „Glückseligkeit“ im Körper spielt. Es wird jedoch angenommen, dass Anandamid – ähnlich wie THC – bei der Schmerzregulierung, dem Appetit sowie der Belohnung und Freude von Bedeutung ist.

In den 60er Jahren identifizierten die Forscher Raphael Mechoulam und Yehiel Gaoni aus Israel das THC als wichtigsten psychoaktiven Wirkstoff in der Hanfpflanze. Erst ungefähr 20 Jahre später wurden im menschlichen Nervensystem die Rezeptoren entdeckt, an denen das THC andockt. Der US-amerikanische Molekularpharmakologe William Anthony Devane sowie der aus Tschechien stammende Chemiker Lumír Ondřej Hanuš fanden dann im Jahr 1992 ein körpereigene Cannabinoid, dem sie den Namen „Anandamid“ gaben. „Ananda“ ist das Sanskrit-Wort für „Glückseligkeit“. Weiter wird Anandamid auch als N-Arachidonylethanolamid (AEA) bezeichnet.

Das Endocannabinoid-System (endogenes Cannabinoid-System) ist ein Teil des menschlichen Nervensystems. Der Begriff „Endogen“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „im Inneren erzeugt“. Demnach werden hiermit Prozesse beschrieben, die im Körper stattfinden und nicht auf äußere Einflüsse zurückzuführen sind. Die wohl wichtigsten Bestandteile des Endocannabinoid-Systems sind die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Die körpereigenen Endocannabinoide binden sich an diese Rezeptoren und aktivieren sie. Wenn Cannabis dem Körper zugeführt wird, bindet sich das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) aus der Hanfpflanze ebenfalls an die Cannabinoid-Rezeptoren und entfaltet dann die typische Cannabis Wirkung.

So stellt der Körper Anandamid her

Anandamid wird im Gewebe und in den Zellmembranen gebildet. Für das Synthetisieren benötigt Anandamid das Vorläufermolekül N-Arachidonylphosphatidylethanolamin (NAPE), das unter anderem mit hilfe von Arachidonsäure (vierfach gesättigte Fettsäure) gebildet wird. Demnach kann ein Mangel an gesättigten Fettsäuren bzw. eine Veränderung des ernährungsbedingten Konsums die Anandamid-Menge im Gehirn ändern. Abgebaut wird Anandamid durch das Enzym Fettsäureamidhydrolase (FAAH). Anders als THC ist Anandamid ein Neurotransmitter mit einer kurzlebigen Wirkung und verbleibt nicht wie THC mehrere Wochen im Fettgewebe.

Interessant ist auch, dass die Forscher Piomelli, Tomaso und Beltramo im Jahr 1996 über das Anandamid Vorkommen in der Kakaobohne berichteten. So soll das hierin enthaltene Anandamid teilweise dafür verantwortlich sein, dass beim Verzehr von Schokolade ein Glücksgefühl empfunden wird. Um aber tatsächlich eine Wirkung von Anandamid im Körper zu spüren, müssten jedoch 20 bis 30 Kilogramm Schokolade (200 bis 300 Tafeln Schokolade) verzehrt werden.

Welche Wirkung hat Anandamid im Körper?

Genau wie THC wechselwirkt auch Anandamid mit den Cannabinoid Rezeptoren im Gehirn und beeinflusst entweder das periphere oder das zentrale Nervensystem. Während die Verbindung im zentralen Nervensystem mit den CB1-Rezeptoren in Wechselwirkung steht, neigt es im peripheren Nervensystem dazu, mit den CB2-Rezeptoren zu interagieren.

Eine wichtige Rolle spielt Anandamid vor allem bei der Regulierung des Appetits und Schmerzen, ähnlich wie die Cannabis Wirkung auf den Körper. Auch Gefühle wie Freude oder Euphorie und das Belohnungssystem werden von dem Molekül bzw. Neurotransmitter beeinflusst. Beschrieben werden diese Gefühle wie das typische „Läuferhoch“, das bei intensivem Sport gespürt wird. Es wird sogar davon ausgegangen, dass sportliche Betätigungen die Freisetzung von Anandamid fördert.

Deutsche Forscher bewiesen im Jahr 2015, dass die während des Sports vom zentralen Nervensystem produzierten Endorphine („Glückshormone“) kein „Rauscherleben“ im Gehirn aktivieren. Hingegen könne dies infolge der Anandamid Wirkung sehr wohl erlebt werden.

Anandamid im Kampf gegen Brustkrebs

Jede zehnte Frau erkrankt in Deutschland an Brustkrebs. Jedes Jahr kommen rund 46.000 Neuerkrankungen hinzu. Italienische Forscher fanden im Jahr 1998 heraus, dass Anandamid das Brustkrebswachstum auf verschiedenen Ebenen beeinflusst und das Zellwachstum hemmt. Bestätigt werden diese Annahmen durch zahlreiche weitere Studien. So konnten Forscher von der Harvard Medical School Boston im Jahr 2013 belegen, dass die Überlebensfähigkeit von Brustkrebszellen durch die Injektion von Anandamid verringert werden konnte. Argentinische Wissenschaftler nehmen ebenfalls an, dass Endocannabinoide wie Anandamid eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Krebs spielen. Es konnte festgestellt werden, dass das Endocannabinoidsystem einen großen Einfluss auf das Wachstum von Tumorzellen hat. Die Ergebnisse dieser Studien geben Anlass zur Hoffnung und bilden die Grundlage für weitere Forschungen.

Dass Cannabis gegen Krebs helfen soll, zeigen auch weitere Studien. Im Jahr 2006 veröffentlichte Manuel Guzmán von der Complutense University in Madrid die Ergebnisse seiner Studie. Es handelt sich hierbei um die weltweit erste Studie, die an Menschen durchgeführt wurde. Neun Krebspatienten, bei denen ein aggressiver Hirntumor diagnostiziert wurde, erhielten über einen Katheter THC direkt in das Gehirn. Daraufhin verringerte sich bei einigen Patienten die Tumorwachstumsrate. Cannabis tötet zwar keine Krebszellen, jedoch zeige diese Studie, dass Cannabis das Zellwachstum hemmen kann.

Anandamid und seine antidepressive und angstlösende Wirkung

Forscher von der kanadischen University of Saskatchewan fanden im Jahr 2005 Belege dafür, dass Anandamid die Bildung neuer Nervenzellen (Neurogenese) im Hippocampus fördern kann. Der Hippocampus ist ein Teil des Gehirns, der für das Gedächtnis, Lernen und Emotionen verantwortlich ist. Außerdem soll Anandamid antidepressive Effekte besitzen.

Daniele Piomelli, Professor für Pharmakologie am Irvine College of Medicine in Kalifornien, entwickelten das Cannabinoid-Analogon AM1172. Bei Tests an Mäusen fand Piomelli mit seinen Kollegen heraus, dass dieses ähnlich wie das Antidepressivum Prozac die Aktivität des Neurotransmitters Serotonin erhöht. Somit könnte AM1172 in der Lage sein, depressive Gefühle und Ängste auszugleichen. Die Forscher sehen in AM1172 eine neue synthetische Chemikalie, die die Basis für zukünftige Medikamente sein könnte, um eine Vielzahl an psychischen Erkrankungen behandeln zu können.

Anandamid als Prädiktor für Fehlgeburten

Auch auf das Fortpflanzungssystem und das hormonelle Gleichgewicht scheint Anandamid einen bis heute kaum verstandenen Einfluss zu haben. Die Plasmakonzentration von Anandamid erreicht während des Eisprungs ebenso wie die Sexualhormone Östradiol und Gonadotropin einen Höchststand. Wie Anandamid und die Hormone in Beziehung stehen, ist noch nicht geklärt. Zusätzlich ist Anandamid für die gesunde Einnistung des Embryos in die Zellwand der Gebärmutter wichtig.

Im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA wurde im Jahr 2008 von einer Pilotstudie berichtet. Demnach wurde bei Frauen mit drohender Fehlgeburt eine vierfach erhöhte Anandamid-Konzentration gemessen. 45 Frauen wurden hierfür untersucht, die wegen eines drohenden Aborts ein Krankenhaus aufsuchten. Wenn die Werte über einem bestimmten Grenzwert lagen, kam es immer zu einer Fehlgeburt. Hingegen konnte der Erhalt der Schwangerschaft bei niedrigeren Werten zu 94 Prozent vorhergesagt werden.

Ein fester Anandamid-Wert kann auf der Grundlage dieser kleinen Pilotstudie noch nicht bestimmt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass der Nachweis von Anandamid sehr schwierig ist und dieser erst nach 12 Stunden vorliegt. Laut der Forschergruppe soll jetzt an einem Schnelltest gearbeitet werden, der innerhalb von maximal 15 Minuten ein Ergebnis anzeigt.

CBD erhöht Anandamid-Konzentration

CBD (Cannabidiol) besitzt vielfältige Wirkungsmechanismen. Im Vergleich zu THC jedoch keine berauschende Wirkung. Als Arzneimittel findet CBD bei den unterschiedlichsten Erkrankungen Anwendung. Laut dem Deutschen Hanfverband wird CBD beispielsweise bei Betroffenen eingesetzt, die an Spastiken, Multipler Sklerose oder Epilepsie leiden.

Im Rahmen einer israelischen Studie erhielten 74 Kinder und Jugendliche sechs Monate lang CBD-Öl mit einem Mischungsverhältnis von 20:1 (CBD:THC). Bei rund 90 Prozent der Probanden, bei denen herkömmliche Epilepsie-Behandlungsmethoden versagten, war eine deutliche Anfallsminderung zu verzeichnen.

Durch verschiedene Studien wurde auch belegt, dass CBD eine antipsychotische Wirkung besitzt. Bei Patienten mit Schizophrenie wird die CBD-Wirkung auf einen höheren Anandamid-Spiegel im Nervenwasser zurückgeführt. Es wird angenommen, dass CBD die Aufnahme als auch den Abbau von Anandamid hemmt, sodass die Anandamid-Konzentration insgesamt gesteigert wird. Da das Endocannabinoid Anandamid die Rezeptoren CB1 und CB2 aktiviert, könnte die Verabreichung von CBD die Aktivierung fördern und somit eine bessere antipsychotische Wirkung entfalten.

Aktuell ist noch nicht klar, welche spezifischen Verwendungsmöglichkeiten Anandamid letztlich besitzt und wie die Produktion des körpereigenen Cannabinoids angeregt werden kann. Forscher gehen aber davon aus, dass Anandamid bei der Behandlung zahlreicher physischer und psychischer Störungen von großem Vorteil sein könnte. Dies muss jedoch noch durch weitere Forschungen gesichert werden.

Quellen:

Department of Neuroscience and Behavioral Sciences, Ribeirão Preto Medical School, University of São PauloRibeirão Preto, Brazil, Ruggiero RN1 et al., 2017, “Cannabinoids and Vanilloids in Schizophrenia: Neurophysiological Evidence and Directions for Basic Research

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